Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1928-02-21 · Heft 8 (21.2.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1 (1928)
Issue
Heft 8 (21.2.1928)
Date
1928-02-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3053752-3053753-3053761--0123-3055382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 2 DIE STIMME Nr. 8 wohlbekannt ist, bei dem heute kompetentesten Forum, beim Völkerbund so gut akkreditiert, daß es erst keiner besonderen Bemühungen bedarf, um ihr die internationalen Sympathien zu sidhern. Es geht wieder aufwärts 1 Von Nahum Sokolow, Präsident der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation. (Aus einem Gespräch.} Es gereicht mir zur besonderen Freude, daß ich in Wien, der Stadt bester zionistischer Tradition, zu einer Zeit weile, da ich mit voller Ueberzeugung sagen kann: Die Zeit der Besorgnis für unser großes Aufbauwerk in Palästina scheint vorüber zu sein. Lange Monate standen wir einer Krise in Erez Israel gegenüber, die zeitweilig geradezu deprimierenden Charakter hatte. Diese Depression wurde auch in den Reihen unserer Organisation fühlbar, da sich heute bereits die Wechselwirkung zwischen dem, was in Palästina geschieht, und den Stimmungen im Judentum, dessen Teil wir sind, deutlich zeigt. Es wurde viel über die Ursachen der Krise gesprochen, vielleicht mehr als nötig war. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Die Krise in Palästina war eine Erscheinung in der allgemeinen Wirtschaftslage um nahen Osten, vielleicht ein wenig zugespitzt durch eine auf zu kurzem Zeitraum zusammengedrängte jüdische Zuwanderung. So wurde der Zustand der indischen Arbeitslosigkeit im Lande geschaffen, der schon deshalb gerade uns Zionisten schwere Besorgnis einflößen mußte, weil die Sorge für die notdürftige Erhaltung der Arbeitslosen und ihre Familien die Anwendung von Methoden nötig machte, welche wir Zionisten bisher stets abgelehnt haben: Die Anwendung ohilanthrooischer Methoden. Die Arbeitslosenunterstützung, welche wir der Not gehorchend zur Auszahlung bringen mußten, war einp solche unproduktive philanthropische Methode. Dieser Zustand konnte und durfte nicht von Dauer sein, sollte das Aufbauwerk erhalten bleiben. Es mußte nach produktiven Methoden rf«»sucht werden, welche der Lage Herr werden. Durch lange, unablässige Bemühungen ist dies auch gelungen. Heute können wir mit Freude feststellen: Es geht aufwärts, das Schwerste ist überwunden. Es galt, im Lande für die gezwungen feiernden Hände Arbeit zu finden und sie wurde gefunden. Zunächst muß anerkannt werden, daß die Palästina- Regierung bei den Bemühungen tun die Lösung der Krise mit Eifer und Einsicht mitgewirkt hat. Sie hat dem Kolonialamt einen Plan für Notstandsarbeiten vorgelegt, der genehmigt wurde und nunmehr zur Ausführung gebracht wird. Dadurch finden schon jetzt an die tausend jüdische Arbeitslose Beschäftigung. Die Zahl der Beschäftigten wird in den nächsten Wochen weiter steigen. TJr>br»t-rbp,s hat die Zionistisch« Exekutive selbst aus den eigenen, selbstverständlich sehr beschränkten Mitteln, eine Reihe von konstruktiven Arbeiten in Angriff nehmen lassen, die ebenfalls einen Teil der Arbeitslosen, gegenwärtig etwa 500, absorbieren. Was aber besonders hervorgehoben werden muß, ist der Umstand, daß heute auf dem flachen Lande fast gar keine Arbeitslosigkeit mehr herrscht. Die junge palästinensische Industrie kann in ihrem heutigen Umfange Orhlnal englische Herren-Stoffe in großer Auswahl finden Sie sehr preiswert im , TUCHHAUS ENG LER Wien, I. Laurenzerberg 5 (Ecke Adlergasse, gegenüber Cafö Silier) selbstverständlich nicht viel neue Arbeitskräfte