Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 8 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. s Dr. Bl d Wochenschrift 131 1. Die Gründung von jüdischen .'Gymnasien in Lzernowitz und in der .Provinz, einer jüdischen Realschule in Ezernowitz: 2. Emennung eines jüdischen Landesschulinspektors 3. Einflußnahme' des Jüdischen NationalraLes auf die Nationalisierung und des jüdischen Schulwesens. Der Regierungspräsident nahm die Forderungen Zur Kenntnis und bewilligte die Durchführung der Wahlen zum Jüdischen Nationalrat. Kriegsdienstleistung nichtükramischer Zwikperssnen in OstgaWen. ' Das „Iüd. Wort" in Stanislau veröffentlicht eine Verordnung des Manischen Staatssekretariats, dis die Heranziehung nichtukrainischer Zivilpersonen zur Kriegsdienstleistung ohne Waffe anordnet. Die Militärbehörden sind befugt, diesen Befehl direkt durchzuführen.'Im polnisch-ukrainischen Kampfe hat die Iudenschaft Ostgaligiens seinerzeit die strikte Neutralität beschlössen, diese Verordnung macht e somit dieselbe ohne jedwedes Verschulden seitens der Juden zunichte. An die Vereins Wr jüdffche Beschichte rmv Literatur!*) Wenn die Zeit günstiger wäre, könnte unser Verband jetzt ein 25,jähriges Jubiläum feiern. Am 26. Dezember 1893, wurde auf einer Delegiertenversammlung in Hannover der Zusammenschluß der damals bestehenden „Literatur-Vereine" herbeigeführt. DaS war durchaus kein lejchtes Werk, denn wenn auch die religiösen Gegensätze Unter den Einzelpersonen nicht sehr ausgeprägt waren, , standen die Richtungen sich noch'schroff gegenüber, der Gedanke an die Möglichkeit gedeihlicher Zusammenarbeit lag noch in weiter Ferne. Wie Kinder, so sehr .ihr, Geschmtzck.nn-der Einrichtung des eigenen Hanfes auseinandergehen mag, gern das gemeinsame Vaterhaus aufsuchen, so wurden unsere Vereine neutrale Stätten, in denen die Vertreter gegensätzlicher religiöser Anschauung zu gemeinsamer Vertiefung in die jüdische Vergangenheit sich begegneten. Das warme jüdische Herz und die bezaubernde Persönlichkeit unseres unvergeßlichen Führers Gustav Karp eles boten die sichere Gewähr^dafür, daß.die Literaturvereine nie aufhören würden, Gemeinschaftsboden zu. sein, daß in ihnen niemandes religiöse Meinung verletzt werden würde. -Von Jahr zu 'Jahr gewann die Bewegung, neue Anhänger, allmählich bildeten sich mehr als 200 Vereine im ganzen Deutschen Reiche, die mit Eifer und Freude an ihrer Aufgabe arbeiteten. „Intersrm a silent literae“ bei Kriegsausbruch haben zahlreiche Vereine ihre Tätigkeit eingestellt, ihr Vermögen vaterländischen Zwecken geopfert; die lange Dauer des Krieges die Häufung der Sorgen in den Familien Und die Erschwerung aller Lebensverhältnisse ergaben für eine Reihe weiterer Vereine die Unmöglichkeit, die Arbeit fortzusetzen. Nun geht der Krieg seinem Ende entgegen, wir dürfen an unsere Vereine die dringende Mahnung richten, sich wieder zu sammeln und ihre Tätigkeitsaufzunehmen! Jetzt heißt eS, . alle Kräfte auf die Friedensarbeit verwenden, die alten Kulturgüter von neuem pflegen! Von mehreren Seiten , ging neuerdings der Vorschlag aus, die bestehenden Vereine auftzulösen und ihre Tätigkeit von den jüdischen Gemeinden fortsetzen zu lassen. Das mag an manchen Orten vielleicht angebracht fein, darf aber keineswegs verallgemeinert werden. Gemeindeverwaltungen werden zur Erledigung ganz anderer Aufgaben gewählt, von ganz anderen Gesichtspunkten zusammengesetzt, es ist sehr. fraglich, ob sie zur Erfüllung - literarischer Aufgaben die Fähigkeit, und Neigung besitzen. *) Am ZOr -itch 191V. Die Leitung wird daher in den meisten Fällen einer Kommission