Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 48 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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48 feite 78 Dr. Bloch's Wochenschrift Wre-r. Das am 19. November im Aufträge de; Vorstandes der Israelitischen Allianz vom Sekretär Dr. Armand Kaminka in Tarnow konstituierte HiffskoMitee für die Opfer der Pogrome in Westgalizien (besonders Brzesko, Rozwadow, Mielec), an dessen Spitze die Herren Dr. I. Offner, Vizebürgermeister Doktor Mütz und Dr. Spann stehen, hat in seinen Wirkungskreis sämtliche durch die Exzesse in Not geratenen jüdischen Gemeinden Westgaliziens bis einschließlich PrzeMysl einbezogen. Diese Gemeinden haben sich daher (auch soweit sie in der Umgebung von Rzestzow und Przemysl liegen) bis auf weiteres an das Komitee in Tarnow zu wenden, welchem von.. der „Allianz" auf Grund seiner Berichte und Anträge, nach Möglichkeit Mittel zur Verfügung gestellt werden., Für Chrzanow, Zator, Saworzno und andere Orte nächst Krakau wird die Hilfe durch das Allianz- Komitee in Krakau vermittelt (derz. Obmann Dr. Rafael Landau). Der ukrainische Nationalrat und die Inden. Wie das „Prager Tagblalt" vom! 19. November meldet, ist Czernowitz nach heftigen Straßenkämpfen von ukrainischen Truppen besetzt worden. Die ukrainischen Behörden ließen alle deutschen und jüdischen Beamten im Dienst. Der ukrainische Nationalrat hat den Juden die Anerkennung ihrer Nationalität versprochen. Jüdische Volksversammlung in Troppau. Ani 14. November d. I. fand int Tempel zu Trovpau eine vom ' Kultusvorstande einberufene sehr zahlreich besuchte jüdische Volksversammlung statt. Der Kulturvorsteher Herr Dr. Sennenschein eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache und Referent Dr. W o l s brachte folgende Entschließung zur Abstimmung: „Als Angehörige eines eine untrennbare Einheit bildenden 14 MilionenvolkeS verlangen' die Juden vom Friedenskongreß, zu dem ihre Vertreter zuzuziehen sind: i. Die Anerkennung als Nation und demgemäß die Zuerkennung aller Rechte, die den einzelnen Nationen zustehen, in deren Mitte sie leben; ferner als Bürger jener Staaten, in welchen sie wohnen, die' volle politische und bürgerliche Gleichberechtigunz ohne Rücksicht auf ihre Umgangssprache. Die Versammlung spricht aber gleichzeitig aus, daß dt jüdische Glaubensgemeinschaft nach wie vor alle Juden ohne Unterschied der Umgangssprache umfaßt. 2. Die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina Gewähr-ng weitgehender Rechte zum Aufbau einejüdischen Gemeinwesens daselbst unter eigener Verantwortlich! it und internalionaler Garanne." Schließlich teilt der Referent die beabsichtigte Bildung eines jüdischen Volksrates für Troppau mit, welchem die Wahrnehmung aller jüdischen Interessen obliegen wird. Hietauf sprach Herr Dr. L e s ch n e r. der alle Juden ausforderte, sich einmütig zum jüdischen Volke zu bekennen. Schließlich wurde ein 2b (Niedriger Volksrat einhellig gewählt, in welchem alle Schichten der jüdischen- Bevölkerung, Männer und Frauen vertreten find. Der Volksrat wird ein Exekutivkomitee aus semer Mitte wählen. AusfchMtungen ln UnMr«. ( Den „Mitteilungen des Zionistischen Exekutiv-Komitees in Ungarn" -vom 17. November entnehmen wir den fokg'enhen Bericht: Aus jgantz Ungarn, rnsbefonhelre 'aus den Landgemeinden, kommen grausige Nachrichten. Die Judkinigemeinden, die bisher in ihrem Patriotismus weit mehr als alle anderen Völker tlngarns leisteten^, sind der>Ziek-. Punkt der mord- und raubfüchitigen Hörden. Die im 'Kriege ' unermeßliche reich! gewordenen Bauern Dechen mit Dem Beispiel voran, unterstützt von verschiedenen JnÄenhetzern, deren Identität bisher n'icht 'festgestellt werden ckonnke. Werte