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Die Stimme · 1928-02-21 · Heft 8 (21.2.1928) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 8 (21.2.1928)
Date
1928-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 8 DIE STIMME Seite 3 hin, daß seiner Meinung nach vom Standpunkt des Katholiken ebensowenig wie vom Standpunkt des Protestanten gegen die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina ein Einwand erhoben werden könne. Er, Dr. Seipel selbst sei durch den vor kurzem verstorbenen Oberrabbiner Doktor C h a j e s, den er außerordentlich schätzte, auf die völkerversöhnende Bedeutung des Zionismus hingewiesen worden und sei von der segensreichen Wirkung des jüdischen Aufbauwerkes überzeugt, Der Bundeskanzler erkundigte sich eingehend über die Konstituierung und die zu erwartende Arbeit des österreichischen Pro- Palästina-Komitees und gab der Hoffnung Ausdruck, die äußeren Verhältnisse würden es in absehbarer Zeit ermöglichen, daß die Mitglieder der österreichischen Regierung, welche bisher dem Pro-Palästina-Komitee noch nicht angehören, demselben b e i t r e 1 e d. Er persönlich sei mit vollem Herzen Anhänger der zionistischen Bestrebungen. Dr. Seipel ließ sich sodann über eine Reihe von. kulturellen Fragen des jüdischen Palästina, wie die Entwicklung der hebräischen Sprache, das Schulwesen u, a, m. informieren und sprach seine Befriedigung darüber aus, daß das Verhältnis der einzelnen Konfessionen in Palästina ein ungetrübtes sei. Nachdem sich der Bundeskanzler auch eingehend über den Stand der zionistischen Organisation in Oesterreich erkundigt hatte, gab er am Schlüsse der Unterredung die Versicherung, daß die Sache des Palästina-Aufbaues stets seine Unterstützung und die der österreichischen Regierung finden werde; darüber werde eine offizielle KundgebungderRegierung erfolgen, (Diese Kundgebung finden unsere Leser an der Spitze des Blattes. — Die Red.) Im Laufe der Unterredung teilte Dr. Seipel auch mit, daß er im August eine Palästina-Reise zu unternehmen gedenke, er hoffe, die Möglichkeit zu haben, das jüdische Kolonisationswerk, dem er größtes Interesse entgegenbringt, genau in Augenschein zu nehmen. Die Konstituierung des österreichischen Pro-Palästina- Komitees Die Ansprachen und Begrüßungen — Wahl des Präsidiums Der Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina ist heute, in politischem Sinne genommen, historische Tatsache. Doch er bliebe bloßes politisches Moment, wenn ihm nicht gewissermaßen als moralische Hilfe die Sympathien in aller Welt zur Seite stünden. Daß das, was als Werk jüdischer Hände und jüdischen Geistes in dem schmalen Landstrich zwischen dem Mittelmeer und den Ufern des Jordan geschieht, immer mehr ins Bewußtsein der Welt dringe, ist eine der wichtigsten propagandistischen Aufgaben der zionistischen Bewegung, welche dieses Werk hervorgerufen hat. Auf diesem Gebiete ist man nun um einen wichtigen Schritt vorwärts gekommen. Für die Zusammenfassung der Sympathien und der Anteilnahme der verschiedenen Staaten und Völker an dem jüdischen Palästina-Werk haben sich in den einzelnen Ländern Pro-Palästina-Komitees gebildet; jetzt ist auch in Oesterreich ein solches Komitee entstanden. In Wien, wo vor drei Jahrzehnten Theodor H e r z 1 die Fahne des politischen Zionismus entrollte, haben die Vertreter des gesamten öffentlichen Lebens Oesterreichs in