Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1928)
- Date
- 1928-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 DIE STIMME ^cite 5 Der Zionismus — das aktive Prinzip des Judentums Von Professor Theodor Lessind. (Nach einem Gespräch.) Die Stellung des Judentums in der Geschichte erscheint mir ganz einzigartig. Das jüdische Volk ist das einzige, das durch sein Schicksal, nämlich die Zerstörung des Staates und des geistigreligiösen Zentrums am 9. Ab, in die Lage versetzt wurde, als Volk ohne Staat zu leben, gleichzeitig seine nationale Eigenart zu bewahren, dabei aber Staatsbürger unter den verschiedensten Nationen und als nationales Element Träger übervölkischer Werte zu sein. Ein solches Schicksal birgt Gefahren in sich, zugleich aber auch die herrlichsten Möglichkeiten, die sonderbarsten Konstellationen: höchste Verpflichtungen gegenüber der Gesamtheit der Völker. Als die Juden, märtyrerhaft gehetzt, in ein mystisches Geschick hineingestellt, in die verschiedenen Länder Europas kamen, traten sie in Agrarländer ein. Sie selbst konnten nur vermitteln, Mittler sein zwischen den bodenständigen Nationen. Inzwischen hat sich dieses Völkerbild verändert. Die Industrialisierung, Mechanisierung, Kasernierung, Proletarisierung hat ständig Fortschritte gemacht, sodaß man behaupten kann, daß Europa heute sich in der gleichen Situation befindet, in der die Juden vor etwa 500 Jahren waren. Damals lebten die Juden von der Welt abgetrennt, hinter Ghettomauern. Man kann sagen, daß inzwischen eine Art Verjudung eingetreten ist; denn unsere Großstädte sind nichts anderes, als riesenhaft erweiterte Ghettos, insbesondere für das Proletariat. Die Kinder des Proletariats wachsen fast ohne jede Verbindung mit der Natur auf. Die agrarische Bevölkerung ist dünner geworden. Alles treibt Handel in den Städten. Wenn Bakterien in irgend einen Organismus gelangen, so erzeugt dieser Organismus Gegengifte, Antitoxine und wird gegen diese Bakterien immun. Nachdem der Organismus immun geworden ist, kann man durch sein Serum an anderen Stellen des Organismus diese Krankheiten besiegen. Das Judentum war gezwungen, Gegengifte auszubilden gegen Schädigungen, die heute oder morgen Gefahren für ganz Europa sein werden. Damit erkläre ich mir die Wirkung und Bedeutung des Judentums für die Gegenwart. Es wäre ganz falsch zu glauben, daß es eine besondere jüdische Intelligenz, einen besonderen Ueberfluß an Talenten, eine besondere jüdische geistige Einstellung gibt. Es handelt sich nicht um eine spezifische Volksbegabung der Juden, sondern nur darum, daß die Völkersituation des Judentums heute bereits absolviert, d. h. hergestellt ist, während die anderen Nationen sie erst zu absolvieren haben. Damit hängt auch die Führerschaft des Judentums im Sozialismus zusammen und das, was wir Revolution nennen. Man hat von den Juden gesagt, sie seien e i n V o 1 k (ohne Boden) auf Telegraphendrähten. Heute kann man dies vom Proletariat fast sämtlicher Nationen Europas sagen. Hierin ist das Judentum in gewissem Sinne vorbildlich. Seine Mission scheint darin zu bestehen, daß es in sich Konflikte und innere Widersprüche ausgleicht, die in einem späteren Zeitpunkt auch an alle anderen Völker herantreten werden. Im Sinne dieser Priorität ist die Situation der Juden nicht ungünstig, zumal der Nationalstaat zwangsläufig verschwinden wird, womit nicht gesagt ist, daß die Nationalität, die Nation verschwindet. Spüren wir dem