Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 50 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite- M3 Ä „Wir sind hier versammelt, nicht , um! Politik zu treiben, sondern um unser Augenmerk auf das' zu'lenken, was aller Politik vorangeht, die SeMterkenntnis und die" Selb sterziehimg. - Das Judentum leidet nicht nur unter den Ihnen allen sattsam bekannten politischen Strömungcp, sondern es leidet!au sich selbst. Hzer helfen nicht schöne Worte oder einzelne Zugestönditis'e, mit denen man eingebildete Kranke behandelt. Denn von innen heraus muß die Heilung kommen, niemand kann von außen die Rettung bringen, wenn unser Inneres verschlossen bleibt. Unsere Kmder müssen in der Erziehung darauf eingestellt werden, daß sie nicht nur in der Welt, sondern auch mit der Welt ihrer Umgebung'leben miissen, eingedenk des indischen! Spruches: „L'ebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Sie sollen nicht in den Tempel gehen, um ein Plauderstündchen.abzubalten-oder ans Furcht vor . göttlichen, und menschlichen Strafen, sondern aus Bedürfnis, dem' lärmenden Alltagsleben aus kurze.Zeit in einem stillen, erhabenen, kunstgeschmuckten Hause entrückt , zu sein und sich ans Gott und sich selbst besinnen zu können. .!Gesang und Musik sowie i it.it iglicheWort ^ihres Seelsorgers werden ihnen dort mehr Disziplin, Selbsterkenntnis und Glauben ein flößen alsafte ihrem Herzen gänzlich fernstehenden, meist unverständlichen Geüetwrmeln. Sie werden späterhin dann nicht mit'ihrer Religion Politik treiben!, sondern alle ihre politischen Auslassungen werden als' die getreuer Staatsbürger von religiösem Gefühle durchtränkt sein!, sie werden stolz sein auf ähre Religion, weil sie durch ihre Selbsterkenntnis die Achtung der AnderÄgläubigen erzwingen werden. 'Herr.Schulrat Prof. Dp. Tschiaßnv, e'n Mann, dessen Herz warinchür das 'Judentum schlägt, hat es unternommen, in einer 'von ihm verfaßten 'Denkschrift Anregungen für die Reform dcZ indischen Kultus- und Erziehnngswesen niedewuleaen, da di^ bisher diesbezüglich unternommenen 'Versuche Fehlschläge waren. Diele Anregungen finden bei einer großen Anzahl von Gesinnungsgenossen mächti.gcn Anktana. Als Beiveis hiefür wogen die zahlreichen, die Denkschrift anerkennenden Zuschriften hervorragender Glaubensgenossen angeführt werden, sowie die Beschlüsse einer großen, von einem Provonentenkomitee emberuftitcu Versammlung von zirka., 300 der besten unserer 'Manbensbv'üder, die einstimmig den Beschluß faßten, daß die Denkschrift in einer Massenauflage an alle Glaubensgenossen verschickt werde, damit sich diese mit dein Inhalte vertrant machen und schon durch die Lektüre aufgeklärt werde. Ein weiterer Beschluß ging, dahin, daß sich ein gewähltes 'Komitee mit der Verwirklichung der in der Denkschrift enthaltenen Anreaunaen befassen möge. Diese Beschlüsse wurden auch ausgeführt. Die Denkschrift wurde und! wird in einer zweiten, Auflage ver- , schickt unde'n Komitee mit dem Titel „Wiener'jüdisches ' Organisationskomitee" hat sich'- konstituiert. Der Ausschuß dieses Komitees bat nun in .mehreren Sitzungen nach. Berawng mit hervorragenden Fachmännern folgendes beschlossen: 1. daß vorläufig die angestreoten Reformen sich bloß auf die Reform des .Krtltus- und Erziehungswesens beschränken sollen und daß in absehbarer 'Zeit alle weiteren Reformen ans dem Gebiete dos 'Rechtsschutzes, des Armen- und Stenerwesens, der Wahlordnung usw. in . Verbindung-mit.