Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 6 (7.2.1919)
- Date
- 1919-02-07
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
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M- 6 Dr. Gtsch's Dachen jrtzrM VeM S7 Än gemeinsamrr Seefforgerrat. Auf Initiative des evangelischen Bischofs von Budapest Alexander Raffay hat sich in Budapest ein Ländes-Seelsorgerrat konstituiert, der sämtliche Konfessionen des Landes umfaßt. Dieser Rat Hai die Aufgabe» unter Ausscheidung aller dogmatischen Fragen aus seinen. Beratungen für die Reform des Religionsunterrichtes in der Richtung, daß daraus alle gegen einzelne Konfessionen zur Aufreizung geeigneten Momente ausgeschaltet werden, für die'Aufrechterhaltung des obligatorischen Religionsunterrichtes in den Lehranstalten und für die gemeinsamen Interessen der Seelsorger äller Konfessionen eingutreten. Im neuen Seelsorgerrate ist auch die Iudenschast der 'Hauptstadt, ohne Unterschied ihrer .Parteischattierung, vertreten. Friede —;r»eirrLei (Schluß au» fit. 4.) Nicht auch ist «s .möglich, zu diskutieren, wenn Annahmen, die jeder ..Grundlage entbehren, .immer wieder als Basis von Anwürfen genommen werden. Dazu gehört in erster Reihe das — man verzeche mir das .harte Wort — Gefasel vom Zw an g» sich zur Mischen Nation bekennen zu müssen. Wo um aller EotteshimmelswiUen hat tzine jüdifchna lmale Körperschaft dies oropvniert? Wir verlangen, daß es den Juden, .die fühlen, daß sie nicht zur deutschen, polnischen, tschechischen usw. Na.i^n gehören, ermöglicht .werde, der .Lüge des offiziellen Bekenntnisses dieser Nation tzu entgehen; daß es ihnen hier ermöglicht werde, rn Wahrheit als treu«, sich ihrer staatsbürger.ichen Pflichten voll bewußt«, deutfchösterreichische Bürger zu leben. Nichts mehr. Wer als Konfessionsjude und Deutscher weiter leben will, der tu« es in Gottes Namen! Wir propagieren allerdings, daßullr Juden zu unserer Ueberzrugung.gelangen; dag all« fühlen sollen, daß «3 — unserem Empfinden nach — eine innere, gelinde gesagt, sMmtzgWM. ist»,/ ^ich.,tzu^eiaers.Nation. zu bekennen, deren breitst« Messrn tief dLsseö i?s§ w-ftöiten. N r saee« stell Ä «üch. daß.' nach dem neuen.Selbstbestimmungsrecht der N a t i o n e « vor dem Völkerbund« und dem Dölkerschiedsgerichte. die bald sicher erstehen werden, jedes .Volksrecht einzig auf nationaler (und nichL auf konfessioneller) Grundlage gestellt und verteidigt wird werden, können, es auch vom politiMpraktischen Standpunkte für uns Juden vorteilhafter ist. sich' .auf nationaler Grundlage zu organisieren. Denn bekennen wir uns als zur deutschen Nation gehörig so haben wir bot dem Weltforum nichts zu suchen, und müßten etwaige Rekrinllnationen (und wir 'fürchten sehr, daß leider zu solchen noch oft genug Anlaß siin wird) vor dem Forum Vorbringen. in dem auch 'Hermann Wolf, Kuns chak usw. mitzureden haben werden; weil -die drutsch-iftaeli.i.che Frage eine mterne deutsche Angelegenheit bleibt. ' Das also sagen wir 'freittch. sage« es laut Und mit Eifer aber einen Zwang? Man höre doch endlich einmal mit Kiefer Entstellung auf! \ Unbegründet ist es auch, daß als Folgen des jüdischnationale» Bekenntnisses die .Verschlechterung der 'gesellschaftlichen und Wirtschaftlicheil Verhältnisse der Juden in Aussicht gestellt werden. Don mchtzionistischer Seite wird, doch i nmer der Antisemitismus als auf nichts anderem denn auf Konkurrenzkampf beruhend dargestellt. Glaubt also