aufnehmen, aber die von Tag zu Tag mehr sichtbare Tatsache, daß vom Auslande Kapital nach Palästina fließt, eine Tatsache, welche für das Vertrauen zum jüdischen Palästina spricht, kommt auch dev palästinensischen Industrie zugute. Die Dinge liegen gegenwärtig erfreulicherweise so, ‘ daß die Zahl der Arbeitslosen in Tel-Aviv von mehr als 2000 auf 400 gesunken ist; dieselbe Verringerung finden wir auch in den anderen Städten und wir sind in der angenehmen Lage, daß bereits in wenigen Wochen die Zahlung .von Arbeitslosenunterstützungen im Lande vollständig wird aufhören können. Damit hat ein unproduktives System, das uns gerade durch seine Unproduktivität die schwersten Sorgen bereitete, sein Ende gefunden, indem es durch produktive Methoden, die allein den dauernden Erfolg unseres Aufbauwerkes verbürgen, ersetzt wurde. Die Symptome, welche aus der Krise heraus nach vorwärts und nach aufwärts führen, sind schon jetzt deutlich sichtbar. Daß die Besserung des Zustandes nicht bloß vorübergehend sein wird, dafür sind gute Grundlagen vorhanden. Die Elektrifizierungsarbeiten der Ruthenberg Company werden in ausgedehntem Maße fortgeführt werden, der Hafenbau inHaifa, welchen die Mandatsregierung beschlossen hat, wird in absehbarer Zeit zur Tatsache, und die an Novomeysky und Major T u 11 o c h erteilte Konzession zur Ausbeutung der Mineralschätze des Toten Meeres wird neue Arbeitskräfte und Arbeitsmöglichkeiten bringen. Es ist natürlich, daß man in Zeiten einer, beginnenden Besserung ebenso wie bei Menschen auch bei Ländern und Wirtschaften mit Vorsicht und Schonung vorgehen muß. Wir werden daher nichts überstürzen dürfen, und die Konsolidierung des Bestehenden wird unsere wichtigste Aufgabe sein, gerade jetzt, wo das Schwerste vorüber ist. Daher soll auch die so viel diskutierte Frage der Anleihe von der zionistischen Öffentlichkeit mit einer gewissen Vorsicht und Schonung behandelt werden. Wir Haben bei unserem Bestreben das Werk, welches geleistet wurde, zu konsolidieren, auch die Aufnahme einer Anleihe in Erwägung gezogen. Unser großer Besitz in Palästina, welcher einen bedeutenden Wert repräsentiert, ermöglicht die Aufnahme von Krediten und auch die in einem bestimmten Maße stabilen Eingänge unseres Aufbaufonds, des Keren Hajessod, geben ähnliche Möglichkeiten. In Erwägung wurden zwei Formen der Aufnahme solcher Kredite gezogen: Eine inner jüdische Anleihe und eine solche mit Hilfe des Völkerbundes. Für die Durchführung beider Formen ergeben sich günstige Anhaltspunkte. So ist mit Rücksicht auf die günstige Stimmung in Frankreich, England und Deutschland die Annahme berechtigt, daß eine solche Transaktion mit Hilfe des Völkerbundes in nicht allzu fernei Zeit verwirklicht werden kann. Doch die Aufnahme von Krediten ist nur eim* Hilfsmaßnahme. Man muß auch daran denken, daß solche Kredite verzinst und zurückgezahlt werden müssen, ob dies nun in langer oder kurzer Frist geschieht, geschehen muß es einmal. Unser Aufbauwerk braucht aber für seine systematische Entwicklung dauernde, nicht nur vorübergehende finanzielle Grundlagen. Diese schafft ihm nicht eine gelegentliche Anleihe, sondern nur die ständige Bereitstei lung von ausreichenden Mitteln durch dieJudenheit selbst. Nur die Freigebigkeit des Galuthiudentums wird es dazu bringen, daß die Krise, die wir eben zu überwinden im Begriffe sind, für die Dauer behoben wird und nicht mehr’wiederkehrt. Der stetige Zufluß an jüdischen Mitteln für das Aufbauwerk verbürgt allein seinen stetigen Fortschritt, den Fortschritt, welcher den künftigen Geschlechtern des Judentums ein dauerndes glückliches Dasein schaffen soll. Sokolow