Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 35 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 453 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 3S Dr. Bloches Jahrgang XXXVt Zentralargan für die gesamten Interessen des Judentums Postspailüsseramt Deutsch Österreich: 810.976 Ungarn: 5.634 Tschechö-Slowak.: 10.976 oooo Redaktion: und- Admtaistration: Wien, II/l, Praterstraße 8 Telephon 45.359 Wiera, 6. September 1919 Erscheint jeden Freitag Brief-Adresse: Wien, II/!, Praterstraße Nr. 9 Telegramm-Adresse: Bioch'8 Wochenschrift Wien oüooocttgooaoooooooooeooooooo Bezugspreis: Halbjährig . 15 Kronen Ganzjährig . 30 Krone» Einzelexemplare 80 Heller Anzeigen: DI* xwermat gespalten» PetitzeU« TO Heller Inhalt: Leitartikel: Ein Bluff. — Die Not der'einrigen jüdischen Augenklinik in Palästina. — Vom Jahrmarkkde» Lebens : Glossen zur Tagesgeschichte. — Die Ukraine fordert eine jüdische UntersuchtmgBkonraission Tregeh der Pogrome. —Publizistische -Fremdenhetze. — Ein Tempelbrand vor 95 Jahren. — "Measchenschicksale . . . — Korrespondenzen: Die Pogrome in Ungarn. — Wien. — Wiener-Neustadt — Vermischtes. — Feuilleton : Die Familie Mendelssohn. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. „Ein Bluff". . (Die „Sicherunigen" in den Friedensverträgen.) Das „Journal'.'du Peuple" •wendet sich1 in einem: ,jUn Bluff enorme. Le droit des Minortes" überschriebenen Artikel sehr scharf gegen die Bestimmungen über den Schütz der Minoritäten im1 Friedensverträge mit Polen, und bezeichnet es angesichts der unaufhörlichen Pogrome als eine grausame Komödie. In der Tat fordert die tieftraurige Erscheinung zu ernstem Nachdenken, daß seit dem Zusammen'brache der Zentralmächte, « seitdem1 die Entente uns unter ihren „besonderen Schutz" genommen, die Lage der Ostjuden sich immer grausiger gestaltet. Jüdische Opfer fallen ohne Zahl, in Strömen fließt judisches Blut und wie Hohn klingt es, wenn man den von Pogroimen Heimgesuchten, Ausgeplünderten, Mißhandelten papierene „Minoritätsrechte" zugesichert hat. Indes1 man sie durch Boykott: und Entziehung jeder Erw'erb'Smöglichkeit zum. Lumpenproletariat herabdruckt oder zur Auswanderung zwingt, sicherte man ihnen das Reicht auf Jargonschülen. Das „Journal du Peuple" bezeichnet das als1 grandiosen Bluff. Man sprach1 früher Sehr vielvon dem hohen Einfluß der englischen undamerikanischen Zionisten bei ihren Regierungen. DaS%ar offenbar eine sehr falsche Voraussetzung. Seitdem' der Sieg der Entente den Polen- Staat aufgerichtet und zwischen ihrn und den Westmächten das! Bündnis zustande kam, seit dieser Zeit haben die »blutigen Pogrome in ganz Polen begonnen und solche mörderische Formen angenommen, wie man sie in diesem Lande früher nie gehört. Die Pogrome werden von regulären Soldaten veranstaltet, die Militär- und ZivübehÖrden Sehen untätig zu. Es unterliegt nicht dem geringsten. Zweifel, daß es nur eines Winkes von der Entente bedurfte, um dem Morden, Brennen und Hundern Halt zu gebieten. Aber die Entente üb er Sc hattet die Polen mit unerhörten GunSthezeugungen; mit bitterer Ironie bemerkt ein jüdischer Patriot: Auf jeder» -<?uen Pogrom Scheint eine besondere Prämie zu stehen, je mehr jüdische Stadtviertel in den durch die polnischen Truppen neubesetzten Gebieten eingeäschert, je mehr jüdische Greise, Frauen und Kinder niedergemetzelt werden, desto größler bemüht die Entente das künftige Polenreichf zu machen, desto mehr Macht über fremde Völkerschaften räumt sie ihm ein. Die englische Judenheit hat einen v nationalen Trauertag abgehalten; die amerikanischen haben zahllose imposante Protes^ersammlungen veranstaltet; in neutralen Ländern haben nicht bloß Juden', sondern Intellektuelle aller Parteien und Konfessionen ihrer tiefsten Entrüstung Ausdruck gegeben wegen der an wehrlosen Juden verübten Verbrechen. Das hat den blutigen Geschehnissen keinen Einhalt geboten. Man entschließt sich endKch, als1 die Jammerrafe durch alle Weltteile dringen, eine ^usfor^un^skotornission" nach Warschau zu entsenden, tan1 „die Wahrheit über die Pogrome" festzustellen; allein, während Mr. Morgenthfau und seine Kollegen noch in Polen weilen, werden die Pogrome und die Judenmißlhaniilungen ungeniert fortgesetzt. Während seiner Anwesenheit erdulden die Juden die schlirnnisten Peinigungen, jüdische Beamte, Lehrer, Offiziere werden auä ihren Stellungen hinausgeworfen und er darf sioh' alles — notieren! „Manchester Guardian" bemerkt: „Daist eine Rasse, welche täglichen Insulten und gelegentlichen Massakers ausgesetzt ist, welch© tatsächlich vom1 Staatsdienst ausgeschlossen,, von den Hauptindustrien durch1 nackten Fanatismus ferngehalten wird und mühsam durch Kleinhiandwerk, Krämer- und Hausierhandel das Leben fristen mußt und wir bieten ihr als Lösung — ffi* dische Schalen." Ernste zionistische Politiker, die unbefangen über die Situation nachdenken, können darum das Geüuhl bitterer^ttaus^ärang nieltfc uat^urueken.