Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 39 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Zentraloröan kür die eesamten ^Interessen des Judentums Or. Bioch’s Ö<r ff. k. Postspsrkaffmamt Llearürs-Berkrhr: 819.978 oo R*fc«tt0tt ttsk Kbminlfteati*«: Wie» U/i, Praterstraßtz 9 . Tffltplioai 45*339 00i Wien, 4. Oktober 1918 a :. Erscheint jeden Freitag DrUf-Adrejsr: Wirs. II/i, Prst§-st?s^ 9 re!etz«««-Ndrrffe: BlsH's Wscherrfchrlfr. v Bezugspreis: Halbjährig 10 Krone» Ganzjährig 2V Arons» Nnzelexem-lare 50 Heller SitzsZzs»! Mt tnslf«flHKtt6»t e -sÄizeU» N -e»e» , -DO 1j .Ft~~ =0O Inhalt: Leitartikel: An die Arbeit! — Aus der Woche: Ausnahmebestimmungen gegen die Juden der Ukraine. — Die Wiener Universität einst und jetzt. — Wagerechte Grabsteine. — Spanien und die Juden. — Kriegsdekvrauonen jüdischer Offiziere und Soldaten. — Weitere Auszeichnungen. — Jüdische Familien im. Felde. — Feldrabbiner Leinberger zum drittenmal dekoriert. — Nachträgliche Verleihung der Schwerter. — Generaloberstabsarzt Dr. Pick. -- Helden von der Ptave. — Auszeichnung eines Feldrabbiners. — - Fünf Auszeichnungen nach dem Tode. — Auf dem Felde der Ehre gefallen. — Jüdische Drückeberger. — Jüdische Sagen ans Damaskus. — Korrespondenzen: Ein Dankopfer dem Leopoldstädter Tempel. — Zn den Vorgängen,in Palästina. — Zum 50. Jahrestage des Bestehens des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. — Die Vertretung des Judentums im preuß. Herrenhaus. — Antisemitische Strömungen in der polnischen Presse. — Das polnische Staatsdepartement über die Judeufrage. — Resolutionen der Konferenzen der jüdischen Gemeinden in Rußland. — Zur Erklärung des Goßwesirs Talaat Pascha in der Paläftinasrage. — Moses Urizki. — Wieviel Juden leben auf der Erde? — Bermis cy t'e s. — Feuilleton: Romain Rolland im Jean Christof über Juden und Judentum. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Air die Arbeit! ' - Mit dem Abschluß des Festes der Thorafreude tritt das jüdische öffentliche Leben in die Zeit der Winterarbeit, in die Periode der Beratungen, Entschließungen und des Schaffens ein. Nicht immer folgt auf die Beratung die Entschließung zu schöpferischem Tun. Wir stehen an der Schwelle des fünften Kriegswinters, und wahrhaftig, die jüdische Oeffentlichkeit oder richtiger diejenigen, denen ein unzulängliches Gesetz und vielleicht Mehr noch das Gesetz der Trägheit der Massen, die .Führerschaft im Judentum überlassen hat, haben sich in diesen vier Kriegsjahren ihre Arbeit gar zu leicht gemacht. Mit beneidenswerter Ruhe und Gleichgültigkeit trügen sie bisher die schwere 'Last der Verantwortung, die Jte augenscheinlich nur deshalb nicht erdrückte, weil sie das Gewicht dieser Verantwortung nicht verspürten, weil sie gär nicht zUM Bewußtsein dessen gelangt sind, daß sie für ihre Taten sowohl, wie für (ihre Tatenlosigkeit der jüdischen Gesamtheit gegenüber die Verantwortung tragen, ihr Rechenschaft schuldig sind. Die Zeit der übersichtlichen Kritik dieses geradezu sündhaften Verhaltens der Mhrer der österreichischen Judenheit, die Darlegung dessen, was sie verbrochen und was sie unterlassen, ist nach nicht gekommen. Es soll heute auch! nicht an Wunden gerührt werden, die besser vernarben Mögen. Nicht aal das, was wir gegeneinander haben, sondern auf? das, was uns allen gemeinsam nottut, in Gegenwart und für alle Zukunft FroinMt, sei jetzt, zu Beginn der historisch bedeutsamsten Arbeitsperiode iM Leben der österreichischen Judenschaft unser Augenmerk gerichtet. Auf dem politischen Horizont unserer Monarchie zeichnen sich immer deutlicher und - faßbarer die Konturen einer Neugestaltung ab', die für die Juden des Habsburgerreiches von schicksalsschwersten Folgen begleitet sein muß. Nahezu eineinhalb Millionen Juden, die durch . gemeinsames Leid und gemeinsame Hoffnungen miteinander verbunden sind, die selbst im heftigsten Widerstreit untereinander^ sichin ihren zentripetalen Bestrebungen, in der Bejahung des österreichischen Staatsgedankens fanden, durch diese Gemeinsamkeit als Ganzes die festeste, sicherste, bedingungsloseste Stütze des Staates und der Dynastie sind: diese nahezu zweieinhalb Millionen Juden, die zusammen eine Macht bilden könnten, sollen nach den bekannten Neugestaltungsplänen auseinandergerissen, wie eine Kriegsbeute aufgeteilt werden. Mehrmals drei Millionen Juden in Polen und Galizien, die durch Jahrhunderte alte Sünden ihrer Wirtsvölker schon moralisch und wirtschaftlich niedergedrückt in diesen furchtbaren Weltkrieg hineingerieten, durch den Krieg um den letzten Rest ihrer- Widerstandskraft gebracht wurden, sollen jetzt zermürbt und ohnmächtig den .Polen auf Gnade und Ungnade überantwortet werden. lleber zweihunderltaüsend Juden in Wien und Niederösterreich, diese unermeßliche Summe von wirtschaftlicher und geistiger Kraft, soll, unorganisiert, den eigenen Vollsinteressen fremd und verständnislos gegenüberstehend, von einander widerstrebenden politischen Parteien als Spielball benützt, ausgenützt. ausgespielt, mißbraucht werden.?Und der Rest der österreichischen Juden, in.den Sudetenländern, sieht dem traurigsten Schicksal des allmählichen, unrühmlichen Verschlungenwerdens entgegen. Wir berühren heute nur die innerpolitische Lage der österreichischen Juden, und wer, dessen Augen nicht geblendet sind, der nicht mit Kurzsichtigkeit geschlagen ist, und nicht die Absicht hat, seine Volksgenossen zu täuschen, könnte den Mut aufbringen, zu behaupten, daß unser Horoskop zu schwarz zeichnet? Eher wäre es denkbar, daß es noch Männer unter uns gibt, die dasselbe Zukunftsbild vor sich sehen, wie wir, vor uns aber der Anschauung huldigen, daß eine solche Zukunft das zu erstrebende Ideal aller österreichischen Juden bilden müßte. ,