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Die Stimme · 1929-03-28 · Heft 65 (28.3.1929) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 65 (28.3.1929)
Date
1929-03-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 65 DTE STIMME P' KUNEROL Ist verbürgt reines Fett aas Kofcc**tissefl* DI« ErMagaag steht unter «trenf ritueller Aufsicht de« Hern Bestrksrsbfcfners S. Bhreofeld eu Mattersburg. K U N B R O L kann daher von allen Strenggläubigen rar Bobereitung von Osterspeisen verwendet werden. Frauenarbeit in der jüdischen Fürsorge Amerikas Von Lenl Cahn (Zürich). Weichen Umfang die Jüdische soziale Tätigkeit m Amerika bat, geht schon daraus hervor, datß altern für jüdische Wohlfahrtsairbeit im Jahre 1027 beinahe 40 Millionen Dollar ausgegieben wurden. Und es kann wohl ruhig gesagt werden, daß die Einrichtungen und das Wachstum der jüdischen Fürsorgeorgamisatiomen, die hauptsächlich den >mmigranten dienen sollen, als eines der charakteristischsten Merkmale des jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten bezeichnet werden können. Das Gefühl von Verantwortüclikeit für die eigenen Brüder wurde durch die Einwanderung von großen Massen von Juden aus dem westlichen und später östlichen Europa sehr verstärkt und fand erst einmal seinen Ausdruck in dem ständigen Wachstum von Wohlfalirtseinrichtungen. Diese beschäftigen sich längst nicht mehr nur mit dem Problem der Assimilation der Immigranten, sondern haben ihr Arbeitsgebiet, im Zusammengehen mit anderen jüdischen Vereinigungen, dahin erweitert, wenigstens den Versuch zu machen, sich der ganzen verwikk e i t e n Problematik jüdischen Lebens in Amerika anzimehmen. Die jüdischen ■Fürsorge- und Erziehungsstätten nehmen einen ganz bedeutenden Platz in der Geschichte der amerikanischen Philanthropie ein. Neben nein fürsongenisohen Einrichtungen finden wir ungezählte industrielle Kolonien, Bildungszentren, Berufsberatungsstetten, Werkstätten für Gebrechliche, Kliniken, Krankenhäuser. Seit 1899 bestellt die «National Conference of Jewish Charites», ein Zusammenschluß aller jüdischen Fürsorgeeinrichtunigen, die alljährlich einmal zu einer Tagung Zusammentritt und ein vierteljährliches Blatt «The Jewish Social Service Quarterly» herausgibt. Es gibt ganz prachtvolle Erscheinungen unter den Frauen in der jüdischen Fürsorge, sowohl unter den Führerinnen, ich erinnere nur an die Namen von Sophie Irene L oe'b, Mrs- Tausski, Mrs. Sc ligsberg, als auch unter den im täglichen Bürsorgedieust Stehenden. Sie sind, zum großen Teil leuchtende Beispiele, nicht für den «self-made-man», aber für die «self-made-woinan", die dank persönlicher Kraft, Ausdauer, Energie und vor allen Dingen Liebe zum Dienst und Hingabe an ihre Nächsten Großes erreicht und geschaffen haben. Din Gespräch mit Cacilia Raczovski, der Sekretärin der Abteilung für den Immigrantendienst, die den ersten unvermittelten Kontakt hcrzustellen hat mit den Einwanderern, die in Elfis Island ankommen, oder ein Elternabend im kleinen Büro der «Hebrew Sheltering Guardian Society», einer Gesellschaft zur Vermittlung guter Pflegeorte unter der weisen Führung von Mary B o r e t z, hinterlassen Eindrücke, die durch nichts aufgewogen werden können. Beide haben mit nichts, klein und unbekannt, angefangen und beide sind heute mit der Geschichte der Fürsorge in Amerika, und zwar nicht nur der jüdischen, aufs engste verknüpft. Beide arbeiten wohl in der jüdischen Wohlfahrtsarbeit, aber es finden kaum Bewegungen allgemeiner Bedeutung, Konferenzen, Tagungen oder dergleichen statt, an denen wiir die beiden Namen nicht vertreten finden. Mary Boretz hat ihren Lehrstuhl au der sehr bekannten New York School of Social Work, sie ist Leiterin eäues bedeutenden Kinderfürsorgeamtes und Präsidentin zahlreicher sozialer Vereinigungen, Clubs etc- und ist dabei eine Hausfrau, Mutter und Gattin, wie wir sie uns vorbildlicher nicht denken können. Amerika zählt zur Zeit zirka 60 jüdische Faml* Uenfürsorgeämter mit über 350 beruflich ausgebildeten Fürsorgern und Fürsorgerinnen. Diese Zahl wächst beständig, da auch die kleineren Städte mehr und mehr dazu übergehen, die Fürsorgearbeit auf eine beiruflicfoe Basis zu heben. In dieser Zahl sind die unzähligen übrigen Institutionen und Vereinigungen zur Fürsorge und Weiterbildung des jüdisohen Volkes nicht