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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-12-12 · 47 (12.12.1919) · p. Seite 660

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
47 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 660 (sequence 8)
Language
German
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Seit« 755 Nobelpreisträger Fritz Haber. Wie dem'~ Juden Albert E j es te in, so wendet sich die Aufmerksamkeit der Wissenschaft]ichen Welt gegenwärtig dem' neuen Nobelpreisträger für Chemie, dem jüdischen Chemiker Fritz Haber .zu. „Fritz Haber, dessen .Forschungen über die Fixierung des Stickstoffs heute in aller Munde sind, ist in seiner großartigen wissenschaftlichen Entwicklung unterschiedlich von anderen Gelehrten von technischen Gesichtspunkten aüsgegangen. Er begann peine Laufbahn als Assistent des großen Technologen Bunte in Karlsruhe und wurde schon damals wie auch' heute ftrimer wieder von den technischen zu den wissenschaftlichen Problemen geführt. Im Zeitalter der Entwicklung der technischen Elektrochemie wurde Haber einer der Führer auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Elektrochemie. Ans jener. Zeit stammen die Arbeiten über elektrolytische Deduktionen und die Knallgaskette und der Nachweis des Faradayschen Gesetzes im festen Zustande, sowie die Untersuchungen über das Verfahren der Aluminiumgewinnung. Als Niederschlag dieser Studien entstand das bekannte "Werk über tedmische Elektrochemie. Die Untersuchungen an der ' Knallgaskette, sowie über die Flammen lenkten seine Aufmerksamkeit auf die physikalische ~ Chemie der Gase überhaupt, .welche $ur Konstruktion des Haberschen Interferrameters und der Haberschen Schlagwetterpfeife geführt und die ihren letzten Ausdruck in der Synthese des Ammoniaks aus .Stickstoff der Luft und 'Wasserstoff gefunden haben. Charakteristisch. #ür diese Forschungen ist neben der subtilsten Experimentierkunst die theoretische Vertiefung, finit der Haber technische Probleme .inj Angriff nimmt; und die nun speziell bei den Gasen ihren Ausdruck in ..dem jausgezeichneten Buche über Thermodynamik technischer jGasreaktionen gefunden hat. In diesem’ "Werke gelangt Haber theoretisch über all seine Vorgänger weit hinaus zu mathematischen Berechnungen; die uns ermöglichen,- aus (nur. Venigen Versuchen -die -Beaktiön -'zu beherrschen, ein Problem, das später in den Händen von Nernst seine jendgültige Lösung* gefunden hat. Auch ganz moderne Probleme (der (Atomistik hat Haber behandelt, und es wird in der modernen Physik von einem sogenannten Haberachen Effekt gesprochen. Es handelt sich dabei um elektrische Ladungen, Sie .bei chemischen Reaktionen aufitreten. Der Sinn der Verleihung des Nobelpreises liegt, sicherlich in (der, (Anerkennung der außerordentlichen Bef gabung dieses "Forschers, die technischen Probleme unmittelbar mit (Wissenschaftlichen zu verknüpfen und solcherart/ auf beiden {Gebieten Höchstleistungen her vorzubringen.“ Dr. Alfred Stern.*) Von Dr. Heinrich Schreiber. Gerade jährt sich' zum! ersteh Male der Tag, an dem Dr. Alfred Stern, hochbetagt, in seinem 87. Jähr, von der jüdischen Gemeinde tiefbetrauert, aus dem Lehen geschieden ist. Er war — und dies trifft noch' hisnun zu — (der letzte Präsident der Wiener Kultusgemeinde und kurz vor seinem Tode auch ihr erster Ehrenpräsident. Zur Stunde^ da ich! diese Zeilen über Einladung der Redaktion des „Wiener jüdischen Almanach'“ schreibe, ist seine Stehe an 'der Spitze der Wiener Gemeinde, — wie der Fachaüsdruck lautet — vakät. Dieses kurze Wörtchen spricht mehr als eine spaltenlange Würdigung zu sagen vermöchte. Als Aus dem demnächst erscheinenden »Wiener jüdischen Almanacb«, Herausgeber Mwx S chwa ger, Wien, il., Zirküsg. 