Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 62 (7.3.1929)
- Date
- 1929-03-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Kr. 63 nftt irmiMfi UiC OlUflKlC Sette Tl demteeheti Theaters «eWhrt, Graoowsky, 4er bei Refohardt ekle für den Berliner Snob berechnete und kräftig durdigefaüebe Neubearbeitung des Mollercschcn «Bürger oder bdtknann» von Toller «und Hasenolever Inszeniert bat, Ist Regisseur der Berliner RelnhardtsbOhne. Zum Leiter des Moskauer jüdisch-akademischen Theaters wurde an Stelle Grinowskys Herr Somow ernannt. Nachkriegsepos Im Burgtheater, Leonhard Frank, der Verfasser des Buches «Der Mensch ist gut», hat eine starke Novelle «Karl und Anna» geschrieben; aus ihr wurde voriges Jahr ein guter Film (der gut Inszeniert war) und heuer ein schlecht« Bühnenstück, das kn Burgtheater von einer Hr.nd werkerregie vollend« umgefcracht wurde. Die Darstellung durch repräsentable Bühnenbeasnte trug nicht dazu bei, das gute dichterische Clement, das dem mißglückten Stücke doch unerwähnt, auch nur einigermaßen fühlbar zu machen. Einzig Frau Pönkösdy (eine Schauspielerin, mit der das Burgtheater natürlich nichts anzufangen weiß) vermittelte etwas wie Menschonschicksal. A Mames Helm, das neue von J. D en t s ch Inszenierte Stück in den Jüdischen Kflnstlerspielen ist eine verzwickte Komödie- Sie geht aber, wie recht und billig, gut aus und Hans kriegt seine Grete, d. fc. hier, Sam kann seine Jetty heiraten. Diese Jetty, von Frau Esther Pereimann weit von jeder Schablone meisterhaft verkörpert, ist eine Gestalt, welche aus dem Leben auf die Bühne gestellt wurde. Sie gibt der Künstlerin viel Gelegenheit, ihre reife Kunst zu zeigen- Unvergeßlich bleibt die Szene, wo sie Ein jüdischer Lehrer erzählte mir die folgende Geschichte: Einmal — es war Anfang Mai — ging Ich in eine jüdische Buciifhandiung. Ich suchte einen bestimmten Aufsatz eines unserer Denker, um ihn noch einmal durchzulesen. Der Buchhändler, ein dicker, träger Mann, gab mir die Journale, in denen Ich den Aufsatz vermutete, und wies mir in einem Winkel einen Platz an, damit idi dort in Ruhe suchen könnte. Einige Minuten später war ich in die Arbeit so vertieft, daß ich um mich hemm nichts hörte. ich hatte bereits zehn Zeitschriften durchgeblättert und den Artikel noch nicht gefunden. Plötzlich hörte ich die Stimme des Buchhändlers: «Herr Bermann, Herr Bermamnl» Ich sah von meiner Arbeit auf und fragte ihn, was er wünsche. «Eine Dame will mit Ihnen sprechen!» An der Tür gewahrte ich ein junges Mädchen mit einem Buch in der Hand. Sie war einfach gekleidet und sah gar nicht jüdisch aus. Sie war blond mit blauen Augen und einem Stumpfnäschen. Ich hielt sie für eine Christin. «Ich komme», sagte ich mit freundlichem Lächeln und ging auf sie zu. «Ich heiße Minna Lieb», und sie gab mir dabei eine kleine zarte Hand. «Ich habe mit Ihnen etwas zu sprechen.» «Sehr gern», antwortete ich, und zerbrach mir vergebens den Kopf, was sie wohl wünschen möchte. Wir verließen den Laden und einige Minuten später wußte ich bereits, daß sie erst vor einigen Tagen von Chicago nach New York gekommen war, um Medizin zu studieren. Ihre Papiere sind schon in der Universität und alles in Ordnung. Sie hätte auch genügend Mittel zu leben, nur möchte sie gern jüdisch lernen, um ihrer Mutter von Zeit zu Zeit einen Brief schreiben zu können. Sie bitte mich daher, sie zu unterrichten, sie würde mich gut bezahlen; sie müsse schnell jüdisch lernen, denn eine andere Sprache verstehe ihre Mutter nicht. Sie sprach gut englisch, und ln ihrer Stimme lag eine