Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 21 (30.5.1919)
- Date
- 1919-05-30
- Page
- Seite 309 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3020846-3022353-3022374--27772-3053208- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
w'^/' y ' Dr. BlOClt S S+tmtxm Zentcalorgan kurable gesamten Ilnteressen des Judentums PoslsparKassenamt Clearing-Verkehr: 810.978 OB Aedaklion und Admlnislralion: Wien Il/i, Praterstrasze Nr. 9 Telephon 45.359 -^=0^=- Wien, BO. Mai 1919. Erscheint jeden Freitag Brief-Adresse: Wien, II/l, Pralerstraße Nr. 9 Telegramm-Adresse; Bloch's Wochenschrift Wien □--—q Bezugspreis: Kalbjahrig... 10 Kronen Ganzjährig.. . 20 Kronen Einzelexemplare 60 Keller ^Anzeigen: Die Smal gespaltene Pelilzeile 70 Keller. LI-^——-U Inhalt: Lei t ar t i.k e l: Die Wiener Taufseuche. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Polen mordet und lügt. — Der Abschied vom Rathaus. — Wilson und die polnischen Pogrome. — „Daily Telegraph" über die polnische . Judenfrage. — 200 ukrainische Geistliche interniert. — Die Pogrome in Wilna. — Energische Vorstellungen Englands. — Was will die jüdische Jugend? — Korrespondenzen: Die Wahlreform in der Kultusgemeinde. — Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten. — Die Notlage der Rabbiner und Kultusgemeindeangestellten. — Vermischtes. — Feuilleton: Jüdische Fürsten in Ofen. — Judaeo-Bavarus. Das „Judenproblem" und seine Lösung. — Brieflasten. — Notiz. — Inserate. Die Wiener Tanffeuche. - Das allwöchentliche WuftirWverAeichnis, Hie berüchtigte Liste d^er Austritte aus dem Judentum, schwillt . immer mehr «n und gewinnt erschreckende Dimensionen. Jeder, der nicht - verstockter Mrteimann ist, kann unmöglich phne Erschütterung, ohne Zorn und Empörung ohne tiefsten Kummer diese langen schrecklichen Olsten lesen. Und es sind nicht ausfchlieUich Westjuden, d-ie, der Käst des Galuth Werdrjüsflg, in einem Moment, - da ihm. ein eigenes völkerrechtlich gesichertes Heim angekündet wird, aus der Mitte Israels 'sich flüchten und das Judenschicksal Von sich werfen. Die neuartige förmliche Massenflucht dem Judentum ist Mer — das dgrs nicht verschwiegen werden — .eine spezifisch wienerische KpanHeitserscheinuNg. Doch unsere „führenden" Männer, Hie Herren Knltnsvorsteher, die' ehrwürdigen Herren Rabbiner, die Leiter aller jener Vereine, die berufsmäßig die „Judenrettung" betreiben, tun, als ob sie nichts sehen und nichts hören, aW ob' es sie nichts anginge. Und doch werden sie alle einst vor der Gesch ichteZur Mechenschast gezvge n werden und die Frage %vl beantworten hMen, was sie Mir Heilung dieser schwelenden Wunde am siechen Leihe des. Wiener . Judentums VoÄgekehrt haben. Die der Pflichtversäumnis Schuldigen entgehen nicht der historischen Verantwortlichkeit .und Verurteilung. Daß in Anschriften an den Vorstand bald die poli- - tische Richtung und - dgs Verhalten des OberrMbiners, Dir. Cha f e % bald die um sich greifende nationaljüdische Agitation, bald dgs Äustauchen jüdischer Bolschewiken als Ursache der. Wwendunjg vom Judentum vorgebracht werden, kann doch keinen VoÄvand ahgeöen, an der tmurigen Trscheinung achtlos und untätig vorbeizugehen. - skrupelloser ials irgendein AndersMubrger wirst der Jude seinen Glauben von sich- und beschwört ohne Scheu ein neues ungeglaubtes Bekenntnis-. Die christliche Kirche verdammt den Mtrünnigen tzu ewigen Strafen, der Islam verurteilt ihn zu Tode — jede Körperschaft straft.den, Her Untreue Mt, mit Verachtung und Ausschluß. Nur der Jude zuckt Mer den Glaübenwechsel die Achseln und kümmert sich nicht weiter darum. Wenn es der getaufte Jude nicht-ist, der die bisherigen Genossen meidet, — der Jude bleibt ihm Genosse, Freund, Verwandter! Er empfängt den Getauften nach wie vor in seinem Hause, nach wie vor spielen, die Kinder miteinander, die.Jünglinge und Mädchen flirten und heiraten sich — beide Teile tun, als wenn nichts vorgefallen wäre. Man hat Mer auch nichts darüber erfahren, daß etwa die Wiener Rabbiner Mm Zwecke der Ergründung der inneren Ursachen dieser Massenflucht Mr gemeinsamen Beratung zusammengetreten wären, oder daß der Kultusvorstand eine Enquete darüber ein'bernfen hätte, wie dieser Massenflucht zu steuern sei; es verlautet auch nichts, daß irgendeiner der leitenden Vereine dem Problem, das doch wahrlich ernst genug! geworden, die erforderliche Aufmerksamkeit und Erwägung zugewendet hätte. Im Jahre 1914 hat in Breslau eine Bewegung Platz gegriffen, alle gesellschaftlichen Beziehungen zu Täuflingen zu lösen. Bemerkenswert an der Bewegung war, daß Jie von unbestritten liberalen Männern angesacht wurde, und daß diese Männer, Heren Würdi.Meit nicht angeKveifelt werden konnte, im jüdischen Gemeindeleben sonst nie hervorgetreten waren. Die Tätigkeit der Führer der Bewegung FMriksbesitzer E. S. Freund, Sanitätsrat Dir. Neu mann und ApothekenbesitzLr O. Schlesinger hatte, soweit b0 Interesse der Körperschaften, GefellAaften und Vereine in Frage, kommt, unerwartet große Infolge. Die Breslauer Gemeinde wurde mit einem Schläge in r allen ihren Teilen mit der Frage der Taufen und Austritte aus der jüdischen Religionsgemeinschaft beschäftigt. Die Vorstände sämtlicher jüdischen Vereine wurden m einer Besprechung eingeladen Ein seit Bestehen der Breslauer Gemeinde noch