seinen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Formen sich vereinigt, um ihrer aktiven Anteilnahme an dem neuen jüdischen und menschheitlichen Werke, das jetzt versucht wird, Ausdruck zu geben. Vielleicht nirgends so sehr wie in Wien, war der Zionismus lange Zeit als Traumphantasie angesehen und manchmal auch belächelt. Es bedurfte langer Propagandaarbeit, um ihm in seinem Geburtslande gewissermaßen erst die Kenntnisnahme zu verschaffen. Besonders in den letzten Jahren ist auf diesem Gebiete viel geschehen und es soll mit tiefstem Dank jenes Mannes gedacht werden, dessen großes Wirken für die Ideen des neuen Judentums gerade in Wien dem Zionismus nicht bloß Aufmerksamkeit, sondern weit darüber hinaus, über zufälliges Wohlwollen hinaus, Achtung und Ansehen verschafft hat. Doktot Chajes s. A., als Oberrabbiner dieser Stadt, der geistige Führer des Judentums, hat im Sinne des neuen Judentums gewirkt und ihm ist es zu danken, daß Juden und Nichtjuden Oesterreichs oft geradezu in den Bann der neuen Idee gerieten, Chajes hat leider den 16. Februar nicht mehr erlebt, der so sinnfällig zum Ausdruck brachte, wieviel er für den Zionismus getan hat. In seinem Sinne aber wurde an der umfassenden--und würdigen Propaganda gearbeitet, welche zu der Gründung des österreichischen Pro-Palästina-Komitees geführt hat und diese beharrliche Arbeit, welche die gegenwärtige zionistische Leitung Oesterreichs geleistet hat, ist jetzt von sichtbarem Erfolg gekrönt. Es ist ein ethischer Erfolg, wie denn vielleicht die stärkste Anziehungskraft des Zionismus ■ in der ethischen Seite liegt. Es geht nun darum, weiterzukommen, in Wien und Oesterreich weiterzukemmen. Das Pro-Palästina-Komitee, das alle produktiven Kräfte Oesterreichs in sich vereinigt, beweist, daß der zionistische Gedanke von den besten Vertretern dieses Landes als ein fruchtbarer und wertvoller angesehen wird. Mit diesem Bewußtsein ist die Judenschaft Wiens und Oesterreichs zu erfüllen; leicht zu erfüllen, geht die Prooaganda die Wege, die sie bisher gegangen ist, die Wege der Zusammenfassung, der KARTONNAGENFABRIK GELBAND & Co, WIEN IX. GrundlStr. 5 Telephon 19-0-69 beliefert alle führenden jüdischen Firmen mit ► ► ► ► ► ► ALLEN ARTEN KARTONS selbstbewußten Sicherheit, welche Achtung erringt. Die Selbstachtung der jüdischen Welt und damit des österreichischen Judentum;: ist das ethische Ziel des Zionismus; ihm darf und kann sich kein Jude verschließen, denn sie schaff' die Achtung der Welt. Dafür ist die Gründung des österreichischen Pro- Palästina-Komitces sinnfälliges Zeichen. Die Konstituierung des österreichischen Pro-Palästina-Komitees fand am 16. Februar im Hotel Imperial statt. An der Sitzung nahmen folgende Persönlichkeiten teil, die dem Komitee beigetreten waren: Ministerpräsident a. D. Dr. Max Wladimir von Beck; Vizekanzler Dr. Walter B r e i s k y; Doktor Ernst Benedikt; Industrieller Adolf Böhm; Botschafter a, D. Dr. Constantin D u m b a; Rabbiner Dr. D. Feuchtwang; Hofrat Prof,. Dr. S. Frankfurter; Dr. Desider Friedmann; Ministerialrat Dr. Bernhard Fuchs; der Präsident der zionistischen Landesorganisation Dr. Leo G o 1 dh arnme r; der Präsident der Soziologischen Gesellschaft Dr. Rudolf Goldscheid; Dr. N. M. Gelber; Hofrat Dr. Friedrich Hertz; Prof. Ing Arch. Klemens Holz m eiste r; bev. Minister Dr. Emil Junkar; Vizepräsident der n.-ö. Rechtsanwaltskammer Dr, Siegfried Kantor; Univ.