Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 37 (1920)
- Issue
- 7 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 102 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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ISiit# 102 Dr* Bloch’s Wochenschrift. Nr. 7 Krakau. Unser Mitarbeiter Herr Abraham1 K<> ha ne hat sich mit Fräulein Golde Nacht aus: Przemysl vermählt. . Lugano (Schweiz). Hier wurde am 29. Jänner Herr Karl Edelstein aus1 Wien auf dem neu eröffneten jüdischen Friedhofe nach orthodoxem Ritus im Beisein seiner Gattin und Töchter hebst Schwiegersohn und seiner Brüder feierlich bestattet. Herr Edelstein war sowohl in kommerziellen als' auch in Künstlerkreisen in Wien eine angesehene und beliebte Persönlichkeit. Feuilleton. Jüdische Kirehenfürsten, Von Dr. J. Morgenstern, Hie Geschichte der Päpste ist mit gar vielen wunderlichen Dingen angefüllt, so daßi man Wahrheit von Dichtung kaum zu unterscheiden vermag. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn sich Sagen, in wunderlichste Gewänder gehüllt, über Päpste gebildet haben. Eine ganz dunkle Sage besteht, daßi ein Jude einst Papst gewesen und lange Jahre das Pontifikat verwaltet habe; In seinem hohen Alter jedoch habe er plötzlich Rom verlassen und sei in den Schoß des Judentums wieder zurückgekehrt. Ansehen und Würde, Pracht und Herrlichkeit eines Vatikans vertauschte er mit dem finstern Ghetto, darin er einst geboren wurde. Die Zeit, um welche ein Jude den Stellvertreter Gottes uaf Erden repräsentierte, liegt vollständig in Dunkel gehüllt, als' der Ort seiner Abstimmung jedoch wird Deutschland — und zwar Mainz — genannt. Einem deutschen Rabbi wurde sein Kind entführt und im Geheimen von der Geistlichkeit erzogen. Das Kind nahm an Wissen derart EU, daß es später zu hohen kirchlichen Würden gelangte und schließlich die höchste Sprosse auf der Stufenleiter menschlicher Machtvollkommenheit — den Stuhl Petri — erstieg. Der greise Vater, lange Jahre sein Kind betrauernd und beweinend, faßte — durch einen wunderbaren Traum veranlaßt — den Entschluß^ sein geliebtes Kind unter den Lebenden aüfzusucben. Auf seihen Irrfahrten gelangte er auch hach Rom, wo er die Lust verspürte, den Papst Izu sehen und zu sprechen. Er wurde auch zugelassen. Vphrend der Unterhaltung kam auch das Gespräch, auf das Schachspiel, in welchem der Rabbi als Meister galt, und der Papst forderte ihn ,zu einer Schachpartie auf. Mitten im Spiele plötzlich sprang der Rabbi auf iond scbriei voll Freude: „Mein Verlorenes Kind babe ich wieder gefunden, Du bist es! In der frühesten Jugend, als ich Dich im Schachspiele unterrichtete, zeigte ich Dir einen Schachzug, den noch kein anderer von mir erfahren, denselben Zug, den Du soeben gemacht und wodurch Du die für Dich unbedingt verlorene Partie gerettet hast.“ In der Seele des Papstes dämmerteallmählich die Erinnerung auf, Vater und Sohn erkannten sich und lagen sich weinend in den Armen. Heimlich verließen sie Rom, kehrten nach Deutschland zurück, wo der Papst in den Schoß seiner Mutterreligion wieder aufgenommen wurde. Der Papst war plötzlich verschwunden, und man hatte auch weiter keine Spur Von ihm entdeckt., Diese Sage hat die Geschichte pls eine in das Reich der Fabel gehörige Mythe izuruckgewiesen. t Geschichtlich1 gesichert bleibt 'es* aber, wiewohl' [män