Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 62 (7.3.1929)
- Date
- 1929-03-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 WE STIMME Nr, 82 ■NP ämmHtm PALÄSTINA Neujaftrfest der Bäume Von Helene Harma Thon (Jerusalem) Es ist einer jener palästinensischen Wintertage, an uenen nach Stürmen, Regengüssen und vereinzelten Schneeflocken eine solche Sonnenflut auf die Erde niederströmt, daß man ein Stück nach dem anderen der Winterkleidung auszieht und schließlich in fast sommerlichem Anzug einhergeht, um durch glüht und ermattet von der beglückenden Wärme nach Hause zu1rüokzukehren. Wir sind herzlich froh, daß gerade heute so gutes Wetter ist, denn wir wollen heute eines der schönsten Feste feiern, die unsere Voikstradition uns überliefert hat und die wir im neuen Palästina mit neuem Leben erfüllt haben. Es ist der 15. Schwat, das Neujahrsfest der Bäume, das in den nördlichen Ländern der Galuth mitten in den strengsten Winter fällt und von traditionstreuen Leuten gefeiert wird, indem sie an diesem Tage Früchte einiger exotischer Bäume — Datteln, Feigen usw. essen, ln Palästina wird dieses Fest auf die Weise gefeiert, daß Tausende von Schulkindern in fröhlicher Prozession ins Land hinausziehen und in dem seit Jahrtausenden entrodeten Boden Tausende von jungen Bäumchen pflanzen. Tri dem großen Hof der Jerusalemer Mädchenschule — der früheren Lemei-Schule — haben sich die Schulen versammelt. Eine Rede des Schulleiters. «Hatikwah», gespielt im Hofe vom Orchester der Blindenschule und der Tachkemoni-Knabenschule. Dann zieht die Kapelle mit einem Marschlied zum' Bchultor hinaus, vordem sich dichte Scharen von Schaulustigen drängen. Nun kommen die Schulen — jede mit ihrem gestickten, mit frischen grünen Zweigen geschmückten Banner. Zuerst die Kleinen, die — vernünftiger Weise — das Marschtempo,, das ihren Kräften entspricht, angeben, mit Schaufeln und Hacken ausgerüstet. Es ist ein interessantes Gewimmel von Typen: neben hellhaarigen und dtinngliedrigen äschkenasischen Kindern kleine dunkle Sepharden und Sephardinnen, schwarzbraune Jemenitenkinder, negroide, schwarze Bucharer. Mit grünen Laubkränzen im Haar trippeln sie eilig hinter der großen Trommel her. bann kommt — Schlag auf Schlag —ein Schuäbanner nach dem anderen mit seiner Gefolgschaft von Knaben oder Mäd* chen oder beiden zusammen, ln den Mädchenschulen überwiegen die dunkelbraunen Gesichter orientalischer Kinder. Diese Zehn- und Zwölfjährigen mit ihren untersetzten Gestalten und wissenden Augen sind eigentlich schon alle kleine Frauen, deren Mütter und Großmütter in langer Ahnenreihe in diesem Alter bereits Kinder gebären und nähren mußten, während sie — als erste — das Glück einer kindlichen Lern- und Spielzeit genießen. Die bekränzten Schaufeln und Nacken, die sie schultern, sind wie Symbole eines Neuanbruches. Die Schüler und Schülerinnen der höheren Schulen — Gymnasium und Handelsschule — sind gepflegter in Gestalt und Kleidung als alle anderen; man spürt es an ihren Erscheinungen,, daß ein gewisser Grad von Wohlstand der Eltern dazu gehört, um ihnen neun oder zehn Jahre lang den Schulbesuch zu ermöglichen. Unter ihnen gibt es prachtvolle junge, in Wandern und Sport gestählte Gestalten; der Bannerträger des Gymnasiums ragt wie ein ebenmäßiger, vollsaftiger junger Baum. Einen Kontrast zu diesen — vorwiegend aschkenasischen Schülern bilden die Schüler lind Schülerinnen der Arbeiterjugend-Schule, unter ihnen eine Reihe von dunklen Orientalen, denen man schon den Kampf mit harter Arbeit ansieht. Dann kommen die Gipfelzweige am Baume der Jugendbildung: das Lehrerinnen- und