Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 59 (14.2.1929)
- Date
- 1929-02-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 69 PTg STIMME Sette 11 Scherz und Humor Die Perspektive. Rabbi Salman, der grolle und reiche Gelehrte von Posen, fuhr kv einem Vierspänner nach Art der grölten adeligen Herren. An seiner Seite hatte ein kleiner Chassid, der müde des Weges kam, Platz erhalten. Auf der Straße erblickten Bauernjungen den schönen Wagen und die jüdischen Insassen und begannen mit Steinen nacn ihnen zu werfen. Der Chassid meinte? «Wenn Maschinell kommt und sie im Vierspänner daherfaheen, dann sollen sie was erleben! Auch wir können Steine werfen!» «Halt ein,» wehrte der Rabbi ab, «es ist schon besser, wir fahren fto schönen Wagen und sie werfen die Steine.» Schach abedetgb Schwere Steine lasten auf dem Herzen von Abraham BuAban. Und manchmal scheint es ihm, daß es gar keine Steine seien, sondern Blutegel, kleine Blutegel, viele, viele, die im Ipnern seines Herzens leben; und zwischen ihnen ein großer Blutegel; er beißt und saugt sehr oft... Und zuweilen, wenn er zu saugen beginnt, möchte er in diesem Augenblick seine Hand in die Brust hineinbringen, um das Herz mit dem Blutegel herauszureißen. «Zweimal zwei sind doch nicht drei und auch nicht fünf, sondern vier ... Der Himmel ist oben, die Erde unten . . . Das dort ist das Gefängnis . . . Droben ist die Spitze der Kirche ...» . .. Er wollte sich damit selbst klar machen, daß er nicht wahnsinnig geworden ist, daß seine Urteilskraft noch gesund sei. Und das Wesen jener Begebenheit, wie ereignete es sich vom Anfang bis zum Ende? Oft, wenn er im Begriffe ist, seine Erinnerungen auf tauchen zu lassen, um die Ereignisse einzeln zusammenzufassen, schrickt und springt er vor dem Anfang des Vorfalles zurück. Er bemüht sich, mit Ereignissen, die noch vor diesem Geschehen sind, anzufangen: Im Grunde genommen blieb er hier zum Pessachfest provisorisch. Er hatte Karten direkt von Hamburg bis New York, sowie genügende Reisegelder. Die Sachen und Stubengeräte waren schon längst unter die Nachbarn verkauft; er brauchte sie nur den Käufern zu Ubergeben und von ihnen das Geld zu nehmen. Er hatte sogar schon von vielen Verwandten Abschied genommen. Warum zog er nicht bald naoh Purim aus der Stadt, wie es sein Bruder aus Newyork von ihm verlangte? Weil «er» zuerst ein Schuizeunls erwerben wollte. — Brauchte «er» etwa dieses Zeugnis? Und auch warum sollte er es verhehlen — auch seine Frau — es tat ihnen leid, sich von dem Orte, wo sie dl* meisten ihrer Tage begraben hatten, so schnell zu trennen. Viele, viele Tränen hatten sie hier vergossen, und oft war hier die Sonne über ihnen aufgegangen. Und ist denn sonst das Leben mehr als ein Schlauch von Tränen und ein einziger Strahl von Sonnenglanz? «Wenn wir nur bald nach Purim weggefahren wären! 0, die Blutegel saugen!» Leichten Schrittes geht er durch die Straße. Er hört das Klappern seiner Füße auf dem Pflaster und blickt in die Läden ohne Lust. Bald ist er seiner Phantasie unterworfen, und sie stickt ln seinem Innern ein Gewebe von Erscheinungen, weiche hätten kommen können. Eine Straße in Newyork. Zur Zeit der Abenddämmerung. Er und seine Frau kehren aus der Fabrik zurück. Nein, aus dem Geschäft. Ein großes Geschäft in der Straße. Ja, in der St. Louis-Straße. Er schaut auf die Hausnummern und seine Frau hilft ihm dabei. Sechshundertundvierundsechzig... und fünf... und sechs.., sechshundertsiebenundsechzigi Das ist unsere Nummer. Der dritte Stock, In diesem Augenblick käme «er» au« der Schule. Alle drei treffen sich an der Tür, Tafelrunde rings um den Tisch... Eine Mahlzeit. «Er», wie es seine Gewohnheit war, beginnt in russischer Sprache ein Lied zu singen» Wifi: XbiD« 2, T 4 * t» 1* L c% 8 Ir i Bei“ (7 Steine). Schwan: K f ,1, T.d 7, e 6, L a 8, f X B d 6, * . (7 Steine). WeiB zieht und setzt im zweiten Zagt matt. If. Marble. a b c d e t g h Weiß: K d 2, D i 2, S b 6, d 8, B b 2, b 5, h 4, h 3 (8 Steine). Schwarz: K e 4, B b 3, b 4, c 6, h 6 (5 Steine). Weiß zieht