Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 35 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1 Leite L62 ' T; . W. MW K»fer des Krieges. ZuZDWh!rer .SMl^ Werber und Schütze Samuel Lpkmann find Ml 15. ZW 1918 TMDrrftchex Pzr Dir. Morch GMeivrann im StadttemWl Vorigen D.ienstng fand im Tempel der Innern Stadt die vom Vorstand der Wiener Kultusgemeinde veranstaltete Trauerseier stzr den verewigten Oberrabbiner Dr. -Moritz G>tzd eman n statt. Zur Trauerfeier waren die Witwe des Verstorbenen und ihre Kinder, der Kultzlsdorstand, die Gemeindebeamten, Rabbiner und Funktionäre sowie zahlreiche Delegierte jüdischer Vereine und «überaus viele, Memeindemitglieder erschienen. Oberkantjor Dion Fuchs trug .mit Chor den Psalm, 49 vor, woraus Oberrabbiner Dr. Chaj es die nachfolgende Gedenkrede hielt: , Gedenkrede, des Oberrabbiners Dr. Chajes. . An der Blchre GüdeManns habe ich «versucht, in großen Umrissen die geschichtliche Bedeutung seiner Mrksanckeit'lzu zeichnen,- «n Bild zu geben von deml starken Kämpfer für dm Frieden und die Einheit der Gemeinde, von dem Imachtvollen Verteidiger unserer Würde und unseres Rechtes, von dem «bahnbrechenden Forscher und tiefgründigen Gelchrten. Heute möchte ich im besonderen von Güdemann, dem Rabbiner, sprechen. Ich halte «es nicht für meine Aufgabe,,im eigentlichen Sinne ein Trauerredner 'zu fein. Ich will den schmerz nicht auftoühlen über den schweren Verlust, den die Judenheit tzplitten. Ich will nicht davon sprechen, was wir an Güdeimann verloren, sondern von dem, was Ms für alle Zeiten von- Güdemann bleÄt. Wenn wir uns fragen, was bedeutet «für uns Güdemann, der Rabbiner, so können wir vielleicht in «aller Kürze darauf antworten: Wir haben es guten Teils Güdemann szu danken, daß es überhaupt Rabbiner in Wien gibt. Gewiß, als «er vor mehr alp einem halben Jahrhundert zu uns kam, da gab es auch in Wen eine Art von Rabbinatz ein 'Amt Mr die rituellen «Bedürfnisse' des konservativen Teiles der jüdischen Bevölkerung, eine Behörde, «die wie das Veilchen im Verborgen«! blühen mutzte, von der «die OeffentlWkeit so wenig als möglich erfahren durste. Heute, da «es sich um einen glücklicherweise längst überwundenen Standpunkt handelt, da wir als Historiker betrechten können em unheilvolles Kapitel Unserer inneren Geschichte, heute dürfen wir es offen «bekennen: Die damalige Vorsehung der jüdischen Gemeinde wollte von «einem Rabbiner nichts wissen. Die Männer, die im Lichte «der Oeffentlichkeit das Geistige oder wie man lieber sagte, das iGeistlche im Judentums zu verbeten hatten, sie dursten beileche nicht 'Rabbiner heißen und-noch weniger.Rabbiner sehr, sie mußten mit «einem aus der protestantischen Kiyche - herübergenommenen Ausdrucke und Begriffe „Predige/' genannt werden und als solche ihr sAnHt versehen. Es war diep jene unselige Zeit, in welcher der | in Berlin in dem näch-- mendelsvhnischen Geschlechts groß gewordene Geist der.Verneinung und Zerstörung, um Jahrzehnte verspätet, aber als das neueste. Wort der Entwicklung begrüßt, in unsere «Witte drang, jene traurige Verwirrung an deren Folgen wir.immerhin noch heute bitter zu tragen Haben, der es zuzuschreiben jish, daß wir noch« jW vsm 'Selbstverständlichkeiten nach' rnnen und. nach außen «harte Kämpfe durchMmacheu haben, jene Verfälschung des Judentums, die unser Volkstum'und unsere religiöse Eigenart zu «einer Konfession herab? würdigen am liebsten die Synagoge zu einer Kirche und den Rabbiner zu einem Geistlichen machen wollte.