es zu verschweigen gesucht, daß ein Jude in erster Abstammung, von rein jüdischem Geblüte, ohne jegliche Beimischung — Papst gewesen. Im 12. Jahrhundert lebte in Rom1, eine Familie Pierreleoni, ein jüdisches Geschlecht, das durch Geldgeschäfte reich würde.. Später besorgte sie die Geschäfte für die jeweiligen Päpste, wodurch sie zu Reichtum, Macht und Ansehen gelangte. Den größten Glanz erreichte die Familie Pierreleoni, die ihren jüdischen Adel bis zu dem Stamme Levi hinauf führte, in einem ihrer Sprößlinge Petrus Leonis, der unter dem Jubel der Bevölkerung gegen die Proteste der nichtrömischen Christenheit, nach Papst Honorius. II. Tod, sich1 die Tiara auf das Haupt setzte und, von den Römern, Mailändern und Roger von Sizilien unterstützt, als Pontifex maximus im Jahre 1130 den Namen Anaclet II. annahm. Die Großmutter Anaclet’s II. starb noch als Jüdin, und zwar zu einer Zeit, da ihr Sohn in Rom einen maßgebenden Einfluß als Fürst und Konsul ausübte, und ihr Enkel, der nachmalige Papst Anaclet II., als apostolischer Legat den Glanz der Kirche im Auslande repräsentierte. Die Wirren der Zeit sowie die Streitigkeiten im Schoße der Kirche! einerseits, der mächtige Einfluß des' Vaters, der vermittelst des goldenen Schlüssels1 sich alle Pforten zu öffnen wußte, andererseits1 begünstigten die Pläne Petrus Leonis'’ Anaclet war allerdings' schon als Christ geboren; allein er. hatte ein prononziert jüdisches Exterieur und jeder Versuch, die Abstammung abzeuleugnen,, * scheiterte an der Physiognomie. Diese ließ sich einmal nicht ändern, und die Bewunderer des Papstes konnten bloß den Versuch unternehmen, .sie in ihren Wirkungen dadurch abzuschwächen, daß sie den Ein wand machten, Petrus!und Paulus hätten noch bei weitem jüdischer auSgesehen als der Sohn Pierreleoni'S. Die Wahrheit half jedoch dem arg angefeindeten Papst wenig; seine Gegner waren stets’ bereit, ihm seine jüdische Abstammung vorzuwerfen, und der Gegenpapst Innocenz II. hatte leichtes Spiel, ihn zu diskreditieren. „Judaica perfidae heresis“, nennt ein anderer Anhänger Innocenz’ II., Walter von Ravenna, die Haltung Anaclet’s am Schisma, . Und der deutsche Fürst Arnulf machte auch in einem, an Invektiven überreichen Schreiben an den Papst von dem Argumentes der jüdischen Abstammung desselben Gebrauch: ircumcisionem baptismatis1 Unda darnschreibt derselbe höhnend dem jüdischen Stellvertreter Christi: „Dein Vorfahr hat die Re-, schneidung durch das1 Wasser der Taufe wegzuwaschen versucht.“ Einer seiner heftigsten Gegner war der heilige Bernhard, Abt von Clairvaux, der sonst ein Freund der Juden war, überall für sie eintrat und sogar am die mächtigsten Fürsten Europas schrieb, sie gegen Verfolgungen in Schutz zu nehmen. E? mochte den Juden, aber nicht den jüdischen, Papst. In der Kirchenversammlung, die auf seine Veranlassung im Jahre 1130 zu Estampes' einberufen wurde, « weil man wissen wollte, welche Partei, Ludwig VI. von Frankreich, auch der Dicke genannt, zwischen dein Papste _ Innocenz II. Md Petrus1 Leonis, der sich Anacletus II. nennen ließ, nehmen werde, . erklärte sich der heilige Bernhard gegen den jüdischen Papst. Er sagte, daß Innocenz kanonisch gewählt worden wäre und daß man rechtmäßigerweise -zu keiner anderen .Wahl hätte schreiten können. Das .ganze Kon- „Avus tuus circ* navit'