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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-10-18 · 41 (18.10.1918) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
41 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 6 5 Welten zerschlagen, die ihm nach ihrer Erschaffung nicht gefallen hatten- Ohne sich in Mystik verlieren zu wollen, komme ihm vor, daW jetzt die alte Welt zerschlagen und eine neue erschaffen wird. Ist sie aber auch neu? Der gewaltige Mann im Westen spricht in seinen vierzehn Punkten nicht Englisch oder eine andere neue Sprache, er spricht Hebräisch und die Sprache des Pentateuchs und der Propheten,, die Wiegenlieder, die jedem jüdischen blinde seit Jahrtausenden vorgesungen werden, aber der' übrigen Welt, wie. der Gruß einer neuen Zeit klingen.(minutenlange Bewegung) ,- er schildert die zweitausendjährigen Leiden, welche die Seele des jüdischen Volkes unangetastet Netzen, die noch gefährlicheren Stimmen der modernen Lockungen, die aber nur die faulen Elemente zum Abfall brachten, vierzehn Millionen ungebrochen Netzen. Wie ein Wunder sei es, daß Palästina seit zweitausend Jahren unter allen Völkern und Regenten eine Wüste blieb,- erst als es vor vierzig Jahren wieder mit dem. Schweiß seiner Binder gedüngt wurde, gab es wieder Früchte. Durch die gegenwärtige Er- 'schütterung werden Millionen zum Wanderstabe greifen müssen; wir aber wollen nur in das Heilige Land wandern, das einzige, wo wir nicht Mittel sind für andere, sondern Zweck sein können, aber nicht egoistischer Selbstzweck, sondern wo wir zeigen werden, datz und wie sich nach dem Pentateuch leben läßt, und daß wir noch sind. Was ist, hat das Recht, zu blühen und Früchte zu tragen, die aber der ganzen Menschheit zugute kommen werden. (Langanhaltender Beifall.) Herr Adolf Böhm erinnert daran, datz England am 2. November 1917 feierlich und offiziell verkündet .hat, daß es die Aufrichtung der jüdischen Heimstätte beschlossen habe, datz seit dieser Woche alle Rationalitätsfrägen der.-Erde äufgehört haben, innere Fragen zu sein, sondern Welffragen wurden; den Juden werde in dem neuen .Völkerbunds, der ja nur unter furchtbaren.Geburtswehen zustande kommen werde, eine weltgeschichtliche Mission, größer als alle ihre früheren, zuteil werden, die sie aber nur erfüllen können,- wenn sie auf der ganzen Welt einig und in jedem Staate national organisiert sind und den Rückhalt des eigenen Staates haben. Redner verliest hierauf folgende Resolution, die auch zur selben Stunde in allen größeren Städten der Monarchie den Versammlungen, die.das zionistische Zentralkymitee einberufen hat, vorgelegt wird: Die am 14.. Oktober 1916 im Wiener Konzerthaus tagende jüdische - Massenversammlung beschließt folgende Resolution:- Das jüdische Volk begrüßt prit großer Genugtuung, datz die Vertreter sämtlicher gegenwärtig in Kriegzustand befindlichen Staaten, insbesondere auch Oesterreich, ihrer Bereitwilligkeit Ausdrucks gegeben haben, alles.zu unternehmen, damit der gegenDärtige unselige Krieg * schnellstens beendet und durch eine Befreiung alle Völker und ihre Vereinigung zu einem Völkerbund einergerechten Weltordnung der Weg .gebahnt werde. .In Uebereinstimmung mit dem öon allen k^egführendeu Mächten proklamierten Grundsatz der Demokratie und des Selbftbestrmmungsrechtes der Völker fordert das zu neuem nationalen. Leben erwachte jüdische Volk, daß es als gleichberechtigte Nation in der Gemeinschaft her Völker anerkannt werde und eine Vertretung beim allgemeinen Friedenskongreß zuerkannt erhalte. Vor dem Weltforum fordern wir für das jüdische Volk: 1. Line nationale Heimstätte in Palästina, 2. nationale Rechte in allen Ländern, wo Juden leben. Das jüdische Volk gibt seiner Ileberzeugung Ausdruck, daß kein anderes Volk, insbesondere, wenn es selbst erst zu nationaler Selbständigkeit gelangt ist, die jüdische Minorität unterdrücken und ihr die nationalen Rechte vorenthatten wird, was auch die Gememschaft der Nationen nicht zulassen würde. In Oesterreich verlangt das jüdische Volk gemäß den oben ausgesprochenen