das Lehrerseminar des MisracHi, das Lehrerseminar der Zionistischen Organisation und die Kunstschule «Bezalel» — .unter ihren schon ganz erwachsenen Schülern grüßt uns der liebenswürdige junge Bursche, der jeden Abend die Tageszeitung in unserem Viertel austrägt. Von den Lehrern und Lehrerinnen geleitet, von Fahnen und grünen Zweigen umweht, marschiert der Zug Tausender von Schülern und Schülerinnen die lange Jaffastraße hinunter — so lang, daß man schon in der Mitte von der Kapelle an der Spitze keinen Laut mehr hört. Die alte.düstere Jaf-fastraße ist gan* ausgefüllt von dem Strom jugendlichen Lebens, der sich durch sie ergießt. An den Fenstern, auf den Balkons, von den Häusern und Läden stehen Menschenscharen, — Juden und Araber — die erfreut diese Frühlingsprozession an sich vorbei ziehen lassen. In unseren Schulen mag noch vieles recht unvollkommen und unharmonisch sein, aber diese neue Generation, die hier daherschreitet, ist doch eine unserer gewaltigen Leistungen. Wie gesund und kräftig diese Kinder sind und wie stolz ihre Körper- und Kopfhaltung! .Wie sie aufgebläht sind in der Freiheit eines der Großstadt entrückten, von der Umwelt nicht bedruckten Lebens. Wo wär; sonst bei so langem Weg die tadellose Ordnung eines solchen nach Tausenden zählenden Kinderzuges zu erriechen? Dabei haben die Lehrer sich gar nicht besonders mit Auirechterhaliung der Ordnung anzustxengen. Schön ist die absolute Demokratie in dieser Jugend — dfe Großen und die Kleinen, Votksscbüler und Gymnasiasten, Ascbkenasen und Orientalen, sogar Lehrer und Schüler bilden eine große Gemeinschaft, in der sich keiner dem anderen überlegen fühlt Da drüben geht der Sohn einer Familie, die im Auslande «jüdische Aristokratie» genannt, wurde, in engster Kameradschaft mit der Tochter eines Handwerkers. Und dann die innige Heimatliebe, die den Kindern in der Schule eingeimpft wird. Nein, es ist gewiß nicht ales an unserem Schuipland und seiner Ausführung wie wir es wünschen — und doch empfangen unsere Kinder hier Werte von unvergleichlicher Bedeutung. An den letzten Häusern der Stadt vorbei sind wir auf das freie Feld hinausgelangt. In spröder Schönheit liegen vor uns die nackten Felsen und brachen steinigen Felder. Die Kinder, schon ein wenig müde vom langen Wandern in der heißen Wintersonne, stimmen ein neues Lied an —eines der vielen hebräischen Volkslieder, die im letzten Jahreszehnt in Palästina entstanden — und nehmen einen neuen Anlauf. Es geht durch das schöne neue Villenviertel Beth-ha-Kerem hindurch, wo im vorigen Jahr am 15. Schwat die Schulen Bäume einsetzten.'In Beth-ha-Kerem ist alles auf den Beinen; hier wohnen viele Lehrer der wandernden Scuien, und ihre Familienmitglieder kommen auf die Straße heraus, um ihre Bekannten zu begrüßen. Noch ein weiteres Stück Chaussee zwischen steinigen Feldern — und vor uns liegt die ganz neue Wohnkolonie Bajit-we-Gan, das Ziel der Prozession. Hier hat sich eine Anzahl alteingesessener Jerusalemer Bürger angesiedelt — Aschkenasen und Sepharden — Herrenand Hamen-Kleider nac11 Maß Btlehe SUfTaaiwihi. Z»hl%sg a»eh Uebareintemmea. Jolacinn BLaadncm Wien, TI., Marlaliilferstraße 107, Tel. B 27-2*88 die nach jahrzehntelangem Wohnen in der Jerusalemer Altstadt von dem Zug ins Freie erfaßt wurden, den die neuen zionistischen städtischen Ansiedler mit sich gebracht haben. Zu ihnen, deren Entschluß, der dumpfen Enge der Stadt zu entfliehen und sich draußen, mitten in der Gebirgslandschaft Häuser und Gärten anzulegen, das Symptom einer neuen Zeit ist —■ zu ihnen kommt die neue Jugend der zionistischen Schulen, . um ihre