Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1928)
- Date
- 1928-04-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Sc; DIE STIMMh Die herrlichsten Frühjahrs- Modelle aus edlem Material, feinst ausgeführt, in noch nie dagewesener Auswahl. Bekannt seriöse niedere Preise S cii ii h m o c! c n hd us Dorn II. I dborstrdßc Sei und an die Spitze dieses Arbeitekotnitees der bekannte jüdischsozialistische Politiker Abraham Schifflikow berufen wurde. Schifflikow ist der Führer der Organisation der Lederarbeiter, war lange Zeit Sekretär der sozialistischen Partei in Amerika und einer der vier jüdischen Sozialisten im Gemeinderat von New York. Er hat auch an der seit einem Jahre geführten Hilfstätigkeit für das arbeitende Palästina mit Erfolg teilgenommen. i "f i/. J h'ik * Dar bekannte sozialistische Führer und Theoretiker Dr. Eduard Bernstein, dar sich, 79jährig, nach last sechzigjähriger Tätigkeit mit Rücksicht auf sein hohes Alfer, aus dem politischen Leben zurückzieht; der sozialdemokratische Bezirksvorstand Berlin hat auf einem außerordentlichen Parteitag eine Dankeskundgebung für Bernstein veranstaltet, dessen Wirken die deutsche und die internationale Sozialdemokratie viel zu danken hat. Bernstein ist auch ein treuer Freund des Zionismus. Wie die jüdischen Intellektuellen Rußlands gegen die jüdische Kolonisation in Sibirien protestieren Vor einiger Zeit fand, wie der Moskauer ,,Emes‘‘ berichtet, in Leningrad eine stark besuchte Versammlung der dortigen Filiale der „Geserd", Gesellschaft zur Verbreitung landwirtschaftlicher Arbeit unter den Juden, statt, an der auch sehr viele Mitglieder aus dem flachen Lande teilnahmen. Es handelte sich um die Annahme einer Resolution, auf Grund welcher die geplante Siedlung in Sibirien anerkannt und auch werktätig gefördert werden soll. Nach Anhörung des Referates über das sibirische Siedlungsprojekt ergab die Diskussion ein, wie das genannte Blatt betont, recht eigenartiges Bild: Während die ganz unintelligenten Arbeiter und besitzlosen Dorfjuden sich bedingungslos für das offizielle Referat aussprachen, haben die in großer Zahl erschienenen Leningrader jüdischen Intellektuellen das Projekt einer geradezu vernichtenden Kritik unterzogen, wenngleich keiner von ihnen — so sagt „Emes" wörtlich — „den Mut aufbrachte, die Ablehnung des großen Projektes zu verlangen." Aber auch der weniger intelligente Zuhörer mußte nach den Reden der Opponenten, in denen unausgesetzt von „Zweifeln", „Unsicherheit“, „Bedenken" und ähnliche, die Begeisterung dämpfenden Vorbehalten die Rede war, von Zweifel an dem Wert des Projektes erfüllt werden. Und in der Tat wurde dann die Resolution trotz der Mahnung der Einberufer, sie einhellig anzunehmen, mit 20 Stimmenenthaltungen (es waren lauter Intellektuelle) von der Versammlung angenommen. Das ist im heutigen Sowjetrußland die einzige ungefährliche Art, eine Regierungsaktion abzulehnen. Die antisemitische Propaganda in Rußland Das Moskauer Organ des kommunistischen Jugendverbandes „Komsomolskaja Prawda" berichtet, daß in den letzten Tagen in den Straßen Leningrads und in Versammlungssälen antisemitische Proklamationen in Tausenden von Exemplaren verbreitet worden sind. Die Proklamationen wurden in einer Geheimdruckerei hergestellt; ihre Verbreitung begann nach einem Gottesdienst in einer Kirche, an welchem 1500 Personen teilnahmen und in der der Geistliche eine antisemitische Hetzpredigt hielt. Er rief den Gläubigen