Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1928)
- Date
- 1928-03-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 10 DIE STIMME Seite 3 hältnisse im Osten. Hier war der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung durchschnittlich nicht unter 10 Prozent, und wenn wir das Land außer acht lassen, so bildeten die Juden in den Städten ganz bedeutende Minderheiten oder sogar Mehrheiten, Assimilation ist immer ein doppelseitiger Prozeß: er ist ebenso bedingt durch die Assimilierungsbelähigung des äußeren Milieus als durch den Assimilationswillen des inneren. Im Westen gab es keinen Zweifel über beide Seiten dieses Problems, im Osten dagegen wurden beide problematisch. Die große Zahl wehrte sich gegen die Assimilation, andererseits aber fürchtete das äußere Milieu das Eindringen einer so großen Zahl von geistig angeregten, strebsamen und energischen Menschen. Auch die soziale Schichtung des Judentums führte gezwungenermaßen zu einer nationalen Einstellung. Es war eine Leichtigkeit, für geringe Bruchteile der Gesamtbevölkerung im Westen den Zugang zur Bourgeoisie und zu den freien Berufen zu eröffnen, um damit die wirtschaftliche Judenfrage zu lösen. Ganz anders im Osten, wo dieser Prozeß unmöglich war. Gerade das Gegenteil eines wirtschaftlichen Aufstieges trat ein: im Urbanisierungs¬ und Industrialisierungsprozeß waren die Juden die Alteingesessenen. Die erwachenden Völker und nachher die Nationalstaaten hatten anscheinlich keine dringendere Aufgabe, als künstlich und mit Eile eine Klasse von Bourgeois aus eigener Mitte zu bilden. Nicht an Aufstieg konnten die Juden denken, sondern im besten Falle an die Erhaltung der alten Positionen und eventuell an Schaffung neuer, nicht aber in gehobener sozialer Stellung, sondern gerade im Gegenteil durch das Eindringen in die Landwirtschaft, das Handwerk und unselbständige Arbeit. Aus diesem Gesamtkomplex der geistigen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten ist die jüdische Minderheit als solche entstanden. Einen mächtigen Ruck gaben dieser Entwicklung der Krieg und die Friedensverträge. Ich glaube kaum irre zu gehen, wenn ich behaupte, daß die Juden die ersten waren, die sich als Minderheit fühlten und die entsprechenden Schritte zur Sicherung ihrer Minderheitsrechte unternahmen. Es muß aber mit allem Nachdrucke darauf hingewiesen werden, daß wir zwar eine Minderheit sind, aber doch eine Minderheit suigeneris. Das Völkerrecht kennt eigentlich den Begriff »nationale Minderheit« nicht, die Verträge, die Deklarationen, die Kundgebungen des Völkerbundes sprechen nur von »Minorites de races, de religion et de langue«. Wir sind keine sprachliche Minderheit; auch wenn wir eine andere als unsere eigene Familiensprache gebrauchen, hören wir dadurch nicht auf, eine nationale Minderheit zu sein. .Vorausgesetzt, daß wir mit Finot der Ansicht sind, daß Rasse ein Vorurteil ist und daß die Juden keine Rasse sind, so haben wir doch eine Legitimation als Minderheit dadurch nicht eingebüßt. Sind wir eine Minorite religieuse? Ja, weil der national-religiöse Synkretismus bei uns noch immer von großer Bedeutung ist (Sabbat!), andererseits aber haben Anspruch auf Schutz auch diejenigen Juden, die freidenkerisch sind. Auf diese Weise wären wir die richtige nationale Minderheit. Die zweite unsere Besonderheit besteht darin, daß wir eine zerstreute Minderheit par excellence sind, indem wir nirgends, und wenn auch auf geringem Gebiete, eine Mehrheit bilden, wie es etwa bei Grenzöder Inselminderheitenr möglich wäre. Ferner haben wir keinen Mutterstaat, der sich etwa unsertwegen, sei es auf dem diplomatischen Wege, sei es durch Intervention beim Völkerbund, annehmen wird. Die großen jüdischen Organisationen (Comit6 des D6l6gations Juives, Joint Foreign Committee, American Jewish Committee und Alliance Israälite Universelle) sind letzten Endes nur Privatorganisationen. Daraus folgt die Unmöglichkeit der Anwendung des Reziprozitätsprinzips auf unsere Minderheit so? wohl im Guten (Gegenseitigkeitsverträge) als auch im Bösen (Vergeltungsmaßnahmen), Aus unserem mutterlandlosen Charakter (Palästina ist ja zunächst nur britisches Mandatland) folgt, daß der Irredentismus unserer Minderheit absolut fremd ist. Die Loyalität zum jeweiligen Heimatstaat und das Bestreben, daß in ihm Ruhe und Ordnung herrschen soll, sind ja mehr als natürlich bei einer Bevölkerung, die bei jeglicher