verborgene Einsamkeit, die sie noch sympathischer machte. loh war über dieses Angebot sehr erfreut, denn meine Schule bezahlte mich schlecht, zudem war es Frühling und die Sehnsucht nach einer Frau, mit der man sich befreunden und über Träume und Pläne sprechen kann, stärker als gewöhnlich. «Wir können schon heute beginnen,» meinte ich, «ich bin jeden Abend frei.» Aber sie bat mich, erst morgen zu kommen, und gab mir Ihre Adresse. «Ich werde Sie also erwarten», sagte sie und reichte mir wieder Ihre zarte, kleine Hand, Zufrieden kehrte Ich ln die Buchhandlung zurück. Der Inhaber erzählte mir, daß sie ihn gebeten habe, ib die Adresse eines jüdischen Lehrers zu geben; er habe sogleich an mich gedacht. Am anderen Morgen war ich beim Unterricht sehr ungeduldig und sah jede Minute auf die Uhr. Meine neue Schülerin ging mir nicht au« dem Kopf. Von allen meinen weibllohen Bekanntten, die sich die Gesichter schminken, laut sprechen und billige Zigaretten rauchen, unterschied sie sich sehr wesentlich. Sie sprach gelassen, leise, und es war ein Vergnügen, Ihre Stimme zu hören. Endlich war es sechs Uhr. Ich zog mich um und stand länger als gewöhnlich vor dem Spiegel. Es schien mir, daß mein längliches, dunkles und mattes Gesicht einem Mädchen sympathisch sein könne. Ich aß noch rasch etwas ln einem Restaurant, und dann war es Zeit, meine neue Schülerin aufzusucherw nacht? Ihren Liebhaber Senf von etnem Einbruch bei Ihrem Vater unversehens abhält. Herr SfgalJ als Sem ergriff durch echt empfundene tragische Töne. Einen Separat* erfolg — Ist einer gutgesehenea Episode — holte sich Frso M e I s e I s. Die Damen Welntrauö-Grai and Iris sowie die Harren Breitmann, Deutsch, Irls, Reismann und Schneidorf konnten gemeinsam mit den Genannten für den zahlreichen BelfsO danken. a. •* Neues Jüdisches Theater (Künstlerkabarett, IU Prater* Straße 60). Wochenspletplan: Freitag, den 8. März (Erst* auffohrug), Samstag und Sonntag «Der Geldgott», Lebensbild in drei Akten von S. Ltbin. — Montag (Sondervorstellung des Sportklub «Bakoah») «Zurück zu Gott». —* Dienstag: «A lebedige Welt». — Mittwoch: «Eine Nacht hi Kalifornien». — Donnerstag: «Schmendrik in Amerika». Dfe Jazzsängerin. Was Al Jolson in Amerika, das ist die Sophie Tu c k e r in London. Bei uns noofi kaum bekannt, ist sie ln London der viel umworbene Liebling der mondänen Gesellschaft. Pas von ihr gewählte Genre ist auch ganz neuartig. Dem Grammophon-freund ist sie schon seit längerer Zeit durch die Schallplatten der englischen CoiumbiageseUschaft bekannt. Insbesondere ihre letzten Aufnahmen «Some crf these Days» ln englischer und «My jyddis he Memme» in jiddischer Sprache sind ln ihrer rührenden Art unerreicht Sas Musi kn aus «Exzelsior», Wien,!., Adiergatne r. 5 (Tel. R 23-4-90). und II., Kleine Pfarrgasse 28 (Tel. A 41-5-24) hat diese nebcirgeräuschfrcien Cotemblaplatten schon auf Lager und eiateit mit Ihnen groJüe Umsätze, umsomehr als die Firma auch alle anderen jüdischen und hebräischen Gesänge sowie die modernsten Schlager vorrätig hat E. Zwanzig Minuten später stand ich vor dem Hause, in weichem meine Schülerin wohnte, in einem kleinen Gäßchen; fünf Minuten davon entfernt war ein großer Park. Minna, die schon am Fenster stand, begrüßte mich. Einige Sekunden später öffnete sie die Tür und kam mir entgegen. «Habe ich midi verspätet?» fragte ich, und konnte vor Freude kaum sprechen. «Nein,» antwortete sie verwundert, «es ist noch nicht halb neun.» Sie trug ein dünnes blaues Kleid, die blonden Haare waren glatt gekämmt Wieder kam mir der Gedanke auf, daß