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Die Stimme · 1929-01-31 · Heft 57 (31.1.1929) · page 10

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Journal
Die Stimme
Volume
2 (1929)
Issue
Heft 57 (31.1.1929)
Date
1929-01-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Setfe te DIE STIMME Nr. 57 WISSEN / KUNST / LITERATUR Juden als Vertreter der Kultur in Rußland Von J. Bielinsky. Niemand wird leugnen, daß es in Rußland einen Antisemitismus gibt wie überall; aber, wie überall, (lindert er die Juden nicht im mindesten, einen wichtigen Teil lu den Wissenschaft:n, den Künst*»ii, cbm Theater und der Literatur m Rußend beirMrngen. Die Tätigkeit der wissenschüft’ichen Insticute hat in Rußland nicht nachgelassen, r.kht einnni in den Schrcck«*ns]ahren der Revolution und währen 1 des Bürgerkrieges. Die letzen Jahre der Ordnung und Ruhe haben einen äußerst fruchtbaren Wetteifer in allen Zweigen der wissenschaftlichen Tätigkeit hervorgerufen, dergestalt, daß das Land nun tatsächlich 1032 Forschungsinstitute mit 23.168 Gelehrten zählt. Wir besitzen nicht die Statistiken über die Anzahl der Juden in dieser Armee der Wissenschaft und können nur eine unvollkommene Uebersicht ihres Anteiles an den allgemeinen wissenschaftlichen, von jeder Politik unabhängigen Werke geben. Anfang dieses Jahres wurde der Akademiker A. Joffe aufgefordert, in Deutschland eine Serie von Vorträgen über die Fortschritte der P h y s i k zu halten; zur selben Zeit wurden auch die Akademiker Bernadtzky und Fersmann eingeladen. Ein großer Fortschritt in der Physik wurde von Professor Weinberg verwirklicht, welcher einen Apparat zur Nutzbarmachung der Sonnenstrahlenenergie erfand. Was die Ethnographie betrifft, muß zuerst auf die Leistungen von Professor L. Ster nberg hingewiesen werden, der im Jahre 1927 von der Akademie der Wissenschaften an die Spitze der ostasiatischen Forschungsexpedition gestellt wurde. Ebenso wurde er nach Japan geschickt, wo er ethnographische Studien betrieb. Die Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlichte er in einer Rtihe von Vorträgen an der Akademie der Wissenschaften in Leningrad. Seit der Nordfahrt des Eisbrechers «Krassin», der ausgeschickt wurde, um den üeberlebenden der verunglückten Expedition General Nobiles nachzuspüren, ist der Name von Professor Samoilowitsch, dem Leiter dieser Rettungsfahrt, populär geworden. Dieser jüdische Gelehrte widmete sich insbesondere den Studien über die Polarregionen und ist Direktor des Instituts für den Norden. Sein Bruder, ebenfalls Professor und bekannter Philologe, wurde 1927 von der Akademie der Wissenschaften nach Sibirien in das Land der Baschkiren und nach Uzbekistan geschickt, wo er sich in das Studium der D i a 1 e k t e mehrerer Völkerschaften (der Ouriaten, Baschkiren, Mongolen usw.) vertiefte. Seine Arbeiten haben den Zweck, die Einführung des lateinischen Alphabets in diesen Landstrichen und unter allen Völkerschaften türkischen Ursprungs, welche das russische Asien bewohnen, zu erleichtern. Im letzten Sommer wurde eine transkaukasische Expedition organisiert und der Führung des bekannten Geologen Lewinsohn-Lessing anvertraut In der O r i e n t a 1 i s t i k hat sich eine ganze Anzahl von jüdischen Gelehrten ausgezeichnet. In der Liste der Dozenten sind häufig Juden anzutreffen: Kogan, Minor, Joffe, Fersmann, L. Deutsch, und viele andere. Sehr bekannt sind die Arbeiten von F. Rosenberg und M. Z a h 1 m a n n im Asiatischen Museum der Akademie der Wissenschaften über die Hindu-Dialekte. An dieser Stelle dürfen wir die j ü d i s c h e A b t e i 1 u n g der Akademie nicht vergessen, welche eine wichtige Quelle für die Geschichte des Judentums ist. Dieselbe Aktivität zeigt sich in der j ü d ischenLitcratur. Seit der Revolution sind