Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 44 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 619 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 715 fl*. 44 Rr. BLOCH’S WOCHENSCHRIFT An der Lehranstalt für die Wissenschaft des Jadenttuns zu Berlin soll ln. .der Leit vom 23. Dezember bis 1. Januar ein F er i e n k u r s u s abgehalten werden. Zur Teilnahme sind Rabbiner und akademische Eeligionslehrer berechtigt. Folgende Vorlesungen sollen stattfinden: Baeck: Der Midrasch in der vergleichenden Religionsgeschichte. Baneth: Einleitung in den 'Talmud. Elbogen: Zur Geschichte der Juden im XIX. Jahrhundert. Guttmann: Hauptrichtungen der gegenwärtigen Religionsphiiosophie. Torczyner: Die Entwicklung der biblischen Wissenschaft in neuer Zeit. Freund: Staat, Kirche, Judentum. Hochfeld: Probleme des jüdischen Religionsunterrichts. Daneben sind Führungen durch Museen und Sammlungen in Aussicht genommen. — Meldungen von Teilnehmern sind biszum 1. Dezember an das Sekretariat der Lehranstalt, Berlin X. 24, Artilleriestraße i4, zu richten, von dem dann auch weitere Mitteilungen gemacht werden. Jüdische Päpste. (Schluß). Die jüdische Literatur des Mittelalters scheint sich für die zu guten Christen und P,äpsten gewordenen Renegaten nicht interessiert zu haben, und der Lage boten sie kaum geeigneten Stoff. Diese erschuf sich mit frei waltender Phantasie zwei Päpste, die auch auf dem Stuhle 'Petri im Herzen ihrem Judentum treu gebheben sind und ihre Glaubensgenossen zu schützen suchten. Der eine dieser Päpste rührt zwar in der Sage den Namen Simon Kaiphas, und es wird bemerkt, daß die Christen ihn bankt Petrus nennen, aber er hat nicht die geringste Heimlichkeit mit dem Apostel, wie überhaupt »die ganze Sage, die mir ziemlich jung zu sein scheint, jedenfalls erst zu einer Zeit entstanden ist, als das Christentum schon zur herrschenden Religion geworden war. Die Christen, erzählt sie, konnten die Argumente, welche der überaus gelehrte und fromme Rabbi Simon gegen ihre Religion vorbrachte, nicht widerlegen und /befürchteten, er Werde viele zum Abfall bewegen. Sie bemühten sich daher, ihn für sich zu gewinnen, und da sje mit Hüte und Üeberredung bei ihm nichts Ausrichten konnten, organisierten sie eine große Judenverfolgung: Juden wurden ermordet, beraubt, zu Sklaven gemacht und verkauft, um drei (soll wohl heißen dreißig) Silberlinge, „wie Jesus verkauft wurde“. Zur Bedingung für das .Aufhören der .Verfolgung stellten sie den Uebertritt Simons, und dieser, von seinen Glaubensgenossen darum gebeten, opferte sich für sie, ward Christ und Papst, nachdem er sich Einstellung der Verfolgung und mancherlei Konzessionen für die Juden, sowie das Unterlassen gewaltsamer Bekehrungen ausbedungen hatte. Ffür ihn selbst mußte .ein höher Turm gebaut werden, in dem er allein wohnen und sich ungestört seinen Meditationen und Gebeten widmen konnte. Der Turm wurde gebaut, und Simon lebte dort, die jüdischen Speisegesetze streng beobachtend und hebräische Gebete verfassend, die er den Häuptern der jüdischen 'Hochschulen und Synagogen zukommen ließ: „Einies fliersielbeB wird noch .jetzt an jedem Sabbat rezitiert.