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Die Stimme · 1928-04-26 · Heft 17 (26.4.1928) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 17 (26.4.1928)
Date
1928-04-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 17 Noch deutlicher wird „Corriere dTtalia“, der nachdrücklich betont, daß Italien seine Hand niemals vom Heiligen Lande zurftckziehen werde. In Palästina leben mehrere hundert Italiener, deren Interessen gleichfalls die italienische Hilfe erheischen. Aber hievon abgesehen, ist Italien heute eine katholische Macht und der gesetzliche Erbe der Republiken Venedigs, Genua, Pisa tmd Amalfi sowie der Königreiche Neapel und Sardinien. Es sei daher Italiens Pflicht und Recht, die Rechte und das Prestige der katholischen Kirche ijn Heiligen Lande zu beschützen. Was Gro»ßbritannien gegenwärtig in Palästina vollführe, sei bloß eine künstliche Sache. England könne unmöglich das Christentum in Palästina vertreten. Dieser auffallend energische Ton der italienischen Regierungspresse wird in römischen Kreisen als ein außenpolitischer Akt des Faschismus angesehen. Die faschistische Außenpolitik umfaßt auch weitgehende Pläne im Orient, in denen Palästina durchaus keine nebensächliche Rolle spielt. In der letzten christlichen Osterwoche wurden in den meisten katholischen Ländern von den höchsten Kirchenfürsten an den unteren Klerus Zirkularnoten versendet, in denen die Geistlichkeit auf gefordert wird, anläßlich der großen heiligen Woche sich bedeutsamer Werke der Liebe zu befleissigen. Als das höchste, der katholischen Kirche wohlgefälligste Liebeswerk wird die Bekehrung der Juden bezeichnet. Die Gleichzeitigkeit dieser Aktion beweist, daß sie von der obersten Stelle der katholischen Kirche für die Osterzeit anbefohlen wurde. Gegenwärtig befindet sich das Zentrum der katholischen Judenmission, wenn von Rom abgesehen wird, in Budapest. Da erschien auch in der Osterwoche die erste Nummer einer Zeitung, mit dem Titel „Magyar Sion“, die sich „Organ der ungarländischen Konvertiten und der christlichgläubigen Juden“ nennt, und von den angesehensten ungarischen Kirchenfürsten geleitet und redigiert wird. Kein Geringerer als der Bischof von Waitzen, Dr. Stefan Hanauer, schrieb den ersten Artikel in diesem Blatt. Seine hohe kirchliche Würde schützt ihn nicht vor der Weltfremdheit und Unkenntnis der jüdischen Volksseele, wenn er die Juden mit dem so oft schon mißbrauchten Rufe „Schema Jisroel“ zur Annahme des katholischen Glaubens auffordert. In diesem Leitaufsatz des Bischofs heißt es u. a.: „Die Wächter Israels sind noch immer die Antwort auf die unausgesetzte Frage: Wie lange noch wird die große Nacht dauern? schuldig geblieben. Israel | König Viktor Emanuel III. von Italien wird vor der Großen Synagoge in Rom vom Oberrabbiner Dr. Angelo Sacerdoti begrüßt. wm m mm ist das einzige Volk, das auf dem ganzen Erdenrund kein einziges Heiligtum besitzt, in der heiligen Stadt nichts anderes tut, als jammern tmd beten. Das muß seinen tiefen Grund haben.“ Ist das wirklich bloß heilige Einfalt, naive Unkenntnis, oder bewußte Entstellung? Die Geschichte und die Tatsachen müßten Seine Eminenz doch eines Besseren belehren. Unangenehme Erinnerungen erweckt ein Artikel des Jesuitenpaters Bela Bangha, des gefährlichen Pogromhetzers und Begründers der antisemitischen Presse und der judenfeindlichen klerikalen Richtung in Ungarn. Daß Bangha an die Spitze der katholischen Judenmission gestellt wurde, ist ein fast untrüglicher Beweis dafür, daß die Ordre de bataille von Rom ergangen ist. Bangha sagt, daß die Idee der Liebe ihn bewogen habe, unter