Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 47 (12.12.1919)
- Date
- 1919-12-12
- Page
- Seite 658 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 75»4 Di. BLOCH’S' V Jümttn MrA. Ls» Mxadeibeitsverirag, den Pol«®, unterzeichnet hiat, heißt es, der' Sabbat dürfte nicht verletzt werden. Im Gesetze findet sieh' auch kein Sterbenswörtchen jüber den Sabbat. Es Wird nur verlangt, daß am Sohn tag geruht wird, nicht aber, daß die Juden am Samstag arbeiten sollen. Die drohende Einführung der Zwangssonntagsruhe hat einen Sturm der Entrüstung und des Protestes im ganzen Staate hervorgerufen. Die jüdischen Abgeordneten haben eine energische Aktion eingeleitet, um das Möglichste zu retten. Abgeordneter Dr. Thon, welcher die Aktion leitet, ist in eingehende Verhandlungen mit den einzelnen, polnischen Parteien eingetreten und hat vor Ser Arbeiterschutz- und der Handelskommission des Landtages den jüdischen0 Standpunkt mehrmals in länferen Ausführungen klargelegt. Aber alle Bemühungen . er jüdischen Abgeordneten, alle die tausende Proteste. aus allen Winkeln Polens . haben bis jetzt nachts gefruchtet. Die polnischen Abgeordneten machen kein Hehl daraus, daß sie die Juden treffen wollen. Der Sejmmarschall erklärte feiner jüdischen Abordnung, in Polen würde es Pogrome geben, wenn das Gesetz nicht zustande , kommen sollte. Uebrigens rate er den Juden, ein Episkopat zu schaffen und den Samstag auf ifeh Sonntag zu verlegen. Ke Vertreter 'der Juden hätten das leicht voraussehen können; in Paris hatten bei dem Entwurf des Friedens Vertrages solch krasser Verletzung der religiösen Autonomie vorgebeugt werden können. * . * lieber die Vorgänge im' Landtag wird berichtet: Ln Verlaufe der Landtagsdebatte über die obligatdrisdhe ' Sonntagsruhe ergriff am 18. November Abgeordneter Dr. Thon das Wort zu einer längeren , 'Bede, in welcher er zunächst das Prinzip des Achtstundentages begrüßte. Er wurde fortwährend durch ' allerlei höhnische Zwischenrufe unterbro eben. Kennzeichnend für die Bildungsstufe dieser Versammlung ißt die Tatsache, daß Entrüstungsrufe und Widersprach' laut wurde, als der Redner erwähnte: Der allwöchentliche Ruhetag ist eines der vornehmsten Gebote der mosaischen Gesetzgebung. Die Juden haben als erstes Volk den sozialen Ruhetag eingeführt. Ke obligatorische Sonntagsruhe würde aber Ne Juden zwingen, entweder ihrem Gewissen Gewalt/ anmtun oder Zwei Tage ,in der Woche zu ruhen. Das wäre nicht allein für Jdie Juden, sondern auch1 für das ganze Land von großem volkswirtschaftlichen Schäden. Wir stehen Vor der Wahl, entweder.... H(Abtz. Pietrzik: Wegzugebenl) -Die Volkswirtschaft lehrt, daß nicht die ganz Verarmten auswandern, jweil ihnen eben die Mittel sogar dazu fehlen, sondern die kapitalkräftigeren Elemente, während die Mittellosen Zurückbleiben und eventuell dem Staat zur Last fallen. (Finanzminister Bi lins kl betritt den Saal.) Fragen Sie doch den Finanzminister, Was das für die Finanzverwaltung bedeuten würde, wenn ein stetierkraftiger Teil der Bevölkerung nicht mehr in der Lage ist, Steuern zu bezahlen. Wenn «ha» auf die obligatorische Sonntagsruhe in England verweist, so ist das trügerisch. Denn in England ist Ne Zahl der Juden eine ungleich geringere, während sie in .Polen doch' ganz anders zur Geltung kommt. In der Debatte sprachen die jüdischnationalen Abgeordneten Dr. Th'ön, Rabbiner H alp ern> Dr. Schipper, Advokat