50. teand da uiid es fand sich niemand, ja es wurde auch* keiner gefunden, der es übernommen hätte, sein Erbe in der Kultusstube anzutreten.. Es herrscht eine Art Interregnum1 — wenn ein solcher Ausdruck in der Epoche republikanischer Staatsformen am Platze ist—während dessen diezwei Vizepräsidenten' die Geschäfte der Kultusgemeinde führen; einen Präsidenten aber |ibt es dermalen nicht. Man wird freilich1 einWendett: mit dem Zusammenbruche des gesamtstaatlichen Gefüges und dem' Umstürze, der sich1 allerorts fühlbar macht, hat schwerlich jemanden die Lust und der . Ehrgeiz angewandelt, in diesen s!chicksälss'chweren Zeiten die Zügel der Judengeiheinde zu erfassen. Mag sein, 'daß in ruhigen, normaleren Zeiten der Nachfolger sprungbereit am1 Plätze ^gewesen Wäre. Tatsache aber ist es, daß gerade in den Stürmen, welche, wie alle öffentlichen Institutionen, auch die Ju- ’dengemeinde durchbrausen und in denen ein unerschrockener und umsichtiger Steuermann eine Lebensnotwendigkeit jypiäre, der ‘Wiener Kultusgemeinde ein solcher weithin sichtbarer Lotse fehlt. '• Allerdings ist mit dem Alterspräsidenten auch’ die alte Kultusgemteinde zur Rüste gegangen, denn mit dem Sturze Dr. S terns rüttelte der ziönisti 3 die Gedanke an die Pforten des Gemeindehauses und verlangte Einlaß. Er stetzte es' durch, daß die Verfassung, der Gemeinde durch ein neues Statut tiefgreifend geändert wird. Mit dieser Aenderung ist auch' eine Umwälzung der Wahlordnung verbunden und diese wird, sobald die staatliche Gutheißung erfloßen sein wird, auch' die Erneuerung des Kultusvorstandes ini Gefolgte haben, da die Mandate allesamt längst abgelaufen sind und wahrend des Krieges nur künstlich’,, d. % durch statutarische Interpolationen -aufrechter-' halten werden. Die Kultusgemeinde steht daher vorerst 'inmitten eines Provisoriums und trachtet, schlecht und recht -über die Schwierigkeiten des Tages und der Verhältnisse, sowie über die Eahrlichkeiten der Geschehnisse hinwegzukommen. Die Neuwahlen ^Werden unleugbar der Kultusgemtein.de ein neues Antlitz geben. Wird es' der alten' ähneln, die im Zeichen eines Zusammtenschlusses' zwischen lib'eral-Teformätorisch'er und gemäßigt-konservativer Linie gedeihlich1 gewirkt hat, oder 'wird es die grellere Farbe der Jüdischnationalen und der zionistischen Richtung auftragen? Auf diese Lebensfrage der Gemeinde steht die Antwort izuüächlstaus1. Sicher ist bloß, daß dieste Bewegung fwöhl der Gemeinde das Haupt, abgeschlagen, die Glieder aber1 hoch nicht in ihrem1 Sinne reformiert hät, daß das stürmische Auftreten der Jüdischhationalen vorerst bloß den Rücktritt des Präsidenten erzwungen hat. Seine Resignation hat. indessen Dr. Alfred Stern nicht lange überlebt. Fast möchte ich meinen, daß wir noch nicht die richtige Distanz gefunden haben, um' Steiner Bedeutung für die Wiener Judengemtemde in ihrer vollen Tragweite gerecht zu Werden; es fehlt der Maßstab und es fehlt vor allem' der feste Boden, auf dem das Visierinstrum'eht postiert werden könnte, denn alles fließt, wie überall, so auch in der KültusJgemeinde . .-. . Was über Dr. Alfred Stern als Mensch; als Politiker, als Jude-und als Präsident der Wiener Kulmsgemeinde in hes'steren Tagen zu sagen war, habe ich vterschiedeUenorts und bei verschiedenen Anlässen .geschildert, in Wort und Schrift, die von Liebte und Anhänglichkeit an ihn eingeflößt und getragen waren. Er hät 'die.Gemteinde aus viel kleineren Dr; BLOCFFS WOCHENSCHRIFT *r, L-7'. Dr. Stern den Präsidentenstuhl verließ, -war nie-

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