Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 50 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite tl* Nr. 50 T^r. Bloch's Wochenschrift den, daß eÄ auf religiöser Grundlage aufgebaut wurde. Gerade dies macht es uns daher unmöglich, in allen Dingen mit den Herren vom Jüdischen Nationalrate einig zu-gehen. Sie können uns doch nicht zumuten, daß wir uns, die wir das nationale Gewußtsein nur im .Zusammenhänge mit unserer heiligen Thora, den heiligen Gebräuchen, entwickelt haben, in Bausch und Bogen mit den zum Teil früheren Assimilanten und jetzt zur Heberzeugung kommenden Nationaljuden anschließen können. ' Wir orthodoxen Juden, die wir den Jischuw erez Jisroel als unser höchstes Ideal sehen, müssen eine derartige Vereinigung als etwas Herabsetzendes für unseren hehren Gedanken betrachten. Es Müßten uns daher, falls ein Zusammenarbeiten möglich sein sollte, volle Garantien bei der Zusammensetzung der Leitung gewährleistet werden und in religiösen Dingen ein unbeschränkter Einfluß gewahrt bleiben. Von Herrn Eisenbahnrav' Stricker wurde auch unter anderem erwähnt, daß wir orthodoxen Juden nur jetzt unsere Bedenken gegenüber dieser Bewegung aussprechen und deM bisherigen Gemeindevorstande und allen Vereinigungen, u. a. auch der „Israelitischen Union", kein Mißtrauen entgegengebracht haben. Wir verweisen darauf, daß wir orthodoxen Juden bereits vor vielen Iah-/ ren, als von Zionismus und den Nationaljuden noch wenig die Rede war, bereits mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln gegen die Ausmerzung der Gebete, die sich auf Zion beziehen, gekämpft haben. Daß die „Israelitische Union" nie unser Ideal war, ist allgemein bekannt. Wir waren zuM größten Teil auch dort Mitglieder, weil wir eben alle Bestrebungen, die den Juden nützlich 'sein konnten, unterstützen und uns dachten, wir nehmen das den Juden Nützliche von jeder Seite. Sehr verständlich! ist, daß Herr Oberrabbiner Dr. E Hajes' auf die Mitarbeit der Orthodoxen Gewicht legte und von dem sehr richtigen Standpunkte ausging, daß die glaubenstreuen Juden während der '2000 jährigen Goluszeit diejenigen waren, die für ihr Volk und für die Erhaltung ihrer Tradition geblutet haben. Wären nicht die konservativen und die überzeugungstreuen Juden gewesen, so hätten sie heute! kern Material für eine nationale Bewegung unter den moderneU oder liberalen Juden gefunden. . .; Wenn daher der 'Herr. Oberrabbiner Dr. Chajes und. die mit ihm tzusamMen'arbeitenden Nationaljuden unsere Mitarbeit wünschen, dann Müssen wir, wie bereits oben erwähnt, Garantien haben, daß der gange Aufban des Judentums!, resp. der jüdischen Nation auf "religiöser,^, gesetzestreuer Grundlage geschehen wird. ' Ä ' Auf unser Verhältnis MM Staate Deutschösterreich und speziell Wien Zurückkommend, müßte den konservativen Juden von den Machthabern der 'KulLusgemeinde der vollste Einfluß! in religiösen Fragen gewährleistet werden. Es darf nicht, wie bisher, der Fall sein, daß wir, wenn Rituelle Fragen austauchen, den Herren in der KultrisgeMeinde mit deM Merwaltungsgerichtshof drohen müssen. Um derartigen Streitfragen ans dem Wege M gehen, mtrßte Sorge getragen' werden, daß in den Statuten der Kultusgemeinde den orthodoxen Juden alle die selbstverständlichen/' ihüen gebührenden 'Rechte festgelegt werden. Herr Oberrabbiner Dr. Ch ajes hat 'zur Beruhigung der Orthodoxie erwähnt, daß der Zionismus nicht mit den Zionisten /zu verwechseln ist, gber diese feine Unterscheidung allein kann Uns nicht genügen. Ich muß es verlängeU, daß die maßgebenden Führer und