Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 17 (2.5.1919)
- Date
- 1919-05-02
- Page
- Seite 245 (sequence 1)
- Language
- German
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Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums Dr. Bloch s Aayrgang XZZfl ■o Postsparkassenamt Clearing-Verkehr: 810.976 B B Redaktion und Adminisiratlon: Wien Il/i, Pralerslrahe Nr. 9 Telephon 45.359 □. —- -- Wien, 2. Mai 1919. Erscheint jeden Freitag Drief-Adreffe: Wien, .11/1» Pralerstratz» Nr. 9 Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien □---—□ Bezugspreis: Kalbjährig... 10 Kranen Ganzjährig... 20 Kronen Einzelexemplare 60 Keller ^Anzeigen: Die 2mal gespaltene PetitzeU« 70 Keller. □—--— -— d Inhalt: Leitartikel: Eine Infamie. — Vom Jahrmarkt deSLebens: Glossen zur TageSgeschichte: Der Einbruch in die Leopoldstadt. — Gegen die Flüchtlinge. — Des Professors an der Wiener Israelitisch-theologischen Lehranstalt Dr. Samuel Krauß neuestes Plaidöyer für die Orgel. — Korrespondenzen: Kann ein Jude auf Alois M»isl. eine^Stimme ab geben? — Verein;■ - ' „Kinderheim*. — Konsequente Antisemiten. — Brünn. — Vermischtes. ~ Feuilleton: Die Punier unter römisch« , Herrschaft. — Briefkasten. — Inserate. . Girre Zrrfamie- Donnerstag abend voriger Woche hat Bürgermeister Dr. Weiskirchner im Saale „Zum grünen Tor" in der Iosefstadt eine große Wählern e-rsammlung abgehalten, in welcher auch der sattsam bekannte Landesrat Sturm eine Pogromrede gegen die Juden gehalten hat, über welche das „Deutsche Volksblatt" vom 27. April ausführlich berichtet. Da heitzt es wörtlich: ' ,,Redner zitierte-nun aus dem Talmud unter anderem: „Den Vesten unter den Christen bringe ums Leben, so tust du ehr gvltgefalllges-Wrrk." - „Wer einen Nichijnden lötet lut ein gotrze. fälliges Werk!" (Stürmische laute Enirüstimg ... Der Talmud gedieht es ihnen, roenn es in ihrer Macht liegt! Und ich habe auch die feste Ueberzengung, . daß der Krieg von den Juden intzeniert wurde, um über die armen Völker Herr zu werden. Was war das Ergebnis der französischen Revolution? Sie machte d« Juden frei! Seitdem find die Juden überall die Inspiratoren sämtlicher Umsturzbewegungen. Der Präsident Eremieur der Alliance isrn'üi-e umv.'>8.U!k;,der.als solcher einen Preis von einer Million Franken auf den Kopf Wilhelms von Preußen ausgesetzt hat, sagte: „Der Tag ist nicht mehr ferne, wo alles den Juden gehören wird! Ein neues Reich wird erstehen an der Stelle des gewesenen!" Ich-bexl Haupte ruhig, daß es ohne Juden keine .Revolution und Bolschewiken gibt. Und solange es nicht gelingt) sich von diesen Elementen zu befreien, solange wird fn den Ländern kein duuernker Friede Einkehr halten." _ . Das alles ist nichts als backte Infamie. Mit einem Menschen von dem Bildungsgrad und dem Studieagang hes Landesrates Sturm in eine Diskussion über Talmudstellen mich ernzulässen, wird wohl kein Vernünftiger mir Zmnüten. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß ich bereit bin, Mr den MWfonds des Heren Vürgermeisters Dr. WeiskWbee und des Landesrates Sturm 10.000 KroiM Mr VerMMng zu flsGm, wenn die sitiertrn SWon im Original im ■■ Talmud aufgezeigt werden: Meinerseits bin ich in der Lage, den gerichtlichen Nachweis zu erbringen, daß die Mitteilungen des biederen Landesrates Stürm aus dem Talmud erstunken und erlogen sind. Der Beweis erliegt in den Akten desWiener Landesgerichtes aus dem .Prozesse' des bekannten, nunmehr verstorbenen Kanonikus Prof. Rohling contra Bloch. Aus Anlatz dieses -Prozesses hat das Wiener Landesgericht den Professor der orientalischen Sprachen an der Universität Stratzburg, Mitglied der Akademie der Wissenschaften Dr. Theodor Nökdöcke und den .berühmtex Orientalisten Dr. August Wü n sche als Sachverständige beeiden lassen und diese haben vor dem Landesgerichte zeugeneidlich bekundet, datz dis von Rohling angeblich zitierten, gegen die Christen gerichteten Stellen aus dem Talmud teils gänzlich erfunden. teils häßliche, gemeine Fälschungen sind. Und sie werden keine Wahrheit, wenn der Landesrat Sturm sie neuerdings von dem alten antifemstischen Kehrichthaufen aufliest und sie seiner merkwürdig gearteten Zuhörerschaft vortischt. In Wirklichkeit lehrt der Talnmd: „DieEdlen aller Völker der Welt habe« Anteil an "der .Seligkeit" (Tosifta Sanhedrm XIII, 2; Maimonid. Hilchoth Teschuba ÜI, 5, und Hikchoth Melachim VIII, 11); „Es gehört zu den Pfaden des Friedens, die .Armen der Heiden mit den israelitischen Armen zn unterstützen, auch ihren Kranken >zu helfen, auch ihre Toten zu bestatten." (Gittin 61 a.) Tosifta Gittin III. fügt noch hinzu: „Man hält auch auf dieselben Leichenreden und tröstet ihre Leidtragenden." „Wenn der Israelit einem heidnischen Weisen begegnet, ist er verpflichtet, Gott zu preisen,, der von seinA Weisheit dem Menschen mitgeteilt hat." (Sera? choth 58 a.) „In die Pforte des Ewigen.ziehen nicht nur: Priester, Leviten, Israeliten, sondern alle Gerechten M." (Siphra zu III. Mos. 18, 5. Baba Kama 38 a. Wüdä Sara 3 a. Sanhedrin 59 a.) „Es ist kdin Unterschied, obrem and Geld oder Geldeswert einem Juden oder Götzen» öteuer stiehlt." (Baba Kama 113d. Maimonid. Hilch? Gisela MAweda II, 2.) „Es ist verböten, auch einem Götzendiener gegenüber, die Meinung zu stehlen, das heitzt, .anders zu erscheinen, als man es wirklich