Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 36 (1919)
- Issue
- 2 (10.1.1919)
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Nr. 2 Dr. Bloch's Wochenschrift Bei der „Wochenschrift eingegangen: Ich Iwri: Für die anschuldigen Opfer des durch die „edlen" Polen -in Lemberg „organisierten BarbarisMus" 100 K.: Philipp Weih & Söhne 200 K.; je 40 51. Menasse ben Jonathan, Bernhard Kerpner. Djalovo, P. Schorr, Wien, 2. Bezirk, Siegmund Reich, Firma Ellan Reichs 'Sohn, Lundenburg: Rosa Reich, Wien, 8. Bezirk, 80 R.; je 10 K.: Franz Teltsch, Wien^ 5. Bezirk, Helene Pollak, Wien, 2. Bezirk, zusammen 510 5t. NatiMalität, Zionismus, Reform. Von David Kohn. Der Krieg dauert fort — auch die Juden bekämpfen einander weiter. Ich bin kein Optimist, gehöre vielmehr zu den Fürchtern, von denen der königliche Dichter sagt: „Heil dem Menschen, der immer fürch,- tet!" Ich habe auch nie auf Menschen gebaut, nach dem Worte des Psakmisten: „Heil dem Manne, der -auf Gott vertraut!" Aber diesmal überkam mich der Optimismus, ich dachte, mein Mahnruf „Nation und Kultur" werde die hochgeh enden Wogen des Nationalitätenkampfes beruhigen und ^meine klaren, von außen nicht beeinflußten, sondern'von Empfindung diktierten Worte werden in die Herzen meiner Glaubensbrüder und -Schwestern dringen. Ich bin enttäuscht. Es wird fortgestritten, wie der Hebräer sich drastisch ausdrückt al lo clabar, um nichts, und das Prophetenwort gilt noch immer: „Israel erkennt nicht, mein Volk überlegt nicht, denkt nicht nach." Muß denn nicht jeder begreifen, daß Nationalität Separation bedeutet, und daß man den Berg hinangehen muß. will man dessen Spitze erreichen, und daß der Weg zur Liebe nicht durch Haß geebnet roirb; daß ' wir uns in die Gesamtheit einstigen müssen und jeder einzelne für das Gemeinwohl so tätig sein müsse, wie für das eigens und nur das Glück des ganzen Volkes das Glück des einzelnen sein (könne. Wie der -Krieg - jeden einzelnen von uns hart getroffen, so soll die nun kommende Freiheit jedem einzelnen zugute kommen. Es muß doch jeder überzeugt sein, daß sein eigenes Wohl die Arbeit für die Gesamtheit erfordert. Zu keiner Zeit war diese Erkenntnis wichtiger, zu keiner Zeit-war es nötiger und dringender, sich zusammenzuschließen, alles Trennende zu beseitigen und geeint vorzugehen, als heute, da wir das Streben. und Sehnen von Generationen, das Aufhören der Kriege, die Entscheidung aller Streitigkeiten durch das Wort und nicht durch das Schwert endlich erreichen sollen. Das Umformen der Schwerter zu Sicheln und der Wurfspieße, zu Winzermessern soll in unsere Zeit fallen, wir sollen das Höchste erleben, Zeugen sein einer Umwälzung, die von den größten Männern in verheißungsvollen Worten verkündet wurden. ' . In festlicher Stimmung, eines Sinnes, und einer Empfindung/geeint in dem Gedanken der. Brüderlichkeit und Gleichheit, sollen wir nach so schweren Jahren dem Lichte der Freiheit entgegenströmen und so die Zeit herbeiDhren, in der es keine Völker, nur Bewohner der Erde geben wird. „Und die Erde wird erfüllt sein von Erkenntnis des Herrn, wie die Gewässer das Meer bedecken, und nicht mehr erhebt. Poll gegen Volk das Schwert und nicht mehr lernen sie kämpfen." So habe ich die Idee von Wilsons Völkerbund gedeutet. Ich Habe erwartet, er..werde Ruhe gebieten,; bis der Friedenskongreß den.Völkerbund in Verhandlung zieht. Inzwischen hat der Waffenstillstand neue Kriege ausgelöst und eine Verständigung ganz ausgeschaltet. Der Friedenskongreß wird mehr Kriege zu schlichten haben, als der Waffenstillstand. ' Wenn irrt Aufruf der Union von dem einigendem Band der Konfession die Rede ist, so ist dies sehr schön gesprochen