Grün bäum' und Hirschhorn. Während Rabbiner Halpem vom Standpunkte des religiösen Juden sprach, verteidigte Abgeordneter Schipper in seiner Hede die Interessen des jüdischen fOCHKNSCHHIFI «t. i7 Proletariats. Aber äÜes Bemühe» War Bas ganze Haus stimmte gegen die Anträge der jüdischen Abgeordneten. ___ ln der Sitzung des Warschauer Stadtrates am 22. Mai hatte der Stadtverordnete Wo'l-. fowitsch1 und Genossen einen Dringlichkeitsantrag eingebracht, daß die jüdjs'chen Läden, welche . am Sabbat den. ganzen Tag geschlossen sind, äm Sonntag den ganzen Tag offen sein dürfen. Auf Beschluß des Magistrats vom 30: Mai wurde dieser Antrag der zweiten Abteilung (für Handel) zur Betrachtung und Begutachtung Überwiesen. Diese Abteilung .hat nun ihr Gutachten dahin abgegeben, daß die Ueberbeferüng und das Gesetz in Polen als Ruhetag den Sonntag anerkennen und auch' in den Ländern West-, europas und in Amerika der Ruhetag Sonntag ist.. Auf Grund dieses Urteils hat der "Magistrat in seiner Sitzung am 2. September' beschlossen, den Vorschlag des Stadtverordneten Wolfowitsch a b z u - lehnen. - Wie man den Tacitüs zitiert. / In der Kunst, falsch' zu zitieren oder ein richtiges Zitat falsch auszudeuten, haben es die .antisemiti' sehen Schreiber durch häufige Hebung zu einer großen Fertigkeit gebracht. MangÄ an Ehrfurcht vor dem Geistigen ist es, was sie befähigt, Aussprüche eines großen Geistes zu verdrehen, sie in der Form zu entstellen voder ihnen eine falsche Deutung zu geben. Die antisemitischen „Gelehrten”. scheinen seihst, von dem Wert ihrer „Weltanschauung” nicht so ganz durchdrungen zu sein, sonst würden sie nicht solche Anstrengungen machen, diese ihre antisemitische Weltanschauung durch Aussprüche großer Männer zuM Stützen. Wieviel Geschichtsfälschungein, wieviel be-B wußt entstellte Zitate mußten, berhalten, ümi:die Min-B derwertigkeit der Juden und somit, die Berechtigung^ des Antisemitismus zu erweisen. || Neuerdings veröffentlicht das Abendblatt des „Deutschen Volksblattes'.', „De r T erleg r apb”, allabendlich unter der Aufschrift „Der JudenSpiegel” antisemitische Aussprüche großer Männer. Nach Cicero, Napoleon u. a. wurde letzthin auch Tacitus als Kronzeuge gegen die Juden aufgemfen. Der. „Telegraph” zitiert: „Die Juden sind der Ekel des Menschengeschlechtes.” (Odium' generis hümani.) Tacitus, „Ab excessü divi1 Augüsti”, 15. Buch, 44. Kap. „Die Sitte der Juden ist ungereimt und schmutzig.” Tacitus, Historien, V., Kap. 5. — Da& die Antisemiten mit Vorliebe den Talmud fälschen, ist bekannt; jetzt fälschen sie auch noch den Tacitus. Denn bei den erwähnten Zitaten handelt eS sich insofern um eine Fälschung, als sie der „Telegraph” falsch interpretiert. Jeder Kenner des Tacitus weiß,, daß dieser Römer die Christen „Juden” nennt. Die Aussprüche sind demnach nicht gegen die Juden, sondern gegen die damaligen Christen gerichtet. Was also der große Römer in Seinem heidnischen Grolle gegen das von ihm unverstandene junge Christentum sagt, es seien seine Anhänger „überführt worden des HasSCS gegen das ganze Menschengeschlecht'', das führen die antisemitischen Skribenten gegen die Jpden an und prunken mit einem Zitat, das1 gegen die verfolgten Christen gerichtet war. iJ. . trriM . •. t- - - —- . - i . i, . » ViliaSSf 1 ■ * Antisemitische Exzesse in Budapest. In Budapest kam1 es Sonntag den 7: d. M. zu argen antis smKtiseben ExweSSem Die an-