neue intellektuelle Kräfte aufgetaucht, begünstigt durch den minimalen Prozentsatz von wissenschaftlich nicht Gebildeten unter den Juden (nur 6 Prozent gegen 39 bei den Russen). Verglichen mit der russischen Presse (1837 Blätter mit internationalem Absatz von 16,087.297 Exemplaren) ist die jüdische Presse noch recht arm. Aber unter den Blättern der nationalen Minoritäten (es sind ihrer 337 und sie erscheinen in 49 verschiedenen Sprachen) nehmen die 28 jüdischen Journale und Revuen eine der ersten Stellen ein. Die jüdischen Schriftsteller sind in eitlem Verband organisiert, welcher einen Teil des Syndikats der russischen Schriftsteller ausmacht. Vor einem Jahre veranstalteten sie ihre erste Konferenz in Charkow. Manche von ihnen schreiben jüdisch, manche russisch. Unter den letzten möchten wir besonders auf einen sehr bemerkenswerten Erzähler, auf j. Babe), hinweisen. Die groteske Darstellung seiner Gestalten (besonders in den Geschichten, die das jüdische Leben in Odessa schildern), hat ihm einen der ersten Plätze unter den zeitgenössischen jüdischen Schriftstellern gesichert. Auch die «Alten» werden nicht vernachlässigt: Pcrez, Scholem-AIechem, Schalom Asch zählen Ta,usende von Lesern. Bei der letzten Ausstellung der Künste in Moskau wurde die jüdische Literatur in der Büchersektion durch mehr als hundert Bände präsentiert. Auch an den schönen Künsten haben die Juden einen Anteil, der nicht unbeträchtlich ist. Es war der Akademiker Kogan, der den russischen Pavillon bei der Pariser Ausstellung der dekorativen Künste im Jahre 1925 organisierte. Der Maler Sternberg, Leiter der Sektion der schönen Künste im Unterrichtskommissariat, errang bei mehreren Ausstellungen große Erfolge. (1922 mit Chagall und Altmann; 1927 im Museum für Geschichte der Malerei usw.) Nennen wir noch Checktmann, Davidowitsch, Katzmann, Perchmann, Nathan Pevsner (Kubist), Kaudinsky, Brodsky, Rabinowitsch (Theaterdekorationen) usw. Die Revolution der Theaterkunst (Inszenierung, Dekoration usw.) ist größtenteils den Juden zu verdanken. Es erwiesen sich als sehr bemerkenswert die Inszenierungen von Nathan A11mann und B. Erdmann im jüdischen Theater, die Dekorationen von R a b i nowitsch, die Arbeiten der Brüder Steinberg, die im Theater den reinen Konstruktivismus einführten und besonders die Tätigkeit der Regisseure T a iroff, Granowsky und Meyerhold, dank denen das russische und jüdische Theater ein ungeahntes Aufsehen hervorrief. Schließlich finden wir in der kinematographiach<s.q Kunst M. E i s e n s t e i n, der interessante Filme produziert, besonders solche nach den Werken jüdischer Schriftsteller wie Scholein-Aleichem. Unter den Schauspielern nennen wir den unvergleichlichen M i c h o e 1 s vom jüdisch-akademischen Theater und Rabinowitsch. Unsere rasche Uebersicht, die natürlich nur eine Skizze des Ganzen liefert, genügt wohl, um das Erwachen der russischen Judenheit zu illustrieren, die, nachdem sie ihre zahllosen Opfer beweint hat, nun wieder mit heißem Eifer an ihre Kulturarbeit herangeht. (Aus dem Französischen übersetzt von K. B.) Zur Verbreitung des hebräischen Buches Die Aktion des Keren Kajemeth. Der Keren Kajcmeth erwartet dieser Tage aus Palästina die erste Sendung von Büchern des Verlages «Dwir» und «Oman-uth», <fie er seinen Aibormenten nach Maßgabe der Einzahlungen zustellen wird. Die Abonnements auf «Dwir Laam» werden folganc Bücher umfassen: Berkowitz, Erzählungen und Dramen. Berkowltz ist einer der bedeutendsten Erzähler und Dramatiker der neubebnätschen Literatur und der berühmte Uebersstzer der Werke seines Schwiegervaters, Schalom Alejchem, in» Hebräische. 