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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1919-08-08 · 31 (8.8.1919) · p. Seite 390

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
36 (1919)
Issue
31 (8.8.1919)
Date
1919-08-08
Page
Seite 390 (sequence 2)
Language
German
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Seite 486 Dr. BLOCHS. WaGHfiNSCHRIFT Nr. 31 Kanmierknecht politischer und nationaler Parteien geworden. Anders1 als..mit .der Peitsche jhatte man nie um -steine ^Glinst* geworben. ^Assimiliere dic-hl", heiTschte man ihn an, und er ^seinerseits5 tat das M^glicnste, <die Vergasogenheit mit ihren. Idealen abzustreifen, -sein bestes' Selbst opferte er dem „Zeitgeist", um den Prozeß der Verschmelzung zu bes<Meuinigen. ' Allen Sitten und Unsitten, allen Gewohnheiten und Neigungen der Wirtsvölker bat er sich angeglichen, alle ihre Untugenden in gesteigertem Mäße in sich auigenominen, er wurde völlig entjudet — trotzdem und alledem vermochte er nicht die Eingliederung in Staat und Gesellschaft zu erlangen. Die jüdische Rasse steht-seit vier Jahrtausenden unter -einer zivilisatorischen Geisteszucht, erzeugt darum naturgemäß mannigfache Begabungen, die sich auf vielen Gebieten bewähren; die Gelegenheit,-auch .dem Staat die Kraft dienstbar zu machen, versagte man gerade dem Juden beharrhchl Selbst die sogenannten liberalen Parteien glaubten in bezug auf den „Judenpunkt" die ererbten Vorurteile des1 Spießlers' schonen zu miü&'sen. Dem intellektuellen Juden,, der nicht im Gelderwerb und Beruf seine ausschließliche Lebensaufgabe sehen wollte, blieb kein anderer beMedigender Wirkungskreis als im Sozialisinus, im Kampfe für das entrechtete Proletariat, dem er stehicksalsverwandt war. Die Bourgoisie hatte solcherart den Proletariern wertvolle Kampfgenossien und Hilfskräfte zugeführt, Zufluß ausi einer bürgerlichen Schicht geliefert,— Elemente von Bildung und Intelligenz und starker Aktivität, die in den kämpfenden sozialistischen Parteien vermöge erfolgreichen Wirkens zu leitenden Stellungen gelangen mußten. Man braucht bloß Namen zu nennen, wie: Karl Marx, Lassalle, ßaul Singer, Bloch (Herausgeber der sozialistisohen Monatshefte), Viktor und Friedr. Adler, Kurt Eisner, Gustav Landauer, Eduard Bernstein usw. Der Charakter des Individuums ist das Resultat dier Innerlichkeit, d. h'. der angeborenen Disposition und dann der Einflüsse von außen „Blut und. Amiosphäre", wie Buber es bezeichnet. Begreiflicherweise sehen wir in den freiheitlich1 regierten Ländern die Juden in starker Betätigung, als »•« wesentlich konservatives Element und diese Eänder haben ausi der Beteiligung der Juden an den Staatsgeschäften reichen Gewinn gezogen. Benjamin Disraeli war Führer der konservativen Partei in England lind einer der größten Staatsmänner aller Zeiten. M Italien gab es1 jüdische Finanzminister, jüdische Ministerpräsidenten, ja selbst jüdische Kriegsminister, die sich für die Erhaltung der bürgerlichen .Ordnung stark einsetzten. Die jüSlischen Minister in Frankreich und in England gleicher Richtung sind zu zahlreich1, um sie alle aufzuzählen. Der Friedensvertrag von Versailles trägt auch die Unterschriften zweier jüdischer Minister: des'. fr an-. zösischen Finanzministers' Dr. Klotz und des englischen Ministers für Indien Montague. Auch1 S. Gompers, der Führer der Arbeiterverbände in Amerika, wirkt weit mehr erhaltend und aufbauend als revolutionär. Im diesen Ländern :zählen sie zu. .den besten aufbauenden Kräften, während das* zaristische Rußland, das1 sich mit seiner Blutherrs'ehaft und Pogrome, seiner Willkür und Rechtlosigkeit, seiner Korruption und Fäulnis1;iiicht ^aüf Recht und Gesetz, sondern auf (jewalt und Xarror stützte, als Gegendruck Anarchisten und Terroristen erzeugte. Die Trotzky, Axelrod, Deutsch, Götz, Hartman, Gerfischüni usw. konnten nur unter dem mit dem Flüche der Völker beladenen Zarentum ausreifen und in das Licht der Geschichte treten. Das Schicksal ist von formender Gewalt. In «einer vergifteten Atmosphäre erzogen