Grundsätzen sofortige Anerkennung als Nation und Gewährleistung seiner nationalen Rechte. Dir jüdische Nation in Oesterreich fordert Zuziehung zur Mitwirkung beim Ambau Oesterreichs. (Stürmischer Beifall nach Verlesung.) Vorsitzender Stand verlieft ein Telegramm des Abgeordneten Bernhard Strauche r, der wegen politischer Verhandlungen in Ezernowitz fernbleiben mutz: an seiner Stelle begrüßt Abgeordneter Reizes (ftürmisch begrüßt) namens der radikal-demokratischen Partei Galiziens die Anwesenden, bespricht das SelbstbesLimmungsrecht der Polen und verlieft die Resolution seiner Partei auf dem Lemberger Kongreß vom 2. Mai 1914 (also vor dem Weltkriege), die fast dieselben Forderungen für nationales Selbstbestimmungsrecht der Juden aufgestellt hat, wie obige Enunziativn. Hieraus kommt Redakteur Mendel Singer von „Pvale Zion" zu Worte, dessen an Schiller gemahnende Erscheinung diesmal, trotz des anwesenden Regierungsvertreters. in jiddischer Spräche die Versammlung zur Begeisterung hinreißen darf. Ingenieur Stricker sprach wehmütighumorvoll. daß er seit einer Woche endlich sagen dürfe, ohne für einen Speichellecker gehalten zu werden, daß er Oesterreich liebe, datz er entsetzt wäre, wenn es zertrümmert würde, welches Unglück für die Menschheit -es wäre, wenn aus der Monarchie ein größerer brennende: Balkan entstünde. Man müsse gerecht sein : alle anderen Nationen hätten sich ihre Rechte erkämpft, wir Juden hätten nicht einmal unsere Rechte als Nation erbettelt, viel weniger darum gekämpft. Er warnt vor allem davor, daß die Vertreter, dis das Judentum an den grünen Tisch der Friedenskonferenz senden werde, auch berufene Führer sein sollen: er habe am vorigen Abend Gelegenheit gehabt, mit denen zu konferieren, die sich dafür halten: von ihnen leugnen die einen, daß wir ein Volk seien, die anderen behaupten, datz man es nicht laut sagen dürfe, siewollen, wie im Mittelalter, heimliche Unterhändler absenden. „Wir brauchen heute keine Agenten mehr, sondern Vertreter wie andere Völler." Des Redners Ausführungen lösen Proteftrufe gegen Ritter v. Löwen stein und reichen Beifall für Reizes und den abwesenden Oberrabbiner Dr. C Hajes aus, die vor dem Kaiser den jüdischen Nationalgedanken so tapfer vertteten haben. Er fordert alle Anwesenden auf, der zionistischen Partei beizutreten. Schlußrednec Adolf Stand wendet sich gegen Ritter v. L ö w e n st e i n wegen seiner Aeutzerungen vor dem Kaiser; er habe nur über Dinge gesprochen, die seit Jahrzehnten erledigt seien. Die große Revolution habe der Menschheit, die -Menschenrechte, die achtundvierziger die Bürgerrechte, der Weltkrieg die Nationalrechte gebracht. Er wünscht dem polnischen Bolle freie Selbstbestimmung, die aber nur gedeihen könne, wenn sich die große polnische Nation mit der großen jüdischen Nation von drei Millionen Seelen von Nation zu Nation abfinde, nicht etwa die Vereinigung zweier Amphibien: christlicher Polen und jüdischer Polen, sondern zweier Individuen. Die ganze Versammlung erhebt sich, als er den Augenblick schildert, wie er den Sarg Theodor Herzls in die kalte, fremde Gruft tragen mußte: in glühenden Farben malt er den Augenblick, der in ein oder zwei Jahren kommen werde, wo er mit den Führern des jüdischen Volles auf der ganzen Erde den-Sarg heben und zur Heimführung ins Heilige Land tragen werde. Ebenso, fast visionär, spricht er von den Künstlern, Dichtern, Denkern. Führern, die bereit seien, in das Heilige Land zu ziehen. Die Juden dürfen heute um so stolzer sagen, datz sie die geborenen Pazifisten sind, weil Ströme ihres Blutes alle Flüsse von der Aisne bis zum Jordan gefärbt haben, weil Millionen jüdischer Werte vernichtet wurden. In ihrem Pazifismus wird aber ihre Bedeutung im Weltvölkerbunde liegen, wo sie aber nur wirken können, wenn sie den Rückhalt des eigenen Staates haben. „In diesem Zeichen wirst du siegen!" — ein Sieg des Friedens, der Brüderlichkeit. Nachdem S t a n d die Resolution zur Abstimmung gebracht hatte, ertönte aus tausenden junger Kehlen die Hatiwkah.

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