3 Bände Seiet HamaaBijoth, herau&gegeben von Mordeehaj ben Jecheskiel. Diese 3 Bände umfassen die berühmten «Masse Bichlech», deren Original hebräisch ist. Sie gehören zu den hervorragendsten Voikserzähhtngen des jüdischen Volkes überhaupt Erinnerungen von Perez und eine Serie der besten Erzählungen von Perez «Aus dem Munde des Volkes». 2 Werke von Asch, darunter das berühmte «Kidusch Haschern» (die Heiligung des Namens) und «Motke, der Dieb*. 1 Band Erzählungen von Jehuda Leb ö o r d o n, dem größten Dichter der Haskalah-Zeit, und 2 Bände Erzählungen von Schalom Alejchem in der Uebersetzttwig von Berkowitsch. Schließlich wind die erste Sendung alle bisherigen Ausgaben des Verlages «Omanuth» enthalten, dessen Uehersetzungen zu den klassischesten unserer neuhebräischen Literatur gehören. Die Bücher sind alle punktiert und hervorragend illustriert Unter anderem enthält diese Ausgabe eine zweibändige Erzählung von Sch. Benoton über den Auszug der Juden aus Aegypten. Dieses Buch stützt sich auf eine Erzählung von Ebers, ist jedoch von dem großen Erzähler Benzion, gemäß seinen außerordentlichen Kenntnissen unserer hebräischen Kulturwerke aller Zeiten, in hervorragender Art neu geschaffen. Das Interesse für diese Aktion des Keren Kajemeth wächst ständig. Ela interessantes jüdisches Bühnengastspie! fei Wien. Dem jüdischen Publikum Wiens stobt in kürzester Zeit ein Theaterereignis bevor. Die hervorragende Soubrette Esther P e r 1 m a n n, die als die ebenbürtige Kollegin der berühmten Mali Picon gHt und auf den jüdischen Bühnen Osteuropas und Amerikas als Stern erster Größe gefeiert wird, »st zu einem kurzen Gastspiel in Wien ein getroffen. Die Künstlerin hat soeben eine Turnee durch Südafrika mit rauschendem Erfolg beendet. In Südafrika wird für alle Bevölkerungsteile, gewissermaßen von Amts wegen, Theater gespielt; ein von der Regierung geförderter sogenannter Theatertrust vermittelt jeder in Südafrika wohnenden Nation ihr Theaten; auch für die zirica 40.000 Juden wird jüdisches Theater gespielt. Esther Pertmaiw war der Mittelpunkt des fetzen jüdischen TheatergastspWes fei Südafrika, das fei Johannesburg, Capetow» und anderen Städten des Dominion stattfand. Das größte englische Blatt Südafrikas, «Daily Mail* in Johannesburg, schreibt über ehe Künstlerin u. &J «Fräulein Perlmann,... cane Schauspielerin von bestrickendem Reiz und großer Begabung... spielt ihre Rodle so, daß keine andere Schauspielerin des Jüdischen Theaters mit ihr verglichen wenden kann.» Esther Perimann beginnt ihr kurzes Wiener Gastspiel in den Jüdischen Künstlerspie- 1 e n (Theater Reklame, 11., P-natetetraße 34) Freitag, den l. Februar, viertel D Uhr abends, mit einer ihrer Glanzrollen in der Operette «Berele Bosjak»; diese Aufführung von Samstag, den 2, bis emschßeüHch Montag, den 4. Februar, und Donnerstag, den 7. Februar, wiederholt Dienstag und Mittwoch (5. und 6. Februar) spielt die Künstlerin die Hauptrolle in der Novität «Goldene Paläste». In beiden Stücken spielt Isaak Deutsch die männliche Hauptrolle. Kunstchronik Der Dirigent und Quartettmeister Brodsky gestorben. Vof einigen Tagen ist 77jährig der Direktor der Königlichen Musik* Hochschule in Manchester Dr. Adolph Brodsky verstorben. Er bekleidete seit 34 Jahren ununterbrochen das Amt eines Konservatoriumsdirektors. 1851 in Taganrog in Rußland geboren, wurde er im Alter von neun Jahren nach Wien In das Konservatorium geschickt wo er unter J. Heümesberger studierte. Er gehörte dann dem berühmten Hellmesbcrger-Quartett an. Später war er Dirigent des Kiewer Symphonicorchesters, dann eine Zeitlang Professor am Leipziger Konservatorium ,wo er eine Anzahl der berühmten G ewandhaus-Konzertc dirigierte. Mit Hans Becker, Julius Klengel und Hans Sitt bildete er ein Quartett, das in Deutschland und im Ausland bedeutenden Ruf genoß. 