Sinn der Menschheitsgeschichte nach, so werden wir es für notwendig1 erachten, daß , dasJudentum sich zunächst alsNation hält, ohne darum etwas von jenen Gesetzen und Normen aufzugeben, die aus ihm hervorgegangen ünd für alle anderen Nationen gültig sind. Der Jude ist auf die Schneide eines Gegen* satzes gestellt, der alle anderen Nationen bewegt. Dem Judentum scheint die Aufgabe überantwortet, zu zeigen, daß man Sozialist, Träger der sachlich geforderten objektiven Ziele sein kann, ohne den Zusamm enhang mit Blut und Boden zu verlieren; weiters die Mission, zwischen europäischem und asiatischem Lebensgefühl zu vermitteln. Damit ist eine rückläufige Bewegung nach dem Osten, nach dem Orient inauguriert. Den Juden ward es früher gegeben, die auf dem Boden Asiens entstandenen Werte der Religion und Ethik nach dem Westen zu bringen, indes nunmehr eine rückläufige Bewegung zu konstatieren ist, indem jene heute wieder die Methoden der Technik. Industrie und Geldwirtschaft dem Orient zugutekommen lassen. Diese neue Arbeit des jüdischen Volkes ist von höchster, kultureller Bedeutung. Zionismus eine Weltanschauung? Nein, Der Zionismus ist für den Juden Tatsache. Zionismus heißt Judentum. Im heutigen Stadium der allgemeinen kulturellen Entwicklung und der besonderen des Judentums ist der Zionismus identisch mit dem Judentum. Ob religiöser oder kultureller Zionismus - in allen seinen Nuancen ist er identisch mit der Festhaltung des eigenen Typs. Eine andere Möglichkeit, seine Art zu bewahren, solange es Nationalstaaten gibt, als der Zionismus ist undenkbar, da dieser allein den Juden die eine Etappe der Geschichte, nämlich auf eigenem Grund und Boden zu stehen wie die anderen Nationen, gewährleistet. Diese Rückkehr ist welthistorisch für den Juden notwendig. Wenn das Judentum sich ein Ziel setzen sollte, so gibt es kein anderes, kein anderes Ideal als den Zionismus, Denn was ist der Zionismus anderes als eine Fortsetzung der Werte und Ideale, die das Judentum seit seiner Existenz der Welt gegeben und festgehalten hat, Zionismus ist das, was ein Volk zum Volk macht. Er ist keine Mystik, kein Fatalismus. Er ist das aktive Prinzip des Judentums. Diese Erkenntnis ward mir in einer kritischen Epoche meines Lebens: in den Neunzigerjahren, da im Judentum für den westlichen Europäer kein einziges Moment war, das einen temperamentvollen, nach Idealen hungrigen jungen Menschen hätte begeistern und packen können. Für mich (und für die große Schar meiner Altersgenossen) war das Judentum ein farbloser, fremder Begriff. Und es gab für mich keinen Grund, Jude zu sein, wenn mir nicht im Zionismus eine unerhörte Kraft entgegengetreten, wäre. Zum ersten Male stand ich vor der Tatsache, daß es auch ein selbstbetontes und würdevolles Prinzip unter den Juden gibt, wodurch mit einem Male das Wesen des Judentums in einem neuen Licht erscheint. Es war die Tat Theodor Herzls. Theodor Herzl habe ich mein Judentum zu verdanken. Er hat uns alle gerettet. Wir konnten das Völkererlebnis des Zionismus in uns und an uns selbst erleben. * Prof. Theodor L e s s i n g, dessen Einstellung zum Zionismus, wie aus seinem vorstehenden Beitrag ersichtlich ist, ein innerstes Bekenntnis bedeutet, sprach als Gast des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich Samstag, den 21. April, * < * GELBAND & Co, WIEN IX. Grundlstr. 5 Telephon A-19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ► ► *► ► ►!