zu, sie mögen das Joch der „Unreinen" abschütteln. Ein Nationalverband der Bukowinaer Juden In Anwesenheit von 200 Delegierten aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung in Stadt und Dorf der Bukowina fand am 15. April der von der jüdischen Einheitspartei einberufene Judentag zur Gründung eines jüdischen Nationalverbandes für die Bukowinaer Juden statt. Den Vorsitz führte der frühere Deputierte Dr. Mayer Ebner, der die Notwendigkeit eines engen politischen Zusammenschlusses aller Juden des Reiches als ein Gebot der Zeit bezeichnete. Die Juden, erklärte Dr. Ebner weiter, sind Bürger dieses Staates, sie erfüllen ihm gegenüber getreulich alle Pflichten und sie wollen sie auch erfüllen, unabhängig von der zeitweiligen Ungunst der Verhältnisse, aber in der Hoffnung, daß mit der Demokratisierung Rumäniens auch die Rechte der Juden als Menschen, als Bürger und als Volk sich zur vollen Anerkennung durchdringen werden. Der frühere Senator Karl Klüger referierte über die Lage der Juden in Rumänien, Dr. Markus Krämer über Wesen und Grundsätze einer jüdisch-politischen Betätigung in Rumänien und Dr. Mayer Ebner über das Programm des Nationalverbandes, der die erste Etappe zur Gründung eines Reichsverbandes aller Juden Rumäniens werden soll. An die Referate knüpfte sich eine lebhafte Debatte, an der auch insbesondere Vertreter aus der Provinz teilnahmen. Unter stürmischen Ovationen der ganzen Versammlung wurden Doktor Mayer Ebner zum Präsidenten des jüdischen Nationalverbandes und die Herren Direktor Bernhard F 1 e m i n g e r, Karl Klüger und Dr. Markus Krämer zu Vizepräsidenten gewählt. Gewählt wurden auch eine 21gliedrige Exekutive und ein aus 150 Personen bestehender jüdischer V o 1 k s r a t. Eine neue Organisation religiöser Juden in Polen In Wilna hat sich eine neue Organisation religiöser Juden Polens unter dem Namen „A c h d u t h" (Einigkeit) gebildet, die sich im wesentlichen an die Ideenwelt der Organisation „Achduth" in Deutschland anschließt, sich gegen die Intransigenz der Agudah erklärt und eine Annäherung an den Misrachi, die Organisation der thoratreuen Zionisten, erstrebt. SIEGH. KORN JEHL, Groöflciscliliauerci Zentrale IX, Berggasse 19, Tel. 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten, Abteilungen für “i^-Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde Wien IX, Bprggasse 15 XVIII, Währln'.'erstrnße 97 Kleine Nachrichten Louis M a r s h a 11, Präsident des American Jewish Committee, hat für den neuen 10-Millionen-Dollar-Fonds, der für besondere jüdische Aufbauzwecke in Rußland bestimmt ist, eine Summe von 100.000 Dollar gespendet. * Im New Yorker jüdischen Viertel East Side brach an der Clintonstreet ein großer Brand aus, der mit riesiger Schnelligkeit um sich griff und auch die dort liegenden kleineren Synagogen vernichtete. Sieben Thorarollen sind bei der Feuersbrunst verbrannt oder beschädigt worden. Tausende von Juden umstanden weinend die Brandstätte, als die verkohlten Ueberreste geborgen wurden. * Jacob Fish man, der Chefredakteur der großen New Yorker jüdischen Tageszeitung „The Jewish Morning Journal", Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, feierte kürzlich seinen 50. Geburtstag und war aus diesem Anlaß Gegenstand zahlreicher Ehrudgen. Der New Yorker Politiker Dr, Henry Atkinson propagiert die Abhaltung einer religiösen Weltfriedensk o n f e r e n z. Er ist jetzt in Jerusalem eingetrofien, um bei den religiösen