-Prof. Hofrat Dr, Leon Kellner; Großindustrieller Ing. Johann Kremen ezky; Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Israel. Kultusgemeinde: bev. Minister Eduard Ludwig; der österr. Delegierte beim Völkerbund Graf Albert Mensdorff- P o u i 11 y-D ietrichstein; Gemeinderat Antori Machat; Prof. Dr. Josef Marx; Univ.-Prof. Dr. Eugen Oberhummer; Gen.-Oberstabsarzt Prof. Dr. Pick; Prof. Schlick; Dozent Dr. Friedrich Schreyvogel; Prof. Dr, Leo Strisowe r; Prof, Oskar Strnad; Rektor Magnificus Prof. Dr. Ziegler; Univ.-Prof. Dr. Karl Beth; Felix Salten; Prof. Dr, S c h e y, Ueberdies gehören dem Pro-Palästina-Komitee nachstehende Persönlichkeiten an, die am Erscheinen an der Konstituierung der Sitzung verhindert, ihr Fernbleiben schriftlich entschuldigt hatten, Univ.-Prof. Dr. Siegmund Freud; Bundesminister a. D. Eduard H e inl; Generalsekretär für auswärtige Angelegenheiten Franz Peter; der Präsident der Oesterr. Nationalbank Univ.-Prof. Dr. Richard Reisch; Bundeskanzler a. D. Hans Schober; Sektionschef Dr. Adolf Vetter; Dr. Franz Werfel; Hofrat Dr. Anton Wildgans; Dr. Stefan Zweig. Auch die greise Mutter des österreichischen Bundespräsidenten, Frau Marianne H a i n i s c h, hatte ihr Fernbleiben entschuldigt und sprach in ihrem Schreiben ihre volle Sympathie für den jüdischen Palästina-Aufbau aus. Der Präsident des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, Dr. Leo G o 1 d h a m m e r, eröffnete die Sitzung, indem er mit Befriedigung feststellte, daß fast alle Persönlichkeiten, die bisher ihren Beitritt zum österreichischen Pro-Palästinasönlichkeit ihres Gründers und Meisters am besten ermöglicht werden. Rabbi Israel L i p k i n, wie er mit seinem Familiennamen, oder Salant, wie er nach dem Städtchen benannt wurde, wo er seine Jugend- und Werdezeit verbracht, war 1810 geboren; sein Vater war eine bekannte talmudische Große und fungierte als Rabbiner in Goldingen und Telschy. Früh verheiratet, übersiedelte Israel in das Haus seines Schwiegervaters, nach dem oben genannten Salant, und in dieser Stadt reifte das Eigentümliche seiner Persönlichkeit unter dem Einflüsse zweier Lehrer: des Ortsrabbiners, der zu den ersten talmudischen Kapazitäten seiner Zeit gehörte, und eines schlichten Mannes aus dem Volke, halb Krämer, halb Handwerker, der jedoch, wie alle dortigen Juden dazumal, nicht etwa ein „Am Haarez“ war, sondern in der Literatur ausgebreitete Kenntnisse besaß. Unter der Anleitung des ersteren erwarb der junge Israel eine tiefe und umfassende talmudische Gelehrsamkeit; der andere war sein Meister in Sachen der Moral und Frömmigkeit. Dieser letztere hat auf die Geistesart und die ganze Lebensrichtung Israel Salants einen bestimmenden Einfluß geübt. Der einfache Mann, der seinem Aeußeren und seiner Lebensstellung nach den niederen Volksschichten ängehörte und sich vor der W eit durch nichts auszeichnete, war eine kontemplative Natur und führte ein tiefes Innenleben, dessen Inhalt vornehmlich durch die jüdische Moralliteratur bestimmt wurde. Der junge Gelehrte, und der einfache Mann fanden aneinander Gefallen und der Umgang dieser beiden entwickelte in dem Wesen Israel Salants jene Seite, die von der Unterweisung des Rabbiners unberührt blieb, nämlich das Gemütsleben und die mit einem starken, wohl angeborenen Hang zur Weltflucht verbundene Neigung zur Versenkung in das eigene Innere. ’ Mehrere Widersprüche im , Wesen