sie einer Christin ähnelte; und dieses eigenaartige Mädel will ihrer Mutter einen jiddischen Brief schreiben! Sie führte mich in ihr Zimmer und bat mich, Platz zu nehmen. Auf dem Tisch bemerkte ich einen schwarzen Rahmen mit der Photographie eines jungen Mannes dessen Gesicht sehr'anziehend war. Ich wollte fragen, wer dieser junge Mann sei, besann mich aber und spart? es mir für ein anderes Mal auf. Minna stellte einen Teller mit Obst auf den Tisch, bat mich, zu essen und meinte dabei, daß ich mit ihr wie mit einem Schulkind lernen und mit dem Alphabet beginnen müsse, weil sie noch nicht einmal die Buchstaben kenne. Ich nahm ein Lehrbuch aus der Tasche und die Lektion begann. Minna saß neben mir und hielt ihre zarten Hände auf den Knien. Ein feiner Duft von Parfüm strömte von Ihr aus und weckte in meinem Herzen die süße Hoffnung, daß das blonde Mädel mich einmal liebgewinnen würde. Ich bemerkte nicht, daß die Stünde schon um war, bis sie müde geworden, das Buch zuklappte. «letzt werden wir ein wenig plaudern, wenn Sie noch Zeit haben,» sagte sie. «Ich habe einen .schweren KopF, nicht wahr?» «Im Gegenteil, einen leichten und guten», antwortete ich, um Ihr Mut zu machen. «In einem Monat werden Sie jiddisch schreiben und lesen können.» «In einem Monat», entrang es sich Ihrer Brust, dabei sah sie mich ern6t und nachdenklich an. Sie erzählte, daß ihre Mutter Witwe sei, und sehr dagegen war,, daß die Tochter nach New York «tu* dieren ging. Aber sie wolle nun einmal gern in New York sein und könne nicht anders. (Warum sie nicht anders konnte, sagte sie mir nicht und ich fragte auch nicht darnach.) Es wunde spät, als ich mich von Minna verabschiedete. Ich fühlte, daß etwas Großes und Wichtiges ln mein Leben eingetreten war. Nach so einem stillen, herzigen und gebildeten Mädel hatte Ich mich immer gesehnt, daß sie mich Heb bekommen würde, dessen war ich fast sicher, denn mein Vorgefühl sagte mir: An diesen heutigen Abend sind wir Freunde geworden Uebermorgen, wenn Ich wieder bei ihr sein werde, be schloß ich sie zu fragen, wer der junge Maiwi wäre dessen Bild auf ihrem Tische stehe. Zehn Tage vergingen, ich wurde mit Minna wirklich sehr befreundet. Fast nach jeder Lektion gingen wir in den Park und verbrachten dort eine Stunde, mitunter sogar zwei. Sie war immer ernst und Ich brachte deshalb nicht den Mut auf, ihr zu sagen, wie lieb Ich sie habe, obgleich ich ständig davon träumte. Nach zwei Monaten konnte Minna ohne Hilfe einen kleinen Brief in jiddischer Sprache schreibe Eines Tages bat ich sie, mit mir ine Theater zu gehen. Man spielte ein neues Stück, über das vLl geschrieben wurde. «Heute Ins Theater?» — sie sah midi wie geistesabwesend an — «ich weiß nicht» Ich begann ihr zuzureden: «Sie müssen des Stück sebenj die ganze Stadt spricht davon!» Sie besann sich eine Weile und sagte, daß sie vielleicht gehen werde. Plötzlich fiel Wir ein: «Ich habe heute Geld erhalten, ich möchte ihnen im voraus bezahlen» und gab mir zwanzig Dollar. Ich war eki wenig gekränkt und wollte das Geld nicht nehmen. «Seien Sie nicht böse», sagte sie freundlich, «Ich Hebe es, alles zu bezahlen, wenn ich Geld bekomme; es fällt mir so nicht schwer,» Wir verabredeten, uns im Theater zu treffen. Sie begleitete mich zur Tür und ich bat sie nochmals, zu kommen. «Ich werde mich ln Weiß kleiden», sagte sie mir noch an der Türschweite mit einem Lächeln. «Wie eine ,Kalte’», entgegnet« ich ihr lachend. Sie kam nicht ins Theater. Ich war sehr beunruhigt und rief sie an. Ehre Hauswirtin kam zum Apparat und teilte mir mit