jemand, daß es dem Antisemiten in seinem Konkurrenzkämpfe gegen den Juden im Geschäft, auf der Universität, in den freien Berufen und im geistigen Wettbewerbe i.n allgemeinen «inen werenrucd'll Aut ricd.sd lttaarr. ov d-r Jude im rtSrschen oder deutschen. Kataster sich «intragen hat lassen? Aber auch rein formell und staatsrechtlich geht es. wie früher hrrvorgehoben wurde, nicht «an, aus dem Bekenntnis zur jüdischen vlation Beschränkungen, welcher Art auch immer, abzuleiten. Es /kann niemand, der nach Deutfchösterreich zuständig ist, als Fremder behandelt werden, her redlich alle staatsbürgerliche» Pflichten zu /erfüllen gewillt ist. Und-das sind wir alle. Auch di: eventuelle Gründung eines Judrnstaates in Palästina könnte daran nichts ändern. Denn in allen Kundgebungen, sowohl der Entente als auch der zionistischen Organisation wurde ausdrücklich betont, daß jene Gründung die Rechte und Pflichten di« Juden in I rren jetzigen WobnlSndern nicht berühren darf. Herr Ortony schreibt, der Herr Oberrabbiner Dr. T h ä j e s hätte gesagt, daß man auch als Fremder in einem anderen Lande leben könne, und knüpft daran die Konstatierung, daß „der Jude durch Anerkennung der ZugehSrigkeit zu einem jüdischen Nationalstaat fort eigenen Lande fremd wird". Er könnte mit diesem Schlüsse recht haben. Aber was hat das mit dem von uns einzig.propagierten Bekenntnis zur jüdischen Nationalität bei gleichzei iger Anerken- AMg ds ZvgLhörigkeit zvm deutschösterreichischenl Staate .zu tun? Es'wird sicherlich zumBetspttt Tschechen anb Polen in Wien und 'anderswo in Deutfchösterreich geben. I I: neben ihrer Nationalität sich als deutschösterrcichische Staatsbürger deklarieren werden. i ' Besonders aber muß unterstrichen werden, daß in Ländern mit einer gemischtnattonalen Bevölkerung es für die Juden Tei ic andere Lebensmöglichkeit gibt, als sich neutral, das hei'st zur jüdischen Nation gehörig, zu erklären, so zum Beispiel i-r Ostgalistrn. Böhmen, Mähren, in den Grenzgebieten Ungarns usw. Darum bat zum Beispiel auch bekanntlich jetzt gerade aus praktischen Einsichten der Landesverband der Mährischen Kultusgemeinden als auf dem Boden der jüdischen Nationalität stehend sich erklärt und am Jüdischen Natkonalkongreß des tfchecho-slowakischen Staates terlgenommen. — Ich muß demgemäß meiner tiefen Verwunderung darüber ausdrücken, daß die Redaktion dieser Wochenschrift M ihrer bekannten Objektivität die Wendung in Arti'el des Herrn Philipp anstandslos^ durchgelassrn hat. wo es heißt: . , daß es nicht allen Juden passen kann, sich vom Jüdischen National rate bevormunden zu lassen und sozusagen auf Kommando sich jüdischnational zu bekennen, auf die Gefahr hin, ti ihrer L'i 'enz zu leiden oder gar ihr Leben einzubützen, wie uns der bestt rlische» tief beklagenswerte Pogrom in Lemberg den traurigen Beweis lieferte". Nicht einmal die Lemberger und Warschauer As in» lanten, die es näher angeht und die es besser wijssen müffeiv. haben es gewagt, eine solche ungeheuerliche Darstellung zu geben.. Die Juden wurden dort bekanntlich bisnun mit Unrecht den Polen zugezählt und hätten si> sich jetzt, da die Ukrainer und Polen in Lemberg gegeneinander im Kampfe.auf Leben und Tod stehen, nicht neutral, als Juden, bekannt (was bekanntlich Zionisten und A j i j m i l a n t f n »»f ßi die öfiii Mtei:').?o fteb» ich nicht an, zu sagen, daß sie einen Pogrom von seiten der Ukrainer verdient hätten. Und noch auf einen