noch öden Straßen in Baumalleen zu verwandeln. Auf dem Platz vor der Synagoge Ansprachen, Spiel lind Schulkapelle; dann gehen die Schülerzüge zu den vorbereiteten Erdgruben und pflanzen die Bäumchen ein, welche die Kolonie selber ihnen zu diesem Zweck besorgt hat. Der Augenblick, in den im strahlenden Sonnenlicht die jungen Kinder die jungen Bäume dem Heimatboden übergeben, ist wie ein heller Akkord: das Beste, was wir besitzen, die Triebe, die unserer heimischen Erde entsprießen sollen, und die Kinder, die ihr entsproßen sind, ist hier vereint — vereint durch einen symbolischen Akt jüdischer Arbeit, Für einen Einstein-Wald Am 14. März 1929 wird Professor Albert Einstein 50 Jahre alt. Diesen Tag wollen Verehrer und Freunde des berühmten Gelehrten und aktiven Mitarbeiters an allen großen fortschrittlichen, menschheitsbefreienden Bewegungen und so auch an der Aufbaubewegung für Palästina nicht vorübergehen lassen, ohne durch ein lebensspendendes Denkmal Albert Einstein zu ehren. Aehnlich wie man als schönstes Denkmal für Theodor Herzl den Herzl-Wald pflanzte, soll nun in Palästina zu Ehren Albert Einsteina ein Einstein- Wald erstehen. Ein Kreis von repräsentativen Vertretern des deutschen Judentums hat sich zur Durchführung dieses Planes zu einem Komitee zusammengeschlossen, das an die deutschjüdische Oeffentlichkeit einen Aufruf erläßt In diesem Aufruf heißt es: «Ein Einstein-Wald in Palästina soll als ein lebendiges Denkmal für ewige Zeiten seinen Ruhm und unsere Verehrung künden, aber auch Zeugnis jüdischer Schöpferkraft, Arbeit und Kultur sein. Wir deutschen Juden sind stolz darauf, Einstein zu den unseren zu zählen, begrüßen freudig die Gelegenheit, ihm in dieser schönsten und würdigsten Form unsere Glückwünsche darbringen zu können. Schaffet den Einstein-Wald.» * Jn Oesterreich soll, mehreren Anregungen zufolge, Einsteins 50. Geburtstag durch Pflanzung eines Gartens auf Einsteins Namen gefeiert werden. Wir teilen dies hiemit der jüdischen Oeffentlichkeit mit, damit die Verehrer des großen Mann! Gelegenheit haben, sich an dieser Ehrung, die, wie bereits bekannt, dem ausdrücklichen Willen des zu Ehrenden entsprit, entsprechend beteiligen können. Die organisierte jüdische Gemeinde in Palästina Aus Jerusalem wird berichtet: Die MitgUedcrzahl der Knesseth Israel, der offiziell anerkannten Organisation der jüdischen Gemeinden in Palästina, hat sich seit Ende .'anner, wo die Mitgliederlisten im ganzen Lande aufgelegt wurden, | von 80.000 auf 90.000 erwachsene Männer und Frauen erhöht. Die Eintragung in die Listen wurde am 29. Februar abgeschlossen. Ke Agudas Jisroef, die atrßefhafb des Rahmens der Knesseth Israel bleiben wrH, hat bisher insgesamt rund 7000 Unterschriften von Personen erhaltet, die auf Grund einer Bestimmung der Gemeindeordmmg aus der Knesseth Israel austreten, um eigene Gemeinden zu bilden. Die agiuidistische Gegenpropaganda ist daher als g escheitert anzusehen. Daran ändert auch nichts die unwahre Angabe der Agndah, daß bisher mehr als 16.000 palästinensische Juden ihren Austritt aus der Kenessoth Israel und den Anschluß an die von der Agudah propagierten separaten Gemeinden vollzogen haben. Zur Geschichte des Bodenstreites in Chederah Wie bereits gemeldet, hat sich auf dem Infiat-Boden bei Chederah vor kurzem der Konflikt zwischen den Beduinen, die dort den Boden bearbeiten, und den Besitzern der Böden wiederholt. Nach einer Entscheidung der Regierung sind beide Seiten angewiesen worden, ihre Rechte be*. Gericht zu beweisen. Die Landwirte von Chederah haben inzwischen an den High Commissioner ein Memorandum gerichtet