Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 30 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 388 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 484 : Dr. BLOCH'S WOGHENSeHRST Nr. 30 gfterufar. Arthur Bnppin, Der Aufbau des Landes Isra.e 1. Berlin, 1919. Jüdischer Verlag. M. 8. Wie alle Arbeiten Ruppins, zeichnet sich auch die vorliegende durch gründliche Beherrschung des Gegenstandes, .strenge Sachlichkeit und klare, ÜbersichtUche'Darstellung aus. Hier spricht der Berufenste. Ein Mann, der sich der Palästinaarbeit restlos verschrieben, wie er uns oft versicherte, .alle Brücken nach Europa hinter sich abgebrochen hat. Und wenn er auch in seiner Bescheidenheit sein Verdienst darauf beschränken-will, die Madchenfarm Kinnereth ins Leben gerufen zu haben, jeder Eingeweihte weiß, wieviel von allem bisher, in Palästina für uns Erreichten dieser einen unschätzbaren Kraft zu verdauken ist. 'Mit. kühler Besonnenheit, die auf manche heißblütige, hochgespannte Hoffnung ernüchternd wirken muß, werden in diesem neuesten Ruppin die Möglichkeiten des neuen Jischuw erörtert. Palästina beherbergt gegenwärtig 8—900.000 Seelen, darunter kaum den zehnten 'feil Juden. Von ihnen lebten im ganzen etwa 15.O00, die Half le direkt, die andere indirekt, von der Landwirtschaft In dieser wurde vielfach mit arabischen Hilfskräften gearbeitet, den benachbarten Fellarchen, die billiger als jüdische Kräfte arbeiten konnten, weil sie diese Dienstleistung als Nebenverdienst bestreiten und ihren billigeren Lebenshaltungen ent* sprechend sich, bei niedrigeren Preisen bescheiden konnten. Die bisherige Erfahrung in den jüdischen Kolonien lehrt: der Getreidebau, zumal unter den dort henwcäendcn erschwerenden Umständen, kommt für Ansiedler aus Europa nnr ganz ausnahmsweise in Betracht. Weit günstiger liegen die Bedingungen bei den Baumpflanz äugen und beim Gemüse- und Futterbau. Unerläßlichist jedenfalls die Mitwirkung der Frau. Von Koloniegründvngen für weniger als 200 Familien ist abzuraten. Gruppen, die schon von Haus aus untereinander harmonieren, eignen sich am besten, Voraussetzungen einer neuen großzügigen Siedlungsarbeit sind; die administrative Vereinheitlichung "Palästinas innerhalb seiner historischen Grenzen, Neuordnung der Landes Verwaltung unter gebührender Heranziehung des jüdischen Elementes und nationale und kulturelle jüdische Autonomie. Die Kultuseinricht-ingen müssen selbst den weitestgehenden Anforderungen der Orthodoxen entsprechen. Minoritäten, die mit. dem Charakter der Gemeindeschulen nicht einverstanden sind, dürfen zur Erhaltung einer Schule nach eigenen Wünschen eine Subvention aus Gemeindemitteln beanspruchen. Das Hebräische muß als Umgängssprache der Juden völlige Gleichberechtigung mit dem Arabischen genießen. Zur. Erschließung des Landes ist ferner der Mangel an Wasser, ah Häfen, Eis'ehhähnen^ guten Straßen und Telephonanlagen so schnell als möglich zu beheben und das Steuern- und Zolwesen neu zu gestalten. Um ein jüdisches Palästina zu schaffen, muß die Zahl der jüdischen Einwohner möglichst rasch auf eine Majorität, d. h. auf mehr als eine Million gebracht werden, wobei das Prinzip der Rentabilität der öffentlichen, den Einwanderern zn übertragenden Arbeiten nicht im Vordergründe stehen darf. Nach Ruppins Berechnung unter Zugrundelegung besonnener Voranschläge kann diese