Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 40 (11.10.1918)
- Date
- 1918-10-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 40 Seite 647 Dr. Bloch's Wochenschrift wie wir sie Levi und Porges bewahren. Es ist für den kundigen keine Frage — man wäre fast versucht, hinter jedem Namen ein Rufzeichen zu machen —, datz sie alle, an welche Bayreuth und Wahnfried in schuldiger Dankbarkeit hängt, Juden waren. Gleichwohl hat Richard Wagner den Juden allen Sinn für wahre Musik aberkannt. Hat er damit nicht die bitterste Satire gegen sich selbst geschrieben? Die Kunst Wagners, und es ist eine hohe Kunst, wird von seinen Jüngern und Verehrern als nationale Tat gepriesen, als „christlich-germanisches" Schönheitsideal, als ausschließliche Domäne arischer Art und Empfindung. Gibt sich ein Jude als Wagnerianer, wird er trotz Goldmark, der vieles im wagnerianischen Geiste vertont, trotz Mahler, der Wagners Tondichtungen mit dem Strahlenglanze der Unvergänglichkeit gekrönt hat, als unberufener und artfremder Eindringling mit scheelen Blicken angesehen und recht unsanft an die Wand feiner synagogalen Musik gedrängt. Und noch fehlt in dieser .Galerie der Dankbarkeit jene arme Putzmacherin Magiers, die kürzlich in unserem jüdischen Versorgungshause gestorben ist und die offenkundig auch ihren zugemessenen, wenn auch bescheidenen Teil im Leben Wagners auszufüllen hatte. Das jus exclusive der Nurdeutschen auf Wagner mutz sich also einen Durchbruch gefallen lassen. Die Stimme aus Wahnfried zeugt neuerlich dafür. Doch eines bleibt mir unerklärlich: in diesem Wahnfried haust auch Huston St. Chamberlain, dessen gelenke Feder nicht tief genug tauchen kann, um Gift und.Galle gegen die Juden zu spritzen. Wien, .am 3. Oktober 1913. Dr. Heinrich Schreiber. Air« der Woche. Richard Wagner und die Juden. Da kommt mir das prächtige und gehaltvolle Heft vorn 1. Oktober in die Hand, welches her „Berliner Börsenkurier" anläßlich seines 50 jährigen Bestandes herausgegebenhat. Mein Blick fällt auf das an der Spitze veröffentlichte Faksimile eines GedenMattes, welches Siegfried Wagner aus Bayreuth Kr den Gründer ' des „Berliner Börsenkurier" Davidsohn beige- - steuert hat. Es gipfelt in folgendem fesselnden Gleichnis: „Mein Großvater Liszt sagte einmal zu Hermann Levi in Anwesenheit von Heinrich Porges, auf dessen Schulter er seine Hand legte: „Sehen Sie, Herr Levi, dieser Heinrich Porges war Wagnerianer;ui einer Zeit, wo noch kein Geschäft damit zu machen war: Das Gleiche könnte auch über Georges Davidsohn gesagt werden. Er (und Dohm im „Kladderadatsch") waren fast die einzigen Männer, die damals in den Berliner Zeitungen für die Kunst meines Paters eintraten . . . mit Enthusiasmus und nie wankender Treue.-Wir in Wahnfried gedenken seiner mit GeKhlen aufrichtiger Dankbarkeit." - , : Solche deutsche Worte hört man gern. Wir in Wahnfried gedenken Davidsohns in gleicher Dankbarkeit, Mental. Es dürfte nicht unangebracht sein, festzustellen, datz Ebental, in der Pezirkshauptmannschaft Gänserndorf gelegen,, das jetzige Refugium des abdizierten Königs Ferdinand von Bulgarien, eine Zeitlang in jüdischem Besitz sich befand und im Verein mit den Nachbarortschaften Velm. Stillsried, Hohenruppersdorf und Grub keine geringe Rolle in der Lebensgeschichte eines der führenden Männer der böhmischen und Wiener Judenschaft am Schlüsse des 18. und am Beginne des 19. Jahrhunderts spielte. Der niederösterreichische Regierungsrat und Tabak- und Siegelgefällendirektor Israel Honig Edler von Hönigsberg, dessen Verdienste schon von der Kaiserin Maria Theresia anerkannt worden waren, und der vom Kaiser Josef II. „wegen unbegrenzter Dienstbeflissenheit, unversehrter Treue und unleugbarer Uneigennützigkeit" in den Adelsstand erhoben royrde, erhielt als erster Jude die Erlaubnis, Güter käuflich an sich zu bringen und die erwähnten auch auf seinen Namen zu.intabulieren. Allein nicht weniger als vier Jahre dauerte der Kampf, bis es dem Edlen v. Hönigsberg gelang, die llebertragung dieser Herrschaften durchzuführen. Der christliche Adel versuchte trotz kaiserlicher Befehle die Eintragung in das „ständische Eültebuch" zu hintertreiben, wobei er schließlich an Hönigsberg die Forderung richtete, datz er mindestens, wenn er nicht schon den Glauben wechsle, zur „Gülteausschreibung" einen christlichen Namen sich erborge, und der damalige Staätsminister Graf Kollowrat stellte ihm zu diesem Zwecke seinen eigenen Namen zur Verfügung. Israel /Hönig, von dem Leopold Kompert meinte, „daß das Geschick aus einem zusammengedrückten Bocher; der. vielleicht durch anhaltende .Studien ein flammendes Licht der Wissenschaft geworden wäre, einen Regierungsrat und den ersten adeligen Juden in Oesterreich gemacht