Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 43 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
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Se»*iS8e~ üf. BtSÖGtTS WOCmtfSCttftlFl schlagen. Denn nie und nirgends hat es ein Volk gegeben, dessen Sehnsucht nac!h: Erringung nationaler Selbständigkeit sich auf zwei verschiedene geographische Punkte gerichtet hätte« In den zwanziger Jahren des vorigen Jahihunderts durchflammte Europa die von Byron so mächtig angesagte Begeisierung für die Befreiung der Griechen vom türkischen Joche, in den sechziger Jahren desselben Jahrhunderts war im europäischen Westen die Polenfrage zur Mode geworden. Aber niemand dachte daran, die griechische oder polnische Nation anderswo zu suchen als in Griechenland oder in den Ebenen zwischen Weich- ' sei und Bug. In Amerika leben Millionen Irländer. Es fällt ihnen nicht ein, von der Union ihre Anerkennung als besondere irische Nation in den Vereinigten Staaten zu verlangen, obgleich sie mit glühender Seele die Befreiung Irlands vom britischen Drucke ersehnen. Ich weiß, daß alle diese Beispiele hinken, weil das Schicksal keines Volkes der Erde mit jenem des jüdischen Volkes vergleichbar ist. Aber die unumstößliche' Wahrheit des Satzes, daß es1 für die nationale Sehnsucht eines Volkes immer nur ein einziges Zentrum geben kann und darf, und daß die Einheitlichkeit dieser Konzenträtionsbestrebungen um so notwendiger ist, je größer die Zerstreuung ist, wird doch sie zur Genüge beweisen. Palästina ist eine ge s am tj indische Sache. Man schädigt sie, wenn man an Stelle des gemeinsamen nationalen Zentrums zwei oder mehrere setzen will. Mit demselben Rechte könnten die Millionen amerikanischer Juden die Anerkennung einer jüdischen Nation in den Vereinigten Staaten mit all den autonomen Einrichtungen fordern, welche unsere österreichischen Jüdischinattonalen verlangen. Warum tun sie es nicht? .Weil sie wissien, daß sie damit das nationale Ideal des jüdischen Volkes vernichten, weil sie Palästina auslöschen und die Kraft und Einheit des jüdischen Volkes zerschlagen würden. Sie sind Amerikaner, wie wir österreichische Deutsche, wie die anderen Engländer, Franzosen und Holländer sind, aber sie haben" begriffen, daß sie auch als solche Glieder des großen jüdischen Volkes sind' und daß sie ihre politische oder staatlichb Zugehörigkeit nicht hindern kann und soll, mitzuwirken an der Erfüllung der nationalen Sehnsucht, der Errichtung des einzigen nationalen Zentrums: Zionl Alle gegenteiligen Bestrebungen mögen wohl den Namen „jödisdbnätional" tragen, jsie isind aber tatsächlich' antinational! Siegfried. Fleischer. Di« Lage in Ungarn« (Jfld. Korr. aus Ungarn.) Sechs Monate unendlicher Leiden und Verfolgungen, die dem Judentum Ungarns mit dem Untergange bedrohten, sechs Monate erschütternder Katastrophen, die Ungarn an den Band des vollständigen Niederbruches brachten, sind über uns hinweggegangen. Der ungarische Bolschewismus lagerte wie ein schwerer Alpdruck auf' diesem unglücklichen Lande, mehr aber noch auf seinem Judentum, das von den Schergen und Bluthunden dieses Systems noch grimmiger verfolgt wurde, als alle übrigen Bürger des Landes. Der unseligen Wirtschaft der Bäteregierung folgte eine naturgemäße Beaktion der Massen des ungarischen Volkes, dessen Wut sich; besonders in den ersten Wochen gegen alle, jene wendete, die mit dem räuberischen System der Bäteregierung in irgendeinem noch so entfernten Zusammen**, hange standen — und abermals war es das Judentum, das unter dieser natürlichen Beaktion in größtem Maße zu leiden hatte. Nicht als ob dieses Judentum als solches etwas * mit dem Bolechewismüs gemein gehabt hätte, doch dieTä£~ sache, daß zahlreiche, ihrem Glauben schön längst abtrünnig gewordene Führer des Bolschewismus