Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 38 (27.9.1918)
- Date
- 1918-09-27
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Seit« 623 Sit. 38 Lr. Bloch'S Wochmichrist Innenleben vieler Iudeilfannlien erfaßt hat. „Alfred Nathan war ein in Paris sehr bekannter -Professor, ein .hervorragender Gelehrter und gleichzeitig sehr gesellschaftlich. Er zeigte jene sönderbare Mischung v on Gelehrsamkeit und Leichtlebigkeit, die in der jüdischen Gesellschaft, so alltäglich ist. In Frau Nathan mischten sich zu gleichen Teilen wahrhafteWohltätigkeitsliebe und ausgeprägte,- übertriebene Weltlust. Beide waren gegen Antoinette verschwenderisch gewesen mit geräuschvollen, aufrichtigen, übrigens ab und zu aussehenden Zärtlichkeitsbeweisen. Im allgemeinen hatte Antoinette unter den Juden mehr Gute gefunden als unter den eigenen Glaubensgenossen. Sie hahen zwar viele Fehler, aber sie besitzen eine gute Eigenschaft, vielleicht die beste von allen:, sie sind lebendig, sind menschlich, nichts Menschliches ist ihnen fremd: sie nehmen an allem, was lebt,' Anteil. Sie sind ein Gärungsstoff der' Tat, ein Sauerteig des Lebens. Antoinette, die bei den Katholiken an eine Mauer eisiger Gleichgültigkeit gestoßen war, empfand mehr als irgend jemand den Wert der Anteilnahme, die ihr Nathans bewiesen, war diese auch noch so oberflächlich. Frau Nathan Hatte keine Kinder, aber sie liebte die Jugend und brachte oft junge Leute in ihrem Hause zusammen. Sie hatte darauf gedrungen, daß auch Antoinette käme,' daß. sie aus ihrerEinsamkeit herausginge, daß sie sich ein wenig zerstreue." (II, 312 f.) Natürlich setzte sich Frau- Nathan in den Köpf, Antoinette zu verheiraten. Sie richtete bei sich ein Zusammentreffen ein zwischen Antoinette und einem schon etwas älteren Konsulatsbeamten. „Auch er war Israelit. Er war nicht schön; er war nicht mehr jung, auch etwas kahlköpfig und gebeugt; aber er hatte gutmütige .Augen, ein freundliches Wesen und ein Herz, das im Leid erfahren, das Löid anderer mitfühlen konnte." (II, 316.) Antoinette wußte zwar,, daß ein Mädchen ohne Mitgift in dem Kreis, dem sie angehörte, nichts zu hoffen hatte. „Das alte französische Bürgertum ist in der ganzen Welt dafür bekannt, daß es die Ehe von krämerhaften Gesichtspunkten aus betrachtet. Die Juden haben eine so niedrige Geldgier nicht. Nicht selten sieht man unter ihnen einen reichen Mann, der ein armes jun g es MäÖ ch en will und erwählt, oder, ein junges vermögendes Mädchen, das leidenschaftlich einen Mann von geistiger Kultur sucht. Im französischen Bürgertum, besonders dem katholischen und provinziellen, sucht jedoch fast -immer der Geldsack.den.Geldsack." (II, 317.) Antoinette konnte sich nicht' entschließen. Und so sorgte und arbeitete sie weiter für ihren Bruder und sich, bis sie zusammenbrach. . Christof lernte in einer Familie den nun alleinstehenden, armen, biedören, außerordentlich musikalischen Olivier Ieannin kennen. Die beiden jungen Männer freundeten sich an: der geduldige, sanfte, lammfromme, zartbesaitete Olivier und der rassige, mächtige, kraftstrotzende-, wildstürmische Jean Christof Krafft. Gerade die Gegensätze in den beiden Charakteren zogen sie zueinander. Jeder wollte den änderen in sich aufnehmen und' jeder dem anderen sich geben. Christof wollte um jeden Preis dem Freunde die eigene Energie, Tatkraft, den eigenen Lebenstrotz injizieren, . Olivier hätte wieder für fein Leben gern den Geliebten sanfter, hingebungsvoller, salonfähiger gemacht. Christof war über die Geduld Oliviers, mit