Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 39 (10.10.1919)
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 540 (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 636 Dr/ ÜLOCÜ'S WOCHE^SCMRiFt fe. &§ Aber cliese sind in verschwindender Minderzahl, in der Menge von Tausenden herrschen Juden vor. Man erkennt sie um so leichter, als sie, aus dem Osten stammend, die Rassenmerkmale deutlich zu Schau tragen. Sprechen jiddisch uiid arbeiten mit Spannkraft von Eriindungskimst, Temperament und leiden schal tlichen Gehärden. 1£s sind Einwanderer aus Polen und Rußland, die" seit Jahrzehnten iii Belgien den Bnllantenhandel zur Blüte brachten und als Flüchtlinge "bei Kriegsausbruch diesen Born enormer Reichtümer aus Belgien nach Holland verpflanzten. Wie früher ig. "Belgien, so: wurden jetzt die Juden die alleinigen Beherrscher des Diamantenhan,- dels in Holland. Die Flüchtlinge kamen in die Fremde wie ein gehetztes Wild, ihr ganzes Hab und Gut der Zerstörungswut des Feindes überlassend. Holland empfing sie mit offenen Armen, überhäufte sie mit •weitest3m Entgegenkommen und vollster Freiheit der Arbeit und des Handels, und es vergingen kaum fünf Jahre, da schwang sich das kleine, vor dem Kriege im Niedergang begriffene Flachland zum wichtigsten Diamantenstiat Europas empor. Arbeit und Freiheit -an Steil? ekliJhen Almo entmns, das Menschenscharen zum öden Schinarozertum herabirückt. Diese Parole Hollands lehnte sich aufs glänzendste. Und heute erlebt man ein eigenartiges Schauspiel: Belgien fleht förmlich seine ausgewanderten Juden zur R.ückkehr -in die Heimat an, Holland gewährt ihnen das Höchstmaß von Freiheit und Erleichterungen, damit sie nur in dem reichtumstrotzenden Fischerlande verbleiben. - Die Börse Amsterdams' ward zur Goldader Hollands und die jüdischen Flüchtlinge zum Segen des Landes. Wenn auch1 die Halle täglich' von brennenden Leidenschaften aufgepeitscht wird und so mancher , täglich unter dem glitzernden Schein des Brillantenregens zusammenbricht — de^- ewige Strom des Welitreichtunis flutet hier durch die dichtgedrängten Scharen . der Flüchtlinge und macht sie zu den Schöpfern eines aufblühenden Reiches im Norden. Im weiten Osten — eine Meute protzender Kriegsigewinner aus Not und Gelegenheit oder in Elend versinkender Existenzen, die den Fluch der Heimatlosigkeit mit Erniedrigung und Ungewißheit des Morgen he- - zahlen-— in Holland freie Bürger und freie, arbeitende . Menschen. Denn die Diamanteiibörse ist nur der äußere Prunk, hinter dem Tausende Diamanterv scMeifer und Verschleißer im ganzen "Lande sich bergen und auch an diesem Reichtum kleben Jahre und Generationen schwerer, mühevoller Arbeit. Oesterreich. und Holland — "Flüchtlinge hüben und drüben. Zwei Länder — zwei Kulturen, Beinahe ein Schulbeispiel Der MjHändi&chs Typus. Ein freies Land und. satte Menschen — dies der erste Eindruck bei 'Ueberschreituiig der holländischen Grenze. Frei, nicht im Sinne des sich 'Aus'- lebens nach individuellem. Gutdünken, da Zensur, Pafijformalitäten und polizeiliche Späherei - auch nach Holland verpflanzt wurden, aber Freiheit als oberstes Gebot und Lebensnotwendigkeit eines ganzen 'Volkes, das seit Jahrhunderten trotz monarchischer Einrich;- iungen sich selbst regiert und allen Völkerschaften des Heimaturid zehkimal größeren Koloniallandes: weiteste Bewegungsfreiheit gewährt. Es ist geradezu eine Brücke zwischen dem europäischen Festland, und'dem. englischen