und setzt kn dritten Zuge matt. Lösung des Probiert In Nummer 58 Dreizüger: 1. Sb4—c2, Kf3 2. D«3f Kd5 2. Se7f Sf4 (gJ, g5) 2. Sf4f Sf2 2. Sh4 c3 2. Se5 Lg2 2. Dd4f m «0, Blutegel!» Er begann nach einer Bank zu suchen» Er fand eine und lehnte sich an sie, und sein Antlitz war naoh unten gekehrt. Es dünkte ihn, daß er, .wenn er sein Herz* fest an die Wand drückte, erleichtert'-aufatmen könnte. Einer der Passanten betrachtete ihn, wandte sich dann zu den anderen-Vorbeigehenden und zeigte mit dem Finger atrf den Liegenden. Abraham Bulban versteht, was dieser Finger zu bedeuten habe. «Zweimal zwei — vier. Da« ist die Spitze der Kirche!» Er fühlt, daß die Menschen ihn mit starren Auges ansehen. Er steht auf .und geht weiter. Und wieder versinkt er in seine Gedanken. Zögernd erlaubt er sich, aie letzten Ereignisse in seinem Gedächtnis zusammenzufassen. Unversehens geschah das alles! Er mußte zwar schon gehört haben, was in den anderen Häusern geschehen war. Er wußte zwar, daß alles in Lebensgefahr schwebte, aber der Ueberfall auf sein Haus kam plötzlich. Im ersten Augenblick sah er und stellte fest, daß die Streitkräfte nicht gleich seien, den die Mörder brachen in großer Menge ein. Nichtsdestoweniger gelang es ihm, sich einem im Hofe zu widersetzen, die Axt aus seiner Hand herauszureißen und die anderen aus dem Hofe zu vertreiben. Dieses alles war im Hofe, aber draußen fürchtete er: er fürchtete, daß sie ihn beschuldigen werden. «O, hätten sie uns lieber beschuldigt und alle ins Gefängnis gebracht. 0, Blutegel». Und wieder kann er nicht Herr seiner Sinne werden. Wider seinen Willen sieht er vor sich eine Menge von Möglichkeiten, die von seiner Phantasie gewebt werden: Wenn wir so täten, wir bekämen eine Gefängnisstrafe. Die Pogrommörder hätten unser Vermögen geraubt. Aber die Seele wäre doch sicher. Ein Urteil... e'ne Strafe... Freilassung .1.. Freude, Tröstungen. «0 Blutegel!» Und ab er sich dann an jenem kleinen Orte verbarg, er wußte, daß sein Sohn hn Hofe blieb, er hörte seine Stimme rufen: «Vater 1» Und er wußte, wenn er aus seinem Versteck antworten würde, so würde auch «er» sich dort verbergen können; und er wußte auch, daß die M#rder,/w*nn er einen. Laut von sich gäbe, im Hofe alles bemerken würden. UntJ von diesem Augenblick an wußte er nur, daß er eich versteckt hatte. Er wußte, daß er dadurch sein Leben rettete. Und er, er selbst, hörte die Stimme seines Sohnes, dis um Hilfe rief: «Vater!» Er möchte sich selbst in seiner Tiefe und in seinem ganzen Innern verstehen: Warum Ist er damals aus seinem Versteck nicht herausgegangen? Wahrlich, rein verstandesmäßig betrachtet, konnte er Ihn damals mit seinem Herangehen nicht retten, denn wenn er hinaudgegangen wäre, hätten sie auch ihn zusammen mit den anderen Im Hofe getötet. Aber dachte er denn damals etwa daran? War er denn ln jenem Augenblick fähig, verstandesmäßig zu entscheiden? Wa« frat denn das »r eine Stimme fr Ihhr' die ihn zu überreden suchte, seinen Atem zurückzuhaJtefi, daß mam von Nun nichts erfahre? Wer war er damals? Er? Atter er hörte doch die Stimme seines Sohnes, und er wollte ihn sicher retten, und er riß den Zipfe! von seinem Rock ab und verdeckte das Loch, damit sie ihn nicht bemerkten — ist das möglich? Oder befand er sich vielleicht in einem Zustand der Ohnmacht? Er entsinnt sich, wie er den schlechten Geruch in Versteck gespürt hat, er denkt daran, wie er «sein» Zetergeschrei gehör*, dann das Geräusch eines schweren Schlages — das Geschrei wurde jäh unterbrochen — hat er wirklich das alles gehört? «O Blutegell» Nein, beschließt er in seinem Innern, er hat es nicht gehört, er als Ganzes hat es nicht gehört. Nur ein Teil von ihm vernahm das alles, und dieser Teil gab ihm sicher den Anstoß, herauszugehen. Und'ein anderer Teil war in ihm, der ihn wie ein Teufel verleitete, sich zusammenzuschPimpfen, seinen Atem anzuhalten, das Loch zu verstopfen — und sich zu retten. Und manchmal scheint es ihm, daß dies nicht mehr als ein schwerer Traum sei; in Wirklichkeit aber kann so etwas nie