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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-10-22 · 40 (22.10.1919) · p. Seite 555

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
40 (22.10.1919)
Date
1919-10-22
Page
Seite 555 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 40 Dr. BLOCHE WOCHENSCHRIFT Seite 651 Der Anblick dieses' nackten verwilderten Gespenstes, das1 Bewußtsein jcLes [Alleinseins;, die mitternächtliche Todesstille — alles dies vereinigte sich, um die Angst des Profes'sors! zu erhöben und sie bis zur Unerträglicihikeit zu steigern. Wie ein schwerer Alp lag es' auf seiner Brust, wie Espenlaub zitterten •seine Bände und Füüie; das Licht, das' er bis' jetzt krampfhaft gehalten blatte, entglitt seiner Hand — und erlosoh. Umgeben von der düsteren Finsternis', tappte er mühselig ujmher, bis! er mit Müh1' und Not sein Zimmer erreichte, wo er erschöpft auf sein Bett niederfiel. Hier wartete seiher ein Schrecken, der den ersten bei weitem iüherbot. Die Leiche war ihrn nachges'cMjchen, und vor seinem Bette niederkniend, hatte sie 'krampfhaft, seine Füß|e umschlungen, während sie unartikulierte, wilds'ehmerzliche Töne tiervorstieß. „Wer hist Du, wer?", kam es* endlich in hohlem Tone aus der gepreßjten Kehle des Professors. „Laß ab von mir!" Die krampfhafte Umarmung der Leiche löste sich uind ein tiefer, langgezogener Atem entrang sich ihrer Brust. Mit aller Kraftanstrengunggelang es ihr, ihre Lippen zu bewegen und in leisem Flüstertone flehte sie: „Ph1 Henker, s'chbne meiner, sei mir gnädig, erbarme Dich (über Irnich l" Da erst ging dem Professor ein Licht auf. Wie nach einem schweren, drückenden Traum erwachte er und 'erholte sich von seiner Angst, indem er sich sagte, daß der Mann zu früh abgeschnitten wurde und infolge Seiner starken Natur die Lebenskräfte wie- (ferkehren. Der Profes'sor beruhigte ihn, er sei kein Henker, sondern Professor an der Universität, nun aber wolle er ejnen Hausgenossen, rufen, damit er seine Anord-. •nungen treffen könne. „Oh, nicht doch'!", flehte *der Unglückliche mit ängstlicher Stimme. ^Stürzen Sie mich nicht wieder ins Verderben, denn sohfald die Sache ruchbar wird, werde ich wieder gehenkt, im Namen des barmherzigen Gottes flehe ich Sie an: erretten Sie mich1 vom Tode!" Professor Junker überlegte, was zu tun sei. Vor allen Dingen ließ er ihn ein Hemd anlegen, sodann gab er ihm ein; stärkendes1 Getränk, worauf er ihn dann über die Art seines1 Verbrechens ausforschte. Der Mann hatte sich soweit erholt, daß| er erzählen konnte, er sei wegen Desertion zum Tode verurteilt worden. Der Profes'sor dachte darüber nach!, wie es; möglich wäre, den "Unglücklichen, über dessen Haupt das unglückselige Damoklesschwert 'so verhängnisvoll Schwebte, zu retten. Im Hause konnte er ihn nicht behalten, auf die Strafe durfte er ihn nicht oh'neweiters setzen> das ließ) stein Gesundheitszustand nicht zu; es •blieb» aiichts anderes übrig, als ihm zur Flucht über die Grenze zu verhelfen- Dieser Entschluß war das' Ergebnis reiflicher Ueberlegung. Es galt nur zunächst den Mann unbeobachtet aus1 dem Weichbilde der Stadt zu entfernen. Zu diesem Zwecke übergab*' er ihm einen seiner Anzüge und Schon beim ersten Morgengrauen machten sich die beiden; Männer auf den Weg, um so schnell als1 möglich das' Stadttor zu pas'sieren. Auf die Frage der Wächter, wer dieser Mann sei und wohin er gehe, antwortete der Professor, er sei zu einem Kranken nach auswärts gerufen worden und dieser Mann sei sein Assistent. So konnten sie unbehindert