Inselreich, indem das demokratische Prinzip Europas die höchste Stufe erreichte. Ein Bürger Hollands ist Mitbegründer und Mitregierer des Landes. Das erkennt, man an seinem festen Blick und seinen stolzen Gebärden. Fremden gegenüber kühl, wenn auch mit ausgesuchter Freundlichkeit, versteht eres, bei jeder Gelegenheit seine feste, unverwüstliche Bodenständigkeit fühlbar zu machen. Ein Engländer trägt geradezu seine Heimat im Reisekoffer und schlägt sie überall auf, wo er gerade sich1 aufhält, ohne den englischen Typus zu verwischen, — einen breitspurigen, ernstdüsteren Holländer mit dem sicheren Stumpfsinn eines Zufriedenen und dem. geschäftigen Blick eines geborenen Kaufmannes kann man sich1 beinähe außerhalb Holland» nicht denken. Durchaus stämmige Gestalten, dicke Gesichter, lebenssprühende Individualitäten — als Masse rührig und erfinderisch1, mißtrauisch und auf eigenen Profit bedacht ■— "das ist Hollands- Typus auf 'den ersten Blick. Wie sie in hellen Scharen von einer Straße zur anderen auf dem allgegenwärtigen Fahrrad, oder von einer Stadt zur andern mit der Eisenbahn fahren, . da gewahrt man 'stets kühle, gleichgültige Blicke, als sickere nur das Leben in langsamen Tropfen durch ihre Adern und hedeute das Geschäft, ihr Element und höchstes Sehnen. Ein Reeder- und Fischervolk par excellence, das sieh! am "Strande des Meeres festsetzte und dieses Stück Heimaterde mit 'Liebe und fanatischer Tapferkeit umklammerte, bilden die Holländer einen eigenartigen Menschenschlag, der wohl die Synthese bildet zwischen ^fleischigen Prassern eines Rubens und glitzernden, sonneiidurchflutenden Träumern eines Isreals. Es sind weder Prasser noch Ideali^en ^— es ist ein Menschenschlag, der vom.. Heimatboden seine tiefsten- Säfte schöpft und flach wie 'der holländische Boden, im Aeußern, tiefste Schächte von Fruchtbarkeit und Findigkeit in sich' birgt. Holland ist vielleicht das England von morgen ... Gustav Flgdor's'cWe Stipendien. Verliehen werden: Für das Studienjahr 1919/20 drei Gustav Figdorsehe Stipendien in dem durch, die Zustiftung des Herrn.^Gustav Figdor (Sohn) erhöhten Betrage von je 1300 Kronen" an je einen armen, durch Fleiß, Sitten und Geistesgaben hervorragenden Hörer der Kechte, der Medizin und der Philosophie (Naturwissenschaften in Wien, und zwar wird beteilt je ein Studierender des katholischen^ protestantischen oder evangelischen und des israelitischen Bekenntnisses. * \ Dem Gesuche sind beizulegen: Tauf-(Geburts)-. schein, Impfzeugnis, Heimatschein, Armuts(Mittellosigkeits)^ zeugnis, Maturitätszeugnis und Studiennachweise. Einreichstelle: Magistratsabteilung XIII. Einreichungsfrist: Bis 10. November 1919. Tihleohald Uffenhtei nie riefte Studentenstiftung. Es gelangt ein Jahresbetrag zu 300 Kronen an einen israelitischen Hörer der juridischen Fakultät _ der Universität in "Wien für das Studienjahr 1919/20 zur Verleihung. Vorzugsberechtigt sind: Verwandte des Stifters,, dann nach Wien zuständige oder im Bezirke Leopoldstadt in "Wien oder in Wien überhaupt geborene Bewerber. Dem Gesuche sind beizulegen: Geburts- und Heimatschein, Armuts- oder Mittellosigkeitszeugnis, Maturitätszeugnis, Impfzeugnis, Studiennachweis und allenfalls Nachweis der Verwandtschaft. . . Einreichstelle : Magistratsabteilung XIII. "Letz-ter Ei n r e ic h'un g s t ag: 10. November 1919. Herauggeber und verantwortlicher Redakteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck vu.< L. Beck & Sohn, Wien, YH.