Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1928)
- Date
- 1928-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Kaiitets-Wahdfoewegung »hat in den totsten Tagen bereits ein recht lebhaftes Tempo angenommen. -Zahlreiche ziotifexieche WäMcrversammlungen in verschiedenen Wiener Bezirken haben bereits stattgefitrniden, zahlreichere werden ihnen noch folgen. Dfe zionistischen Werbever sammln ngen weisen einen «ehr guten Besuch auf und die Redner, welche sich m sachlich-kritischer Weise mit den gegnerischen, wahlweribenden Gruppen au-seinandersetzen -und das zionistische KultnegemeiudcprogramTn voriegen, wunden lebhaft akfela-miert. In den Wäfcterverj&fifmfcjrigen der letzten Tage beschäftigte sich der xkmiafcrsche L-tetenftihrer Dr. De- Isider f r iedm a hn ndi den Kandidaturen der ^Werktätigen» und der cUmceM» imd führte unter ' owScrern aus: ' " r «Ich wurde schon oft gefragt, warum wir diesmal!k ein er lei Wahl -gern ei n 9 c h affdngegaugen sind. Die Frage ist falsch gestdH. Ste sollte laufen: «Warum sind wir wr vier Jahren mit der «Union» eine Wahlgemeinschaft eingegangen?» Die ErWäiwtg liegt in den damaligen Zeitverhältm’ssen. Mil ungeheuren Anstrengungen war es, w i cht z u I et z t durch das Verd ien«it de r z i o n i« t i sehen Ma nd«t a re, gelungen, das Schiff der Kultusgemeinde über die Fährnisse der Inflationszeit -heil hinwegzubringen. Das Jahr 1924 war wieder ein Kriset>jahr, das uns wegen der zahlreichen Geschäfts- und Banikemrusammerrbrüohe, bei denen unzählige Juden ihre Existenz verloren, für den Bestand der Kultusgemeinde ernstliche Besorgnis einflößte. Deshalb haben wir Be d e n -k « n schwerwiegender Natur zur fleh gesteift' und sind ein Wahikompwmß eingegangen. Wir wollten »och vier jaihrc zuwarten, bis sich die Verhältnisse der Kultusgemeinde stabilisieren. Heute sind wir «0 weit, heute ist es nicht mehr notwendig, daß irgendeine Partei Opfer ihrer Ueberzeugung bringt. Heute ist die Möglichkeit gegeben, daß jode Gruppe vor Ihre Wähler mit klarem, eindeutig entrolltem Programm tritt. Wir haben in der Watolgemeinschaft, die wir damals eingegawgem sind, nichts von unserer Ueberzetrgung eingebüßt. Bei utte gibt es keine Zwetepafltumg, keinen Zustand der inneren Zerrissenheit, wie z. B. bet den Werktätigen Juden. Es sind da« Leute, die sich offen zur Sozialdemokratie bekennen; sie nennen sich nur mit falschem Namen, weil sic sich als Sozialdemokraten nicht an der Wahl in die jüdische Kultwagemetede beteiligen können. Wie können Männer, die auf dem sozialdemokratischen Parteitag erklären tnäseen, daß Religion eine Sache ist, die sie nichts angeht, ato Vorsteher der Kuitusgemeinde für den Ausbau des Religionsunterrichtes eintreten? Dürfen die Wähler ihre Mandatare einem derartigen Gewissenskonflikt aussetzen, in den sie mit Zwangsläufigkeit geraten müssen, wenn sie etwa die Funktion eines sozialdemokratischen Delegierten auf dem Parteitag und eines Vorstehers der KultusgeroeLnde in einer Person vereinen? Die Last dieses inneren Zwiespaltes ist »a schwer, als daß man sie einem Menschen mit Verantwortungsgefühl aufbünden könnte. Bei ims ist doch die Religion ein Teil unseres jüdischen Wesens, bei uns deckt sich doch der ReHgionsbegriWf mit dem Volksbegriff, bei uns kann doch die Religion keine Privatsache sein. WUr körnten die Religion nicht, wie die Werktätigen es verlangen, auf ein Nebengeleise schieben, sic einem Ausschuß überlassen. Religion Ist doch etwas,, was eich vom Js4a.tenfe.iiti nietet wsgfteflta läßt. Wir sind keine TemjMSJndeft, wk sind V o 11 j u d e n immer und überall. Wir machen aber auch a«6 der Religion kein Wahlplakat, wie die Herren der «Un 1 o «», die aus der Relögkm einen Wahlschlager machen wollten. Diese Absicht tet Winen aber gnijitdlich vereitelt worden, seit ihre Repräsentanten öffentHoh gefragt wurden, worin eigentlich ihre Religiösität bestehe. Jetzt ist es merklich still geworden um die Religiösität der Herren von der «Union». Sie «haben dafür eine andere Enfetechung gemacht, nämlich, daß die Wiener Zionisten entdeckt haben, daß es ein j üd i 6 die s Volk gibt. Auch wenn di« Wiener Zionisten nkht von einem jüdischen Volk sprechen würden, 90 würde es ein solche« geben, in «der Geschichte, In der Literatur, in amseren Gebeten, itt den infematiofiaten Verträgen. Nicht ensar «feraeSti&cheft Rtfigiemsgesetisekafb fcstf Gott auf dem Beige Sinai die zehn Gebote -.. VOrKwinCä) dem jftäteefcen Volk lut er sich auter Feuetectefa offenbart. Dfe Sprache allein macht es nicht aus. Aber wir haben auch eine eigene Sprache. Das Hebräische läßt uns erst Eindringen in die Schätze unserer jüdischen Kultur. Bei uns ist zwirn Unterschiede von anderen «Konfessionen» erst der ein frommer