Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-10-04 · 39 (4.10.1918) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
39 (4.10.1918)
Date
1918-10-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3022300-3022340--27229-3052633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 39 Lir. Bloch's Wochenkchnst Seite 637 Komam Rolland im Jean Christof über Inden nnd Judentum. Bon Dr. I. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. (Fortsetzung.) . / . ' > VI. > . , Felix Weil und Thadäus Mo och. Olivier und Christof beschlichen, eine gemeinsame Wohnung zu nehmen. Rach und nach lernen sie die Inwohner des Hauses kennen, zu denen auch der .bekannte Asjyrowge Weil gehört. Auch die Schilderung des.Cye^ paares Weit i$ charatteristisch für die Äufianung Roltands über Huden und Judentum. „Das ganze erste Slockwert war von Herrn und Frau Felix Weil bewohnt,' reichen, kinderlosen Juden» die sechs Monate im Hayre auf dem Hände in der Umgebung von Baris verbrachten. Obgleich sie seit zwanzig Jahren das Haus bewohnten, schienen sie doch immer durchreisende Fremde zu sein. RiLmals harten sre das Wort .an einen ihrerviachbarn gerichtet . . . Das hinderte nicht, baßi man sich sein urteil über sie bildete, ganz im (Segenteil. Sie waren nicht ^beliebt . . . Dennoch Härten sie verdient, etroag ben er getan nt zu werden: sie waren beide ausgezeichnete "Äienschen rttit Berchand. Der Mann war . . . wie die meisten seiner Masse, offenen und forschbegierigen Gei sh es und beschränkte sich nicht aus'seine Spezialthndien; er interesiierte sich für unendlich vieles: Runst, soziale Fragen, alle Kundgebungen des zeiig^-, nöslijchen Denkens. .,. Er war sehr inLelligent, allzu intelligent .. .. immer bereit, mit einer Hand zu zerstören, was er mit der ander e n ß. .u f 9 e d a u t h a t t e. Denn er baute.viel auf: Merke und Theorien; er. war außerordentlich arbe.ltsanr, ohne dah .er an die Nützlichkeit seines. Tuns geglaubt hätte. . . .. Cr warf Gedanken in die (Seisheswelt, er brachte manches Neue in Fluh, er setzte große geistige Räderwerke in Bewegung und wurde dessen gleich darauf überdrüssig...Nervös und .ironisch w i. e er war, wurde es ihm schwer, die Lächerlichkeiten der Dinge und der Leute hinzunehmen, denn .er sah sie mit einem peinlichen Scharfblick . ., Das aber war nicht dgzu angetan, ihm Freunde zu erringen. Dabei hatte er. den besten Willem den Leuten Gutes zu tun; er tat es sogar.. . . Er war gegen- . über jener Welt, die er verspottete, schüchtern; aber er konnte sich nicht enthalten, sie zu kritisieren.., Vor allem deutlich empfand er die Lächerlichkeiten von Juden, da er sie besser, kannte, und trotz , seiner geistigen Freiheit, die keinerlei.Schranken zwischen den Rassen gelten lassen wollte, Weh er ' sich oft an denen, die ihm die Menschen anderer Rassen entgegenstellten, und da er sich überdies trotz, allem, was er.sagte, in der christlichen Gedankenwelt heimatlos fühlte, zog er sich voller. Würde abseits in seine Ironie zurück und in die tiefe Zuneigung, die er für seine Frau empfand. Das- .Schlimme war, dah . selbst; diese v.or seiner Ironie nicht geschützt war." (II, 420 ff.) In Olivier und durch Olivier lernte Christof end- . lich das echte, wahre, reine Frankreich kennen, das Frankreich der Franzosen. 