Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 61 (28.2.1929)
- Date
- 1929-02-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Februar mittags kam es in der Berliner Universität au Ausschreitungen nationalsozialistischer Studenten gegen sozialdemokratische und kommunisti- , sehe Studenten. Die Ausschreitungen trugen aber auch einen betont antisemitischen Charakter, indem jüdisch oder ausländisch aussehende Studierende belästigt und zum Teil mißhandelt wurden. Die Hakenkreuzler besetzten die Vohhalil/e'der Universität twld den öffentlichen Eingang, so daß es unmöglich war, das Gebäude zu betreten. Auch die Eingänge zu den Hörsälen wurden blockiert.,' Trupps von Nationalsozialisten', uniformiert und mit Hakenkreuzen geschmückt, zogen in Zweierreihen durch die Universität und provozierten aiäe Studenten, die jüdisch oder irgendwie ausländisch aussahen. Einzelne Juden oder Sozialisten wurden angepackt und in die Mitte der nationalsozialistischen Haufen geschleptt, wo sie irlßhändelt wurden. Die benachrichtigten Pedelle waren der Uebermacbt der Nationalsozialisten nicht gewachsen. Es konnten, nachdem die Mehrzahl der Mitlerianer die Universität verlassen hatte, nur noch drei Nationalsozialisten festgestellt werden, die nicht S tu d e n t e n, sondern von der Straße geholt worden waren. Aufreizung zum Pogrom in Deutschland straffrei; Aus Breslau wird berichtet: Vor dem Hirschoerger Landgericht wurden der 21jährgie Buchhalter Seidel und der 27jähiriige Lahmer aus Bolkenhain, die wegen Aufreizung zum Klassenhaß angeklagt waren, f r e i g e s p r o c h e n. Den Angeklagten war zur Last gelegt, anläßlich eines nationalsozialistischen Umzuges, der am 24. Juni 1928 in Bolkenhain stattfand, öffentlich zu Gewalttätigkeiten, vor allem gegen jüdische Mitbürger aufgereizt zu haben., und zwar besonders durch den Gesang eines Liedes mit dem Kehrreim: «Erst wenn die.Juden, bluten, wird Deutschland wieder frei». Die Angaben mehrerer Belastungszeugen ließen zweifelsfrei erkennen, daß ein Lied mit diesem Kehrreim wiederholt gesungen worden ist. Der Oberstaatsanwalt' hielt deshalb c!»n Tatbestand im Sinne der Anklage für er¬ Beachten Sie in dieser Nummer u. ä. folgende Aufsätze and Berichte: EL; «selbstverständlicher» Mord Wie ich den Zionismus kennen lernte. Von E1 i s c h e w a Das «preisgegebene» Kultuswahlrecht In Oesterreich kann ein Jude nicht Nachtwächter werden Miß Europa wünscht sich einen Jüdischen Mann .. Die jüdische Ehenot. Von Max Stern Das Erwachen der Filmindustrie in Palästina. Von J. Ben-Dow Theater bei den bucharischen Juden Aus dem Testament des Vaters Rosenthal. Von Vojtech Rakous Kunstchronik, Sport, Schach, Rätsel wiesen. Er beantragte je einen Monat Gefängnis. Eis erfolgte trotzdem Freispruch «mangels ausreichender Beweise». * Das Beispiel der Wiener Hakenkreuzierstudenten, einzelne jüdisch oder sonst «exotisch» aussehendc Hörer an den Hochschulen zu überfallen und zu mfß- .handeln, hat die Berliner nationalsozialistischen Studenten zu ähnlichen «Taten» angespornt. Freilich findet an der Berliner <*5® gleiche wohlwollende und akademischen Behörden wie in Wien. Nicht nur aiuf dem Gebiete des Universltätskrawalls, sondern auch auf dem ^es Justtoskandate Ist der «Anschluß» vollzogen. Auch in Deutschland ist Aufreizung zum Pogrom straffrei. In Oesterreich sind wir allerdings auf diesem Gebiete schon weiter; bei uns wird gegen Pogrom plakate nicht einmal die gerichtliche Verfolgung eingeleitet! Der „Schrei“ nach dem Numerus clausus Wie die antisemitische deutsche Presse mitteilt, hat der Allgemeine Studenten-Ausschuß der Universität Erlangen den folgenden Antrag der Fraktion des nationalsozialistischen Studentenbundes angenommen: Die Erlanger Studentenschaft fordert an sämtlichen deutschen H o c h s c h u 1 e n die Einführung des Numerus clausus für Nichtdeutsche, besonders aber für Studierende der j üd 1 s c h e n Rasse. Der Beschluß wurde dem Hauptaiwschiuß der Deutschen Studentenschaft und dem Kreistag zw sofortigen Stellungnahme übermittelt. (Die Studentenschaft der Universtiät Erlangen ist bekantlich die reaktionärste in ganz Deutschland.