dieses seltsamen und in seiner Art bedeutenden Mannes kamen zu keinem Ausgleich. Der Drang zur Selbstbetrachtung und Grübeleien über ethische Probleme, trieb ihn frühzeitig zur Einsamkeit, aber gleichzeitig fühlte er, daß es seine Pflicht wäre, das Gewonnene mit seinen Mitmenschen zu teilen, ihnen seine höheren moralischen Einsichten zu vermitteln und sie auf den richtigen Weg zu leiten. Da galt es, sich unter die Menge zu mischen. Um Einfluß auszuüben, nahm er nacheinander Stellungen als Lehrhaupt (rosch jeschibah), Rabbiner und Prediger an (in Wilna und Kowno). Aber da diese Stellungen mit einem Gehalt verbunden waren,.so hieß das für ihn. die Thorr* als Broterwerb zu mißbrauchen. Er entsagte also diesen Stellungen nacheinander und zog es vor, in tiefster Armut dahinzuleben, unter der auch seine Frau und Kinder litten. Als Israel Salant sich seinem dreißigsten Lebensjahre näherte, brach über die Juden in Rußland die Nikolaische „Aufklärungsepoche“ heran. Der Zar wollte die Juden mit Hilfe der Polizei und der Knute zu aufgeklärten Untertanen, wie er es verstand, heranbilden; und dahinter steckte der unausgesprochene Gedanke, die Juden halb zwangsweise, halb durch gütliches Zureden, der griechischorthodoxen Kirche zuzuführen. Israel Salant sah das Judentum von außen wie von innen bedroht und beschloß, es vor dem Untergange zu retten. Doch war er keine Kampfnatur, seine große Zartheit und Herzensgüte, die Scheu vor jedem Aufsehen, erlaubte ihm nicht, zum Feind in die Arena hinabzusteigen, um es mit ihm aufzunehmen. Darum richtete sich sein Augenmerk darauf, die Stellungen im Inneren zu befestigen und sie für den feindlichen Ansturm uneinnehmbar zu machen. Als Hauptmittel dazu diente ihm seine Idee: die Versenkung in das Studium der Moralliteratur und das Grübeln über die ethischen Probleme, Er war fest überzeugt, daß, wenn nur jeder Jude sich aller moralischen Pflichten bewußt und an der Ausbildung seiner Persönlichkeit m dieser Richtung arbeiten würde, alle Gefahren der Verlockung zur Abtrünnigkeit und zur weltlichen Aufklärung an ihm abprallen würde. Eine schwere Erkrankung nötigte Rabbi Israel Salant im Jahre 1857 nach Preußen zu gehen, wo er in Halberstadt die Aerzte befragte. Von dort ging er über Berlin nach Frankfurt a. M.. von da nach Königsberg, Memel und Tilsit. In Deutschland, das ihm als der Urquell, aller so gefürchteten Ketzerei lind Aufklärung erscheinen mußte, fand er zu seinem Erstaunen Stimmungen, die der seinigen ähnlich waren. Auch hier kämpfte man gegen einen gefährlichen Feind — es war die Reform — auch hier suchte man nach dem Ausdrucke einer neuen Frömmigkeit. Der Meister aus dem Osten mit seiner großen Gelehrsamkeit, seinem innigen Wesen, seiner Milde und Bescheidenheit, der Originalität seiner Gedanken, mit seiner Selbstlosigkeit und der Reinheit seines Strebens, gewann hier viele Herzen. Bei näherem Zusehen hätte man freilich nur zu bald entdeckt, daß die Unterschiede sehr groß waren, denn was dem litauischen Rabbi als ein Greuel, dünkte, galt seinen vermeintlichen deutschen Gesinnungsgenossen längst als ein überwundener Standpunkt, und diese hätten sich wohl mit aller Gewalt dagegen gesträubt, bei sich Zustände zu dulden, die jenem als Ideal erschienen. Aber die gegenseitige Sympathie bewirkte, daß man das Trennende übersah, und nur auf das Gemeinsame

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