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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-10-25 · 42 (25.10.1918) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
42 (25.10.1918)
Date
1918-10-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 42 Tr. Bloch's Wochenschrift Seite 687 Eine Tragödie nennt der Dichter sein Werk. Nicht mit Unrecht. Denn die Zeit, in der Jean Christof und sein Freund Olrvier leben, — beide vereint — ist Rolland selber — ist eine Zeit des Niederreißens einerseits und andrerseits des Ueberfließens der Rassen. Eine häßliche, tragische Zeit. Die morsche Hütte der Vergangenheit soll abgetragen werden. Zerbrochen sollen werden die' Ketten des alten Glaubens, der alten Politik, der alten Gesellschaft, des alten ,-Wirtschaftslebens. Ein. Geschlecht aber, dem solches zu tun von der Geschichte beschieden ist, muß entweder ein Geschlecht von Titanen oder-eines von Zwergen sein. Vollzieht es das Werk des Niederreißens in vollem Bewußtsein der Tat, dann sind seine Männer Helden, wenn unbewußt, dann ist ein solches Geschlecht naturgemäß chaotisch zerfahren, zerfallen, voll Zw eifelsucht und Ironie und Satire, voll stinkender Miasmen, ein lebensüberdrüssiges, verworrenes, feiles, snobistisches Geschlecht. Welch ein Unglück, wenn in einem solchen doch auch Männer leben, erfüllt von echter Kraft und Genialität, die das Unheil sehen, dagegen sich wehren wollen, aber ohnmächtig vom Strome fortgeschwemmt werden und ihre besten Fähigkeiten vergeuden müssen, um nur sich selber rein zu halten, nicht in. der Jauche mit den anderen zu versinken. Olivier geht an diesem Kampf zugrunde, der gesündere Jean Christof, dieser deutsche Titane, setzt sich trotz allem durch bezahlt aber Mich die ungeheure Mühsal mit einigen Jahrzehnten seines kostbaren Lebens. Noch größer wird die Tragik dieser Männer dadurch, daß sie selber ein neues Zeitalter erstehen .sehen, das geringschätzend über sie hinweggeht, sie in einen Topf wirft mit der Lanzen verflossenen Generation und. undankbar diese großen Kämpfer nicht verstehen will. 'Tröstend wirkt nur die Erkenntnis, daß auch das neue Geschlecht eine geschichtliche Notwendigkeit jst, wie das alte eine solche war. So traurig es ist, niederzureißen, zu zerstören, zu vernichten, woran so viele Seelen hängen, es muß sein, wenn die Menschheit nicht versumpfen soll. Muß aber nicht, vorausgesetzt, daß ein Voll noch eine gesunde Seele in sich hat, auf das Niederreißen ein Aufbauen folgen? Und muß nicht die erste. Arbeit dieses Neubaues darin bestehen, daß man zum Gegenteil dessen schreitet, was jenes Geschlecht des Niederreißens als Höchstes gepriesen hat? War der vergangenen Generation Losungswort das Ueberfließen der Rassen, der Kosmopolitismus, der Mischmasch gewesen, so begeistert sich die ihr folgende vor allem für die Isolierung der Rassen. Kann die Gesundung der Welt einen anderen Weg gehen? Gewiß übertreibt dann dieses Zeitalter. Glücklich, wer das versteht und lächelnd begreift. Es übertreibt in der Verachtung der verflossenen Zeit, es übertreibt im nationalen Egoismus, in dem überspannten nationalen Selbstbewußt) ein, im Haß, in der Geringschätzung anderer Nationalitäten. Auch das mußte so kommen. Je ärger es die Alten trieben mit her Vergeudung der eigenen Volkskräfte und ihrer Nichtachtung, um so ärger treiben es dann die Jungen mit der Vergötterung ihres Volkstums und seiner Verherrlichung. Und doch ist auch das nur eine Welle. Der erste Schritt zum Aufbau. Die Volksseele arbeitet weiter. Epour si rnuove. Die Versittlichung und Veredelung jedes Volkes auf Basis seines eigenen. Wesens iß der,- große Endzweck aller Entwicklung. In diesem Streben sollen sich dann, wenn die Uebertreibüngen des Nationalismus vorüber sein werden, die Großen und Reinen aller Völker und aller Rassen die. Hände reichen zu gemeinsamer Arbeit. So muß jedes Geschlecht auf seine Art beitragen zur Entwicklung auf dieses eine große letzte