Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 79 (4.7.1929)
- Date
- 1929-07-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 OIE STIMME Nr. 79 ZionisiIschen Organisation und der Verantwortlichkeit des Kongresses bedeutet. Die Rolle, welche die Zionistische Organisation innerhalb der erweiterten Agency za spielen berufen ist, darf nicht nur nach der — immerhin wichtigen .Tatsache ermessen werden, daß die Hälfte der Mitglieder der leitenden Körperschaften aus ihren direkten Vertretern bestehen wird. Dies wäre eine zu mechanische Auffassung der Agency. Wichtig ist nicht so sehr das zahlenmäßige Gleichgewicht als die Tatsache, daß nach der ganzen Natur der Dinge der Zionistischen Organisation auf Grund ihrer Tradition und Erfahrung, der Begeisterung und Ueberzeugungstreue, welche sie in die Gemeinschaft einbringt, die Rolle zufällt, die .Triebkraft und Schrittmacherin der Entwicklung zu sein. Das ist es auch, was die nichtzionistischen Partner von uns verlangen. Die Zionistische Organisation, und besonders ihr oberstes Organ, der Kongreß, wird also eine Rolle von größter Bedeutung zu spielen haben. Ein Programm auf lange Sicht Indem wir also die rückhaltlose Zusammenarbeit beim Aufbau mit Menschen, die bisher keinen aktiven Anteil an unserer Arbeit genommen haben, auf das wärmste begrüßen, müssen wir jetzt genau überlegen, wie die vergrößerten Kräfte an Menschen und Geld, die wir erwarten können, am vorteilhaftesten zugunsten Palästinas und des Jüdischen Nationalheims ausgenützt weiden können. .Wir können annehmen, daß wir ln Kürze erheblich weiter kommen, und wir müssen daher die Frage prüfen, in welcher Richtung wir vorwärts gehen werden. Die Zeit ist gekommen, wo wir auf Grund der erworbenen Erfahrung und gestützt auf den sachverständigen Rat, der uns als Ergebnis der Arbeit der Joint Palestine Survey Commission zur Verfügung steht, ein Programm aufbauemder Arbeit auf lange Sicht vorbereiten müßten, dessen Verwirklichung einen deutlich erkennbaren Fortschritt auf dem Weg zu unserem Ziel bedeuten würde. Ein systematischer Arbeitsplan, beruhend auf der Zusammenarbeit von Zionisten und Nichtzionisten, von Arbeit und Kapital, von Jischuw und Galuth, von Jewish Agency und Mandatarmacht, — das ist es, was der Kongreß im gegenwärtigen Stadium erneuter Hoffnungen in Palästina und in der jüdischen Welt ins Auge fassen muß. Drei wesentliche Aufgaben In einem derartigen Programm müssen drei Aufgaben einen hervorragenden Piatz einnehmen, welche unmittelbare Aufmerksamkeit beanspruchen und während der nächsten Jahre energisch in Angriff genommen werden müssen: a) Die erste Aufgabe ist die Schaffung einer Bodenreserve, die groß genu-g ist, um eine systematische und ungestörte Fortsetzung unserer Kolonisations- Herzls Traum Von Elias M. Epstein, Jerusalem Vor 26 Jahren wurde Theodor Herzl dem jüdischen Volke duroh den Tod entrissen. Mit derselben Plötzlichkeit, mit der seine Erscheinung am jüdischen Horizont aufleuchtete, erlosch sie wieder. Verfasser dieses, damals ein Schuljunge, erinnert sich deutlich, wie er beim Betreten des Klassenzimmers anstatt der üblichen Lektion die Worte „Theodor Herzl ist gestorben“ in des Lehrers Handschrift auf der Tafel sah. Die Nachricht verbreitete sich mit Blitzesschnelle über Meere und Kontinente und ergriff selbst die Jüngsten, die doch nur eine schwache Vorstellung von der Bedeutung Herzls damit verbanden. Aber wir ahnten schon damals die Größe des Verlustes, der seither von den Nationaljuden in seiner ganzen erdrückenden Schwere empfunden worden ist. Denn keiner hat bisher den Platz Theodor Herzls wirklich ausfüllen können. Keiner