Führern in Palästina deren Teilnahme an einer im September d, J. in Genf stattfindendea Vorkonferenz zu erwirken. Leonhard L. Cohen, Vizepräsident der Jewish Colonisation Assoziation (JCA) und Präsident der Londoner jüdischen Armenbehörde in den Jahren 1900 bis 1920, feierte kürzlich seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar ist auch einer der Begründer der Liga der britischen Juden. Obwohl Nichtzionist, ist Cohen Mitglied des Economic Board for Palestine. In Berlin ist, 78jährig, Paul A x e 1 r o d, einer der Begründer der russischen Sozialdemokratie und neben Plechanow und Martow ein Führer ihrer menschewikischen Richtung, gestorben. MELLINGENS Wiener Heilteemischungen bei Zuckerkrankheit, Gallen-, Nieren-, Biasenstelnen und Magenlelden sind vorzüglich. Preis per Paket S 6*50. Postversand. Wien, XVII, iackwergasse Nr. 37/3, Am 14. April wurde in Moskau nach 23tägiger Verhandlung der Monstre-Prozeß gegen 42 Personen, meist Leiter der Moskauer Kreditanstalten, zu Ende geführt. Die Anklage lautete auf Mißbrauch staatlichen Kredites zu privaten Zwecken. Mehr als die Hälfte der Angeklagten waren Juden. Sieben Angeklagte, unter ihnen die vier Juden Gurewitsch, Kissin, Ratner und Weinberg, wurden zum Tode verurteilt. Die übrigen Angeklagten erhielten Gefängnisstrafen zwischen 6 und 10 Jahren. Das Recht, auf Grund des Amnestie-Gesetzes ein Gnadengesuch einzureichen, wurde den Verurteilten aberkannt. * In Paris trat am 12. April unter dem Vorsitz des Romanschriftstellers Schalom Asch der zweite Kongreß der jüdischen Studenten Frankreichs zusammen, auf dem die Vereinigung aller jüdischen Studentenvereine Frankreichs vollzogen werden sollte und auch tatsächlich zum Beschlüsse erhoben wurde. * Das litauische Ministerium des Innern hat dem jüdischen Rechtsgelehrten Professor Simon Beliazkin, welcher vor 8 Jahren an die Universität K o w n o berufen worden war, das Bürgerrecht abgesprochen und ihm die Ausübung der Advokatentätigkeit verboten. Der Grund für diese Maßnahme, die große Empörung hervorgerufen hat, scheint zu sein, daß Prof. Beliazkin sich jüdischer Beschuldigter, die wegen angeblichen Kommunismus verhaftet wurden, angenommen hat. In Polen erscheinen gegenwärtig, wie der Warschauer Publizist Nachman Meisel in einem Vortrage in Berlin ausführte, neben zahlreichen jüdischen Wochenblättern und Fachzeitschriften 16 jüdische Tageszeitungen, davon 3 in polnischer und 13 in jiddischer Sprache. m In der Nacht vom 17. zum 18. April ist der große israelitische Tempel in der Strada Socola zu Jassy durch einen Riesenbrand vollkommen zerstört worden. Der Schaden befragt mehrere Millionen Lei. Man glaubt, daß der Brand durch die Unvorsichtigkeit eines Tempeldieners entstanden ist. Der Oberrabbiner der asdhkcnasischen Judengemeinde von Sarajewo, Dr. Samuel Wessel ist, 56 Jahre ‘alt, gestorben. Wochen-Kalender April—Mal 1928 Gedenktage TK rrmn 26 Donnerstag Ö 1 27 Freitag 1C46 - der Historiker Dr. Wolf Brüll in Kojetein ähren) geboren. 7 - I 28 Samstag 1838 — der holländische Rechtsgelehrte und Staatsminister Prof. Tobias Asscr, Träger des Nobel-Friedenspreises, in Amsterdam geboren. 6 - n Hattarah t Habau Kiwne 29 Sonntag 1871 -- der Philosoph William Stern in Berlin geboren. 9 — fä 30 Montag 1796 — fsaac Adolphe Cr6miettx, französischer Staatsmann, Begründer der Alliance Israelite Universelle, in Nimes geboren. 10 — i Mai 1 Dienstag IL>2I — der hebräische Dichter Ch. Brenner in Jaffa von Arabern ermordet. 