tränenerstickter Stimme mit, daß ein Unglück geschehen sei, ich möge sofort kommen. Minna habe sich vor einer halben Stunde vergiftet und sei tot In Eile nahm ich ein Taxi und zwanzig Minuten später stand Ich vor Minnas Wohnung. Im Eingang traf Loh die Hauswirtin und noch einige Frauen mit zwei Polizisten. Wir gingen aHe in das Zimmer. Minna tag auf der Chaiselongue in einem weißen Kleide; es sah aus, als wenn sie sich zum Theater angekleidet und inzwischen müde geworden und eingeschlafen sei Auf dem Tisch brannte ein elektrisches Lämpchen mH einem rosa Schirm und beleuchtete Wir bläuliches Gesicht, das wunderbar ruhig und schön aussah; neben dem Rahmen mit der Photographie des jungen Mannes lag ein kleiner Zettel mit jiddischen Buchstaben: «Mu’tcr, ich konnte nicht anders, du allein weißt wie viel ich gelitten habe, jetzt ist alles vorüber.» So pF fr lieh wie ich sie gefunden, habe idi de verloren, und bis heute kenne ich das Geheimnis nicht, das sie mit ins Grab genommen hat. Scherz und Humor Zollfrei Als Heinrich Heine von Paris ans feine Reife nach Deutfchland machte, wurde an der Grenze das Gepäck des „ftaatsgefährlichen“ Dichters befonders genau, alfo rücklichtslos, viütiert. „Was fuchen Sie denn eigentlich?“ — fragte Heine den Zollbeamten, der eifrig in einem Koffer mit Wäfche und Kleidern herum wühlte. „V e r b o t e n e B ü ch e r.“ „Warum haben Sie mir das nicht gleich gefagt? Ich führe mehrere mit mir...“ „Wo, wo?" —• fragte der Beamte atemlos. Der Dichter deutete lächelnd mit dem Finger auf feine Stirn und antwortete: „Hier!“ Jüdischer Sport Vor und nach zehn Jahren Ein kleines Büchlein «Merkblatt dos Sportklub* .Haikoah’» aus dem Jahre 1919 befaßt sich auch mit der damaligen Schwiminsektion. Der Sektionsleiter war Ernst F r e y e r, der sportliche Leiter Siegmund Deutsch. Von den übrigen Funktionären sind die Brüder WertbeJmer und Herr Wacbtl noch Sektionflmltglfedcr, alle übrigen sind nicht mclr sportlich tätig. Lehrreich ist es, die damaligen kleinen Anfänge mit den Leistungen der letzten Jahre zu vergleichen. (Bekanntlich hat die Sektion es erst vor vier Jahren zu Meisterschaften gebracht.) In dem Bericht aus dem Jahre 1919 beißt es: «Mit einer kleinen, sportlich umausgebMeten Schwbnmersebar eröffneten wir Anfang Mai unsere Sektion. Aber schon mich zwei Monaten konnten wir uns erfolgreich am Schwimmen «Quer durch Wien» beteiligen« Dasse&e gilt für das Percbtoldsdorfer Meeting des D. S. K. Wien und das Internationale Meeting desselben Klubs, bei welchem wir einen ersten und einen zweiten Preis errangen* Den Höhepunkt unserer Wirksamkeit erreichten wir mit dom am 28. September von uns veranstalteten Wettschwimmen. das für alle Zeiten einen Markstein ln der Entwicklung des Wiener Jüdisch en Schwimmsportes bilden wird. Vor einer In Wien bisher u erreichten Zuschauermenge feierten wir, jubelnd auf genommen, Erfolge, die in dem schwer erkämpften Waisengrün-Preis kulminierten. Zum erstes Male aber hatten wir unseren Gegnern bewiesen, daß sie bt Zukunft auch mit uns werden rechnen müssen .. .» Klubmeisterschaften der Hakoah~ Schwimmer Einen äußerst gelungenen Schwimmabeind veranstaltete die Hakoah am letzten Sonntag, an dem die K'ubmelsterschafton des jüdt^hen Ve mes zur Austragung gelangten« Es gab eitrige ausgezeichnete Ergebnisse. Hedy Bienenfeld und Fritzl Löwy erreichten fast ihr« Rekorde. Im Freistilschwimmen über 200 Meter gab es eine große Ueberraschung, indem Nassau seinen Khibkoilegen Goldberger besiegt* DAS GEHEIMNIS Eine Alltagsgeschichte aus New York von Max Bmstawitsski