Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 37 (10.9.1918)
- Date
- 1918-09-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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€*fte 601 Nr. 'S? ' Dr. BWH'S WüchdnschM Eine AKtSMüg. Mir-erhalten folgende Zuschrift: Löbliche Redaktion! Sie würden mich zum Danke verpflichten, wenn Sie die Freundlichkeit hätten, den nachfolgenden Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu geben: Seit Jahren nehme ich als Betsitzinhaber an dem vom Vorstände der Wiener Kultusgemeinde anläßlich der höhen Feiertage im Groben Musikvereinssaal veranstatteten Gottesdienste teil. Ich füge gleich hinzu, daß dem Kultusvorstande für diese Veranstaltung uneingeschränkte Anerkennung gebührt und ebenso den Funktionären dieses herrlichen Gottesdienstes, ganz, besonders dem ausgezeichneten Mussaf-Mvrbeter, der mit seinem prachtvollen Organ, seinem deutlichen Vortrag, feinem weihevollen und innigen Vorbeten, alle Teilnehmer 'des Gottesdienstes zu tiefer Andacht zu stimmen versteht. Nun erlaube ich mir, zur weiteren Erhöhung der Weihe und der Andacht anzuregen, diesem feit Jahren eingebürgerten Gottesdienste anläßlich der hohen Feiertage auch die Orgelbegleitung einzufügen und dafür zu sorgen, daß dem Chor eine vom Publikum unsichtbare Stelle zugewiesen werde. Ich bin überzeugt, daß meine obigen Ausführungen von sämtlichen ständigen Betsitzinhabern im Großen Musikvereinssaale .geteilt werden, und .daß sie dem geehrten Vorstande Dank wissen werden, wenn er diese Anregung zur Lat werden läßt. Mit bestem Danke für die frdl. Veröffentlichung dieser Zeilen zeichne ich hochachtungsvoll Ludwig Eisler. Wien, 17. September 1918. , ,'Dch^ ÄnttPmttkSWrs -iit. Attgmm' Aus Budapest wird uns geschrieben: Vor. einigen Tagen richtete Dr. Vazsonyi einen Ziemlich scharfen Angriff gegen die klerikal-.antis e. ml t i s ch e T e nd eN z. die fich in der letzten Zeit in Ungarn breitmache, sich den moralischen und wirtschaftlichen Boykott des Judentums zur Ausgabe mache und der auch die Negierung nicht fernstehe. Gegen diesen Artikel Vazsonyis schreibt der Bischof von Stuhlweißenburg Dr. Prochaska in dem Organ der Volkspartei eine überaus heftige Antwort. Dr. Pro Hast a, der zu den streitbarsten Kirchenfürsten Ungarns gehört, führt in dem Artikel aus, daß die ^ungarische Gesellschaft . zusammenstehen müsse, um der wirtschaftlichen Ausbeutung d u rch das I u d.e n t u m vorzubeugen. Wenn die Gesellschaft sich nicht aufraffen und Zusammenschließen wöche, werde das Ungarland bald ein Iudenland werden. Der Schreiber gibt zu, daß das Judentum wirtschaftlich sehr stark ist, meint aber, daß es in der Nation immer eine eigene Käste Hilden werde. Der Staatssekretär im Ernährungsministerium Dr. Franz Nagy nahm diesen scharfen Artikel des Stuhlweißenburger Bischofs zum Anlaß, um gegen die konfessionelle Intoleranz Stellung zu nehmen. In dem kürzlichen Konvent des reformierten Kirchendistriktes warnte der Staatssekretär die Protestanten ausdrücklich davor, sich den Streitigkeiten der konfessionellen Unduldsamkeit anzuschließen, die in der letzten Zeit in der antisemitischen Bewegung zutage trete. Solche Streitigkeiten seien gerade in der jetzigen schweren Zeit sehr gefährlich. Der Staatssekretär erklärte, daß das .Judentum geirau so seinen 'Teil der Leiden des Krieges auf sich, genommen habe, wie alle anderen Schichten der Nation. Nicht die Religion sei die Scheidewand zwischen Mensch und Mensch, sondern die Vermögensverhältnisse