Störung der Ruhe und Ordnung das erste Opfer ist, ELanLH, Schuhe fipima. rchmavz vahmengenaht in braun, <■ U-meHp > Das jüdische Leben „Wir wollen ‘ kein auserwähltes Volk sein“ Dr* Emil Margulies über die Brüsseler Tagung der Völkerbundligen« Ueber Einladung der „Jüdischen Völkerbundliga für Oesterreich“ sprach Montag abends im Festsaal des österreichischen Handelsmuseums der Generalsekretär der „Jüdischen Völkerbundliga für die Tschechoslowakei“, Dr. Emil Margulies,, über aktuelle Fragen der bevorstehenden Brüsseler Tagung der Völkerbundligen. Der Vorsitzende Hofrat Frankfurter gedachte vorerst des verstorbenen Initiators und ersten Präsidenten der jüdischen Völkerbundliga für Oesterreich, Oberrabbiner Chajes, dessen Werk es gilt in würdigem Sinne fortzuführen. Dr. Margulies führte sodann in seinen äußerst packenden und lehrreichen Darlegungen etwa folgendes aus: „Einer der Punkte der Tagesordnung der am 15. d. M. in Brüssel beginnenden Tagung der Völkerbundligen ist die Besprechung der jüngsten antijüdischen Exzesse in Rumänien, die nicht etwa vom Mob, sondern von der wohlorganisierten Studentenschaft unter_ wohlwollender Duldung ihrer Lehrer und der Behörden vor sich gingen. Wenn derartige Ausschreitungen ihre Sühne finden, so müssen wir uns damit abfinden, denn Verbrechen kommen in jedem Staate vor. Die Vorfälle in Rumänien haben aber keine, oder fast keine Sühne KARTONNAGENFABRIK * 4 <4 GELBAND & Co, WIEN IX. GrundlStr. 5 Telephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ALLEN ARTEN KARTONS gefunden und deshalb werden sie auf der Brüsseler Völkerbundligenkonferenz zur Sprache gebracht werden. Wie sollen nun wir Juden vor dem internationalen Forum der Völkerbundligen diese aktuelle Frage behandeln? Es stehen uns zwei Wege offen, entweder vom Standpunkt des ganzen jüdischen Volkes oder vom Standpunkt der jüdischen Minderheit in Rumänien. Ich glaube, so sagte der Redner, daß der zweite Weg für uns der bessere ist, weil wir im anderen Falle uns selbst aus der Reihe der Minderheitsvölker herausheben und uns zu einem Ausnahmevolk stempeln, das nur mit Beschwerden an die internationale Völkergemeinschaft herantritt. Wir werden gut daran tun, in Brüssel als Minderheit, wie alle anderen dort vertretenen Minderheiten aufzutreten und unsere Beschwerde in dieser Eigenschaft vorzubringen. Das jüdische Volk ist zu einem politischen Faktor geworden, einerseits durch das Mandat, das uns eine eigene nationale Heimstätte zusichert, und andererseits durch die Minderheitenverträge, welche die in den einzelnen Ländern lebenden Juden als gleichberechtigt anerkennen. In einem Schreiben, das Clemenceau an den seinerzeitigen polnischen Ministerpräsidenten Paderewski richtete, betonte dieser ausdrücklich, daß die Gleichberechtigung der Juden nicht nur in jenen Staaten zu bestehen habe, die den Minderheitenschutz anerkennen mußten, sondern auch in allen anderen Ländern, Es handelt sich also hier um die Anwendung eines allgemeinen Grundsatzes. Was kann es uns, fragen wir uns, praktisch für Vorteile bringen, wen wir unsere Beschwerden vor das Forum der Völkerbundligen bringen? Man weiß, daß die Völkerbundligen nur private Institutionen, ohne das Recht der Judikatur und der Sanktion sind. Und doch wohnt dem Urteil der internationalen Völkerbundligen eine moralische Urteilschen schon früher erhaltenen Aufzeichnungen sandten jetzt Genua und Chrast ihre Ehrendiplome. Eine besondere Rolle im Entwicklungsgänge Frankls spielt seine Reise nach Italien. In Padua erwarb er sich auf Grund seiner lateinisch abgefaßten physiologisch-psychologischen Dissertation „Über den Einfluß der Phantasie" die medizinische Doktorwürde, welchen Anlaß einer seiner Freunde, Faustino Canas aus Cagliare, benutzte, ihm den „zweifachen Lorbeer des Arztes und des Dichters“ in Versen zu überreichen. Nun durchquerte Frankl „das Land der Sehnsucht“, machte fruchtbare historische und literarische Studien und hatte die anregendsten Berührungen mit Torwaldsen, Nicolini, Leopardi, Marsano, Cantu und Cardinal Mezofanti, die teilweise zu innigen und anhaltenden Bekanntschaften führten. Freundschaftlicher Verkehr, Genuß der Kunst, literarische Besprechungen und wissenschaftliche Unterhaltung waren es, welche auch seinen späteren Reisen, auf denen er A. von Humboldt, Meyerbeer, Gutzkow, Alexis, Mundt u. a. kennen lernte, einen besonderen Hintergrund liehen. Des Dichters