geschehen. Jene Stimme, jene jähe Stille,, jener harte Schlag, das alles konnte unbedingt nicht gescheiten, während er verborgen war. Und er möchte gerne haben, daß es ein Traum sei. Er möchte in einen langen, ewig langen Schlummer versunken sein, daß er dann wieder einen anderen, guten Traum habe. Aber wieder durchrieselt ihn der Schmerz. Der Blutegel, der Blutegel läßt ihn,nicht schlafen. Und so scheint es ihm aueh, als ob jetzt^alles gleich sei, da es schon geschehen ist, und er kann das Rad nicht mehr nach rückwärts bringen. Er kann den vorgestrigen Tag mit dem gestrigen nicht vertauschen. Er möchte lieber alles vergessen. Alle jene Jahre, wo er einen einzigen Sohn hatte, waren nur ein Traum, ein angenehmer Traum und ein lügenhafter Zauber. Es ist Ihm alles eins. Er möchte nur sich selbst in seiner ganzen Tiefe verstehen. Wer ist et denn als Ganzes? Wer ist derjenige, der damals war?,.. Und in allen Tagen? Und später? Und Jetzt? Und morgen?... Er möchte sich selbst zergliedern, um es einfach zu wissen. Manchmal taucht in ihm der Gedanke aut: Id* kenne doch den Mörder. Ich kenne doch den, der daran schuld hat! Rache! Und er war einmal schon bereit, es ' zu tun. Alle Teile seines Ichs vereinigten sich zu einer einzigen Billigung und zu einem Plane. Er fühlte in sich genug Kraft, und fürchtete sich nicht vör den Fölgen. Und nur, wenn er schon ganz nahe daran war, ertöntö plötzlich in seinen Ohren ein «Haiti» mit dem Töne* der Stimme seines Sohnes. Und dann iSchie'n ihm, er habe gar kein Recht, sich an dem Mörder seines ’ Sohnes zu rächep, da ihm das Recht des Bluträchers nicht zusteht — und bald verließ ihn wieder seine Kraft Und auch das möchte er verstehen: Wer ist es, der in seinen Ohren flüstert, daß er dazu kein Recht habe? Wer ist denn der, er ihn an das erinnert, was er so gerne vergessen möchte? Und der Blutegel saugt und saugt... s , Und er möchte mit seiner Hand in das Innerste seine« Herzens greifen, um von dort den Blutegel mit dem Herzen heraiiszureißen... Jüdischer Sport Zehn Jahre Grazer Hahoah IV. Du Jahr 1928 brachte die Fußballfekion auf den Höhepunkt ihrer Leiftungsfähigkeie. Im Laufe der Zeit hat die Hakoah an ihrem jungen und überaus talentierten Nachwuchs gearbeitet, der jetzt zu den beften Hoffnungen berechtigt. Die Fußballmannnfchaften des Vereines haben zum Großteil jüngere Jahrgänge als Akteure, deren tedinifche und taktifdte Fähigkeiten aber fo weit gediehen find, daß die Kampfmannfdiaft der Grazer Hakoah als eine der ftärkften in Steiermark angefehen werden muß. Insbefopdere in Wien fdheint man die Spielftärke der Grazer Hakoah bei weitem zu unterfchätzen. Es wird nicht beachtet, daß Steiermark der ftirkfte Amateurverband Oefterreidis ift und daß das Wiener Amateurteam in Graz im Hcrbft des vorigen Jahres 4:0 gefchlagen wurde. Die vier erftplacierten Vereine der Grazer I. Klaffe, G. A .K., Sturm, Hakoah und Sportklub, find an Spielftärke den erftklaffigen ProfefTiopalvereinen Wiens, die tro Mitteltreffen rangieren, fo ziemlich gleichzuftellen. Io der abgelaufenen Mcifterfchaftsperiode befetzte die Hakoah den dritten Platz und hat ira laufenden Meifterfchaftsjahr die Möglichkeit, (ich weit günftiger zu placieren. Die Mannfchaft bat im Laufe des Herbftes bewiefen, daß fte in Graz den fchönften Fußball fpielt. Preße und Publikum find von der . gefälligen Spielart der Hakoahner entzückt. Nicht unerwähnt (oll bleiben, daß die beiden Mißerfolge des Herbftes gegen Sportklub und den G. A. K. lediglich auf den Umftand zurückzuführen find, daß die Mannfchaft während der ganzen Herbftfpltlzeit auf den Tormann der I. Mannfchaft, K r a u f z, der auch in der fteirifchen Auswahlmannfchaft mit (enfationellera Erfolg tätig war, verzichten und den Tormann der Refervemannfchaft einftellen mußte. Die Meifterfchaft 1928-1929 brachte vor allem eine Niederlage gegen den Sportklub, der durch Fehler des Erf<cztortnaAnei zu einem uuerhofften Erfolg kam. In einem Herausfordewcuf»’ Der Blutegel Erzählung von Jehuda Stelnberg (Aus dem Hebräischen von Oh. D, Löwi)