Mensch, der «gelernt» hat. Nur der Gebildete kann «bei uns als wahrhaft fromm gelten, weil nur er imstande ist, in das Judentum ganz einaudringen. Auch wenn wir <im deutschen Kulturkrei« erzogen sind, so haben wir nicht aufgehört, der .jüdischen Kultur anzugehören. Die jüdische Wesensart kommt zu der deutschen Kultur noch hinzu und macht erst den Juden aus, mit seinen vielen Vorzügen und seinen besonderen Eigenheiten. Für uns ist die Frage Volk oder Nichtvolk längst in dem einzig richtigem Sinne gelöst. Es wird ein jüdisches Volk geben, wie Immer die Wahlemin die Wiener Kultusgemeinde aus fallen. Wir wollen aber dahin trachten, daß die Wiener Judengemeindc nicht den Zusammenhang verliere mit dem großen, j üdischen Volk, mit den 15 Millionen Juden, die in der Welt leben, wir, die Partei der jungen, tatkräftigen, mit jüdischen Idealen erfüllten Menschen, gegen die Partei der Alten, Beachten Sie In dtoeer Nummer u. a. folgende Aufsätze and Berichte: Sie haben Augen und sehpi nicht (Die «(gefährliche» jüdische Eigenart). Mauschel als Kutturhfotorlker. Von Dr. Jchoschua Herschdörfer (Krakau). Wie soll die erweiterte Jewlsh Agency ansaehen? Die «Unkma-Rellgion. (Von einem reUgtoeen Juden.) Sentimentale Täuflinge, Eine würdige RepubÜkfeier. «Eine schwere und heilige Bürde.» Die New Yorker Rede des Präsidenten Welz mann. Ehte* merkwürdige Transaktion ,2m Bettinas. Kaddtechmarkt In Sowjetrußland. Wahlgesang der «Union». Von K o rach. Die Vorherrschaft der Hokoah-Scbwimmer bedroht! Sport, Schach, Rätsel» unter deren Herrschaft die Kuftusgemeatde zu verdorren, m versteinern droht. Wir wollen den Weg finden zum Kl a 1 J i «s ra eil, das tet der Sfem des Kampfes um die KttlfossgemeAnde. Es ist völlig unrichtig, wenn die «Union» behauptet, daß sich der Wirkungskreis der Kultusgemeinde nur m der Sorge um die Religion erschöpfe, wie sie in ihren Warnungsversama- 1 u n g e » — Werbeversammlungen veranstaltet m nicht — auseinandersetzt. Die Kultusgemeinde ist längst über den einen Zweck des Kultus hinausgewachsen. Für S c h u 1 angelegenheiten oder Fürsorgeangelegenheiten beispielsweise leistet sie ein Vielfache« von den Beträgen, die für Kultus- und Ritus ausgegeben werden. Die Kultusgemeinde ist historisch ans der K e h i 11 a hervor gegangen, aus der j ü d i s c h en Volks-gemeinde in den kleinen Städten, aus denen noch mehr als 60 Prozent der Wiener Juden stammen. Die jüdische Gemeinde begleitet ihre Söhne und Töcb-; ter von der Wiege bis zum Grab. Nicht allein dt£ Ritus war es; üm den man sich kümmern mußte, fe der Hauptsache war es die Sorge um das Wohl der Gemeindemitgliedef, welche die jüdische Gemeinde stets bewegte. Die Entwicklung-der Wien©# Kultusgemeinde zur jüdischen Volksgemeinde hat sich von s.elba£ saUfczoge»; die jüdische Voikagemefade tot bereite da, wir brauchen sie flicht erst zu scäaftrfe n. Ein uns wesensfremdes Gesetz, gemacht vo« Leuten, die zum Judentum gar keine Beziehung hatte», kann die jüdische Volksgemeinde nicht mrfhalten. Int Statut der Kultusgemeinde ist sie mit ihrem mannigfachen Wirkungskreis bereits vorgesehen, die Zeit hat sie uns gebracht Unsere Aufgabe ist es, den Erfordernissen der Zeit gerecht zu werden, und alle Fragen, die uns als Juden berühren, in ihren Wirkungskreis einzubeziehen. Die «Union» behauptet, daß wir keine wirtschaftliche und soziale Eigenart haben. Wir Juden unterscheiden uns leider sehr stark in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht von der anderen Bevölkerung. Wir sind eingezwängt in den Zwischenhandel und in die Intelligenzberufe, und simi von dem Arbeiter- und Gewerbestand so gut wie aasgeschlossen. Die öffentlichen Aeifttw haben keinen numerus clausus meh^r, sie haben bereits einen uumems naOas für jüdische Beamte. Hier überall müsse» wir eingreifen. Ganz unmöglich ist die Haltung der «Union'» hi der Frage der sogenannten Minderheifes- 1 echte, die sie immer als geminderte Rechte hftastellen will, die geeignet sind, große Gefahren fiir die österreichischen Juden im Gefolge zu habe». Die Minderheitsrechte sind verfassungsmäßig festgelegt, sie sind eine internationale Verpflichtung, die Oesterreich eingehen mußte, und die nie im We^ der österreichischen Gesetzgebung, sondern nur r Zustimmung des Völkerbundes aufgehoben werde, kaiw. hn Wege des Gesetzes kann uns also keine >efabr drohe». Es sind A iqmenmärriiin, welche die «Union» da erzählt. Nur a«f dem Wege <ter Verwaltung werden uns ständig Ungerechtigkeiten angetan, wenp Juden beispielsweise keine Gewerbescheine, kein Heimatsrechft, keine Konzessionen, keine Aemter erhalten, wenn, wie zufällig, gerade für jüdisch Studenten keine Plätze auf den Hochschulen mehr Stei sind. Wir haben ein Recht darauf, -s