Plan, sich nach seiner Rückkehr um eine Sekundararztstelle zu bewerben, war der damaligen Strömung zufolge mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden. Und so leistete er frohgemut den gleichzeitig an ihn ergangenen Einladungen des Wiener Konservatoriums und der Israelitischen Kultusgemeinde, hier die Stelle eines Sekretärs und Archivars, dort die eines Professors der Aesthetik anzunehmen, Folge. Nun war Frankl in einen eigenen Beruf gestellt — und er konnte neben seinem Amte der schönen Literatur leben. In der folgenden, spannungsvollen, ereignisreichen Aera, deren Signatur das Erwachen des sozialen Gedankens, das Ringen für die Freiheit auf politischem, religiösem und geistigem Gebiete bildete, begründete Frankl die „Sonntagsblätter“, in welche er — der vorkämpfende Optimist — unermüdlich und wach für die Hebung des literarischen und geistigen Lebens sich mühte. Nah und fern verstand er bedeutende Mitarbeiter für diese einzig nennenswerte belletristische Wochenschrift Wiens im Vormärz zu gewinnen. Mit Grillparzer, Bauernfeld, Lenau, Raimund, Grün und Ebert traten da jüngere Talente — zu denen damals auch Hebbel noch zählte — in Wettbewerb, die unser Dichter ebenso lancierte wie später Hanslick, Meissner, Kürnberger, Kompert, Saar, J. J. David u. a. Die „Sonntagsblätter“ wandelten sich zu einer olitischen Chronik, als Frankl mit hoffnungstrunener Seele eintrat in den Kampf um die unveräußerlichen Menschenrechte in den Märztagen des Sturmjahres 1848. Begeistert begrüßte er den vermeintlichen Völkermorgen mit einer „österreichischen Marseillaise“, mit dem — damals in vielen Hunderttausenden von Abdrücken verbreiteten und von mehr als 20 Komponisten vertonten — ersten zensurfreien Gedicht „Die Universität“, — Der Frühling des Jahres 1856 führte den Dichter über Meere und Wüsten nach Jerusalem, das er Ende Mai erreichte. „Dies also ist die Stadt des Helden, des Dichters und Königs, dies die Tempelstadt des weisen Salomo. Von hier leuchtete der Glaube an einen einig-einzigen Gott über die ganze Erde hin und machte diese Stadt zur Weltstadt, zu der man, wenn man sie erreichen will, nach den Worten der heiligen Schrift „hinaufziehen“ muß. Ich hielt den Zügel meines Pferdes stramm, daß es sich nicht bewege und mich nicht störe. An meinem Inneren gingen Taten und Gestalten alter Jahrhunderte vorüber. Ich war tief gerührt und mich im Sattel vor der „Heiligen Stadt“ beugend, fielen meine Tränen in die Mähne meines Pferdes.“ „Wie geht das zu, daß die Stadt zur Buhlerin geworden ist?“ — In Jerusalem erfüllte Frankl die Mission des Lehrertums, die das echteste Erbteil unseres Volkes zu sein scheint. Im Aufträge der jüdischen Wohltäterin Elise Herz gründete er hier im Osten eine Stätte erlösender Bildung. Eine Fülle von Anregungen brachte ihm auch diese Reise, der wir die Werke „Nach Jerusalem“ und „Aus Aegypten“ verdanken. Wie es bei tief angelegten Naturen der Fall ist, fühlte Frankl sich bei deren Abfassung nach der wissenschaftlichen Richtung ebenso stark hingezogen, wie nach der poetischen. Und so setzte er dem großen Publikum, das die Verhältnisse des Orients bisher nur in verklärtem Lichte gesehen, eine Brille auf. Die zwei Bände fanden — in fast alle Sprachen übersetzt — große Verbreitung und erregten viel Aufsehen. Auf der Höhe seines dichterischen Könnens steht Frankl in dem jüdischen Epos „Der Primator“, darin er im engen Rahmen ein Bild aus düsteren — historisch beglaubigten — Tagen entwirft. Eine aufrichtige Offenbarung dichterischen Nationalbewußtseins sind „Rachel“ und „Ahnenbilder“, in welchen Schöpfungen er — wie in der sich anreihenden stattlichen Zahl — die Mittel seines Talentes reich entfaltete. Ohne die Erscheinungszeit strikte zu beachten, seien erwähnt: „Don Juan de Austria“, „Tragische Könige“, „Gusle“, „Libanon“, „Zur Geschichte der Juden in Wien“; ferner die satirischen Gedichte „Hippokrates und die Medizin“, „Die Charlatane“, „Hippokrates und die Cholera“, weiters die Biographien berühmter Zeitgenossen. — Ueber dem Dichter Frankl dürfen wir aber den ungleich größeren Menschen nicht vergessen. Wie Wien seinem rührigen Wirken das Schiller- und Beethoven-, Mozart- und Lenau-, Grün- und Gluck- Denkmal zum Teil verdankt, so steht die große Kulturwelt in seiner Schuld durch jenes all seine Werke überragende Denkzeichen, das er sich auf der Hohen Warte in dem Israelitischen Blindeninstitut begrün-