und geschrieben, und es ist auch etwas Wahrheit daran, aber man stelle einen strenggläubigen, nicht gerade einen der Chassidim, dem Nichtgläubigen Juden gegenüber, der aus irgendwelchen Gründen noch dabei bleibt, Rücksichten, die mit der Religion nichts zu tun haben, zu nehmen, und man wird zugeben müssen, das Band ist etwas lbcker. Gibt es doch Juden, die den Tempel besuchen, jüdische Aemter bekleiden und Atheisten sind — ich könnte einige solche Figuren in der Wiener Iudenschaft mit allen Details zeichnen — ihr Leben ist erfüllt von Widerspruch —. doch es gehört nicht hierher,' ich will nur sagen, das konfessionelle Band .ist mir zu wenig für die.Umschlingung so verschiedenartiger Menschen. Ich gehe weiter und appelliere ent die Menschlichkeiten — das einzige Band, das uns alle ohne Rücksicht auf das Glaubensbekenntnis zu einem Körper verbinden möge. Rur ein Schlagwort: Toleranz soll bleiben. Rationalität, Konfession, Rasse haben aufgehört, zu sein. Gehen wir vom Primitiven, Urzuständlichen gus, unb wir können das Höchste erreichen. (Fortsetzung folgt.) Schalom! Dieses schöne Wort, in dessen Inhalt das Judentum seit tausenden Jahren den höchsten Wert und größten Schatz Dr die ganze Menschheit erkannte, und das voll zu würdigen, uns die letzten vier Jahre allzu gründlich lehrten, haben die Zionisten, einem altjüdischen Brauch folgend, zum gegenseitigen Gruß sich auserkoren. Es wäre im gemeinsamen Interesse des gesamten Judentums sehr zu wünschen, daß die (Zionisten bei allen §hren Unternehmungen, Handlungen, Reden und Zwischenrufen, ihres Grußes „Schalom" stets entsprechend, nur aTs Friedensboten auftreten mögen. Indessen sehen wir zu unserem Bedauern, daß die Ziomsten, sobald sie in jüdische Versammlungen, z. B. zür „Isr. Union",- <bder * in Wählerversammlungen kommen, anstatt in ruhiger, sachlicher Aussprache ihrer jüdischnationalen Bewegung neue Freunde anzuwerben, geradezu abstoßend wirken durch ihre beleidigenden, haßsprühenden Amoürfe und störenden Zwischenrufe,' das beweist: in der Theorie führen sie zwar das schone, echt jüdische „Schalom" im Munde,- in der Praris aber stören sie, zu ihrem eigenen Nachteile, jede sachliche, gegenseitig belehrende, die Meinungsverschiedenheiten und Gegensätze überbruckende Aussprache, wodurch sie der wünschenswerten Einigung aller Juden geradezu entgegenarbeiten. Daß der ideale Gedanke der Wiedererstehüng Zions ein Gemeingut aller Juden seit der Zerstörung Jerusalems immer war, auch jetzt ist und bis zur endlichen ErDllung unseres sehnlichstens Höffens sein wird, darüber sind alle vernünftig denkenden Juden einig, seit unserer frühesten Kindheit gilt unser innigstes Gebet der Wiedererstehüng Zions und Millionen Juden tzeben!ajn den Sederabenden in freudigster Hoffnung ihren Wünschen Aus druck, die nächste Pessachfeier in Jerusalem verbringen zu können. Es ist gewiß, daß die Mehrheit aller Juden die heißsrsehnte Zeit des Messias eng verknüpft mit der wahrhaftigen Bedeutung des Wortes „Schalom" erwartet, und ist es Dr das gesamte jüdische Voll gleichgültig, ob der Führer in das gelobte Land Dr. H erzl gewesen wäre oder Präsident Branders fein wird. Aber wir können uns ein segensreiches Wirken einer jüdischen Partei, welche die Führung des jüdischen! Volles anstrebt, nur als Friedensbringer, keinesfalls aber als Haßyrediger, Anfried enstister und Beleidiger gegen ihre Brüder vorstellen. Das Selbstbestimmungsrecht muß jedem Juden die freie Wahl lassen, sich entweder als jüdischnational oder sowohl als Jude als auch zu einer Staatsbürgerschaft, zu der er sich durch Geburt und Amgangssprache zu- . gehörig Dhlt, zu bekennen: z. V. als ungarischer Jude,