11 - 2 Mittwoch 186) — Theodor Herzl in Budapest geboren. 1684 — G:acomo Meyerbeer ln Paris gestorben 12 — y Der Kongreß der italienischen Zionisten, der erste seit 1920, findet am 10. Juni d. J. in Mailand statt. * In O 1 m ü t z fand am 14. April ein Parteitag der poale - zionistischen Organisationen Deutschlands, Oesterreichs und der Tschechoslowakei statt. Die Tagung faßte eine Reihe von Beschlüssen über die weitere Arbeit, u. ä. auch über das Verhältnis zu den zionistischen Landesorganisationen, sowie über die Zusammenarbeit mit der Liga für das arbeitende Erez-Israel. Die Konferenz beschloß u. a„ ein gemeinschaftliches Sekretariat der Poale Zion von Deutschland, Oesterreich und der Tschechoslowakei in Prag zu errichten, das auch die Redaktion des bisher in Wien erscheinenden Organes „Der jüdische Arbeiter" übernehmen und das Blatt als gemeinsames Organ iür die Partei der drei Länder führen soll. Österreich Elternfragen und jüdische Elternvereine Von Siegfried Abeies, Je gebildeter, je zugänglicher für den geistigen Fortschritt die Eltern sind, umso unsicherer fühlen sie sich häufig in Fragen der Erziehung. Bekleidung und Ernährung des Kindes, sexuelle Aufklärung und Berufswahl! Immer lauscht man ängstlich hinaus, was die Wissenschaft, die hier häufig mit Tagesströmungen und Modeschlagworten verwechselt wird, dazu sagt. Wo bestimmt unser eigenes Selbst die Erziehung unserer Kinder? Damals, als in den Schulen die Institution der Elternräte eingeführt wurde, jubelten die Eltern auf. Endlich sollten sie auf die wichtigsten Erziehungsbeeinflusser: Unterricht und Jugendspiel, Lehrer und Altersgenossen des Kindes selbst Einfluß üben können! Damals schuf Privatinitiative manche inoffizielle Elternvereinigung, vor allem entstand in den meisten Bezirken ein jüdischer Elternverein. Dieser bedeutete kein Sondergehertum, sondern entsprach einer natürlichen Notwendigkeit, gesellt sich doch zur allgemeinen Unsicherheit in den Erziehungsfragen noch eine speziell jüdische. Man will sein Kind dem Judentum erhalten. Viele Eltern sind sich aber voll bewußt, daß ihr eigenes Haus zu wenig und zu schwache jüdische Eindrücke bietet und daß draußen Schule und Kameradschaft, wenn schon nicht gefährdend, so doch gewiß nicht fördernd auf jüdisches Empfinden einwirken. 1 Nur diejenigen jüdischen Eltemvereine, deren Arbeit einer bestimmten Institution gilt, z. B. die Elternvereine des jüdischen Realgymnasiums XX. und des Vereins »Blau-Weiß«, haben eine klar umschriebene Aufgabe, gleich den Elternräten der städtischen Schule. Die allgemeinen jüdischen Elternvereine aber stehen mit der Schule in keiner Verbindung und können daher dort kaum irgend welchen Einfluß auf die jüdische Erziehung erreichen, auch nicht auf dem Umwege der Kultusgemeinde, die selbst oft Schwierigkeiten hat, beim Stadtschulrat ihre Forderungen durchzusetzen. Hier gab es keine bestimmte Aufgabe und nur allzubald flaute die große Begeisterung ab und die meisten dieser Elternvereine wurden nahezu untätig. Daß sie an den jüdischen Feiertagen Festlichkeiten oder Belustigungen für ihre Kleinen veranstalten, kann nicht als entsprechende Kraftentfaltung gewertet werden. Zwei Elternvereine aber, der des II. und der des XX. Bezirkes, erhalten große, mustergültige Bibelschulen. Da ihnen nun die Kultusgemeinde diese Sorge immer aus der Hand nimmt, suchen sie nach neuen Aufgaben. So hat der letztgenannte Verein erst vor kür-