Kardinalpuntt der jetzigen Anschuldigungen mutz ich in aller Kürze zurückkommen. Die Häufigkeit der Taufen, nämlich in den letzten Wochen, wird von verschiedenen Seiten auf Rechnung der zionistischen Aeimtian gebucht. Herr Dr. Krenberger sagt: „Wir werden" nicht mehr lange die Verwüstung des Wiener Judentums dulden." Nun, dieser Vorwurf ist nicht neu. Er ist uns schon vor etwa acht Jahren von einem besorgten Israeliten in ^.Ost und West" gemacht worden. Wie tief seit damals das Judentum durch den Zionismus verwüstet wurde, vermag ich nicht anzuqeben. Vielleicht vermag es Herr Dr. Krenberger aus seiner früheren zionistischen und itoi i'chen Tätigkeit. Daß der Zionismus den übern i gen''«n Teil der Jugend dem Judentum wiedergewonnen hat, daß er bei Hunderttau"enden von Jude« wieder ein lebendiges Interesse für alles Jüdische erweckte. das spricht doch sicherlich gegen die Verwüstungstendenz des Zionismus. Jedenfalls scheint es. daß jrner alte Vorwurf den Zionismus, in Anbetracht feiner jehisten ungeheuren Erfolge in der Welt, nicht viederr.uschlagen vermocht hat. (Vor acht Jahren war er allen unseren Klugen eine Atopie, heue schreibt ein Gegner, Herr Ortony. wörtlich: „Es wäre «ine Atopie, gegen denselben anzukämpsen. da sich doch der größte Teil der Juden zum Zionismus bekennt.") — Aber zur Sache selber: Ist wirklich dev Zusammenhang zwischen dir'en zwei Erscheinungen jtzt feststehend? Hat man drüben schon vergessen, daß beim Entstehen des Zionismus gerade fromme, um die Erhaltung der jüdischen Religion besorgte Juden seine Notwendigkeit damit begründeten, daß ft imstande ist. der allgemeinen Tausbewegung Einhalt zu tun. tir bei ungehemmtem Fortgänge den Bestand des Judentums auch als Religionsgemeinschaft bedrohte? Daß viele darauf zum Beispiel hingewiesen haben, haß von den jüdischen Fami.ien Berlins, von vor lüi) -obren - »rh-'H Vor 9 w' •<> Hab-en s'st alle waren — also ohne jüdischen Nationalismus! (Vergleiche auch Teilhaber: „Der Untergang der deutschen Juden" und Ruppin: „Die Juden der Gegenwart.") Und wahrlich, wenn man die Alter» Berufe und Herkunft .(so viele au; Rußland und Galizien!) der Täuflinge näher ansieht, so gewahrt man leicht, daß fie mit dem Auftreten des Wiener Jüdischen Nationalra'e; schwerlich was zu tun haben. Ich habe auch von vielen Nicht zionisten tl: Ansicht gehört, daß die Taufen sich jetzt in eine kur.e Z it zusammendrängen, die sich sonst unter normalen Verhältnissen aus eine längere Zeitspanne verteilt Hatten. Viele der Lumpen hatten nämlich Während des Krieges „andere Dages", sie waren im Felde, gefangen u. dgl.; es war überhaupt kein rechter Anlaß daM, Auch geht jetzt manch«! Heimkehrer «ine Mischehe ein; durch Nr allgemeine Auftoirbelung der Frage nach der Staatsbürgerschaft und Sichtung der Papiere usw. wurde so manchem Charles in unangenehmer Weise in Erinnerung gebracht, daß er eigentih der Chaim ist. und mancher, der aus Suczawa stammt und nach dem 1. August 1914 nad) Wien kommen ist, denkt sich durch das Taufwasier etwa Hegen eine Ausweisung geschützt: „Nie kann man nir wissen." Daß schließlich di: beiden li:ben Edelpolen Kazi^ mierz und Stanislaus Sternbach aus Krakau und ander» derlei es vorziehen, die Taufe in Wim zu nehmen, wo es weniger auffällig ist als . in Krakau oder Podwoloczyska— diese Erscheinung ist jedem schon feit jeher bekannt. Wie aber Herr Dr. Kronberger die Schuld des Herrn Oberrabbmers Dr. Lhajrs an der