hat, wie er, die E'genschaften des Visionärs, des Staatsmannes, Führers, Reformators, Volkswirtschaftlers, Organisators, Schriftstellers und Aufrüttlers in sich vereinigt. % Die seit dem 20. Tammuz 5664 (3. Juli 1904) herangewachsene, neue zionistische Generation hat ihn aus seinen zurückgelassenon Schriften kennengelernfc. Eine intimere Kenntnis seiner Persönlichkeit vermittelte die Veröffentlichung seiner Tagebücher. Dieses Buch kann als Herzls Bibel bezeichnet werden. Nicht überdacht oder sorgfältig zusamrncngestellt, vielmehr eine Chronik der Ereignisse in bunter Reihenfolge, wird die Geschichte seines jüdischen Lebens mit 'derselben Bildhaftigkeit und Ausführlichkeit geschildert, wie Israels Geschichte in der Bibel. In der gleichen Weise, wie der orthodoxe Jude Quelle und Auslegung eines jeden jüdischen Gesetzes in der Torah findet, weist das „Tagebuch“ auf sämtliche, selbst die modernsten zionistischen Probleme hin. Mögen diese Hinweise nur mehr angedeutet oder ausführlich ausgeführt seih', sie erstrecken sich auf beinahe alle zionis&schen Gebiete und zeigen den weitausholenden Schwung von Herzls Einbildungskraft, seiner Großherzigkeit und seines Scharfblickes. jjjjrPaß der Erwerb des Akkoterrains für die tätigkeit zu sichern. Es wird die Pflicht der Agency sein, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, u<ni eine solche Bodenreserve zu schaffen. Wir hoffen, daß spezielle Gelder zur Verfügung sein werden, um den Keren Kajemeth zusammen mit der erweiterten Agency in den Stand zu setzen, in einem unseren Bedürfnissen angemessenen Maße Bodenpolitik zu treiben. b) Eine zweite Aufgabe ist nicht weniger dringend. Aus den verschiedensten Gründen, über die wir zum großen Teil keine Macht haben, sind einige von den in den letzten Jahren gegründeten Kolonien noch nicht voll ausgestattet worden. Solange dies nicht geschehen ist, stehen die Siedler notwendig in einer ungerechten Benachteiligung, aus der sie ohne Aufschub befreit werden müssen. Wir müssen daher bereit sein, in Uebereinstiimnung mit dem besten fachmännischen Rat einen hervorragenden Platz in unserem Programm der Konsolidierung jener Kolonien, welche noch ungenügend ausgestattet sind, eirrzuräumen. c) Die dritte wichtige Aufgabe ist, die jüdischen Arbeiter auf eine festere Grundlage zu stellen. Jede Anstrengung muß gemacht werden, um die Ökonomische Lage des jüdischen Arbeiters zu verbessern und ihm einen gesicherten Arbeitsmarkt in Landwirtschaft und Industrie zu verschaffen. Besondere Aufmerksamkeit muß einem der wichtigsten Probleme der nächsten Zukunft zugewandt werden: den jüdischen Arbeitern zu ermöglichen, in allen Kolonien und Pflanzungen Beschäftigung zu erhalten, wo eine Nachfrage nach Arbeitskräften vorhanden ist. Dbe Zehntausende von jüdischen Arbeitern, welche die jüdische Arbeiterorganisation aufgebaut haben, bilden eine Schar von Männern und Frauen, auf die jede Nation stolz sein könnte. Sie haben für die Sache des Jüdischen Natlonalheims gearbeitet und gelitten, und ihre Rechte und Interessen bilden eine der Hauptsorgen der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency. Es muß unsere Aufgabe sein, jede sich bietende Möglichkeit für jüdische Arbeit in öffentlichen und privaten Unternehmungen zu erforschen und für die jüdischen Arbeiter einen gerechten Anteil an den Arbeiten der Regierung und der Stadtverwaltungen zu beanspruchen. Unser Ziel muß sein, eine gerechte Höhe der Löhne und gerechte Arbeitsbedingungen aufrecht zu erhalten und gleichzeitig eine Maschinerie zu schaffen, welche in Konflikten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern von beiden Teilen für eine