Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 68 (18.4.1929)
- Date
- 1929-04-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053805-3053821--0980-3056297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Preis 35 Abonnementpreise: Für Oesterreich: Monatl. S 1.50, viertelj. S 4.20, ganzj. 16.— / Deutschland: Monat!. Goldmark 1.—, viertelj. Goldmark 3.— / Jüdisthe Zeitung Crtdieini feden Donnerstag Polen: Monatl. Zloty 2.30, viertelj. Zloty 6.50 / Ungarn: Monatl. Pengö 1.50, viertelj. Pengö 4.20 / Rumänien: Monatl. Lei 45.—, viertelj. Lei 125.— / Bulgarien: Monatl. Lewa Tschechoslowakei: Monatlich Kc 7.—, vierteljährlich Kc 19.— / Jugoslawien: Monatlich Dinar 14.—, vierteljährlich Dinar 40.— ülcdaftMon und JldmtnisfvoMon: Wien, 1., {ftaufkemateinitasse 1 — (Tel. R 20-3-S4 30.—, viertelj. Lewa 80.— / Belgien: Monatl. Belga 2.—, viertelj. Belga 5.— / Uebriges Ausland: Monatl. Schweizer Franken 1.50 2. Jahrgang Wien, 18. April 1929 (8. Nissan 5689) Nummer 68 Das finanzielle und das Seelendefizit der Wiener jüdischen Gemeinde Die Generaldebatte über das Gemeindebudget Im Mittelpunkt der Generaldebatte über das Budget der Wiener jüdischen Kultusgemeinde, die am 15. April begann, stand die groß angelegte, formvollendete Rede des Obmannes des zionistischen Mandatarenklubs Dr. Desider Friedmann, der das vorgeschlagene Budget einer gründlichen, von tiefstem Ernst und Verantwortlichkeitsgefühl durchdrungenen Kritik unterzog. Der Redner wandte sich vor allem dagegen, daß man den Voranschlag auf Grund von toten Ziffern aufstelle, die man einfach ah Hand des vorjährigen Budgets mechanisch berechnete, und meint, daß man ein Budget nur nach programmatischen Gesichtspunkten zusammenstellen müsse. Um die Bittsteller und Subventionspetenten von der Seitenstettengasse abzudrängen, wurden gleich zu Beginn der Voranschlagsdebatte die tristen Verhältnisse der Gemeindefinanzen in alle Welt hinauspösaunfc. Das Defizit ist wirklich ernst. Aber ich, muß Herrn Dr. Oppenheimer entschieden widersprechen, wenn er behauptet, daß die Einnahmen nicht zu erhöhen sind. Was ist es mit den Beiträgen von Staat und Gemeinde? Darüber wagt man nicht einmal in dieser Versammlung zu sprechen. Wir dürfen nicht zum Staate und zur Stadt als Bittsteller gehen und um Beiträge betteln, wir haben da staatsbürgerliche Rechte zu fordern. Wir müssen darauf besteheen, daß Staat und Gemeinde sich endlich entscheiden und dürfen uns nicht mit leerem „Wohlwollen“ abspeisen lassen. Wir dürfen auch davor nicht zurückscheuen, unsere Rechte eventuell auch beim Verfassungsgerichtshof geltend zu machen. Wir sind die Pflichtträger unserer Gemeinde und müssen als solche — wenn eine Entscheidung auf dem Wege der Verhandlung nicht zu erlangen ist — den Rechtsweg beschfeiten. Die Zeit ist nicht allzu fern, wo wir an neue größere Investitionen für kulturelle und soziale Institutionen werden denken müssen und da ist es daher vor allem notwendig, daß wir endlich energisch darangehen, das jüdische Gemeindelebcn neu aufzubauen, aus einer Zwangsorganisation einen lebendigen Organismus gestalten. Die Kultussteuer hat sich in den letzten Jahren sprunghaft erhöht. Hatten wir im Jahre 1.924 1,259.585 S an Steuereingängeh, so erhöhte sich der Betrag im Jahre 1928 bereits auf Ille groß« reichhaltige Pessachummer dfler erscheint am 24. April" 2,279.791 S, dagegen ist für das Jahr 1929 eine Summe von 2,100.000 S vorgesehen. Das ergibt eine Kopfquote von 41.63 S (nach 1928), welche man bei diesen Verhältnissen entschieden als zu hoch bezeichnen muß. Um die Kopfquote reduzieren zu können und doch den vollen vorangeschlagenen Betrag hereinzubringen, müssen wir eben die Zahl der Steuerzahler erhöhen. Und da müssen wir versuchen, die Indifferenten und Absei tsstehenden heranzuziehen und die Gemeinde zum Mittelpunkt des jüdischen Bebens zu machen. Dies aber kann nur in der Weise geschehen, daß wir eben den Abseitsstehenden die Möglichkeit geben, über die Geschicke unserer Gemeinde mitzubestimmen, dann müssen Sie ihnen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht gehen! Unsere