der dieser die Gemeinheit der Leute über sich ergehen ließ, bei denen er Unterricht gab, um sich mühselig zu ernähren, außer sich. „Hast, du denn kein Blut?" ruft er Olivier eines Tages zu. „Wie kannst du dieses Leben ertragen?" ... „Was willst du," meinte Olivier, „ich kann mich nicht verteidigen. Mit Leuten, die ich verachte, zu kämpfen, widert mich an . . . Es würdD mich nicht allein abstoßen, mich ihrer schimpflichen Mittel zu bedienen, sondern ich hätte auch Angst, ihnen wehe zu tun!" „Du hast kein Blut im Leib," wiederholte Christof. „Und dazu noch deine verdammten christlichen Ideen! . . . Eine menschheitsbeglückende Liebegottduselei, die immer die Träne im Auge zerdrückt . . . Und die Revolution, Jean Jacques, Robespierre, 48 und die Juden obendrein! . . . Nimm doch jeden Morgen ein gutes Stück blutigen Fleisches aus der alten Bibel!" „Olivier wehrte ab. Er empfand gegen das Alte Testament eine angeborene Abneigung... Die Götter der Ilias find schöne, kraftvolle, lasterhafte Menschen: ich verstehe sie, sagte Olivier, ich liebe sie- oder ich liebe sie nicht; selbst wenn ich sie nicht liebe, liebe ich siedpch noch, ich.bin in jie verliebt . . . Aber sd er Gott der Bibel ist ein a!ter, verrückter, monomaner Jude, ein wütender Narr, der seine Zeit damit verbringt, zu schimpfen, zu drohen, wie ein toller Wolf zu heulen und hinter feiner Wolke vor sich hinzutoben. Ich verstehe ihn nicht, ich liebe ihn nicht. Seine ewigen Verwünschungen zerhämmern mir das Hirn und fein Blutdurst ist mir greulich: Die La st über Moab, die La st über Damaskus, die Last über Babel, die Last über Aegypten, die La st über dieWüste a in Meer, die Last über das Schantal. (Jesaja, Kap. 15, 17, 18, 19, 21* 22.) Er ist ein Narr, der sich einbildet, Richter, öffentlicher Ankläger und Henkersknecht in ein cm zu sein ... Man steht erstarrt vor der Hartnäckigkeit des Hasses, der dieses Buch mit seinem Blutgeschrei erfüllt . . . Von Zeit zu. Zeit ruht er sich zwischen den Metzeleien, zermalmten kl eine u Kindern, vergewaltigten und aufgeschlitzten Frauen aus und lacht dann wie ein Unteroffizier der Armee Iosuas, der sich nach der .Plünderung einer Stadt den Tafelfreuden ergibt: „Und der Herr Zebaoth w i r d a l l e n V ö l k e un m ach e n a u f d i e s e m B e r g e ein fettes Mahl, ein Mahlvon reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darinnen keine Hefe ist." (Jesaja 25, 6.) . . . „Des Herrn Schwert ist voll Blut unh dick von Feit, vom B l u t d e r L ä m m e r u n d Böcke, von der Nieren Fett aus den Widdern." (Jesaja 34, 6.) Das Schlimmstze aber ist die Gemeinheit, mit der dieser Gott seinen Propheten ausschickt, um die Menschen blind zu machen, damit er nachher einen Grund habe, sie leiden zu lassen: „Vorstocke das Herz dieses Volkes und laß ihre Ohren hart sein, daß sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihrenO hren, noch verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen. — Ich aber sprach: Herr, wie lange? — Er sprach: Bis daß die Städte wüste werden ohne Einwohner und die Häuser ohne Leute und das Feld ganz wüste liegt. . (Jesaja 6, 10ff.) Nein, in meinem Leben habeich keinen so bösen Menschen -gesehen . . . Ich bin nicht so dumm, die Macht der Sprache zu verkennen. Aber ich kann den Gedanken nicht von de.r Form trennen; und wenn ich manchmal diesen Äudengott bewundere, so ist es in der Art, wie man einen Tiger bewundert . . . . Ein derartiges.Buch ist etwas Furchtbarestz-Iede Narrheit bst ansteckend. Und in dieser liegt eine um.so grö-