inbegriffen. Die bedeutendste nationale, jüdische Frauenorganisatioin ist die des «Council of Jewfsh Women», des Bundes jüdischer Frauen, welcher bereits vor 35 Jahren dank der Initiative einer besonders regeai. geistig führenden Gruppe jüdischer Frauen ins Leben gerufen wurde und deren Präsidentin Mrs. Rebekah Kohut ist. Er entwickelte sich, wie solche Dinge gehen im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten, ganz rapid und bedeutet heute einen der wichtigsten Faktoren im jüdischen Frauenleben Amerikas. Das Wirken des Council geht dahin, die besten und höchsten humanitären Interessen auf den Gebieten der Religion, Philanthropie, Bildung und auch des Staatsbürgertunis zu pflegen und zu fördern. Einer der wichtigsten Prograrampuukte ist die Fürsorge für die Immigranten. Ich werde den Eindruck nicht vergessen, den ich an einem Freitag abend in dem Girl-Club in San Francisco erhielt- Der Council hat für die dortigen Jüdischen erwerbstätigen Mädchen ein Haus gebaut, das mir Jetzt noch wie ein Trawngebtlde in der Erinnerung vorscluwebt- Spanischer Stil, flaches, rotes Dach, im Quadrat um den entzückenden Patio gebaut, in dem ein Springbrunnen plätschert. Palmen und tausend tropische 'Blumen Mühen. Um den Patio herum geht ein WandeUgang, der den Speisessai mit der Lounge und diese wiederum mit dem Mnsfkzfoimer verbindet. Die Zimmer der jungen Mädchen gehen auf den Patio hinaus. Sie aihd bei aäfer fast rafföretorten Einfachheit uwendKoh einladend, farbenfroh, geschmackvoll. Doch wichtiger aJs der äußere Rahmen ist der Geist, der in diesem Giri-CKib 'herrscht! Das ist Frauejwrcrk, auf das die amerikanischen Jüdinnen stete sein dürfen! Der jüdische Bankier des Papstes „Ich war ein armer jüdischer Hausierer und Schnorrer. . Von dem hohen päpstlichen Adel sind cs die Fürsten Torlonia, die jetzt erst, nach der Versöhnung des Papstes mit der römischen Regierung wieder ihre verschlossenen Salons und die Pforten ihrer Paläste öffnen können, die seit 1870 zum Protest gegen die Einnahme Roms versperrt waren. In der Villa Torlonia an der Via Nomentana, einer wahrhaft fürstlichen Villa, wohnt seit Jahren den ganzen Sommer über Mussolini zu Gast, gibt dort Empfänge, erhält dort Besuch von hochgestellten Ausländern. Es ist noch die gleiche Villa, die Giovanni Torlonia, der Bankier, der als kleiner jüdischer Schnorrer und Hausierer begann, einst gekauft hat. Gerade in diesen Tagen sind es hundert Jahre her, daß er starb. Sein Leben ist eines historischen Romanes im glänzendsten Aufbau würdig, mit den Hintergründen der französischen Revolution, des Kampfes der Päpste, der napoleonischen. Zeit, der Welt der hohen und bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit innerlich verflochten, Stendhal hat diese große und fesselnde Figur nur gestreift und seine schnelle Porträtskizze sagt daher nicht genug, sagt nur dies: „Von niedrigster Herkunft, hat Herr Torlonia sieh mit seiner Art, die Dinge anzupacken, zur glänzendsten Stellung erhoben. Die ausschließliche Liebe zum Gelde ist, meiner Meinung nach, das, was das menschliche Antlitz am zerstörerischsten zeichnet. Der Mund besonders ist bei ihm oft von einer wilden Häßlichkeit. Herr Torlonia ist begierig, sich zuzuhören, wenn er die Geschichte der Rivalität unter den jungen römischen Fürsten erzählt, die seiner Töchter Hand begehrten. Er hat ein Art Naivität in seinem grenzenlosen Respekt vor dem Gelde“. Häßlich der Mund? Der hat sich schon dem kleinen zwölfjährigen Jungen unter den endlosen heiseren Hausiererschreien so verzerrt. Mit dem Pack auf dem Rücken ist er aus dem Ghetto gewandert. Die Füße hat er sieh wundgelaufen. Die Augen flackerten ’ ihm jäh. Er träumte, ja, von nichts anderem als von Geld. Das hieß aber: Menschenwürde, Ansehen, Macht sogar, auch für einen kleinen hausierenden und herumschnorrenden Jungen. Wovon sollte er sonst träumen, wenn nicht von Geld? Der kleine Torlonia mußte hausieren, mußte hungern und schachern, und er hausierte sich von Siena bis Rom durch, wurde Fremdenführer und Handwerker und Vermittler in tausend kleinen Geschäften und wer weiß, was sonst noch. Aber so klein und niedrig er noch ist, hat er schon die untrügliche Nase für die großen Gelegenheiten der Zeit. Er witterte den großen sozialen Umsturz, der Vermögen zerstörte und neue aufbaute. Die französische