den Juden Missionsarbeit zu leisten. Das hindert ihn jedoch nicht, in alter Manier zu hetzen tmd zu drohen; er beschimpft die Juden als „vaterlandslose, überall fremde Gesellen". Das Judentum habe keine Heimat und auch keinen Tempel mehr. Es sei ohne Philosophie, Metaphysik, Poesie, Musik, Malerei, Architektur, ohne eigene Kultur und ohne eigenen Genius. Was das Judentum produziere, sei in der Regel zweiten und zehnten Ranges und nicht selbständig. „Außer dem Gelde und dem Worte hat für das Judentum nichts einen Wert. Es schreit bloß, hat aber nichts zu sagen. Ist immer bestrebt, sich in das Leben der Nationen hineinzuschmuggeln und bleibt dennoch überall fremd und | wird auch überall als unangenehmes Element empfunden.“ Und der logische Schluß aus dieser liebevollen Charakteristik des Judentums? Pater Bangha antwortet hierauf: Diesem unnatürlichen Zustand kann nur durch Massenaustritte aus dem Jadentum abgeholfen werden. Es sei Pflicht der Führer der katholischen Kirche zur beschleunigten, Massenbekehrung der Juden planmäßige Schritte zu unternehmen und ausdauernde systematische Missionsarbeit zu leisten. Dann kommt das Geschäft, der Konkurrenzneid. Dem katholischen Klerus wird der Vorwurf gemacht, daß er sich von den Protestanten in der JudenmisSio« den Rang habe ablaufen lassen. In Ungarn wimmle es jetzt schon von ausländischen protestantischen Judenmissionären; das dürfe sich die katholische Mission nicht gefallen lassen. Also auf zum Kampf tun die Judenseelei Wie bei jedem Geschäft, kommt auch bei diesem die Reklame zu ihrem Recht. Ein Pfarrer erzählt di^ rührselige Geschichte des Uebertrittes eines angeblichen Talmudschülers zum Katholizismus und wie sich dieser Talmudist schließlich gefreut habe, „das Judentum überwunden zu haben“. Und dieser Talmudist hat es sicherlich nicht bereut, denn er sitzt bereits in der Redaktion des Seelenschacherblattes und schimpft weidlich über die Juden. Von psychologischem Interesse ist noch die Mitteilung des Blattes, daß die Sekte der christusgläubigen Juden noch immer besteht, angeblich 700 Mitglieder zählt, und an jedem Sonntagabend unter Leitung des Budapester Arztes Dr. Arpad Fischer einen Gottesdienst abhält. Diese Transitstation der katholischen Judenmission steht, wie das Blatt betont, unter dem Schutze der Kirche und der Mission. '“41 5 il “ i , 1 h ’ tfisii- "r-'v l.1'1V ’iaiA /, '*ß cr-v ÜLi'Ü.-i..■ ' Der französische Abbe Ahne Palliere, der das Judentum als religiöses Erlebnis in seinem Buche „Das unbekannte Heöligtum‘‘ (in deutscher Uebertragung mit einem Vorwort des Berliner Oberrabbiners Leo Bäck im „Welt-Verlag“ erschienen) dargestellt hat, wird über Einladung von Rabbi Stephen Wise eine Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten unternehmen. Konkurrenzkampf um die jüdische Seele Ostertbotschaff der katholischen Judenmission — Die organisierte Seelenfängerei Tuchhaus Münz Wien I Ertlgasse 4 und Kramergasse 11 Zugang: RotenturmstraHe 11—13 Import original englischer und schottischer Damen- und Herrenstoffe Detailverkauf zu Engrospreisen Moderne Zifierkunst Eine Plauderei. Von Bernhard Wachstein. Ueber die Art, wie jetzt oft Literatur zitiert wird, könnte ein Essay geschrieben werden. Ich begnüge mich, einiges anzudeuten. Von den ehrlichen Abschreibern ist ganz abzusehen. Ihre Natur ist eindeutig, manchmal durch ihre Naivität ganz prächtig. So z. B. wenn jemand die Arbeit des anderen wortwörtlich bis auf den Namenswechsel abschreibt und darüber vermerkt: Nachdruck verboten (von mir nicht erdacht). Etwas komplizierter ist schon eine andere Art, sich fremdes Gut