Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 40 (11.10.1918)
- Date
- 1918-10-11
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 40 -W-elft Gruft,' Student, geb. 22. April 1901 Tulln, 1. Bezirk, Gon- . zagagasse 14. Dr. Wengraf Pauk, Kommissär, geb. 12. Dezember 1878 Wien- 19. Bezirk, Pyrkergasse 3. Wohlfeiler Berta, Schneiderin, 'geb. 1. März 1392 Bielitz. (Schle-- - fielt), 3. Bezirk, Erdbergstraße 74. Feuilleton. Romain Rolland im Jean Christof «brr Inden «nd Z«dr«t«m. ' Von Dr. I. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. (Fortsetzung.) : .;! i .vn. ' Anen t b e h rl ijchk e i t d er Juden. Daß Jean Christof Mooch und Weil zu so großem Dank verpflichtet war, machte ihn nervös. Cr, der nur aus eigener Kraft sich emporarbeiten wollte, soll seinen AuWeg .anderen, und noch dazu Juden, danken. Als er von der Großmut Weils erfuhr, stattete .er ihm eiiien Dankbesuch ab. Leimgekehrt, fand er auf dem Tisch einen Zeitschriftenaufiatz von Levy-Coeur, der sich abfällig aber seine Musik aussprach. Das brachte sein Herz zum Ueberfließen. And als Mooch, der sie eben besucht hatte, fyrigegangen war, sagte er etwas verbittert zu, Olivier: „Merkst du, dah wir immer mit Juden zu tun haben, einzig und allein mit Juden? Das ist doch stark — sollten wir etajp, selber Juden sein? Beruhige mich. Man 'könnte meinen,^wir zögen sie an. Ueberall sind sie auf unserem Wege, ob als Feinde, oder Verbündete." Nun .entspinnt sich zwischen den Leideil Freunden .ein Gespräch, das die Seele dieser beiden höheren Menschen, hell beleuchtet. Olivier erwidert dem betrübten Christof: „D.as kommt, weil sie klüger alF die anderen sind. Die Juden sind b ei uns fast idie einzigen, mit denen einfreier Mann etwas Neuartiges, .etwas Lebendiges besprechen kann. Die anderen sitzen in der .Vergangenheit, in toten Dingen fest. Anglücklicherweise besheht diese Vergangenheit für die Juden überhaupt nicht, oder sie ist zum mindesten nicht die gleiche wie für uns. Mit ihnen können wir uns nur vom Heute unterhalten, mit unseren Stammesbrüdern nur vom-Gestern. Schau dir nur die jüdische Tatkraft in allen Dingen an, im Handel, im der Industrie, im Lehrfach, in der Wissenschaft, in der Wohltätigkeit, in der Kunst," „Reden wir nicht von der Kunst," fiel Christof ein. „Ich sage nicht, dah es immer sympathisch ist, was sie machen: oft-ist es sogar abscheulich. Zum mindesten aber leben sie und wissen die Lebendigen zu verstehen. Wir können die Juden aburteilen, verspotten, verfluchen. Wir k ö n n e n n ich t o h n e s i e au s ko m m e n." „Man muh nicht übertreiben," sagte Christof spöttisch. „Ich könnte sie entbehren." „Du könntest vielleicht ohne sie leben. W.as aber nützte dir das, wenn dein Leben-und deine" Werke allen unbekannt blieben, wie es ohne die Juden wahrscheinlich der Fall wäre? Kommen uns etwa unsere Glaubensgenossen zu Hilfe? Der Katholizismus läßt die Vesten seines Blutes verderben, ohne auch nur die Hand zu heben um sie zu verteidigen. Alle, die im Grunde ihres Herzens fromm find, alle, die ihr Leben dafür hergeben Gott zu verteidigen, werden — sobald sie die Kühnheit haben sich vom den katholischen Vorschriften loszulösen und sich von der Autorität Roms freizumachen — der unwürdigen Herde, die sich katholisch nennt, nicht nur gleichgültig, sondern ein