friedliche Beilegung akzeptiert werden können. Die Aufgabe, die wir immer vor uns haben, und deren Lösung die Sache aller ist, denen die Zukunft des Jüdischen Nationalheims am Herzen liegt, ist nicht nur die Sicherung von Beschäftigung für die schon in Palästina befindlichen jüdischen Arbeiter und 'befriedigenden Bedingungen, sondern — was zumindest ebenso wichtig ist — die Schaffung von Möglichkeiten für eine ständig jüdische Kolonisation einer von Herzls Lieblingswünschen war, geht schon aus der Utopie hervor, die er unter dem Namen „Alt-Neuland“ veröffentlichte und worin, eines der packendsten Bilder des neu erstandenen Landes die Beschreibung des :n Haifa vorgesehenen Hafens ist. Als seine Helden das Land Israels, und zwar die Haifabucht, 20 Jahre, nachdem sie der zivilisierten Welt entflohen waren, betraten —- Herzl gibt im Jahre 1903 die Jahreszahl 1923 an —• schreibt er: „Eine herrliche Stadt war an das tiefblaue Meer gelagert. Großartigste Steindämme ruhten im Wasser und ließen den weiten Hafen sogleich als das erscheinen, was er war: der bequemste und sicherste Hafen im östlichen Mittelmeer.“ Zu jener Zeit schien diese Vision genau so phantastisch wie der ganze übrige Roman — so unwirklich, wie die Mehrheit der Juden die Idee des Zionismus selbst betrachtete. Doch stellte der Haifaer Hafen, nicht bloß das romantische Traumgebilde eines Novellisten dar. Herzls Tagebuch erbringt den Beweis, daß er die Möglichkeiten dieser Stadt und seiner Umgebung vom politischen und wirtschaftlichen Standpunkt aus ernsthaft erwogen hatte. Im Laufe seiner Verhandlungen mit der türkischen Regierung hat er mehr ale einmal „das Haifagebiet und Umgebung“ als Alternative für die verweigerte Konzession für das gesamte Palästina vorgeschlagen. Als die Rede davon war, daß ein Charter für jüdische Kolonisation in Mesopotamien im Bereiche der Möglichkeit läge, verlangte er die Einschließung dieses speziellen Gebietes. In einem Brief vom 25. Juli 1902 an den Sultan in Therapia befindet sioh folgender Passus: .. Die kaiserliohe Regierung würde une einen Charter oder eine Konzession für jüdische Kolonisation in Meeopotamien bewilligen, wie S. M. geruhten, mir im letzten Februar anzubieten, wozu noch das Gebiet von Haifa und Umgebung käme. ... Wir haben dagegen einen Charjter oder eine Konzession für eine Kolonisationsgesellschuft in Mesopotamien und einen kleinen Teil Palästinas verlangt. Die Gesellschaft würde natürlich eine Rückzahlung zu leisten haben, die pro Kolonisationsfarailie zu berechnen wäre. fortschreitende und wachsende Einwanderung Jüdischer Arbeiter. Erziehung Wir haben stets mit Recht unserem Erziehungi.- werk in Palästina als einem wesentlichen Bestandteil zur Errichtung des Jüdischen Natiomalheims die größte Bedeutung beigelegt. Die Kindergärten, Volksschulen und Mittelschulen, die vom Waad Hachinuch verwaltet werden, das Technikum in Haifa und die Hebräische Universität, all diese zusammen bilden ein Netz hebräischer Bildungsanstalten, das zu unseren kostbarsten Besitztümern in Palästina gehört. Es gereicht uns zu tiefer Befriedigung, daß es möglich war, die bestehenden Verpflichtungen gegenüber den Lehrern zu bereinigen, dieser Schar von Männern und Frauen, denen wir alle tiefe Dankbarkeit schulden für ihre aufopfernde Hingabe an ihre Pflicht unter widrigen Umständen, ja sogar trotz materieller Not. Der Kongreß wird klar zum Ausdruck bringen müssen, daß die Einheit und Einheitlichkeit des jüdischen Schulsystems in Palästina nicht beeinträchtigt werden soll. Ebenso muß das Prinzip feststehen, daß jedes Kind, soweit möglich, die Art Erziehung erhalten soll, die seine Eltern