Ziel hin: das eine, indem es rücksichtslos niederreißt, die morsche Lütte der Vergangenheit abirägt,' das ändere, indem es enthusiastisch die Nationalität zu seinem Idole macht, sich vor ihm hinwirft in rasender Verzückung und Anbetung. Den Juden kommt nach Rolland vornehmlich für jenes Geschlecht des Niederreißens eine sehr bedeutsame, wichtige, historische Rolle zu: sie sind seine besten und erfolgreichsten Mitarbeiter und Mithelfer. Von großer Intelligenz und scharfen Verstandes, skeptisch und kritisch beanlagt, voll Ironie und Sarkasmus, sind sie dazu geschaffen, die Holzwürmer der Nationen zu sein, die pietätlosesten Bekälnpfer der Vergangenheit eines jeden Volkes. Als Jean Christof im Hause des, Abgeordneten Roussin den Levy-Coeur traf, frug er den Gastgeber, wie er doch! einen solchen Menschen um sich halten könne. Und dieser antwortet ihm lächelnd : „Er ist so talentvoll! Und dann arbeitet er'" für uns, er reißt die alte Welt nieder." Nicht etwa, als ob die Juden von ihrer Rasse aus diese Bestimmung zugewiesen bekommen hätten. Rolland weiß es. daß nur ihre trostlose Geschichte in Europa sie dazu gemacht hat. Sie sind „durch die Tatsache ihrer Rassenverschiedenheit, die sie seit Jahrhunderten isoliert und ihren spöttischen Beobachtergeist geschärft hatte, die vorgeschrittensten Geister, wurmstichigen Einrichtungen und abgelebten Gedanken gegenüber die Empfindlichsten". „Die Juden sind bei uns fast die einzigen, mit denen ein freier Mann etwas Neuartiges, etwas Lebendiges besprechen kann. Die anderen sitzen in der Vergangenheit, in toten Dingen fest. Unglücklicherweise besteht diese Vergangenheit für die Juden überhaupt nicht oder sie ist zum mindesten nicht die gleiche wie für uns. Mit ihnen können wir uns nur vom Heute unterhalten, mit unseren Stammesbrüdern nur vom Gestern." Ja, wenn sie wenigstens ihre eigene Vergangenheit noch hätten! Die haben sie aber von sich geworfen. „Diese Sohne, die sich ihrer Väter schämten, waren bestrebt, das Gewissen ihrer Rasse zu verleugnen. Hatten sie ihre Jahrhunderte alte Seele abgestreift, so blieb ihnen nur noch eine aus den geistigen und sittlichen Werten der anderen Völker zusammengemengte Persönlichkeit." Wenn solche Menschen literarisch tätig sind, dann können sie nichts anderes schaffen, als widerwärtiges Gemengsel, „das Kennzeichen eines entarteten Weltbürgertums". Das find die Kohn-Hamiltons und Levy-Coeurs, diese brennenden Schandmale am jüdischen Volkskörper. Wiederholen wir die Worte, mit denen Rolland diese Menschen zeichnet. Nur wenn man rückhaltlos die Krankheit ausdeckt, kann man sie heilen. „Sie verstanden es glänzend, Schmutz und Empfindung zusammenzuwerfen, der Tugend einen Hauch von Laster, dem Laster einen Hauch von Tugend zu verleihen. . . Ihr Stil war nicht weniger gemischt als ihre Gefühle. Sie hatten sich ein Kauderwelsch von Ausdrücken aller Klassen und aller Länder zusammengebraut: pedantische, überbrettelhafte, klassische, lyrische, gespreizte, schmierige und pöbelhafte, ein Gemisch von Ungereimtheiten, Zierereien, Roheiten und Geistreicheleien, deren Tonfall fremdländisch klang. Bei ihrer Ironie und ihrem possenhaften Humor besaßen sie doch nicht viel natürlichen Geist, aber vermöge ihrer Gewandtheit wußten sie sich ziemlich geschickt Geist nach Pariser Muster zu fabrizieren. . . Im übrigen waren sie intelligent und gute, .freilich kurzsichtige Beobachter,- ihre Augen waren seit Jahrhunderten durch das beständige Kontorleben verbildet . . . Mit ihrem ausgeprägten Geschmack für Flitterkram waren sie unfähig, irgend etwas zu. schildern als das, was für ihren Emporkömmlingssnobismus das Ideal der eleganten Welt ausmachte: eine Handvoll erschöpfter Lebemänner und Abenteurer, die einander den Genuß irgendwelchen gestohlenen Geldes und irgendwelcher sittenloser Weibchen streitig machen." Sie vertraten wie Levy-Coeur „den Geist der. Ironie und Zer-

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