und darin auch einiges über die Vorgeschichte der Vorfälle berichtet. Es heißt dort u. a.: Vor 38 Jahren kauften 148 jüdische Landwirte die Böden der Siedlung «Chederah» von Salim Churi und erhielten rechtsgültige Kuschane darauf. Den Namen «Barat Imfiat» hören die Landwirte Chederahs jetzt zum erstenmal aus dem Munde des Vertreters der Beduinen. In allen Unterlagen findet sich bisher nur der Name «Infiat». Die Hinzufügung des Wortes «Barat» (Weide) beweist die Absicht, in Chederah eine zweite Auflage des Falles von Caesarea zu veranstalten. Dieselben Araber, die jetzt Eigentums* amsprüche auf den Boden «Intiab erheben, haben seit jahren bei den Landwirten von Chederah auf denselben Poden als Lohnarbeiter gearbeitet. Die Mehrzahl der Araber dieses Gebietes lebt von ihrer Arbeit und dem Verdingen ihrer Kamele bei den Landwirten von Chederah. Die Muchtare der Beduinen haben die Infiat-Böden bereits in der zweiten Generation zur Saat und Bestellung gepachtet. Vor Jahrzehnten schon sind von den Jüdischen Besitzern auf diesen Böden Häuser errichtet, Brunnen gegraieu, Bäume gepflanzt und Felder bestellt worden. Die Ansprüche der Beduinen kommen daher ganz überraschend und ohne jede Unterlage. Es ist kein Zweifel, daß ohne die Aufhetzung berufsmäßiger Provokateure, die den primitiven Bedirnen goldene Berge versprechen, es diesen niemals in den Sinn gekommen wäre, solche Ansprüche zu erheben. * Der Bodenstreit von Chederah ist ein lehrreiches Exempel: er zeigt, wohin es führt, wenn das Prmz'p der Jüdischen Arbeit auf jüdischem Boden nicht eingehalten wird. In Chederah wurde nämlich der Boden der jüdischen Kolonisten zumeist von Arabern bearbeitet. Die Erscheinung, welche man nahezu als ökonomisches Gesetz ansehen kann, daß letzten Endes nur der den Boden behält, der ihn bearbeitet, kommt hier in krasser, aber bezeichnender Form zum Ausdruck. „Palästinaprodukte in alle Eine Konferenz in Tel-Aviv. ln Verbindung mit der vom 7. bis 30. April stattfindenden Palästinamesse wird in Tel-Aviv vom 11 bis 13. April eine Konferenz stattfinden, um der Bewegung «Palästinaprodukte für die jüdische Welt» frischen Impuls zu verleihen. Es werden vertreten sein: a) Vertreter der joalästinensischen Industrie und Landwirtschaft, die ihre Produkte bereits nach dem Auslände senden oder hoffen, bald dazu in der Lage zu sein; b) Vertreter der nationalen Organisation im Ausland, die an der Propagierung palästinensischer Produkte in ihren Ländern Interesse nehmen; c) Kaufleute aus dem Auslande, die bereits im Handel mit Palästinaprodukten in ihren Ländern tätig sind. Die Bewegung, «Palästinaprodukte für die jüdische Welt» ist berufen, bei Lösung der ökonomischen und finanziellen Fragen, die mit dem Aufbau der jüdischen nationalen Heimstätte verknüpft sind, eine bedeutende Rolle zu spielen. Es bestehen drei grundlegende Bedingungen für den Erfolg der Bewegung: a) Verbesserung der Landeserzeugnisse, ebenso wie Verbesserung der Verpackungs- und Transportmethoden, ein dringendes Erfordernis für die Konkurrenz mit anderen Gütern, b) Auslandspropaganda: Unseren Brüdern in anderen Ländern soll der Gebrauch von Palästinaprödukten zur ständigen Gewohnheit werden, c) Ständige und ununterbrochene Verbindung zwischen dem palästinensischen Erzeuger und dem Verbraucher und Kaufmann im Auslande. Kenntnis der Marktbedingungen und der Wünsche der Käufer. Die Konferenz wird ihre Zeit dem Studium »fieser drei Fragen widmen. Vorträge werden abgehalten werden über Probleme, die mit Exportfragen verknüpft sind. Besuche von Fabriken und Farmen um Tel-Aviv und im Gaül werden arran-