die Stadt verlassen. i Auf einem Feldweg angelangt, fiel der Neubelebte seinem Retter zu Füßen, dankte ihm' für "seine große Wohltat und s'chiwur es feierlich!, seiner niemals zu vergesset. Darauf gab ihm der Profes'sor einige Goldstücke zur Verzehrung und verabschiedete sich von ihm. Der Mann ging seines Weges, der Professor kehrte zur Stadt zurück. * * * L Zwölf Jahre waren seit jenem merkwürdigen Ereignisse verflossen und eine Studienreise führte Professor Junker nach! Amsterdam!. Da ihm die dortige Börse als Sehenswürdigkeit bezeichnet wurde, such- ■te er diese auch! auf. Hier begegnete ihm ein hochelegant gekleideter Herr, der sich! ihm in tiefster Ehrerbietung näherte und ihn ehrfurchtsvoll begrüßte: „Habe ich die Ehre, mit Herrn Professor Junker ^aus Halle?" „Jawohl," antwortete dieser, „so ist mein Name." Hierauf ward der Professor von dem Herrn in höflichster Form zu Tische geladen> welcher Einladung Profes'sor Junker auch Folge leistete. Der Herr nahm seinen Gast gleich mit nach Hause, woselbst eine liebenswürdige, anmutige Hausfrau und zwei allerliebste Kinder ihn aufs herzlichste empfingen. Der Professor war nicht wenig erstaunt über die außerordentlichen Ehrenbezeugungen, die ihm in -einem ihm völlig fremden Hause erwiesen werden. Nach beendeter Tafel, die in animiertester Stimmung verlief, führte der Hausherr seinen Gast ins anstoßende Kontoir. Hier reichte er ihm seine Hand und trug ihn, oh er ihn nicht wiedererkenne. Der Professor verneinte. „Aber ich", sprach der Hausherr, „erkenne Sie wohl und solange ein Atemzug in mir ist, werden Ihre Gesichtszüge aus meinem' Gedächtnissie nicht schwinden. Sie haben mich vorn Tode errettetl Erinnern Sie sieh! der Flucht aus Halle? Ich1 bin dieser Flüchtling. Als ich mich damals von Ihnen trennte, .trachtete ich, nach! Holland zu komfmen; da ichj schreiben und rechnen konnte, erhielt ich! eine Anstellung bei einem hiesigen Kaufmanne. Durch meinen ehrlichen Fleiß erwarb ich mir das Wohlwollen meines Herrn und — die liebe Seiner Tochter. Mein Herr war nicht mehr jung und deshalb übergab er mir sein ganzes, großjes Vermögen zur Verwaltung und seine Tochter zur Frau. So bin ich heute, wie Sie Sehen, einer jder geachtetsten Kaufleute. Ohne Ihre Hilfe, mein Herr, ohne Ihre grenzenlose Wohltat wäre ich zu solchem Reichtum1 und zu solchem Glücke nicht gelangt. Und nun, mein Wohltäter, betrachten Sie alles, was Sie hier sehen, mich' und mein Vermögen als Ihr Eigentum^, denn von Ihnen habe ich es bekommen, Sie haben es mir gegeben!". Tief ergriffen stand Professor Junker da, ein Tränenstrom ergoß sich tüber seine Wangen und mit bebenden Lippen sprach er die Worte: „Gut und gerecht ist die Gottesfügung!" Literatur. Julius ßodeftiberg: Aus seinen Tagebüchern. Verlag voa Egon Fleischel & [Co., Berlin W. Preis M. (5.—. Unter den Chronisten seiner Zeit nimmt Julius Ro-i de n berg mit die erste Stellung; ein. Und seine Tagebücher, die hier in einer Auswahl von Justine Bodenberg, der treuen Gefährtin seines Lebens und Schaffens, vorliegen, sind wohl ein "Wichtigstes seines Lebenswerkes; Sie sind zugleich zeitgeschichtlich von. hohlem "Wert; eine ganze Anzahl führender Persönlichkeiten des wilhelminischen Deutschlands tritt einem menschlich nahe, man nimmt an ihrem Zwiegespräch mit diesem treuen Chronisten teil. Nicht ohne Kritik, Aber ohne jede Verbitterung stellt; sich dieser .Chronist der Erfüllung gegenüber, die seine Zeit ihm. dem freiheitgläubigen Knaben des Jahres 184S,

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