• den bereits diesbezüglich bestehenden Institutionen in Betracht gezogen werden sollen; x 2. daß bie auf 'Basis der Denkschrift in einem Promemoria zusammengefaßten Bestimmunaen dem verehrlichen Kultusvorstaiide zur Beratung und zur schleunigsten Durchführung zu unterbreiten sind; 3. daß die heutige Bollversammlung zu dem Zwecke einberufen werde, daw.it diese nach Anhörung des Promemorias ihre Wohlmeinung abgebe, und daß 'insbesondere die hier versammelten sehr geehrten Mitglieder der Bezirkskommissionen, die laut Statut berechtigt sind, Anträge in Kultusangelegenheiten an den Kultusvorstand zur Beschlußfassung zu richten, im Falle ihrer geneigten Zustimmung durch eine besondere Eingabe an den Kultusvorstand, Las Promemoria zu unterstützen die Güte haben. i Der Glaube, heißt es, ist gut für die Ruhe, der Zweifel -allein führt zur Tat und ibringt uns m Bewogung. Wie die mittelalterlichen Meistersänge^ alljährlich die Regeln ihrer Tabulatur dadurch auf ihre Richtigkeit und Nochgültigkeit prüften^ daß sie vor denH Volke sangen und es zum Richter machten, so wollen wir alle unsere Institutionen unter dem kritischen Auge 'der O öffentlich reit prüfen, ob sie unserem modernen jüdischen Gedankenseben auch noch entsprechen." Hierauf erteilt der Vorsitzende dem literarischen Beirate des Organisationskomitees, Herrn Dr. S. Krauß, Professor cm der Israel, theol. Lehranstalt in Wien, das Wort zu seinem Referate Mer die in der obgenannten Denkschrift gngestrebteu Reformen. Diese beziehen., sich: Auf die Disziplin während des Gottesdienstes, auf den Chor, auf die Gründung von Kantorenschulen, auf die Einführung der Orgel, auf die Kürzungen des Gottesdienstes, besonders der Gebete, eine Kürzung, die durch Fachmänner einzeln festzusetzen ist, aus die Thoravorlesung, aus Inhalt und Tendeirz der Predigt, auf die Stellung der Rabbiner und Religionslehrer, auf den Jugendgottesdienst, auf den Religionsunlerricht und auf die apologetische Durchbildung des jüdischen Volkes An dieses Referat knüpfte sich eine lebhaft geführte Debatte. Hofrat Dr. I. Löwner begrüßt das Promemoria mit großer Wärme. Er wünscht, daß dem Zeitgeiste Rechnung getragen und der Gottesdienst modernisiert werde; er plädiert insbesondere Mr die Einführung .der Orgel und beklagt den Jndisferentisnrus weiter kreise, der durch die Einführung der gemäßigten Reformen beseitigt werden könne. Er wünscht besonders die Heranziehung der Frauen als Stützen der Religion. Herr Bethausvorsteher Anton 'Beck .erklärt, es handle sich nicht um Neuerungen, sondern um Wiedereinführung altbewährter Einrichtungen. Das Judentum Wiens sei ans seiner bisherigen Lethargie herauszuarbeitcn. Rechtsanwalt Dr. E. Thaler begrüßt besonders die auf die Jugenderziehung bezugnehmenden Vorschläge und schließt sich auch hinsichtlich der OrMfrage den Aus- Dhrungen des Professors S. Krauß an. Dzede Maßnahme zur Verherrlichung des Gottesdienstes sei kräftig zu unterstützen. i Herr Plaschkes ist iw allgemeinen mit den ReformvorschNgen einverstanden, äußert jedoch Bedenken gegen deren allgemeine Einführung mit Rücksicht auf die orthodoxen Kreise, deren Gefühle unter keinen Umständen verletzt werden dürfen. Präsident des Tempelbnukoinitees Rechtsanwalt Doktor Gutmann: Die Gefühle der Orthodoxen dürfen in keiner Weise verletzt werden. Die Einführung der Orgel fei eine unbedingte NotwendigBeit: sie sei ein mächtiges Mittel zur Hebung der Disziplin, zur Verherrlichung des Gottesdienstes. Bürgerschuldirektor Löwit will als Schumarn sprechen. Er nimmt den Religionslehrerstand gegen ällfä'tlige Vorwürfe in Schutz, weist auf das geringe Zeit ausmaß für den Religionsunterricht hin. ' % '. $