anzueignen. Der Schreiber ist sich der Sache bewußt. Er nimmt einen großen Kredit auf und leistet gelegentlich eine Abzahlung. Dies geschieht in einem Nebengäßchen bei einem untergeordneten Punkte, oder etwa in der Form „vgl. auch“. Sehr beliebt ist es. auf die Urquellen zurückzugehen, obwohl der Schreiber diese erst aus der Forschung des anderen erfahren und sie auch weiter nicht geprüft hat, Dies geschieht auch in solchen Fällen, wo der Gelehrte die Quelle erst durch seine Untersuchungen urbar gemacht hat. Eine Möglichkeit, mit großem Wissen aufzutun, ist gegeben, wenn der Forscher sich mit einem halben Dutzend Vorgängern auseinandersetzen muß, um die Wahrheit zu ermitteln. Sein „Nachforscher“ nützt die Konjunktur aus und übernimmt alle Zitate, / Und wenn es gut geht, wird auch die Fundquelle dazugeworfen. Die Klugen vermeiden aus guten Gründen das letztere. Der arme Leser mag das Nachsehen haben. Er hat zu „vergleichen“, und nochmals zu „vergleichen“ und abermals zu „sehen“, bis zum Augenverderben. Ganz originell ist es, die Forschungsresultate in bloßes Material, sozusagen in Urstoff zu verwandeln, dem der neue „Autor“ erst die Formung zu geben berufen ist, wobei das Wörtchen „bei“ (das arme Wort, das von gewissenhaften Gelehrten zum Ausdruck der äußersten Ehrlichkeit in die Wissenschaft eingeführt wurdeJ) großartige Dienste leistet. Da das Zitiertwerden einmal ein naturgegebener Wunsch eines jeden Autors ist, so kann es nicht fehlen, daß der Mann, dem die Macht gegeben ist, zu zitieren, sich dieser seiner Machtquelle bewußt wird. Er übersieht, daß die Quellenangabe auch eine eigene Angelegenheit ist. Die Möglichkeit, seine Instinkte ausleben zu lassen, drängt nach Verwirklichung. Der Autor wird nur dort genannt, wo es gilt, ihm eins zu versetzen, einerlei ob der Schlag auf den tapferen Ausholer zurückprallt. Ungetrübt glücklich ist der Schütze, wenn die Forschung in einer Serienschrift niedergelegt ist. Dann hat der Klient, der sich für dieses Gebiet interessiert, nach „Quellen“, „Forschungen“, „Schriften“ etc. etc. zu fahnden. Für so einen armen Sucher ist eine gutgeleitete Bibliothek eine wahre Rettungsstation, die solche mangelhaft adressierte Anweisungen zu honorieren hat,... Wie veraltet erscheint der Ausspruch: „Wer ein Wort im Namen des Urhebers mitteilt, der bringt Erlösung in die Welt“. (Sprüche der Väter, VI, 7.) Die Welt der Schreiber bedankt sich für solche Erlösungen. Niemand fällt es mehr ein zu fragen: „Wer sind denn diese, deren Wasser wir trinken und deren Namen wir verschweigen?“ (Talmudtraktat Horajoth 14a.) Und gar erst die pedantischen Lehrer der talmudischen Zeit, die eine Kette von Namen bei einem Gegenstand überliefern, wie unzeitgemäß erscheinen sie jetzt! Aber diese antike Ehrlichkeit gibt auch dem modernen Menschen Anlaß zum Nachdenken, Die Verbreitung des Wissens war eine religiöse Handlung. Trotzdem empfand die damalige Welt die Notwendigkeit der Feststellung des Urhebers. Die Bekanntmachung und Verbreitung der Ergebnisse menschlichen Bemühens aus einem religiösen, ethischen, sozialen Gesichtspunkte heraus wäre immerhin für jeden ehrlichen Arbeiter beglückend. Aber die Ausnützung hingebungsvoller Arbeit durch gierige Hände und überdies zum Nachteil des Wissensgebietes ist wahrlich nicht erhebend. Unsere Welt, die so empfindlich ist für geringe Eigentumsdelikte, selbst dann, wenn Lebensnotwendigkeiten sie verursachen, hat hiefür kein Auge. Die klugen Zitierer haben die Welt auf ihrer Seite. Sie verfügen über viel Zeit und können alles „schaffen“.

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