Stützen der? tzionMschen' Bewegung wenigstens etwas Verständnis dafür haben, daß sich, der jüdische Nationalismus nicht von der Religion lostrennen kann. . Bd. Deutsch. Dem Andenken Dp. Alfried Sterns, des Ehrenpräsidenten der Wiener ifrael. Kultusgemeinde. In dem ehrfurchtgebietenden Alters- und Ehrenpräsidenten Dr. Alfred Stern verliert der Unterzeichnete Verein einen treuen, aufrichtigen Freund und Ratgeber von ungewöhnlicher Begabung und Erfahrung, dem die Sache des Judentumes durchaus heilig war. Seine Verdienste uM die Rechte der Juden und MM ihre Gleichstellung Mt den übrigen Staatsbürgern sind zu bekannt und von berufenster Seite geschildert worden, so daß es unangebracht .wäre, hier nochmals darauf zurückzukommen. Unvergessen aber bleibe ihm eine kühne und entschlossene Tat. welche ihm die Dankbarkeit Tausender und aber Tausender' sichert, "die er vor sicherem Verderben gerettet hat. Es war zur Zeit der furchtbaren russischen Pogrome anfangs der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die zu Tode Beängstigten und Gehetzten unsere Grenzen im Osten überschritten. Da, wurde allen Ernstes seitens unserer Regierung der Plan gehegt. Mittelst militärischen Kordons die Grenzen gegen öiese bemitleidenswerten Flüchtlinge aözusperren, wodurch sie ihren Peinigern wieder entgegengetrieben worden ^wären. Als von diesem Vorhaben Dr. Stern Kennt- / nis erhielt, begab er sich sofort ins Ministerium und seiner Bemühung war es^zu danken, dgß diese schreckliche Maßregel nicht zur Durchführung gelangte. Wegen dieser einen hochherzigen Tat allein sei sein Andenken stets geehrt! ' Wien, Dezember 1918. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Airs dem SitzuttgsprotokoW der Wiener Rabbinewer* emigung vom IS. d. M. Ja Beantwortung zahlreicher Anfragen der Gemeindemitglieder erachten es die Rabbiner und Prediger der ist. Kultusgemeinde in Wien äls ihre Pflicht, nadr folgendes zu erklären: 1. Die Wiedererrichtung eines jüdischen staatlichen Gemeinwesens im' Lande Israel ist als. Erfüllung einer von der Judenschaft durch fast zwei Jahrtausende gehegten und von unserem Glauben geheiligten Sehnsucht zu betrachten und zu begrüßen. Bestrebungen, die dahin zielen, das Land unserer Ahnen einer Neubelebung entgegenzuführen, sind nach den Lehren unserer Weisen und Dezisoren nachdrücklichst zu fördern. (Kethubtzboth lila; MaiMonides, Jad Chasaka, Hilchoth Meßlachim V, 10ff.) D . 2. Rach wie vor gilt mit sich gleichbleibender Kraft für jene Juden, die in der Diaspora zu verbleiben gedenken, die prophetische Weisung: „Erstrebet das Heil der Stadt, in die ich euch geführt chabe, und betet für sie zu Gott, denn in ihrem« Heil ist auch euer 'Heil enthalten" (JereMa 29, 7), und demgemäß die .Pflicht, sich mit dem Lande, dessen Sprachie und Kultur sie ihr eigen nennen, eins zu fühlen und gleichwie an Rechten, so auch an Opferbereitwilligkeit für das Vaterland keinem Mitbürger nachzustehen. Irgendeine individuelle Stellungnahme zu den nationalen Zeitstagen, deren volle .Freiheit einem jeden selbstverständlich gewahrt bleiben Uoll, kann nach der Eigenart des Judentumes einen Vorwand zuM Austritte aus diesem« Verband in keineM Falle abgeben. Die gefertigten Rabbiner und Prediger, sprechen gleichzeitig ihre Erwartung aus, daß die momentan bestehenden differierenden Anschauungen über manche nationalen und konfessionellen Begriffe und Probleme die Eintracht unter den Gemeindemitgliedern, den Frieden in Schule und Gotteshaus und vor allem! die Liebe und Treue zum Judentums nicht erschüttern werde«.