► im Festsaale des Hotel Continental über „M arxundHerz 1". Au.f den ersten Blick schien eine Gegensätzlicihlkeit der Weltanschauungen gegeben, begründet in der Gegensätzlichkeit der Temperamente und Ziele. Die These „Hie Sozialismus, hie Zionismus" wurde aber vom Vortragenden in überaus geistreicher und überzeugender Art in eine Sphäre verlegt, in der völkergeschichtlich diese Unvereinbarkeit aufgehoben wurde. Die singulären Erscheinungen Marx und Herzl zeichnete Theodor Lessing als Exponenten des jüdischen Geistes, deren Reichweite beide Pole umfassen könne. Der Zionismus bedeutet als Ziel die nationale Umschichtung, die Wiedergewinnung des nationalen Staates, also zunächst die Rettung des Judentums als nationale Einheit. Dieses Stadium ist nach den Ausführungen Lessings wichtig für die künftigen Entscheidungen des jüdischen Schicksals, das sich im Sinne der anderen Völkerschicksale erfüllen müsse. Es ist, solange es Nationalstaaten gibt, eine Basis, eine Notwendigkeit zunächst zur Erhaltung des eigenen Typs, letzten Endes aber ein Uebergang zur übernationalen, sozialistischen Völkervereinigung, Derart gesehen, halben beide Männer der Menschheitsgeschichte die mächtigsten Impulse gegeben, völkergeschichtlich in Europa die mächtigsten Bewegungen hervorgerufen. Als geistige Führer und Wegweiser der Zukunft erscheinen in ihnen die wesentlichsten Merkmale jüdischer Geistigkeit wundervoll kristallisiert. Zionistische Bezirkssehtion Hietzing Donnerstag, den 26. April 1928, präzise halb 9 Uhr abends Festsaal des „Kaiserstöckl“ XIII., Am Platz 1 (Linie 10, 58, 59, 60 der Strassenbahn, Haltestelle Hietzing d.Stadtbahn) VORTRAG: Dr. Desider Friedmann: „Nationale Autonomie und die Friedensverträge“ Oskar Beregi, Gastkonstiem. „Komödie" „Rezitationen“ Das Präsidium: Dr. Franz Kobler/Gustav Jakob Dr. Sigm. Sonderling TUCHHANDLUNG „ZUR SCHÄFERIN“ ALBERT HARDT WIEN I. FREISINGERGASSE 1 (Ecke Bauernmarkt) Original englische Damenmäntel- und Herrenmodestoffe Seinen zweiten Vortrag hielt Prof. Lessing Sonntag abends als Gast des Jüdischen Hochschulausschusses iilber das Thema ,,D i e P sy 0h oJ olgiä e des jüdischen Radikalismus". Einleitend gab der Vortragende eine Definition des Begriffes Radikalismus, der nichts anderes ist, als das Streben, in die letzten Fasern des Daseins zu dringen. Der geistige Radikalismus im Judentum ist doppelter Natur. Einerseits ein logischer Radikalismus des Urteils und andererseits ein sozial-moralischer Radikalismus des Willens, Ein typischen Beispiel für den logischen Radikalismus ist das talmudische Denken, für den sozial-moralischen Radikalismus der alttestamentarische Prophetismus. Die heute herrschende Universitätsphilosophie und die Mathematik wären ohne Mitwirkung des jüdischen Geistes nicht mehr zu denken. Die moderne Mathematik, soweit sie nicht mehr an die raumanschauliche Vorstellbarkeit gebunden ist, ist durchaus jüdische Schöpfung. Zum Beweise des sozialen und ethischen Radikalismus im Judentum diene die Rolle, die dieses in der sozialen Revolution spielt. Von Lassalle bis Trotzky entstammen die größten Geister der nihilistischen Ideologie dem Judentum. Das jüdische Denken ist immer auf die Wirklichkeit, auf den Optimismus, gerichtet. Das jüdische Volk hatte Jahrhunderte hindurch nichts zu verlieren, war macht- und rechtlos und deshalb ein Ferment der Unruhe und der sozialen Revolution. Die Wurzel des Lebensbaumes des jüdischen Volkes hat Jahrhunderte in einem