und der Vermögens- Unterschied. Diese bilden eine Kluft und diese Kluft Müsse durch Reformen geschlossen werden. Der Artikel Dr. Vazsonyis und des Bischofs Dr. Prochaska sowie die Rede des Staatssekretärs deuten darauf hin, daß die antisemitischs Bewegung, die sich feit Jahrzehnten nicht an die Oeffentlichkeit wagte, nunmehr in politischen Kreisen zu einer lebhaften Erörterung gelangt - Regrne Nersser. . Am 20. d. M. wird Frau Reg ine N e i ss e r, geb. Löwenthal, 70 Jahrs alt. Ihre Wiege stand irr Lissa i. P. Altehrwürdige jüdische Tradition, gepaart mit deutscher Bildung, nahm sie, frühzeitig rege und eisern fleißig, dort in sich auf. Literatur und Geschichte pflegte sie von Jugend auf und ist diesen Gebieten immer treu geblieben. Fünfzig Jahre ist nun Breslau ihr Domizil, wo sie 45 Jahre verheiratet war, lange Jahre ihrem schwerkranken Mann die denkar aufopferungsvollste Pflege angedeihen ließ. Erst in reiferen Jahren greift sie zur Feder, entfaltet aber nun schon seit über 25 Jahren in zahlreichen reichsdeutschen und österreichischen Zeitschriften eine vielseitige Wirksamkeit in pädagogischen Artikeln, literarischen Essais, die durch ihren besonders scharfen Geist sich auszeichneten, und biographischen Skizzen, gelegentlich auch belletristischen Arbeiten. Ihren Milschwestern hat sie manchen Weg zu neuen Berufen gewiesen, sie in Wort und Schrift, durch fremdes Beispiel und eigenes Vorbild zu Schaffensfreudigkeit und Selbständigkeit bei nimmer rastender Beobachtung häuslicher Pflichten, angefeuert. Die Jahrs und die Kriegszeit, sind' an ihr nicht spurlos vorübergegangen. Aber noch heute zeichnet sie eine ungemein geistige Frische aus, daneben stete Hilfsbereitschaft. Viele Bedrängte danken ihr Beistand und Rat. Ein großer Freundeskreis schart sich um die warmherzige, Treue um Treue übende Frau, die aus ihrem Gedächtnisschatz staunenswert zu schöpfen weiß. Sehr lebhaft waren immer ihre Beziehungen zum jüdisH-theologischen Seminar, dessen österreichische Hörer ihr jHarlS oft besuchten. Auch die „Oesterreichische Wochenschrift" zählt die Jubilarin seit vielen Jahren zu ihrer Freundin und geschätztesten Mitarbeiterin und entbietet ihr zu ihrem 70. Gebnrtsfeste die herzlichen Glückwünsche. Lage und StrömMge» der Juden Rußlands. MemrmssmMetungen -es Zwmstenführers Israel Rosom. Herr Israel Rosow, einer der angesehensten jüdischen Politiker und.Zionistenführer Rußlands, begibt sich int Aufträge des Zentralkomitees der zionistischen Organisation Rußlands nach Palästina, um sich der von den englischen Zionisten entsandten Palästina-Kommission anzuschließen. Herr Rosow, der in Stockholm mehrere Tage weilte, äußerte sich vor seiner Abreise nach London einem Redaktionsmitglied des Jüdischen Preßbureans in Stockholm gegenüber über Lage und Bestrebungen der Juden Rußlands und über seine Reisemission u. a. wie folgt: Bürgerkrieg und ökonomische Katastrophe. Die ökonomische Lage der Juden in Rußland ist infolge des Bürgerkrieges und der sogenannten sozialen Revolution eine ganz unerträgliche geworden. Alle Industriequellen sind verstopft, Handel und Verkehr völlig lahmgelegt. Die Mehrheit der Juden, die als „Bourgeosie", als Intelligenz und als Juden zugleich leidet, ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ins tiefste Elend gestürzt. Die mt Krieg, entstandenen jüdischen Gemeinden 'stehen vor dem ökonomischen Ruin. ES 'ist. keine Ueb'ertreibung, wenn behauptet wird, daß das g esäntte russische Judentum! zum Kriegsopfer geworden ist.