Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1928)
- Date
- 1928-10-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 OIE STIMME Seite 9 PALÄSTINA „hn Geiste des Mandates“ Der neue Oberkommissär von Palästina über seine künftige Politik. Aus London wird uns geschrieben: Eine Deputation der englischen Zionisten stattete dem neuen Oberkommissär für Palästina, Sir John Robert Chancellor, dei im November sein Amt antreten wird, einen Besuch ab, üb er brache, ihm die Glückwünsche der englischen Zionisten zu seiner Ernennung und trug dann eine Reihe zionistischer Angelegenheiten vor. In der eineinhalb Stunden währenden Besprechung, der ersten offiziellen Zusammenkunft zionistischer Delegierter mit dein neuen Oberkommiskär, wurde eine Arizaul von Palästinafragen erörtert. Was die Frage der Ei n v/ anderung betrifft, äußerte der Oberkommissär aus seinen langen Erfahrungen in Südrhodesia die Ansicht, daß etwa 1200Pfund Kapital für jeden Siedler erforderlich sein mögen. Die Delegation machte jedoch den Oberkommissär darauf aufmerksam, daß in Palästina andere Verhältnisse herrschen und daß vor allem durch die Tätigkeit der zionistischen Fonds auch die Einwandcrungsbedingungcn erleichtert werden. Die Delegation trug dem Oberkommissär die zionistischen Wünsche in bezug auf d':V Förderung der Einwanderung, Beschäftigung jüdischer Arbeiter beim Hafenbau und Zuweisung von Staatsländereien, ferner die Frage der Erziehungsverordnung und insbesondere die Besch w e rden wegen der Klagemauer vor. Sir John Chancellor versprach, die ihm übermittelten Wünsche der englischen Zionisten nach seiner Ankunft in Palästina nach Tunlichkeit zu berücksichtigen. Er betonte, es werde seine Politik sein, die Verwaltung Palästinas im Einklang mit dem Geiste und den Buchstaben des Mandate s zu führen. Er sprach die Hoffnung aus, daß seine Tätigkeit in Palästina dazu beitragen wird, die Bemühungen der Jevvish Agency zur Verwirklichung des großen Ideals, dem die Zionisten sich gewidmet haben, zu fördern. Palästina-Petitionen an den Völkerbund. In der 14. Session cL. Mandatskommission des Völkerbundes,, die am 2 6. O k t o b e r in Genf beginnt, werden drei Palästina betreffedde Petitionen zur Behandlung kommen: die Petition der Agu das Jisroel vom 4. Jänner 1928 und die Petition des Waad h-air haaschkonasi vom 29. April 1928, die beide das Gesetz über Kenesseth Jfisroel (organisierte jüdische Gemeinschaft Palästinas) betieffen. sowie die telegraphische Petition des arabischen Kongresses vom 24. Juli 1928, die dem Völkerbund durch die britische Regierung überreicht wurde und in welcher die Einführung einer demokratischen und parlamentarischen Regierungsform in Palästina gefordert wird. Berichterstatter über die ersten zwei Petitionen ist der spanische Delegierte Palacios, über die arabische Petition wird der Schweizer Professor R a p p a r d referieren. Um die Autonomie von Tel-Awiw Aus. Jaffa wird uns berichtet: Der Bezirksgouverneur des nördlichen Distriktes Palästinas übersandte in diesen Tagen, ohne sich mit der Stadtverwaltung von Tel-Awiiw in Verbindung zu setzen und ohne die Beschlüsse der städtischen Vertreterversammlung zu berücksichtigen, dem Magistrat von Tel-Awiw einen von ihm selbst für die Stadt aufgestellten Etat. Der Etat der Regierung schließt mit nur 43.000 Pfund (statt 60.000 Pfund, die von der städtischen Vertretervcrsammlung vorgesehen waren) ab und verkürzt die einzelnen Posten des städtisch e'n. Etats, ln den zur städtischen Verwaltung gehörigen. Kreisen ist eine Protestbewegung gegen diesen Eingriff in die Autonomie der Stadt Tel-Awiw im Gange. Die kanaanitische Stadt Hazor ausgegraben Dem englischen Professor G a r s t a n g ist es gelungen, die Stadt Hazor, die Hauptstadt des fcanaanitischen Königreiches Jabin, zu entdecken, das mit den Israeliten zur Zeit der Richterin Debora Krieg führte. Professor Garstang fand diese Stadt, die wie die Ausgrabungen bereits ergaben, stark befestigt und von riesigen künstlichen Wällen umgeben war, genau an der von der Tradition bezeichneten Stelle auf: südlich von K e d e s c h, am Treffpunkte der nördlichen Straße nach Damaskus mit der Straße nach Sidon. Import von Palästinaprodukten nach Oesterreich