Gemeinde hat seit ihrem Bestände keine einzige Wohlfahrtsinstitution geschaffen. Das Waisenhaus, die Blinden- und die Taubstummenanstalt usw. sind der Initiative privater Wohltäter zu verdanken. Wir müssen uns bemühen, die F ü r sorgearbeit zu konzentrieren und jene jüdischen Menschen, die noch für das Judentum etwas übrig haben, für die jüdische soziale Arbeit zu gewinnen. Endlich muß mit dem veralteten, unzeitgemäßen System des Religionsunterrichtes gebrochen werden. Wenn der Religionsunterricht in der letzten Zeit auch etwas besser geworden ist, so befriedigt er ja doch nicht die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung. Wir wollen eine Schule, die unseren Kindern neben dem allgemeinen Unterricht auch jüdisches Wissen und jüdische Werte vermittelt. Aber das Defizit unserer Gemeinde ist nicht allein ein materielles. Wir haben auch ein Seelendefizit. Wir verlieren jährlich 1 Prozent an Bevölkerungszahl - und wenn Sie bedenken, daß wir keinen Zuzug nach Wien haben, sondern eine Abwanderung, so erhöht sich der Prozentsatz wesentlich. Wien hat die meisten Austritte. Auf 200 Juden — 1 Ausfall. Und dies hat eben seinen betrüblichen Grund darin, daß die Wiener jüdische Gemeinde für den jüdischen Unterricht, für die Erziehung der jüdischen Jugend im Geiste des Judentums nicht in der erforderlichen Weise vorsorgt. Der oinzige lichte Punkt in unserem Budget ist die Subvention der Wiener jüdischen Kultusgemeinde für das Aufbauwerk in Erez Israel. Diese Post fällt diesmal etwas schmal aus, aber sie drückt dennoch die prinzipielle Bereitwilligkeit des gesamten Wiener Judentums aus, für Palästina, das die Brücke ist, die uns mit der Judenheit der ganzen Welt verbindet, zu wirken. Die im redaktionellen Teil -befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. LLOYD TRIESTMO DIREKTE LINIE TmEST-lMFA UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag 8 Uhr abends. Fahrtdauer unter Berührung von,Brindisi bloß 5f/, Tage Fahrpreise: h Kl. Lst. 22.-.-, II. Kl. Lst. 15.-.-, III. Kl. Lst. 5.—.— inklusive Kabine und Verpflegung. Eine Fahrt Triest—Jaffa—Haifa und zurück kostet in der III. Klasse Inklusive Kabine und Verpflegung bloß österr. Sch. 345.—. Für Gesellschaftsreisen besondere Ermäßigung! Auskünfte: Lloyd Triestlno, Wien, 1., Kärntnerring 6 Telephon U 46-0-53, U 46-0-54, U 46-0-55. I » .: I' .. ' .1 r 'I Nach Dr. Friedmann sprach , namens des Klubs der werktätigen Juden Mendel; Singer, gegen dessen zionistische'Einstellung seine Klubgenossen Hirschfeld und Moritz polemisierten und sich hiebei in geschmacklosen Ausfällen gegen die Zuwendungen für Palästina ergingen. Ihnen erwiderte mit ausgezeichneten Argumenten Dr. Jakob Ehrlich, dessen Rede wir noch bringen werden. Zurücksetzung jüdischer Richter in Erez Israel? Der palästinensische „Haarez“ schreibt: Wie wir erfahren, steht eine Umbesetzung in der Leitung des Bezirksgerichtes Jaffa bevor. An Stelle des pensionierten alten jüdischen Gerichtsvorsitzenden soll ein arabischer Richter ernannt werden. In gleicher Weise soll im Bezirksgericht Haifa verfahren werden, so daß die zwei wichtigsten Bezirksgerichte im Norden und Süden des Landes, wo der jüdische Jischuw einen wesentlichen Bestandteil der Gesamtbevölkerung ausmacht, keinen einzigen jüdischen Richter aufweisen werden. Für die Verdrängung der jüdischen Richter machen insbesondere die christlichen Araber starke Propaganda. Ein christlich-arabischer Richter überreichte der Palästinaregierung ein Memorandum, in dem er die Ersetzung des Jaffaer, jüdischen Gerichtspräsidenten durch einen christlichen Richter fordert... Das Blatt verlangt ein energisches Einschreiten des jüdischen Jischuw gegen diese merkwürdige Personalpolitik der palästinensischen Justizverwaltung ... Umbau des New Yorker Judenviertele Der zum Vizogouverne-ur von New York gewählte jüdische Oberst Herbert Lehman hat die Initiative zur baulichen und sanitären Umgestaltung von New York Eeast, das hauptsächlich von Juden bewohnt ist, erg ritten, llim zur Seite steht das Mitglied des Wohnungsaussdiusses da* Staates New York Aron Rabinoiwitz.