Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 41 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- Seite 557 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Bloches Jahrgang XXXVI CHRIFT Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums PoitjparkaiBenamt Deutschösterreieh: 810.976 UaganK 5.634 Tschecho-SIowak.: 10.976 oooo Redaktion und Administration: Wien, 11/1, Praterstraße 9 Telephon 45.359 Wien, 31. Oktober 1919 Erscheint jeden Freitag Brief-Adresse: Wien, H/1, Pratsrstraße Nr. 9 Telegramm-Adresse: Bloch'8 Wochenschrift Wien oooooooocoooooooocooc § Bezugspreis f. D.-Österr.: 8 Halbjährig ... 15 Kronen | Ganzjährig . . . 3ü Kronen g für Tschecho-Stow. jäbrl. 30 K. | I für Deutschland und das fibrlge s s Anslana jährlich . . 30 Mk. | | Einzelexemplare . 80 Heller § I Anzeigen: Die zweimal gespaltene § g Petitzeit» 70 Heiler g coooooooooooaqoooooooooooooooooooooooooooooa Inhalt: Leitartikel: Vom Tage. — Monistische Märchen. —"Arnold Zweigs »Ritualmord in Ungarn«. — Vom Jahrmarkt des Lehens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Rechtsgleichheit oder Minoritätsschutz. — Max Nordau für ein ungeteiltes Palästina und freie Einwanderung. — Amerika. — Denikin und die französische Regierung. — Sir Aurel Stein. — Eine jüdische Handelskammer in London. — Kriegsmemoiren eines jüdischen Generals. — Zum 50jährigen Bestand der jüdischen Gemeinde in Karlsbad. — Korrespondenzen: Die Reduzierung der Hilfsaktion des Joint Distribution Comitee in Wien. — Mahnruf zur rechten Zeit! — Ukrainische Hilfstätigkeit für jüdische Flüchtlinge. — Wo steckt de r Abwehrausschuß noch immer? — Das ostgalizische Judentum unter ukrainischer Herrschaft. — Kachod. — Breslau. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Triumphzug zu Rom. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Vom Tage» Die Wacht am Donaukanäf. Am Sonntag ist das deutsche Wien schon wieder gerettet worden. Die deutsehhationalen Heil- und die christhohsozialen Hepphepp-Rufer haben sich in schönster Eintracht vereinigt, um! am Franz Josefs- Ki^.r^,.e^^n.vplles Zeugnis1 ihrer christlich-germanischen- Kultur abzulegen. Die antisemitischen Parteien hatten ihre Getreuen aufgefordert, sich recht zahlreich1 an dem' Antistemitenbuinmel .zwischen der Mariejflbrücke und . der Ferdinandsbrücke einzufinden, wo (denn tauch! izaMreiche amüsante .Volksbelustigungen stattfanden. So zum' Beispiel wurden germanische Kraftprobe^, in der WeiSe abgelegt, daß( je zwanzig muskelstrotzende Jünglinge zwei galizische Juden zwangen^ von der Promenadenseite auf die Straßenseite zu flüchten, was1 mit wahrem Feuereifer, jedoch mit kurzen Unterbrechungen 'betrieben wurde. Einer der Leute näjnlich!, an welchem1 die Kraftprobe gezeigt werden sollte, teilte an, die jugendlichen .Wächter des deutschen Charakters Wiens einige hausgemWhte Maulschellen aus. Auf Grund dieses! Zwischenfalles wurde ein harmloseres1 Verfahren eingeschlagen, nämlich Galizianer am Bart gezupft, behelligt und belästigt, damit Sie ja Techt genau den Grad der deutschen Kultur Wiens kennen lernen möchten. Diese Erziehungsmethode wurde von halbwüchsigen Gymnasiasten und Lehrlingen unter Anleitung akademischer Bürger und jener erwachsenen Personen betrieben, welche vor kurzem1 [über die bolschewistischen Gewalttaten jämmerlich Klage führten und Ruhe als die erste Bürgerpflicht erklärten. Eine Zeitlang wurde auch der Versuch gemacht, in 'die 'Leopoldstadt einzudringen, aber ein Schwacher Polizeikordon genügte, um! die Heldens'char vor weiteren Abenteuern zu bewahren. Das1 deuts'ohnational-christlichs^ziale Volksfest dauerte, bis 1I21, worauf die durch1 die erfolgreiche Rettuing Wiens geschwächten Körper dringend nach einem' Mittagessen verlangten; und die Heldens'char zur 'Stärkung für weitere Taten die Straßenbahn bestieg. Vorher wurde als1 Trutzlied eine Variante der Wacht am Rhein gesungen, und zwar die Wacht an der Donau. Soviel sich aus dem brausenden Männer- und Knabenchbr entnehmen ließ, hat diese ungefähr folgenden Gedankengang: a,Lieb Vaterland, kannst ruhig sein! Du hast zwar weder Kohle noch? Holz, aber wir halben: andere Sorgen. Wir haben zwar den germanisch-christlichsozialen Krieg begonnen, aber nun (müssen (wir sieine Opfer aus Wien vertreiben. Wenn wir auch' auf den Fremdenverkehr und das zukünftige Wohlwollen aller Völker angewiesen sind, so betrachten wir doch als unsere hehirste Aufgabe, Haß und Wut gegen Wien zu erzeugen. Wir verachten und fürchten den rohen und gewaltätigen Pöbel, der sich gegen uns1 erhebt, aber wir halten es für eine Heldentat, das1 gleiche Verfahren gegen die Juden anzuwenden. Den arischen Kriegs'gewinnern tun wir nichts, aber die jüdischen müssen wir unbedingt ausrotten. Es lebe die Menschheit, die Gerechtigkeit und der Verstand, in deren Zeichen wir wandeln und in die Walhalla einziehen wollen mit vielen Skalps und Pajes jdaran." Ein literarisches Bubenstück infamster Art er* neuert das Abendblatt der „Reichspost" voml 29. Oktober — ein längst gehrandmarktes' antisemitisches Bubenstück. Mit fetten Lettern, unter schreienden Uebersdhriften: „Uns gehört dieser Gott des Tages1." „Das jüdische Aktionsprogramm- Seit 4 Jahrzehnten." „Die Gegenwart im1 Spiegel einer Rahbinerrede aus dem. Jahre 1875."-- Als wirksame Vorbereitung für Pogrome ist 1906 in Rußland eine angebliche „G r o ß r a h b i n e r r e d e" in Millionen von Exemplaren verbreitet worden und hat dort ihre blutigen Früchte gezeitigt. Das. Programm dieser angeblichen Rabbinerrede ist: Vernichtungskrieg gegen die Christen. Durch die Macht des Geldes sollen die Fürsten und Regierungen beherrscht, der Grundbesitz, die einflußreichsten Stellen in die Hände der Juden gebracht werden. Als Aerzte müßten sie in die intimsten Verhältnisse der Familie eindringen und als solche die Gesundheit und das Leben der Todfeinde, der Christen, in Händen haben. Die Juden müßten sich enthalten, Frauen ihrer heiligen Religion zu Maitressen zu nehmen, für