Einwohnerzahl in 20 Jahren •rreicht werden. Ein schnelleres Tempo ist nicht ausgeschlossen, doch bei der ungünstigen Eigenart Palästinas und der im Charakter des Juden liegenden Schwierigkeiten nicht wahrscheinlich. Sehr schwer in die Wagschale fällt das Bedenken, daß der Araber jetzt , wo die Bedrückungen seitens der türkischen Regierang wegfallen, noch weniger als früher geneigt sein werde, seinen Grund und Boden an jüdische Käufer zu veräußern. Ruppin -weist auf Möglichkeiten hin, ohne den Araber irgendwie zu beeinträchtigen, den jüdischen Landbesitz erheblich zu vermehren. Für eine politische Verständigung zwischen Juden und Arabern sind mancherlei Wege gebahnt. Die Bestimmung Palästinas zu einem jüdischen Kulturzentrum soll nicht zu kultureller Hypertrophie führen. Sehr schwierig gestaltet sich die Lösung des sozialen Problems in Palästina. Die Ratschläge, die Ruppin in dieser Hinsicht für die Uebergangszeit erteilt, verdienen besondere Beachtung. . Ein eigener Abschnitt ist der Organisation und Finanzierung des Siedlungswerkes gewidmet, vsrobei Ruppin aus eigenster Erfahrung den Finger auf Mißstände der bisherigen Palästinaarbeit der verschiedensten Körperschaften legen kann. Die unbedingte Notwendigkeit einer Auslese und Organisation der Auswanderer wird begründet. Bis in Einzelheiten genau werden zum Schluß Pläne zur-städtischen sowie zur landwirtschaftlichen Kolonisation vorgelegt. Auch hier spricht der gewiegte Praktiker an der Hand von Daten der bisherigen Erfahrung. Das Buch ist der zuverlässigste Führer durch das jüdische Palästinaprojekt. Auf jede Einzelfrage wird eine nach dem gegenwärtigen Stand dw Dinge ausreichende, mit allem gebotenen Vorbehalt gefaßte Antwort geboten. Dr^Max Grunwald. Hans Goslar: Die Sexualethik der jüdischen Wiedergeburt. Preis Mk. 1.50. Jüdiseber. Verlag, Berlin. Goslar gebt von historischen Verhältnissen aus und nimmt die Tatsache des rapiden Verfalls der jüdischen Gemeinschaft seit Beginn der Emanzipation zum Ausgangspunkt seiner Ausführungen. Der moralische und körperliche Niedergang ging mi der Preisgabe der alten Sitten Hand in Hand. Nunkommt ein neues Geschlecht, das sich auf die Pflichten gegenüber der Gemeinschaft besinnt und ein neues Leben hier und in der alten Heimat aufbauen will. Diese Verhältnisse behandeln die beiden ersten Kapitel des Buches >Assimilation und, Zerfall« sowie »Enkel und* Ahnen«. Es folgen die Hauptkapitel »Die Abstinenz« und »Die Fruhehe«. Ein besonderer Abschnitt behandelt die wirtschaftlichen Verhältnisse und deren Ueberwindung, den schwersten Kampf um eine selbständige Existenz, den der junge Jude gegenüber seihen andersstämmigen Kollegen zu bestehen hat und zeigt die Möglichkeiten, die Hindernisse zu überwinden. Mit dem Ausblick auf die Entwicklung^ zu und in Zion enden die sehr persönlichen und temperamentvollen Ausführungen. - Salome Birnbaum: Praktische Grammatik der jiddischen Sprache für den Selbstunterricht. A, Hartlebens Verlag Wien und Leipzig. Salomo Birnbaum, Sohn des. bekannten Vorkämpfers für die jiddische Sprache Natan Birnbaum, hat durch den Verlag Hartleben eine Grammatik für die jiddische Sprache erscheinen lassen. Es ist ein sicherer Führer von gründlicher Sachkenntnis und Stoffbeherrschung und man findet darin reichhaltigste Anrpgung und Belehrung. Einige Auszüge aus den Werken von Perex, - Mendele