*) ■ *) Diese Sage oder Legende wurde zuerst yon Wagenseil in seiner Tela ignea Satanae 1681 in Uebersetzung veröffentlicht, den .hebräischen Text hat Ad. Jellinek iin sechsten Bande seines Bet-ha-Midrasch nach einem alten Manuskript abgedruckt, im fünften Bande dieses Werkes (Wien 1873) ist die zweite jüdische Papst sag« abgedruckt. Einen Anflug von 'Humor hat die zweite jüdische Papstsage, die noch jünger zu sein scheint, da ihr Held wirklich im 10. Jahrhundert gelebt hat Sie mag wohl lange nach dessen Tode entständen sein, aber man muß deshalb nicht annehmen, daß sie irgend welchen Bezug auf den historischen Anakiet hat. Dieser Nachkomme eines jjetauften Juden hat sich der Glaubensgenossen seiner Ahnen eher geschämt als angenommen. Und die eine Hälfte der Sage kann leicht wahr sein. Kinderraub behufs der Taufe kommt ja auch jetzt in Galizien nicht selten vor, Und vor einigen Jahrzehnten hat der Raub des kleinen Mortara viel Aufsehen in ganz Europa erregt. Papst ist er nicht geworden, ja ich glaube nicht einmal Bischof.,_ Da ging es dem kleinen Eichanan,. Sohn des sehr angesehenen Reh Simon in Mainz, schon besser. Wie bekannt, dürfen die Juden am Sabbat kein Feuer anzünden, und fromme Leute lassen daher im Winter den Ofen von Christen heizen. Da geschah es nun einmal, daß eine solche Heizerin, eine sogenannte „Sabbatchristin“, wahrend der fromme Simon und seine Frau sich pn der Synagoge befandest, -den kleinen Eichanan stahl, ihn zu einem Geistlichen brachte und taufen ließ,, „denn die Christen hielten damals solches für eine sehr gottgefällige Tat“, bemerkt der Erzähler. Als die Eltern nach Hause kamen und das Kind nicht fanden, gerieten sie in die größte Bestürzung; aber alle ihre Nachforschungen und die heißesten Gebete, die sie zum Himmel emporscbickten, blieben ohne Erfolg. Das Kind war verschwunden. Mittlerweile wurde der kleine Eichanan von Geistlichen erzogen, besuchte niedere und höhere Schulen, wegen seiner hervorragenden „vom Vater geerbten Anlagen“ mit dem größten Erfolg. Dann" setzte er seine Studien in Rom fort» wo er bald berühmt Würde, zum Kardinal ernannt und endlich zum Papst gewählt yvurde. Leider gibt der jüdische Erzähler nicht an, welchen Namen er als Papst führte. Aber auf dem Throne Petri in allen Ehren und Herrlichkeiten des Pontifikats vergaß Eichanan weder seine Religion noch seine Eltern und. sehnte sich nach ihnen. Um, ohne sich zu verraten, seinen Vater zu einer Reise nach Rom zu bewegen, verfiel er auf ein sonderbares Auskunftsinittel. .Er schrieb an den Erzbischof von Mainz und befahl ihm, die allerschärfsten Gesetze zur Verfolgung der Juden in Anwendung zu bringen. Als der Erzbischof an die Ausführung des päpstlichen Befehls ging uncl die Juden ihn um Schonung Haten, antwortete er: Ich kann euch leider nicht helfen, ich muß den Befehl des Papstes -befolgen, aber icb rate euch, eine Deputation nach' Rom zu schicken. Die Juden befolgten den Rat und schickten eine Deputation unter Führung des Reh Simon nach der ewigen Stadt. Das hatte sein Sohn vorausgesehen, und nur, um den Vater als: Deputierten in Rom zu sehen,-hatte er die Judenverfolgung angeordnet. Als die Deputierten in Rom eintrafen, berieten sie sieb zuerst mit ihren dortigen Glaubensgenossen, und diesen kam die Sache unglaublich vor.. „Der jetzige Papst“, sagten sie, „kann so was nicht befohlen haben, er ist den Juden wohlgesinnt, verkehrt gern mit Juden und spielt mit ihnen Schach.“ Als man ihnen aber den Brief an den Erzbischof mit Unterschrift und Siegel des Papstes zeigte, mußten sie daran glauben. Durch Vermittlung eines ihnen wohlgesinnten Kar dinals wurde ihnen eine Audienz beim Papste bewilligt; als sie aber in den Vatikan kämen, lieft der