2m Guten wie im Schlechten. Nun empörte ihn ersh recht, dah sich dieses' Frankreich von den pariser Snobs an die Wand drücken lieh. „Zermalmen, kämpfen und siegen," das ish Christofs Devise. Olivier erwidert: „Nein» dazu sind wir nicht gemacht^ d.a. haben wir Besseres zu tun. Gewalttätigkeit ist mir zuwider . ., Möchtest du etwa» dah ich dem alten Wahljpruch des Halles wieder aufnehme: üuuü i baiuuri! ober: Frantreia). den Franzosen: Warum nichts sagte Christof, vtem, bas lind reine franzöinchen Worre. M.an bencützt sich vergeblich, sie bet uns unter der Flagge der Vaterlandsliebe zu verbreiten. Für die varbarMen Zander ist dergleichen gut. Das unsere ist nicyt für den Hah gemacht. Unser Genius offenbart sich nicht, indem er die. anderen verneint oder zerstört^ sondern indem er sie in iich aufjaugt. Laht nur den trüben Norden und den geschwätzigen Süden zu uns kommen. 'Und den gütigen Orient.Und den glftigen Orient! Wir, werden ign wie das übrige aufsaugen... Cr glaubt uns erobert zu haben, er schlügt auf unseren Boulesvards rein 'Rab. in unseren Zeitungen,, in unseren Zeltschriften, aus Mieren Theaterbütznen — der Tölpel! i^r ist der Besiegte .. . Gallien hat einen guten Magen; in zwanzig Hahrhunderten hat es Don mehr, als eine Kultur verdaut. Wir sind gegen Gut gefeit. Das mögt ihr Deutsche fürchten. Renr müht ihr sein, oder ihr werder aufyör.en zu sein. Bei uns aber, handelt es sah nicht um Reinheit, sondern um Allu mfasjung. . . Dies ganze Durcheinander der Gegenwart, die über alle Ufer tretende .Uniittlichkeit, die Jagd nach Vergnügen, die Schlaffheit, sie alle erschrecken mich Nicht. Geduld! Wer dauern will, muh überdauern . . . Ich will mcht, dah mein Frankreich sich furchtsam in emem Krankenzimmer gegen alle Luftzüge von draußen verschliehe .. . Ich will nicht hassen. Ich will selbst meinen Feindeii Gerechngteii widerfahren lassen. Inmitten aller Leidenschaften will ich mir die Klarheit meines Blickes bewahren, um alles zu verstehen, alles lieben zu können. (II, 435, 3.7.)* Worte sind das. die niemand ohne tiefe Ergriffenheit hört oder liest. Sie berühren Rollands Stellung zum Judentum nur indirekt, aber, eine Lehre enthalten sie an unsere Gegner, wie sie schöner und erhebender nicht verkündet werden kann. Denn „Allumfassung" sollte das Endziel eines jeden wahrhaft großen Volkes sein. ' Nach solchen geradezu prophetisch erhabenen Worten wird es sicherlich niemandem beifallen, zu glauben» dah Romain ■ Rolland das echte wahre Frankreich nur bei den christlichen, unverdorbenen Franzosen fand. Wie er' offen und rückhaltlos die verparisierten Juden und die verjudeten Mariser und ihren Wert für die wirkliche Kubturentfaltung FrMkreichs sehr niedrig einschätzt» so. zögert er nicht, Jene' Juden» die trotz ihrer Mischen Eigenschaften Md ihres Judentums den echten französischen Geist .in sich aufgenommen hatten, dem wertvollstem Besitz des geistigen Frankreich Zuzurechnen. Ist doch Rotzland im.innersten Herzen mehr. Olivier verwandt als Christof, mehr Franzose als Deutscher», mehr allumfassend als national isoliert. Sein Ideal ist» ,»die Religion einer freien Menschheit zu schaffen", die mit neuem Leben erfüllen soll die breiten» verschlafenen Massen des Katholizismus, der Protestanten und Juden, (ii, 3.98.) Zu diesen braven und gesunden ArMzosen gehört schon der Assyriologe Weil, trotz seiner KriMererei und Ironie eine innerlich reine» edle Seele, „der ein ausgezeichneter Matriot war und mehr an Frankreich hing» als viele stammesechte Franzosen". (II, 517.)' '„Die französischen Antisemiten"^ bemerkt hiebei Rolland, „begehen ebenso eine Schlechtigkeit wie eine Dummheit, menn |ie durch ihre beleidigenden Verdächtigungen die französischen Gefühle der in Frankreich angesessenen Juden entmutigen^ Abgesehen davon, dah jede Familie nach Zr»ei od er dr ei Generation en de m Ko.den, auf dem sie sich festgesetzt hat, notwendigerwelstzver^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.