übertragen werden müssen, der dieselben Mitglieder angehören werden, wie bisher dem Vorstand, nur daß sie in der Freiheit ihrer Entschließung durch die Auftraggeberin gehindert sein werden. Die Veranstaltungen aber würden von Obrigteits wegen eingesetzt sein und. nach einer alten Erfahrung, dann weniger Anklang finden als die jetzigen freien, von einem selbstgewählten und der Mitgliedschaft verantwortlichen Vorstand eingerichteten. Auch für die Neutralität der Veranstaltungen kann dann niemand die Gewahr übernehmen, denn in unseren Gemeindeverwaltungen herrschen vielfach politische Gesichtspunkte vor und wird nach dem Machtprinzrp der Majorität entschieden. Als berichtigt muß an . den vorgetragenen Forderungen anerkannt werden, daß die Gemeinden mehr als »bisher durch Beiträge, durch Unterstützung der Bibliothek, durch Hergabe von Lokalen den Vereinen ihre Förderung angedeihen lassen. Wie in alter Zeit jede Gemeinde ihr Beth-Hamidrasch unterhielt, so wäre es Pflicht der heutigen Gemeinde, dem Literaturverein ein Heim und Mittel? zu gewähren. Das hieße, alten Juwelen eine neue Fassung geben! An den Vereinen aber ist es, diesen von Gustav Karpeles oft gebrauchten Vergleich mit dem Beth- Hamidrasch zur Richtschnur ihrer Tätigkeit zu nehmen. Charakteristisch am alten LehrhauS war der Eifer seiner Besucher, diepersönlicheArbeit, das Streben, durch eigenen. Fleiß das Wissen zu bereichern. Wohl fanden auch Vorträge statt, aber die Hörer blieben nicht passiv, sie arbeiteten mit und arbeiteten außerhalb der Vortragszeit für sich selbst. Eigene Arbeit muß auch in unserem Literatuerein mehr als bisher in den Mittelpunkt treten. Mit Paradevorträgen geht es im Augenblick nicht, die gegenwärtigen hohen Reisekosten gebieten von selbst eine mögliche Beschränkung in ber Berufung auswärtiger Redner. Auch ist die Zahl der Berühmtheiten, die eine echt Mische Kinderstube hatten, und deren Geist . im Glanze ihres Herrenzimmers festgehalten haben, allmählich im Aussterben. Aus der Not muß eine Tugend gemacht werden, die Vereine müssen mehr Arbeitsals Vortragsabende ei richten, belehrende Kurse schaffen, abgerundete Gebiete behandeln, ihre Mitglieder nicht nur unterhalten, sondern auch unterrichten! Wenn irgend etwas über die nächste Zukunft mit Sicherheit vorhergesagt werden kann, so ist es' dies, daß die Zeit weniger knapp sein wird, als vor dem Kriege, und daß das Fortbildungs-, das Volkshochschulw esen einen viel breiteren Raum im öffentlichen Leben einnehmen wird, als vordem. NutzenwirdieseStrömung und Stimmung für unsere guteSache! So häufig ist uns aus dem Felde berichtet worden, daß unter den jüdischen Soldaten fein wahrer Heißhunger nach jüdischem Wissen herrscht: jetzt wollen wir ihnen Gelegenheit bieten, ihn zu stillen: die schöne Eiinladung der Pessach-Hagada: „Wer hungrig ist, der komme und esse mit", muß die Losung unserer Vereine sein! Aber von der Gelegenheit muß auch Gebrauch gemacht, der Lerneifer muß geweckt werden. Von selbst fliegt da» Wissen nicht an: das ist die Erklärung dafür, w«K» halb in den letzten dreißig Jahren, ungeachtet aller Aus» drücke der Begeisterung, das Mische Wissen zurückgeht. Als unsere Väter am Sinai.standen, da gelobten sie: „Wir wollen tun und hören." Eine fertige Offenbarung hat eS .nur jenes eine Mal gegeben, seitdem bildet „das Tun und Hören" unsere Aufgabe! Wie die einzelnen . Vereine, bleibt auch der Bestand des Verbandes eine Notwendigkeit. Das sage ich nicht. weil ich als Vorsitzender aM Amte klebe — ich harre des Tages, an dem ich es meinem Nachfolger'übergeben kann —, sondern weil eme Zentralstelle erfor-