Mocher Seforim und Schalem Aleichem auch in deutscher Uebersetzung machen die Stilistik der jiddischen Sprache auch dem Nichtkenner verständlich. Im beigefügten Wörterbuch sind die Worte hebräischen, deutschen und polnischen Ursprunges mit derselben Sicherheit aufgehellt, mit der auch zahllose Wortzusammenstellungen, Schlagworte und Redensarten geschichtlich erläutert werden. Was in einem kleinen Bändchen bei so weitreichenden, und vielseitigen Aufgaben erreicht werden kann, das ist dem Verfasser völlig gelungen. Birnbaums Grammatik verdient warme Anerkennung und weite Verbreitung. Schließlich soll auch auf die sehr gediegene Einleitung des Verfassers, in der er eine genaue geschichtliche üebersicht der Entwicklung des jiddischen Jargons gibt verwiesen werden. Die Ausstattung des gebundenen Buches zeigt die Vornehmheit, die Hartleben alleir seinen* Erscheinungen gibt. __ Chajim Bloch. Ernst Clausen: »Das Haus am Markt.« Ein humoristischer Roman. Verlag von Fr. Wilh. Grunow in Leipzig, Max Gerber, Pfarrer in Feldis, Graubünden: »Vom Glauben des Alten Testaments.« Bern 1917. — Bei G. A. Bäschlin. Briefkasten. Ein Abonnent. Für den Inhalt der Inserate, deren Richtigkeit un l Glaubwürdigkeit übernimmt die Redaktion keine Verantwortung. Rafel G. in L. Der verstorbene Chemiker Prof. Emil Fischer war einer der größten Geistesfürsten Deutschlands. Harnak nannte ihn in seiher Gedächtnisrede,-einen heimlichen König in seiner Wissenschaft, dem nicht bloß die Chemie große Entdeckungen verdankt, nicht bloß die Industrie und Heilkunde vielfach bereichert hat — der auch in der Biologie bis dicht an das Geheimnis des Lebens vorgedrungen ist. Er war rassenreiner arischer Herk: nft, nichtsdestoweniger ein abgesagter Gegner des. Antisemitismus, zu einer Zeit, als viele Fakultäten offen dieser Strömung huldigten. >Wenn ich wirklich Talent dazu gehabt hätte,« so meinte er, »so brauchte ich nur meinen Lehrer Bayer anzusehen, um die ganze Absurdität des Antisemitismus zu erkennen.« Diesem hochverehrten Mann, der eine jüdische Mutter hatte, war Fischer mit besonderer Liebe zugetan. Seine vorurteilsfreie Gerechtigkeit ließ ihn frühzeitig das Genie des Entdeckers" der "Relativitätstheorie anerkennen, dessen Berufung an die Akademie er durchsetzte, ebenso wie .er den berühmten Erforscher der Pflanzenfarbstoffe für das Forschungsinstitut der Kaiser Wilhelms-Gesellschaft zu gewinnen wußte. Mit dieser freien Würdigung jeder Leistung verband sich lebhafte Abneigung gegen Ueberheblichkeit in Haltung und Gesinnung, insbesondere gegen gewaltige Kränkung fremden Rechts. So war er ein schärfer Kritiker bureaukfatischer Anmaßung wie übertriebener Ansprüche auf Achtung und Ehr er Weisung. Es ist darum begreiflich, daß die Deutschnationalen sich über seine Leistungen gründlich ausschweigen. »Sozi«. Daß Herr Au sie r Ii tz und seine getauften »Genossen« von der »Arbeiter-Zeitung« in der Preßbalgerei gegen den Chefredakteur der »jffeuen Freien Presse« Moritz Be u.ed ik in Verteidigung des glücklich verabschiedeten Ministers Otto Bauer mit den Hepphepp-Schlagern »der schönsten alttestamentarischen Flüchen« hantieren, bildet jedenfalls eine interessante Beleuchtung zur Naturgeschichte des Renegatentums. Herausgeber lind verantwortlicher Redakteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck von L. Beck & Sohn, Wien, VII.