Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 50 (20.12.1918)
- Date
- 1918-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wr. 50 / Dr. Bloch’s IayrganK XXXI Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums □ □□□□□□□□□□□□□□□□□□aDaaaaDaaaaaQ □ a □ a □ □ □ a □ K. tu Postsparkassenami Clearing-Verkehr: 810.976 o o Redakiion und Administration: Wien > II/i, Praterflratze 9 TeBephon: 45.359. O □ D a □ a □ □ aannDDaDaacaaaaaaaanaaaaaDDDca □ -ooo-- Wiap 20. Dezember 1918 Erschein! jeden Freiing Brief-Adresse: Wien, 11/1, Pralerflraße 9 Trlegramm.Adresse: Bloch's Wochenschrifl Wien. o Bezugspreis: ° Halbjährig 10 Kronen “ Ganzjährig 20 Kronen a Ernzelexenrplare 50 Heller a Anzeigen: Dir 2mal gespaltene o iPftitjcile 60 Heller. □ □□□cinaaaaaaaaaaaaooaciaaGooaaaa O Inhalt: Leitartikel: Die Lage in Ungarn. — B.om Jahrmarkt des Le.bens: Glossen zur Tagesgeschichte. —^Bersöhnungs- H arbeit. — Die jüdische Wehr entwaffnet. — Indische Tapferkeit. — Der Protest der Kopenhagener Juden geg n die polnischen^; Judenpogrome. — Eine bedeutsame Protestversammlung gegen die Pogrome Um Haag. — Gedenkfeier in Bern. — Der OnkelL;? des schwedischen Königs präsidiert einer Protestversammlung. — Eine Deputation der Stockholmer. jüdischen Gemeinde bei der^ schwedischen Re.ierung. — Lmdhagen für eine neutrale Untersuchung der Pogrome. — Die Vertretung der Juden auf dem^ A tJ. Friedenskongreß. — Hilfsaktion für die Opfer der Pogrome in Galizien. — Der 'Wiederaufbau des Leopoldstäoter Tempels. — -s Korrespondenzen: „Wiener jüdisches Organisations-Komitee." — Eing e se n d e t: Dem Andenken Dr. Alfred Sterns. — Aus dem Sitzungsprotokoll der Wiener Rabbinervereinignng vom 16. d.^M. —^Vermischtes. — Feuilleton: „London*.^M (Die Odessaer Börse). — Briefkasten. — Inserate. Iie Satze in R«gar«. Von einem mit den.politischen Verhältnissen in Ungarn vertrauten Freunde unseres Blattes in Budapest erhalten wir die folgenden Ausfichrungen: Die Hage der Juden in Ungarn ist jetzt eine trostlose. Sie wird um so schmerzlicher empfuÄen, als die Juden, deren Patriotismus für das ungarische Vaterland von niemandem arrgezweifelt wurde, jetzt einerseits in den von den sreigewordenen Nationalitäten besetzten Gebieten als Vorkämpfer des Magyarismus geplündert, ermordet, vertrieben oder als Geiseln verschleppt werden, und in vielen rein magyarischen Städten und Dörfern unter den verschiedensten Vorwänden dasselbe Schicksal erleiden. Besonders betrübend sind für die ungarischen Juden die traurigen Erfahrungen in den letztgenannrea Gebieten Ungarns. j » So kann nur krasse Undankbarkeit, politische Kurzsichtigkeit oder blindwütiger Hast gegen einen VoUsstaMiN Vorgehen, der, allen persönlichen Gefahren trotzend und unbeachtet der wirtschaftlichen Nachteile, im letzten Jahryunoert ehrliche Pionierdienste für den magyarischen Einfluß, die magyarische Kultur und für die wirtschaftliche Hebung Ungarns geleistet hat. Eine geschäftige und geschäftliche raffinierte antisemitische Clique hat unter dem Schutze der adeligen'Oligarchie während der Kriegsjahre es verstanden, die christliche Bevölkerung, hauptsächlich der rem magyarischen Komitaie, gegen die Juden auszureizen und der betörten Landbevölkerung unter dem Drucke der Geistlichkeit 12 Millionen Kronen als Fonds für eine weitaüsgedehnte Pogrompresse und Pogromliteratur abzupressen. Die Zustände sind kurz vor' der großen politischen Umwälzung bereits so zugespitzt gewesen, daß die Führer der neologen Judenschaft es für geböten erachtet hatten, eine Äanüesprotestversammlung einzuberusen, in welcher auch energische Maßnahmen gegen die Pogromagitation hätten gefaßt werden sollen. Der Tag der Versammlung fiel jedoch bereits mitten in die Umwälzungen, und die Landesj Versammlung erhielt ein ganz anderes Gepräge als ihr - ursprünglich zugeoacht war. Die versammelten Vertreter i der ungarländischen neologen Juden,chaft beraumen sich, '• wie nicht ,anders zu erwarten war, zum Magyarentum, forderten die Integrität der Grenzen des alten ungarischen Staates und faßten die auch in „Dr. Btochs Wochenschrift" veröffentlichten Beschlüsse, unter anderem auch den Beschluß, die großen jüdischen Organisationen im neutralen und feindlichen Ausland zu ersuchen, in ihrem Einfluß zugunsten des ungarischen Freistaates und seiner Grenzsorderungen tätig zu s em. Damals waren die ungarischen Juden noch der Meinung, daß sie ihre eigenenj Angelegenheiten im Lande selbst vertreten und durch ihren politischen Einfluß den Kampf gegen die Antisemiten selbst würden anstragen können. Inzwischen sind Millionen jüdischen Gutes geraubt, vernichtet, zehntausende jüdische Familien obdachlos nur» an den Bertelstäb gebracht worden, und die ungarischen Juden stehen mit dem Blick auf eine machtlose Negierung, sich selbst überlassen und verzweifelt da. Zum ersten Male feit Tisza-Eszlar haben die ungarischen Juden es jetzt wieder empfunden, wie unklug es war, während der Jahrzehnte jedes Solidaritätsgefühl mit den-Juden anderer Länder stolz und kühl von sich, zu weisen, in der übrigens ganz unbegründeten Angst, durch ein solches natürliches Gemeinsamkeitsgefühl den Glauben an ihren Patriotismus im eigenen Lande zu erschüttern. Bös muß . es um die ungarischen Juden stehen, wenn das offizielle Organ der Neotogen, der „Egyenlöseg", in seiner letzten Nummer an erster Stelle mit ausfallender Schrift sich mit einer herzzerreißenden Bitte an die Judenschaft der Entente wendet, nicht mehr um die alten Grenzen Ungarns zu sichern, sondern um die ungarischen Juden vor der Vernichtung zu retten. ' Dieser Bittproteft ist für die Psyche der ungarischen neologen Judenschaft äußerst bezeichnend. Nach Liner Schilderung der Plünderungen, Verfolgungen, denen die