— Die Red.) Amerika weist aus Immer neue ^Maßregeln“ gegen die Fremden Aus New-York wird gemeldet: Das vom amerikanischen Kongreß soeben angenommene, von Johnson unterbreitete Gesetz über die A u s w e isang von Fremden ist das strengste seiner Art, das je in den Vereinigten Staaten in Geltung war. Nach dem neuen Gesetze werden alle auf illegalem Wege in den letzten fünf Jahren in die Vereinigten Staaten ein gewanderten Ausländer nachsichtsios ausgewiesen werden, wann und wo Immer man sie fassen wird. Außerdem sind für illegal Eingewanderte schwere Gefängnisstrafen vorgesehen. Fremde, die sich des Mädchenhandels, Schmuggels usw. schuldig machen, werden ausgewiesen, auch wenn sie 1 e g a 1 eingewandert sind. Die im redaktionellen Teil -befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. Warum ich auf der Friedenskonferenz hebräisch sprach Von M. M. Ussischkiti. Vor genau zehn Jahren, am 27. Februar 1919 erschien eine zionistische Delegation, bestehen aus Professor Dr. Weizmann, Nahu-m Sokolow und Ing. M. M. Ussischkin vor der Pariser Friedenskonferenz der Weltmächte, um die internationalen Garantien für die in der Balfour-Deklaration vorgesehene Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volle in Palästina zu v fordern. Seit dem Aufhören der jüdischen Staatlichkeit traten zum ersten Male Vertreter des f jüdischen Volkes vor einer! Mäclrteareöpag, um die Sache der jüdischen Volksgesamtheit zu vertreten. Für die Bedeutung dieses Aktes, dessen zehnten Jahrestages heute die Judenschaft der ganzen Welt gedenkt, ist es geradezu Symbol, daß Ussischkin die Forderungen der Juden in hebräischer Rede darlegte; die uralte Sprache der Juden erhielt damals nach vielen Jahrhunderten zum ersten Male wieder politischen Charakter. Die Bedeutung dieses Ereignisses legt ein Brief Ussischkins dar, den der zionistische Führer seinerzeit an die Zeitschrift «Maassaf» richtete. Ussischkin begründet in diesem Briefe, den wir hier wiedergeben, sein Auftreten vor der Konferenz der Mächte und die damit verbundene sprachliche Demonstration in lichtvoller Weise. * Sie bitten mich, Ihren Lesern auseinanderzusetzen, warum Ich auf der Friedenskonferenz in Paris hebräisch gesprochen habe. Als richtiger Jude will ich Ihre Frage ebenfalls mit einer Frage beantworten: In welcher anderen Sprache hätte ich sprechen sollen? Für mich ist es klar: wenn das Volk Israel nach 2000 Jahren der Zerstreuung zu neuem Leben erwacht, um ins Land.seiner Ahnen zurückzukehren, muß gleichzeitig die hebräische Sprache und die hebräische Kultur ihre Renaissance erleben, und, wenn ein Vertreter des Volkes Israel vor die Mächte der Welt tritt, um die Wiedergutmachung des schreienden Unrechtes zu verlangen, das Land zurückzufordern, aus dem Israel vertrieben wurde, so hat ein solcher Vertreter die Pflicht, in jener Sprache zu sprechen, die einst seine Vorfahren gesprochen haben. Die Renaissance des jüdischen Volkes ist nicht nur eine politische und materielle, sie Ist auch geistige und kulturelle Wiedergeburt. Es war daher notwendig, diese Hauptforderung vor jenem Forum zu demonstrieren, von dem in gewissem Maße die Verwirklichung unserer Forderungen abhängt. Wenn wir von der Wiederbelebungsgeschichte der verschiedenen Völker während der letzten Jahrhunderte lesen, z. B. von der Wiederaufrichtung Deutschlands, der Balkanvölker, Italiens und in den letzten Jahren — der Tschechoslowakei, Polens, Finnlands, Litauens usw.. so sehen wir, daß diese Erneuerungsbewegungen mit der kulturellen und geistigen Erneuerung beginnen und dann erst politische und wirtschaftliche Gestalt annehmen. So auch bei uns: die «Chibath-Zton»~Bewegung — später der politische Zionismus — beginnt mit der geistigen Auflebung, der Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Literatur. Ohne das hätte Herzl keine empfänglichen Anhänger und treuen Gefährten für seine Arbeit gefunden, ln dem