und groß geworden, haben alle diese Männer mit vollem Bewußtsein, vom1 Judentum sich abgelöst und sind zu seiner Gemeinschaft in Gegensatz getreten. Als Winawer, .der jüdische Führer der Kadetten (russischen Liberalen), Trotzky auf die Gefahren hinweis', die sein Verhalten für die Juden heraufbeschwöre, antwortete ihm dieser: „Gehen Sie zu Ihren Juden und sagen Sie ihnen, daß ich kein Judb bin und mit den Juden nichts1 zu tun habe." Er war sich klar, daß der Weg, den er eingeschlagen, nicht der ist, den das Judentum zu wandeln gestattet — nur der Weg ist ein unjüdischer — nicht :aber .das1 .Ziel, dem er zustrebte; das Streben •nach-einer -kla&'senlosen Gesellschaft der Freien und Gleichen, nach' einer Differenzierung auf Grand der Leistung und Tüchtigkeit. Die Methode seines Wirkens ist tatsächlich unjüdisch; allein die Ideen, denen er dient oder dienen will, sind an sich dieselben, welchen die besten Männer des1 jüdischen Volkes seit Beginn der Geschichte gedient haben. War denn Moses1 anders als' der Anführer unterdrückter, geknechteter und miß^ handelter Proletarier, die er zur Freiheit geführt? Das' ganze System der Gesetze, die seinen Namen tragen, deren Proklamation eine beispiellose geschicht- . hebe Tat darstellt, nannte man gewiß mit Recht „eine soziale 0ffenbarunig gewaltigster Art". Der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit durchzieht die jüdis'che Geschichte und ist das stehende Thema der hebräi&'chen Propheten. Da ist eine Meine Schrift von einem,Schweizer protestantischen Pfarrer erschienen unter dem Titel „Vom Glauben des1 Alten Testaments", von Max Gerb e r, PfaTrer in Feldis1, Graubünden. Bern 1917,vbei G. A. 'Bäs'chlin. Die Schrift enthält einen Vortrag, den der Verfasser im November 1916 im Volkshause zu Chür gehalten hat. Wir entnehmen dem Vortrag folgende Sätze: ■ > Das Alte Testament .zeigt - uns -etwas Großes, .was jiqs .das Neue in dieser Art nicht zeigt: die Anfänge göttlichen Lebens in einem «ganzen Volk, mit ^seinem .ganzen irdischen und geistigen Leben.« ->Zar Verdeutlichung sollen nur -zwei Bilder aus-_der Geschichte der ■"Pf o p h e t e n*herausgenommen werden. »Es ist die Zeit des ,alljährlichen Osterfestes zu Bethel. Das ganze Volk,.,die Spitzen .des Staates und der Kirche haben sich eingefunden, um Gott zu .danken. Allen Frommen ist dieses Fest, ein Genuß ihrer Seele. Durch all die prächtigen Gottesdienste, die erhebenden Gesänge und Gebete wird ihnen gemeinsam wieder aufs neue die Gewißheit: Gott ist mit uns. Und sie feiern das Fest in einer Zeit, wo Gott seinen Segen besonders sichtbar gegeben hat. Die Ernten .sind gut, die Grenzen des Landes sind gesichert, ja erweitert > mit Gottes Hilfe« , durch die militärischen Erfolge des Königs. 'Handel und Wandel -blühen, die nationale Wohlfahrt in politischer und »wirtschaftlicher Hinsicht iat^die besten Aussichten.. Gott ist mitsdem 'Vaterland.« >Mitten in dieses Volk tritt der Prophet JLm.o s iinein jund verkündet : Alles, was ihr Als Frommes tut, ist nichts wert vor Gott, ja Frevel.'Gottswill-nicht eure Opfergaben^ Andacht und Gebete, sondern daß^unbedingte Gerechligkeit jherrsche im^Volke. Ohne sie entgeht ihr.« dem - Gericht; nicht. Aller „nationaler ^Wohlstand, die Sicherheit und, Macht des Vaterlandes ist .nichts -wert und wird yerschwinden ohne Gerechtigkeit im Volksleben. Eure inbrünstigen Gebete sind Gott ein^Greuel,-solange ihr die 'Armen und Schwachen mißächtet, sie inach.^Belieben .benachteiligt iund entrechtet. Ihr - aditefcdie Menschenrechte .inicht und;tut .also .eben das nicht, worauf.es Gott.allein .ankommt.« >Wir. begreifen es, daß dieser Mann, der wie ein Blitz aus heiterem Himmel in ein so erhebendes Bundesfest von Religion und Vaterland -hineinfuhr, vvon „den ^staatlichen und ^kirchlichen < Machthabern als 'Hetzer und Wühler des Landes-verwiesemwurde. Sein ganzes Wirken war ein Protest gegen alles Baalstum, v die religiöse Weihe und den Kultus des Bestehenden, der >Wirkuch-

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