Das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich organisiert die ständige Einfuhr von Palästinaproduktion, .um sie in Oesterreich heimisch zu machen und ihnen einen neuen Absatzmarkt zu erschließen. Zunächst kommt der Import erstklassiger P a 1 ä s t i n a -Or a n g e n in Betracht; die ersten Früchte werden anfangs Dezember 1. J., also um C h anukkah. in Wien einfreffen. Die Durchführung dieser Aktion würde Herrn Joshua Oordon, gewesener Generaldirektor der «Messe des Nahen Ostens», in Tel-Awiw übertragen. Anfragen an das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich, Wien I.. Kärntnerstraße 28, Miszellen Die Keren Hajes-od-Eingänge im September. Im Hauptbureau des Keren Hajessod sind im Verläufe des Monats September an Spenden insgesamt 3 1.2 3-4 Pfund eingegangen. * In der jüdischen Kolonie Ness Ziona -in der Nähe von Jaffa ist von der Polizei ein kommunistisches Bureau mit Geheimdruck-erei atisgehoben worden. Acht Juden und zwei Araber wurden verhaftet. * Der aus Polen eingetroffene Führer der Linken Poale Zion, Zerubawel, sollte in Tel Awlw einen Vortrag in jiddischer Sprache halten. Die im Saale erschienenen Mitglieder des Vereines zum Schutze der hebräischen Sprache protestierten tumultuös gegen die Abhaltung des Jiddisch-Vortrages. Za-rutbawel erklärte sich Noch immer behauptet der gesündeste aller Sports sein Recht! DER HERBST IST DIE SCHÖNSTE ZEIT FÜR TENNIS ERSTKLASSIGE TENNISPLÄTZE II., TABORSTRASSE NR. 63 a, AUGARTEN TELEPHON NR. R-46-1-44 Hochmodern ♦ Zentralheizung ♦ Garderoben ♦ Schließkästen ♦ Kalte und warme Duschen ♦ Parkklub-Trainer ♦ Sorgfältigster Unterricht Bei Berufung auf die „STIMME“ Begünstigung Richard Herzog, II, Kleine Pfarrg. 28 / Tel. R 23-4-90 bereit, den Vortrag in hebräischer Sprache zu halten; die inzwischen erschienene Polizei, die einen Zusammenstoß befürchtete, löste aber die Versammlung auf * Der König von Aegypten hat einen ä i y p tls cto». palästinensischen Handelsvertrag ratifiziert, nach dem die aus Palästina nach Aegypten ein geführten landwirtschaftlichen und industriellen Produkte — sowohl diejenigen, die für den Verkauf Itt Aegypten bestimmt sind, als -diejenigen, die im Transifhar.del durch Aegypten in andere Länder gehen — einem Vorzugstarif unterliegen. Besondere Ee^.inimungen sind für den palästinensischen Tabak getroffen. * Die arabische Handelskammer in Haifa hat beschlossen, bereits jetzt bei der Regierung den Antrag zu stellen, daß beim Hafenbau in Haifa ausschließlich palästinensische Arbeiter beschäftigt und ein Arbeitsbureau eröffnet werde, das Informationen über den Bedarf an Arbeitern voröiffentlichen solle. in der ersten Woche des Oktober hat die Gruppe «Haschaohar», die bisher in Ruchama arbeitete, nach Ablauf ihres Vertrages mit der Anglo-Palästina-Company die Kolonie veriassen. Die Böden der Kolonie werden von der A. P. C. an einen Privatmann verpachtet, der wahrscheinlich die Bearbeitung des Bodens durch arabische Arbeiter vornehmen lassen wird. Auch die letzte noch in Ruchama verbliebene jüdische Familie des Kaufmannes, der acht Jahre dort ansässig war, wird die Kolonie in Kürze verlassen, so daß von einem U n t Qi!rg a n g dieser Kolonie gesprochen werden kann. * Emir Abdullah, der Herrscher Transjordanien«, wird, wie verlautet, in einigen Tagen eine Verordnung erlassen, laut der die transjordanischen Behörden ermächtigt werden, unerwünschte Elemente nach Pal äs s t i n a a b z u s c h i e b e n, wo sie der Kontrolle der palästinensischen Gendarmerie unterstellt sein werden. * Die Versuche, im Süden Palästinas unten den Bauern für die Hebung der Seidenraupenzucht Propaganda zu machen, sind erfolgreich gewesen. Ueberal-1 äst unter den Bauern eine Bewegung bemerkbar, sic-h diesem Zweig« der landwirtschaftlichen Tätigkeit zuzuwenden. Herren- und nameiMMettier noch Uno lijlcho Zfthlanir nach Uebaieiu < ommen. Jloltt&nimn K.«acÄB*€* Wien, VI., MariaWlferstraßo 107, Toi. B 27-2-38 WISSEN / KUNST / LITERATUR Von Büchern Emil Ludwig: Der Menschensobn (Geschichte eines Propheten. 1928. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin). Im Gedächtnis haftet, ein . vor mehr als 15 Jahren erschienenes Buch Ludwigs' über Richard Wagner, in dem das handfestbrünstig-inbrünstige Theater Wagners ausgezeichnet erfaßt ist, eine eindringliche Porträtskizze von Cecil Rhodes, eine demütige Goethe-Monographie, eine aufwühlende Napoleon- Epopöe. Das Buch über Bismarck und das über Wilhelm II. sind gutgemachte Historie. Der Geschichte des Stifters der christlichen Religionen, die Ludwig — nach seinem Mittelmeerbuch als das zweite Produkt seiner Reise ins Mediterrane — jetzt niedergeschrieben hat, fehlt der Mut zur Entscheidung, um selbst gut gemachte Historie zu sein. Es will Jesus den Menschen darstellen und versucht, „allen, die Jesus für eine erfundene Gestalt halten, seine Realität und Menschlichkeit zu beweisen“. Und noch etwas: „Ein Prophet soll geschildert werden, der der ganzen Mitwelt überlegen und doch nicht gev/achsen war.“ Schon diese im Vorwort formulierte Anlage zeugt von Unentschiedenheit: ist der Prophet Mensch von „magischem Wirken“, so bedarf es keiner Beweise für seine Realität, so wird er stets mit seinem magischen Wirken bewiesen sein, alles andere ist schlecht angebrachter Rationalismus. David Friedrich Strauß hat die Gestalt des Stifters der christlichen Religionen zu rationalisieren, Ernest Renan sie zu idealisieren versucht. Zwischen beide gerät Ludwigs Gestaltung, bei der es dem Leser vorkommt, als sei jede Zeile ängstlich. Der hebräische Schriftsteller und Universitätslehrer Klausner hat ein Jesusbuch geschrieben, das weit mutiger an das Prophetenproblem herantritt; der Italiener Rosadi hat vor etwa 25 Jahren ein Tendenzwerk über den „Prozeß Jesu“ geschrieben, das gewissermaßen die Juden zu „ewigen Verbrechern“ stempeln sollte und erst jüngst hat der Däne Nielsen ln einer großangelegten Schrift, „Der geschichtliche Jesus“, den Nachweis geführt, daß Jesus von den Römern, nicht von den Juden verurteilt wurde, da er nach jüdischem Gesetz überhaupt nicht verurteilt werden konnte. Zwischen allen diesen Tendenzen schwankt Ludwigs Buch hin und her, bald die Prophetie rationalisierend (er uennt das „psychologisches Ordnen“ der Widersprüche in den Zeugnissen über Jesus), bald die viclgelästeften Pharisäer idealisierend, bald die Prozeßsache In einen politischen Akt auflösend. Es bleibt ein merkwürdiges Unbehagen bei der Lektüre dieses Buches, ein Unbehagen, das sich vielleicht vom Autor auf den Leser überträgt. Nach einem „Jerusalem“ benannten Vorspiel, welches, nach des Autors Erklärung, „die geistige und politische Atmosphäre“ schildern soll, „aus der sich ein Prophet soll eher Art und Denkweise erheben konnte“, und das ein artistisches Meisterstück ist (wie sie literarischen Artisten dann und wann gelingen — es sei an Jakob Wassermanns Vorspiel zu den „Juden von Zionsdorf“ oder an Gerhart Hauptmanns Schilderung der Schiffskatastrophe in „Atlantis“ erinnert —), folgt eine Darstellung des Lebens Jesu, die nirgends Farbe hat (es ist, als ob Jede Farbe vermieden wäre), aber auch keine im Lesen bekommt. Ein eigenartiges Buch; es stimmt nachdenklich und regt — so bedauerlich das sein mag — zu belehrender Betrachtung an: ein unjüdischer Jude sollte keine Darstellung Jesu versuchen, sie muß fehlgeraten .... S. S. Der 24. Band «Hatekufah» (Die Epoche) ist, vom .Stybel-Verlag henausgegeben, in Berlin erschienen. Er enthält unter anderem einen Roman von Jakob Rabinowitz, eine Uebersetzungsprobe aus Dantes «Divina Commedia* von Ja-botinsky und Platens «Kriton» in hebräischer Übertragung von dem in Wien lebenden Schriftsteller Dr. Diesendruck, der in diesem Bande auch dem verstorbenen Oberrabbiner Dr. Chajes einen warmempfundenen Nachruf gewidmet hat, ferner literarische und dichterische Beiträge von Tschernichowski, Nahum Sokolow, Schofman und eine Reihe kritischer und wissenschaftlicher Aufsätze, darunter solche von Prof. Dubnow, Dr. Horod e c k i, Prof. Mann u. a. Der 25. Band «Hatekufah* wird als Jubiläumsband erscheinen. Die bibliographische Vierteljahrschriit «Klrlath Sepher», das Organ der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem, läßt soeben Band V, Heft 1/2 als Doppelheft erscheinen. Das Heft enthält: Nachrichten der Bfb-. azmumwmimk'rntiamm mmsMMü\wmM\mwwm* ZWISCHEN PETERSPLATZ UND TUCHLAUBEN TELEPHON 66-0-77 SÄMTL. ARTIKEL, ENTWICKELN UND KOPlOftSN I