bei Dr. Hainisch und Dr. Seipel Bedeutsame Unterredungen Am 17. Februar um 11 Uhr vormittags wurden der Präsident der Zionistischen Exekutive Nahum Sokolow, der Präsident der Landesorganisation Dr. Leo Goldhammer und der Leiter de& österreichischen Büros des Keren Haiessod Dr. N. M. Gelber vom Bundespräsidenten Dr. Michael Hainisch empfangen. Die Unterredung währte eine Dreiviertelstunde. Der Bundespräsident gab seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß er Gelegenheit finde, eine der aktivsten Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung kennenzulernen. Er drückte seine besondere Bewunderung dafür aus, daß das jüdische Volk, welches durch Jahrhunderte ein städtisches gewesen war, jetzt darangehe, eine starke landwirtschaftliche Schicht in Palästina zu bilden. Im Laufe des anregenden Gespräches sprach Dr. Hainisch über verschiedene Formen der Landwirtschaft; er bezeichnete es u. a, als überaus bedeutungsvoll, daß der von ihm hochgeschätzte Nationalökonom Gide, der die jüdischen Kolonien in Palästina mit eigenen Augen zu sehen Gelegenheit hatte, sie als in jeder Hinsicht zufriede n s t e 11 e nJ befunden hatte. Dr. Hainisch zeigte sich über zahlreiche Details der jüdischen Siedlungsformen in Palästina ausgezeichnet informiert und besprach sie vom Standpunkte des theoretischen und praktischen Wirtschaftlers in eingehender Weise. Präsident Sokolow, Dr. Goldhammer und Doktor Gelber statteten sodann dem Chef der österreichischen Regierung, Bundeskanzler Dr. Seipel, einen Besuch ab. Dabei wurde in einer mehr als 1% ständigen Unterredung, welche überaus herzlichen Charakter trug, die politische, kulturelle und völkerversöhnende Bedeutung des Zionismus erörtert. Der Bundeskanzler, der die politischen Grundlagen des Zionismus gut kennt und mit hervorragenden Freunden der zionistischen Idee, wie Lord B a 1 f o u r, General S m u t s u. a. persönlich bekannt ist, wies im Laufe des Gespräches darauf Die Musaristen Das Ende einer jüdisch-religiösen Bewegung In den Städtchen des Gebietes von Lettland, Litauen und Kurland erlosch vor kurzem das letzte Zucken einer Bewegung, die noch in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre weite Kreise um sich zog. Damals schon war ihr Niedergang zweifellos, aber sie hatte noch Wurzeln in manchen Schichten der Judenheit jener Gegenden und warf sogar Reflexe hinüber bis nach Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Vorgänge der nachfolgenden Jahre zehrten den Rest der geistigen Kraft dieser Bewegung und ihrer Träger auf, und der Weltkrieg, der alles von zu unterst zu oberst kehrte, hat die letzten Trümmer vollends hinweggeräumt. Es dürfte jetzt von besonderem Interesse sein, die Geschichte dieser Bewegung, ihrer Ausbreitung und ihren Untergang, sowie das Wesen jener Persönlichkeit, der sie ihre Entstehung verdankte, kennen zu lernen. Noch vor 35 oder 40 Jahren konnte der Besucher kleiner lettischer, litauischer und kurländischer Städte, aber auch größerer Gemeinden, wie Wilna und Kowno, in irgend einer Ecke der Judengasse ein seltsames Haus finden, das ,,Beth ha musar“ (Haus der Moral) hieß. Aeußerlich sah es aus. wie jede kleine Synagoge in jedem Ghetto, eine „Klaus" oder ein Bethamidrasch, halb Betlokal, halb Schule, oder richtiger: beides zugleich. Das Haus stand denn auch jedermann offen. Alte und junge, Reiche und Arme, Kaufleute und Handwerker gingen darin aus und ein. Betrat man aber das Innere, zumal in der Stunde der Abenddämmerung, so gewahrte man sogleich, daß man sich in einer Anstalt befand, die sich sowohl vom hergebrachten Bethaus, als auch von der Talmud-Schule bedeutend