dumpfen Keller, im Ghetto gewuchert. Deshalb sind auch die Aeste 'übermäßig lang, das Logos ist übermäßig stark entwickelt. Es ist aber eine neue Kraft am Werke, die Wurzel des jüdischen Lebensbaumes' zu stärken, der Zionismus. Das Problem ider Nation ist mit dem Boden unlöslich verbunden und 'deshalb ist der Zionismus das sicherste Zeichen, diaß das jüdische Volk lebt. Ein allzu oiienes Wort „Wir hatten alle Hände voll zu tun, wollten wir jede einzelne Verletzung der Minderheitsverträge in Europa zum Gegenstände unserer Kontrolle machen" — das war die Antwort, welche der amerikanische Staatssekretär des Aeußeren, Kellogg, auf eine Interpellation gab, in welcher die Regierung aufgefordert wurde, bei den Anleihe Verhandlungen Rumäniens in den Vereinigten Staaten, ähnlich, wie sie es schon in anderen Fällen getan hatte, gewisse Garantien gegen eine Wiederholung der antisemitischen Vorfälle in Siebenbürgen zu verlangen. Der Staatssekretär hätte eine mehr „diplomatische" Antwort geben können, denn die Anleiheverhandlungen Rumäniens werden mit Privatbanken geführt. Aber Mr. Kellogg war geradezu ungewöhnlich offen; er hat geradeheraus erklärt, daß die Vereinigten Staaten die Minderheitsverträge, an deren Schaffung sie, wie noch in allgemeiner Erinnerung steht, hervorragenden Anteil genommen haben, verleugnen. Diese verblüffend brutale Erklärung hat in den Vereinigten Staaten seihst, wo gewaltige Massen an „Fremdennationen’* leben, ungeheures Aufsehen gemacht und die amerikanische Regierung ließ nachher die Offenherzigkeit ihres Außenministers ein bißchen verzuckern, indem gesagt wird, Amerika werde „seiner Tradition treu bleiben" und „eklatante Fälle von Ungerechtigkeit gegen die Minderheiten sicher nicht unbeachtet lassen". Das sagt nicht viel und klingt schön. Die Politik der „Nichteinmischung" ist eine bequeme Politik. Vor fünfundzwanzig Jahren wurde die amerikanische Tradition anders gehandhabt (man denke nur daran, wie die Vereinigten Staaten damals gegenüber Rumäniens aufgetreten sind) und vor zehn Jahren noch war der Repräsentant der amerikanischen Freiheitsideologie Wodroow Wilson. Heute ist es Kellogg; er hat ein offenes Wort gesprochen: es paßt die Freiheitsideale dem Anleihegeschäft an. Jüdischer Arbeiterkongreß in Amerika Auf dem vor kurzem in Chicago abgehaltenen Kongreß der iPoale Zion in Amerika, wurde unter anderem auch eine Resolution angenommen, in welcher die Notwendigkeit eines allgemeinen jüdischen Arbeiterkongresse» in Amerika betont wird. An diesem Kongreß sollen die Vertreter aller Richtungen der jüdischen Arbeiteibewegung in Amerika teilnehmen. Der Kongreß soll sich mit den in der letzten Zeit zwischen den einzelnen Arbeitergruppen in den Vereinigten Staaten aufgetauchten Problemen und Gegensätzlichkeiten befassen und sie nach Tunlichkeit bereinigen. Ferner soll die Stellung der jüdischen Arbeitergruppen zu den verschiedenen gewerkschaftlichen und sozialpolitischen Fragen Gegenstand der Beratung bilden. Einen besonders wichtigen Punkt der Tagesordnung bildet die Regelung der Arbeit für das arbeitende Palästina. Diese konstruktive Hilfstätigkeit für Palästina soll intensiver und einheitlicher gestaltet werden als es bisher geschieht, Di« Idee eines jüdischen Arbeiterkongresses in Amerika hat, wie aus den jüdischen Blättern hervorgeht, nunmehr greifbare Formen angenommen, indem ein vorbereitendes Komitee zur möglichst raschen Durchführung des Kongresses eingesetzt