Revolution war am Ausbruch. Er spekulierte auf den Sturz des französischen Franken — und er ist plötzlich Bankier. Im päpstlichen Rom ist natürlich alles dem französischen Umsturz feindlich. Er aber, unerschrocken, erkennt hier als erster und anerkennt die neue große Macht, verdient in jeder Art an ihr und setzt auf sie, läßt sich mit ihren politischen Agenten ein, riskiert mancherlei, aber nie sein stürmisch wachsendes Vermögen. Jung ist er noch, knapp 35 Jahre, da steht er mit seiner kleinen Bank schon auf beträchtlicher Höhe. Nun kann man wohl einen Augenblick Atem holen in der Hetzjagd nach Geld. Der wohlsituierte Bankier Torlonia kann schon dem Papst, während der Invasion der Franzosen und dann 1796, während der Friedensverhandlungen, kostenlos eine gut ausgerüstete Reitertruppe zur Verfügung stellen. Er kann ihm noch mehr anbieten: seine Mittlerdienste und den wichtigen Kredit bei seiner Bank. So wurde er der Bankier dieses Papstes wie des folgenden Papste* Pius VII. Er eröffnete selbst das glanzvollste Haus, bildete einen eigenen Hofstaat, gründete sich selbst eine neue und höchst mondäne Gesellschaft, gab jene Feste, die europäischen Widerhall fanden und wurde bald auch der große Mäzen, dessen Namen man überall nennt, dessen Häuser von Kunst erfüllt sind, von guter meisterlicher Kunst. Er spendete mit vollen Händen und klugem Sinn, wurde der glanzvolle Mittelpunkt der römischen Gesellschaft und es währte nicht mehr lange, da wurde der arme jüdische Hausierer — wie Joachim Friedenthal in der „Frankfurter Zeitung“ erzählt — vom Papst in den römischen Adelsstand erhoben. Aus dem verachteten jüdischen Schnorrer und Ghettohändler wird der Duca don Giovanni Torlonia. Aber er will nichts von seiner Vergangenheit verbergen, er hat nichts zu verbergen. Jeder, der in seine Paläste und Villen zu den kleinen Empfängen oder zu den großen Festen kommt, kann und soll von ihm hören, wie klein und in welchem Elend er angefangen hat. „Sehen Sie mich an, ich war ein armer jüdischer Hausierer und Schnorrer, ich, der Duca don Giovanni Torlonia . . So durfte Giovanni Torlonia als Siebziger reden. Man konnte lachen über ihn, aber nur. heimlich, und nicht etwa deshalb, weil seine Worte nicht ernst zu nehmen waren. Er war wie nur irgendeiner seiner modernen Nachfahren in der Finanzwelt sehr ernst zu nehmen. Er war, klarer als irgendeiner der neuen großen Weltbankiers, ein glänzender Tpms und im Gegensatz zu vielen von heute ein ganz warmer, ein ganz menschlicher Mensch. Drobtmg. Max Lieöermann rnal't das Porträt eines Herrn, der während der Sitzungen allerlei an dem Bilde auszusetzen findet. Liebermami läßt die kritischen Worte zunächst geduldig über sich ergehen, schließlich aber, als Ihm der Bemängebmgera zu viele werden, sagt er*. «Jetzt aber genug, mein Lieber, — sonst male ich Sie so wie Sie sind!» * 'Als 'Ämschei Rothschild .in seinem emundachtaigsten Lebensjahr einmal erkrankte, sagte er seinem Arzte, daß es nun wohl zu Ende gehe- Der Arzt untersuchte ihn und sagte: «Wo denlken Sie hin, Herr Baron? Sie können noch hundert Jahre alt werden,» worauf Amsohel lächelnd erwiderte: «Ach wo, wenn mich der liebe Gott kann haben zu 81, wund er mich doch nicht nehmen zu 100!» Anti-Pessach-Kampf in Rußland «Die Religion, die einzige Fahne der Jüdischen Bourgeoisie« Die jiddisdi-kommunistlsche Zeitung «Eimess» veröffentlicht einen Leitartikel gegen den «jüdischen Klerikalismus» und klagt darüber, daß «allerlei Rabbiner, Schächter, und andere «kle-kaudesch» (religiöse Funktionäre) sich frech hervorwagen und die Arbeiterschaft zu ködern suchen. Nachdem dem Zionismus der Boden vollständig entzogen worden sei, bleibe die jüdische Religion die einzige Fahne der jüdischen Bourgeoisie. «Eroess» ruft zum Kampf gegen diesen «Klassenfeind» auf. Die Charkower jiddische .Tageszeitung «Stern» fordert Intensivierung der A n t i- Pes6ach-Kainpagne in den jüdischen Städtchen. Man müsse den jüdischen Arbeitern klar machen, daß die Religion den Gegnern eine Waffe im Klassenkampf gibt. In Obodowke, Kreis Tulschin, wurde bol Anwesenheit von 30 Delegierten eine Konferenz der jüdischen Athßistenvereine abgehalten, in der über Maßnahmen zur Verstärkung des antireligiösen Kampfes in den Kleinstädten beraten .wurde. / / v

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