Dorn im Auge,- sie .erstickt sie in StUhchweigen: sie überläßt sie.als.Beute den gemeinsamen Feinden. Ein..Freigeist, wie groß er.auch sein mag, wenn er, dem Herzen nach ein Christ, es nicht auch dem Gesetze nach ist, was liegt dem Katholiken daran, ob er alles Reinste und wahr-, hast Göttliche des katholischen .Glaubens verwirklicht? Cr gehört nicht zur Herde, nicht zu der blinden und Lauben Sekte, jdie keinen eigenen Gedanken hat. -Man stöht ihn zurück, man freut sich, wenn er einsam leidet, wenn er vom Feinde zerrissen wird, und man hört zu, wie er die zu Hilfe ruft, die seine Brüder sind und für deren Glauben er Itirot. Im heutigen Katholizismus lebt eine mörderische Beharrungskrast. Viel eher würde er seinen Feinden verzeihen, als denen, die ihn aufwecken und ihm das Leben wieder geben wollen . . . Was wären fvir, mein armer Christof? Was würden wir Rassentatholiten leisten, die wir nun einmal frei geschaffen sind, ohne eine Handvoll freier Protestanten und Juden? Die Juden sind im heutigen Europa die zähesten Agenten alles Guten und alles Bösen. Sie befördern aufs Geratewohl das Samenkorn des Gedankens. Hast du unter ihnen nichr deine schlimmsten Feinde und deine ersten Freunde gefunden?" „Das ist wahr," sagte Christof. „Sie haben mich ermutigt, unterstützt, mir Worte gesagt, die den Kämpfenden beleben, weil sie ihm zeigen, daß er verstanden wird. Allerdings sind mir von jenen Freunden nur wenige treu geblieben; ihre Freundschaft ist. nur ein Strohfeuer gewesen. Gleichviel! Solch vorüberziehender Schein in der Nacht ist viel. wert. Du hast recht: seien wir nicht undankbar." „Seien wir vor allem nicht'unklug", sagte Olivier. „Verstümmeln wir unsere bereits kranke Kultur nicht noch dadurch, daß wir uns gnmaßen einige ihrer lebendigsten Zweige abzubrechen. Wenn das Anglück es wollte, daß, man alle Juden aus Europa jagte, so. würde dieses an Intelligenz und Tatkraft Zurückbleiben und womöglich den völligen Untergang gewärtigen müssen. Allerdings nehmen sie jn diesem Augenblick einen Khatz ein, der in keinem Verhältnis zu ihrem wahren Werte steht. Sie nützen die politische und.sittliche Anarchie von heute aus und tragen viel dazu bei sie zu vergrößern, aus angeborener Neigung und weil sie sich dabei wohl fühlen. Die Besten, wie unser ausgezeichneter Mooch, identifizieren leider aufrichtigen Herzens die Geschicke Frankreichs mit ihren jüdischen Träumen, was uns oft mehr gefährlich als nützlich ist. Aber man kann ihnen nicht zürnen, weil sie Frankreich nach ihrem Bilde schaffen wollen: das beweist ihre Liebe zu ihm. Ist ihre Liebe gefährlich, so brauchen wir uns dagegen nur zu verteidigen und sie in der ihnen gebührenden Stellung zu halten, die bei uns die zweite .ist. Nicht etwa, weil ich ihre Rasse der unseren unterlegen glaube (alle diese Fragen nach der Aeberlegenheit der Rassen sind albern und widerwärtig), aber man kann nicht zugeben, datz eine fremde Rasse, die mit der unseren noch nicht verschmolzen ist, sich anmaßt besser zu wissen, was uns frommt, als wir selber. Sie fühlt sich in Frankreich wohl: das ist mir sehr recht. Aber sie trachte nicht danach ein Judäa aus Frankreich zu machen. Eine kluge und stark e R e g i ea: u n g, die die Juden an dem ihnen ang eMessenenAlatz festhallen könnte, würde aus ihnen eines der nützlichsten Werk-