von" vielen hundert Millionen! Kronen wurden geraubt und vernichtet. Sehr viele Juden wurden ermordet. Pogromnachrichten kommerr aus der Umgebung von Szäbadlä, aus Galszecs, aus dem Komität GÄNör, ans dem von Walachen bewohnten Komitate Biihar, ans Hermalmstadt, aus Pastzro, aus -den slowakischen Komitateni Neutra und Preßöurg; schrecklich wütete die Raubgier der Bauern und Soldaten in den ungarischen Ortschaften des Komitats Sopron und den Ortschaften^ in den der ungarischen Hauptstadt naheliegendenKomitateu. .Was jetzt in den Komitaten Trencsen> Arv>a, Lipto und Neutra vorgcht, ist keine Anarchie mehr, sondern üöertFifst noch den Bolschewismus. Es ist unmöglich, zu beschreiben, was sich dort täglich apspielt. Was rticht geplündert werden kann, wird vernichtet. In Csorna wurde cheim Wein-- und SpiritnshiäNdler Steiner in dessen Kellev 3000 hl Weiu und 'viel Spiritus ausgelassen, wobei viele Plünderer erstickten. Aus Nagytapolcsany, Verbo, Galgocz inrd unzähligen anderen Ortschaften" kommen ebensolche traurige Nachrichten. Tie durch die ungarischen Zionisten gegründete Selbstwehrgarde ist wohl bestrebt, mit Waffengewalt und Aufklärung dem Plündern Einhalt zu Mieten, ist jedoch nicht in der Lage, überallhin ihre bewaffneten Truppchr Ml schicken. Bisher wurde in ca. 40 Ortschaften die Rrth-e durch die zionistische Garde hergestellt. Die Iudenpogmme in Kroatien und Slawonien. Agram. Schon lange gärte es in unserem Lande. Die Halbintelligenz unseres Landes ist fast durchwegs antisemitisch. Sie agitierte von Mann zu Mann, dasselbe taten die Frauen. In Kroatien herrschte während der ganzen Kriegsdauer keine Not. Die Bauernfrauen haben ihre Bodenprödukte 'mit 2000 Prozent teurer als in Friedenszeiten verwertet, sie selbst jedoch bekamen Zucker, Brennmaterial, Sohlenleder zu Marimalpreisen, die Reservistenfrauen der Stadt arbeiteten in der Holz- und Mühlenindustrie sowie in der Landwirtschaft und wurden glänzend bezahlt. Die Lehrerschaft und sonstigen kleinen Beamten hatten neben der Staatsunterstützung sehr hübsche Nebenverdienste, auch haben sie eine Staatsbeamtenorganisation, die dafür sorgte, daß keines ihrer Mitglieder Mairgel an Nahrung und Kleidung litt. Einen volkswirtschaftlichen Grund zu antisemitischen Exzessen in Kroatien hat es also nicht gegeben. Gerade die Gebiete, welche vom 1c ui«:u und von den von der Halbintelligenz geführten und organisierten Räuberbanden heimgesucht worden sind, fühlten die Unannehmlichkeiten des Krieges am allerwenigsten. Es wäre nur ettt nationaler Grund begreiflich. Aber auch dieser ist nicht vorhanden. Die zionistische Jugend Kroatiens ist südslawisch gesinnt, die übrigen Juden treiben entweder großkroatische oder reinkroatischs Politik. Wenn die Kroaten heute wirtschaftlich sich so gut stehen, haben sie es meist ihren einheimischen Juden zu danken. Reiner Rassen- und Neidantisemitismus, gepaart mit Raublust, hat die Judenpogrome in unserem Lande hervorgerufen, welche als ewiger Schandfleck das Wappen Kroatiens besudeln werden. Die Aermsten unter den Beamten sind doch die Rabbiner, und auch diese wurden ausgeraubt. Dr. Leopold Fischer, Daruoar, Rabbinatsverweser Schlesinger, Nasice, haben nicht einmal einen Polster, worauf sie ausruhen können, noch ist ihnen ein Hemd geblieben. Die kostbare Bibliothek Dr. Fischers wurde vernichtet. Da das Losungswort dieser Bierpolitiker lautet: „Alle Juden sollten aus Kroatien hinausgeplündert werden!", so Mußten die einflußreichen Juden Wilsons Aufmerksamkeit auf diese politische Unreife gewisser kroatischer Kreise lenken, uM Kroatien den Abgrund Nt zeigen, vor dem es steht, wenn seine Politiker die Politik des theoretischen oder praktischen Raubantisemitismus fortsetzen.