1895 übernahm er die Leitung des Sir Charles Halle-Orchesters in Manchester und wurde gleich darauf zum Direktor der KöniglichenMusikhochschule ernannt 2f Jahre Hebräifchcr Sprachverein in Paläftina. Der Hebräifche Sprachverein in Paläftina hac in (liefen Tagen das Jubiläum feines ajjährigen Beftehen« begangen. Es wurde bei diefer Gelegenheit eine große öffentliche Kundgebung abgehaltcn, bei der Chaim Nachman Bialik die Felb rede hielt. In einer FcflGtzung wurde befchloffen, Publikationen für Ter m i nol ogi e des Ncuhebräifchen, namentlich in den Fächern Elektrizität, Botanik u. ä. zu veröffentlichen. Das Bureau wird nach T e l - A v i v verlege. Julius Rosenwald für deo hebräischen Verlag «Dwir»* Der bekannte Chicagoer Philantrop Julius Rosen wald hat Herrn Dr. Schmarja L e v i n während dessen Aufenthaltes in Chicago besucht und ihm eine Spende von 5000 Dollar für den von Dr. levio und dem Dichter Ch. N. Bialik in Palästina geleiteten hebräischen Verlag «Dwir» übergeben. Jacob .Goldblatt, ein bekannter russischer Maler, früher Professor an der Petersburger Kunstschule, ist in Wilna plötzlich gestorben. Eine ganze Reihe heute berühmter Künstler zählte zu seinen Schülern. In den letzten Jahren war er Leiter der Wilnaer jüdischen 2elehen- Staatsoper. Endlich eine Novität. Natürlich ist sic fünfzehn Jahre alt und natürlich ist es — Kapellmdstcrmusik, wenn auch einigermaßen kultivierte. Die fünfaktige komische Oper «Maruf, derSchustervan Kairo» des Direktors des Pariser Konservatoriums Henry Rabaud benützt eine "reizende Geschichte aus «Tausend und eine Nacht» (welche durch den Film «Geheimnisse des Orients» populär geworden ist); doch die Musik, in der Ddbussy, durch Massenet gemildert (oder besser: gemindert) erkennbar ist, hat wenig originellen komischen oder Märchencharakter; sie ist bloß technisch so sauber gearbeitet, wie es eben ein französischer Musiker tut, der sein Handwerk beherrscht Die Aufführung an der Oper übte um so weniger Wirkung, ats es — trotz Roll er scher Dekorationen — sehr prosaisch zuging. Herr K a I e n b e r g, der die Titelrolle sang, Ist stimmlich viel zu schwer für die Partie, ebenso Herr Manowar da; einzig Frau Schenker-Angcrer hat das leicht Schwebende in ihrem Organ, das hier nötig ist In einer Episode fiel Frau With durch große Stimmittel und darstellerische Begabung auf. —«tz. Neues Jüdifehcj Theater (Künftlcrkabarett, IL, Praterftraße (Jo). Wodicnfpiclplaat Freitag, den z. Februar, Erftaufführung „Die Bolfchewiken-Chafene“, Komödie mit Gefang in drei Akten von A. Wolf, Mufik von B. Pcrelmuttcr. Sarai* tag, Sonntag, Montag und Dienstag wird die Novität wieder holt. Mittwoch, den 6. Februar, „A Lebedige Welt". Donners* tag, den 7. Februar, „Ubgenartc Kales". Beginn der Vorftellungen halb 9 Uhr abends. j Jehuda Ehrenkranz, der Geh in Wien durch feine Vor* lefungen jüdifcher Dichtung einen guten Namen gemache hat, ift jetzt von einer Tournee durch die TfchccHönowakei zurückgekehrt, die dem begabten jungen Künftler großen Erfolg brachte. Ueber feine Vorlefung in Prag fchreibt u. a. Otto Puk In der „Prager Pretfc": „Beachtenswert die Schulung lein« fehr modulationsfähigen Jünglingsorgans, ohne daß die artilHfchen Fähigkeiten feine gläubige Hingabe an den primitiven Reiz und an das überall in der oftjüdifchen Dichtung überwiegende Menfchliche fchmälern würden." Ehrenkranz wird am 10. Februar wieder vor das Wiener Publikum treten; fein» Vorlefung findet diesmal in befonders geeignetem Rahmen, all Matinee im Theater in derjofefftadt, ftatt. Dar vollftändig neue Programm (Galuthfchilderungew, Arbeiterlieder, Humoresken) enthält u. a. Dichtungen von Afch, Perez, Schneit» und Morris Rofenfeld. Die kunftverftändige Gemeind«, dio Gcfe Ehrenkranz in Wien bereits erworben hat, wird die JMfefefedto dea KüofUer« Geher wärntfteas begrüßen.

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