jüdischen Ursprunges waren, genügte den von gewissenlosen Wühlern ohnehin aüfk gewiegelten, in den ersten Augenblicken der Befreiung nicht klar und nüchtern denkenden Massen, sich an vielen Orten gegen die ungarischen Juden zu wenden, und Bie als die vermeintlichen Urheber all der Bitternisse und Bedrängungen der traurigen Epoche zu verfolgen. Las ungarische Judentum hat also in diesen sechs Mo-. naten doppelt zu leiden gehabt. Trotzdem blieb es und bleibt es seinen bewährten Traditionen treu. Wie die großen Massen der ungarischen Juden während der Bäteregierung 4 treu und fest am Ungarlande hingen, mit dem sie sich für immerwährende Zeiten auf Gedeih und Verderb verknüpft wußten, so blieben und bleiben sie trotz der sie bedrängend den pogromartigen Ausbrüche fanati3ierter Mengen auch' weiterhin treue Söhne .dieses Landes, für dessen Kultur, Wirtf» schaftsieben, Wissenschaft und Literatur sie in den letzten fünf Dezennien so Ersprießliches geleistet, daß die Spuren dieser Leistungen im Leben Ungarns nimmer ganz vorwischt .werden können. Kaum hätte die Sonne der Freiheit über Ungarn wieder zu leuchten begonnen, gab auch schon der Vorstand der Pester israelitischetf Beligionsgemeiude, dieser größten jüdischen Gemeinschaft Ungarns, in seiner Sitzung vom 28. August der ungeteilten Freude über den Zusammenbruch des törichten und gewalttätigen Begierungssystems der sogenannten Proletarierdiktatur Ausdruck, von den heiV ligen Traditionen der jüdischen Eeligion wie auch vom eigenen moralischen Gefühl ausgehend, jede Solidarität "mit jenen ablehnend, die.1 in der bolschewistischen Propaganda oder an deren Verbrechen aktiv teilgenommen haben. Der --Gemeindevorstand weist ferner mit größter Ehtscyederiheit* die gegen die ungarische - jüdische^ Konfession erhobenen" Verleumdungenzürüclcnind erklärt, iW^gtifen^HHeMn •Sdti&iÜiS^ ten Zeiten dem Vaterlande treu, zu allen Opfern für, Vater? land und Nation bereit, auf dem S t a nd p u n k t e d es *■ ungarischen Gesetzes au stehen, das die Juden zu vollberechtigte n Bürgern dieses Landes gemacht hat. . . Daß diese Deklaration nicht vereinzelt das tehfr;; u ich t ' etwa die durch1 Opportunitätsrücksichten diktierte Aeußerung bloß der offiziellen Vertreter des „assimilatorischen" häuptstädtischen Judentums ist, beweist die in der jüngsten Nummer des „Egyenlöseg" veröffentlichte feierliche Erklärung der Szegeder Judenschaft vom 26. Juni. Damals, als sich' in der von den Umtrieben der Bolschewisten ver* schont gebliebenen zweitgrößten Stadt Ungarns unter Führung des Grafen Julius Ka rolyi eine neue ungarische Eegierung konstituierte, die den Kampf gegen den Bol^che»J, wismus in Ungarn aufnehmen wollte, damals schloß sich die Szegeder Judenschaft auf dem ersten Buf dieser Begieß rung mit größter Begeisterung an. In ihrer feierlichen, erst jetzt vor die große Oeffentliehkeit gelangten Deklaration erklärt diese Judensch'aft mannbar: „Wir dulden nicht und weisen, wo immer er herrühre, jeden Vorwänd zurück, der der Tendenz dienen wollte, uns wegen unserer - jüdischen Konfession in unserer Treue zum ungarischen Vaterlande, zur ungarischen Nation zu verdächtigen . .? Wer den Verlaul dieser traurigen Welt mit offenen Augen ansieht, der muß auch sehen, daß der russische Bolschewismus nicht-nur; den Körper der ungarischen Nation zerfleischt, sondern auch die Lebenstätigkeit Deutschlands, Bayerns und der Nationen anderer europäischer Länder bestürmt.^ Darf man also in dieser rein ungarischen Bürgerstadt das Ausprießen einer Verleumdung dulden, die die Verantwortlichkeit für. die Verbrechen der ungarischen Bäteregierung oder welch geringen Teil dieser Verantwortung immer auf die unga>s rischen Bürger jüdischer Konfession wälzen will? . . . Wer wagt es zu bezweifeln, daß wir Szegeder Ungarn jüdischer