unterschied. Weder saßen an langen breiten Tischen junge Leute über große Folianten gebeugt und .lernten* mit lauter Stimme, in dem üblichen Singsang der Talmudbeflissenen, noch standen Gruppen in gemütlichem Geplauder, den Gottesdienst erwartend, noch vernahm man die Stimme der Betenden, die auf den Vortrag des Vorbeters antworteten. Es bot sich dem Besucher vielmehr ein Bild, das ihn äußerst fremdartig anmuten mußte, und in jüdischen Gemeinden früherer Zeit ganz undenkbar gewesen wäre. Den Raum betritt ein Mann, läßt sofort den Kopf sinken, stellt sich in einen Winkel hin und wendet das Gesicht der Wand zu. Er kümmert sich offenbar nicht im geringsten darum, ob noch jemand im Saale anwesend ist, jedenfalls nimmt er keine Notiz von ihm. Er stützt den Kopf auf die Arme, verhüllt das Gesicht mit den Händen und versinkt in Sinnen. Worüber grübelt er? Ist es etwa ein schwieriges halachisches Problem, eine „herbe" Stelle im Maimuni, ein Widerspruch zwischen zwei Aussprüchen des Talmud oder eine wichtige religionsgesetzliche Frage aus dem Gebiete des Eherechtes, der Sabbat- und Festritualien oder der Speisegesetze, das dringend der Entscheidung harrt und dessen Lösung ihm soviel Kopfzerbrechen verursacht? Weit gefehlt! Der Besucher des „Hauses der Moral" ist über solche „Kleinigkeiten des Alltagslebens" hoch erhaben. Er grübelt über ein ethisches Problem; seine ganze Gedankentätigkeit ist nach innen gerichtet und konzentriert sich auf einen Punkt. Er hält Gewissensprüfung, er hält Abrechnung mit sich selbst. Er versenkt sich in die Betrachtung der Nichtigkeit dieser vergänglichen Welt, er vergegenwärtigt sich, daß der Mensch, all sein Tun und Sinnen und Trachten eitel, Eitelkeit der Eitelkeiten ist. Dann strengt er seine Phantasie an, um sich all die Strafen auszumalen, die den Sünder in der Hölle erwarten; er gibt sich Mühe, sich als den ärgsten Sünder zu betrachten, für dessen Sünden sämtliche sieben Hallen des Gehhinom (Hölle) nicht ausreichen werden. Je mehr er sich in diese Betrachtung versenkt, eine um so größere Angst bemächtigt sich seiner. Endlich bricht er in ein bitteres Weinen ud Jammern aus. Er beweint seine eigene tiefe Sündhaftigkeit. Unweit steht ein zweiter, ein dritter, ein zehnter, der düstere Raum widerhallt von Stöhnen und Wehklagen, jeder Neuangekommene wird von der Atmosphäre angesteckt und stimmt ein, jeder beklagt sein „Bündel Sünden", die Sünden, die er begangen, oder die er in Zukunft begehen könnte. Die Ekstase der Zerknirschung und der Büßfertigkeit steigt immer höher, das Weinen erreicht seinen Höhepunkt, doch plötzlich schweigen alle still und horchen auf. Einer der Anwesenden, der Aelteste oder Angesehenste, rezitiert mit Jauter Stimme einen Vers aus der Bibel, aus dem täglichen Gebet, oder auch der Mischnah, der sich auf Sündhaftigkeit oder Buße bezieht und die anderen wiederholen den Vers angstvoll und bangend, mit herzzerreißender Stimme unter lautem Weinen und Jammern. Sie wiederholen den Vers immer wieder von neuem, bis ihre Kräfte erschöpft zu sein scheinen. Dann rezitiert der Vordermann einen anderen Vers dieser Art, und alles fängt von neuem an. Das dauert so fast einige Stunden. Gewöhnlich schloß dieser seltsame improvisierte Gottesdienst mit dem Vers: „O, Ewiger hilf uns!", worauf das übliche Abendgebet (maarib) vorschriftsmäßig verrichtet wurde. Um das Wesen dieser Bewegung richtig einzu* schätzen, muß man sich die kulturelle Frage des Judentums in Litauen und Kurland vergegenwärtigen, während der Zeit ihres Entstehens bis zu ihrem Ende. Dies wird uns durch Jie Schilderung der Per-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.