wünschen. Man muß hoffen, daß Juden aller Weltanschauungen bei der Aufrechterhaltung des hebräischen Erziehungssystems in Palästina auf der Basis gegenseitigen Vertrauens und Respekts auch weiterhin Zusammenarbeiten werden, wobei die administrative Einheitlichkeit, welche zur gesunden Entwicklung eines nationalen Erziehungssystems wesentlich ist, aufrecht erhalten bleiben muß. Finanzen Der Kongreß wird die Aufgabe haben, das Budgcv zu beraten, welches die Zionistische Organisation det erweiterten Jewish Agency vorlegen wird. Vorausgesetzt, daß der Kongreß die Vereinbarung über die Erweiterung der Agency ratifiziert, wird ihm ein Minimal* budget von 750.000 Pfund Sterling jährlich für die zwei nächsten Jahre vorgeschlagen werden. Dies bedeutet etwa eine Steigerung von 50 Prozent über die Budgets von 1927/28 und 1928/29. Der Voranschlag von 750.000 Pfund Sterling wird Posten für vergrößerte Einwanderung und Kolonisation enthalten. Nicht enthalten sind darin die Saimmelergebnisse des Keren Kajemeth, welche in derselben Weise wie bisher behandelt werden, Dies ist nur die erste Stufe zu dein Budget von einer Million Pfund, das von der Joint Palestine Survey Commission als Minimum betrachtet wurde. Es besteht begründete Hoffnung, daß, bevor der XVII. Kongreß Zusammentritt, das Budget von einer Million Pfund Wirklichkeit wird. Wie soll das Budget gedeckt werden? Es ist kaum nötig, zu betonen, daß die Erweiterung der Jewish Agency die Zionisten in keiner Weise von ihrer Ver- ...Eine Deklaration (des Sultans) für das jüdische Volk würde das große Signal sein, um die Inteligenz, das Kapital, die Industrie und Unternehmertum aller Art anzuziehen, und nicht nur Mesopotamien und Haifa mit einem kleinen Teil seines Hinterlandes würden davon profitieren, sondern däs ganze ottomanische Reich.“ Dieser Hinweis wie auch das ganze Zitat aus „Alt-Neuland“ weisen auf die Wichtigkeit hin, die Herzl diesem Landstrich, dem Hinterland von Haifa, beimaß, das jetzt, im 25. Todesjahre Herzls, in den Besitz des Jüdischen Nationalfonds übergegangen ist und den Traum zur Wirklichkeit gemacht hat. Eine jede der zahlreichen. Parteien, aus denen sich die heutige zionistische Organisation zusammensetzt, fühlt sich zu Herzls Bannerträger berufen. In den verschiedensten Auslegungen erhebt die revisionistische, die radikale und die Zentrumspartei den Anspruch, seine Anschauungen zu verbreiten. Sicherlich tragen sie auch alle dazu bei. Es steht jedoch fest, daß Herzls Traum, ob es sioh nun um „Haifa und einen kleinen Teil des Hinterlandes“ oder um das ganze neuentstandene Land handelte, der Erwerb des Bodens als Volkseigentum vorsohwebte. In dieser Hinsicht hat der Jüdische Nationalfonds, an dessen Gründung Herzl beim V. Zionistenkongreß solch energischen Anteil nahm, sein direktes Erbe angetreten, und zwar nicht nur in bezug auf die nationale Heimstätte, sondern auch auf die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die dieser Heimstätte zugrunde liegen sollten. Keinen geeigneteren Zeitpunkt als den jetzigen, ein Vierteljahrhundert seit dem Heimgang unseres Führers, hätte sich der Jüdische Nationalfonds wählen können, um mit der Losung an unser Volk heranzutreten, daß es das Hinterland von Haifa, um das Herzl seine diplomatischen Verhandlungen führte und romantischen Ideen wob, erlöse. Möglicherweise kannte er damals selbst noch nicht die tiefe Wahrheit der Worte, die er seinerzeit auf das Titelblatt von „Alt-Neuland“ schrieb: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“. Diese Worte sind zum zionistischen Motto geworden. Die Geschichte der Haifabayböden beweist seine Richtigkeit und Stärke.