«Man glaubte, wer weiß wie modern zu sein, wenn Man Ü>aS vermjeinüW mittelMeMchü Rabbinertum verdrängte und an seine Stelle eiste Art von reformiertem ^Priestertume setzte. Man war mit «Blindheit geschlagen und erkannte nicht, daß man dadurch «die-Entwicklung des Judentums, man kann auch sagen der 'Menschheit, um lange Jahrhunderte zurückgeworfen Hat.. Es ist'ja unser «Stotz und unsere Stärke, daß wir früher und besser als andere Völker den Priester bei uns überflüssig gemacht Haben, daß wir einem «jeden von -uns«,, ohne eines Vmmttlers zu bedürfen, den Weg zum «Vater im Himmel geöffnet« daß wir einem jeden von uns «iM edelsten Sinne Meinem Sohne, Gottes gebildet haben. Wer Augen hat zu scheu der versteht es. daß die Bibel in demselben Augenblicke, sin dem sie als notwendiges Uebel das Priestertum herübernahm, die lleberwindung -desselben als Ziel des religiösen Fortschrittes Hinstellte. . Was anderes sagt der unvergleichlich schöne Prolog zu den zehn Geboten mit den Worten: <Erodus, XIXA 6), „Ihr sollt smir ein Reich vjon Priestern sein, ein heilig Geschlecht"^ oder mit sanderen Worten, ein jejs-er: Don Euch soll sein eigener Priester «werden und des angeblichen Der- MoHenschrift Nr. .35 treters der Gottheit auf Wden etttraten «können? Unsere Propheten und npch ihnen die großen Lehrer der? alten Zeit, haben unaufhörlich den Priestern den Boden streitig «gemacht; als der zweite Tempel in Flammen aufging, da konnte endlich unser Volk darau denken, das Bibelwort wahr.zu'machen; «auf eine Priesterkaste zu vetzichten und ein Volk von Priestern tzu werden, UM der Menschheit den Weg zum Göttlichen zu sehnen, Um diese solgenschwelrÄ Errungenschaft wollte uns jenes unselige Geschlecht «bringen, das! den Rabbiner verjagte und einen Priesher lan seine Stelle setzte. Es ist für uns ein unlösbares Rätsels «wie ein so innig jüdischer Mann wie Jellinek, hiefür kein Verständnis aufbringen «konnte wie er bis an sein Lebensende sich dagegen sträuben «konnte, den Ehrennamjen eines Rabbiners, eines Lehrers in Israel «zu führen und mit einest einer besseren Sache würdigen Zähigkeit an «dem erborgten Glanzedes Predigers festhalten wollte. Ganz anders-Güdemann. Auch er mußte, wollte er nach Men koMmen.?um die Stelle eines Predigers! in der Leopoldstadt sich« bewerben. Aber «vom Tage seines Amtsantrittes an, arbeitete er mit der. sihn kennzeichnenden Tatkräst,, auf ' das Ziel hin, die freMde Maske. labzuwerstn und' das zu werden,, was er in Wirklichkeit war, ein Rabbiner. Als zwei Jahre spätest der hochgelehrte Vorsitzende des im Perstecke Wirkenden Wiener Beth Din zu seinen Vätern einging; da übernahm Güdemann die Leitung des Rabbinates. Und da hatte Wen in aller Oeffentlichkkeit seinen ersten und damals einzigen «Rabbiner. Sehr bald sollte, er Gelegenheit finden, den Pertretern der. Gemeinde zu beweisen, daß es sich^nicht lediglich luM eine Namensänderung handelte, Güdemann hatl^Hwer unter der bedauerlicherweise «noch heute bestehenden Tatsache zu leiden, daß der (Richbiner,, der Mann, der sein ganzes Leben' der Erünntnis des Judentums zu widmen verpflichtet ist, -em Gesetze und den Statuten /nach nur das ausführende Organ der Gemeindevertretung ist,? daß nicht er^ «sondern Männer, die vielfach innerlich und äußerlich geistig und seelisch dem Judentums fremd gegenüberstehen, die Entscheidung zu treffen Haben in Fragen die die Zukunft und das Wfen unserer Gemernschaft aufs innigste berühren. Und fo konnten denn eines schönen -Tages unsere damaligen Führer dekretieren, es hätte aus den «Gebeten zu verschwinden jeder Hinweis auf das heilige Land, es Hätte jede Verbindung aufzuhören mit den Zukunftshoffnungen unseres Volkes. Wir Haben uns als größtes Wunde/ der Weltgeschichte durch zwei lJahrtäusende, ein iVolk ohne Land und ohne Sprache, Erhalten können,, weil in unseren «Gebeten die Liebe zu der verlorenen «Heimat mit rührendest Treue sortlebt, weil in allen Teilen der!WM die Sprache unserer Bätest unverfälscht ertönt in der Synagoge, die siüst uns kein Haus Gottes, bedeutet — sagte nicht schon vor 12500 Jahren 'ein großer Prophet (Jes. '66,'1) : „Der Himmel ist sinein Thron, die Erde meiner Füße Schemel, wo ist däs Haus,, das Ihr mir bauen könntet, welches Heiligtum dürste meine Residenz sich nennen?" l— nicht also ein Haus Gottes ist für uns die Synagoge, Isondern d a s H a u s I sr ae ls im Grile, die Hochburg unstres Judentums.. Und nun wollte man diese unsere feste Burg von Grund laus erschüttern,' fremdsprachige Gesänge einführen und die Gebete um «Wiederherstellung von Erez Israel aus unseren Büchern streichen. Gegen Liese Entweihung unseres Heiligtums/ gegen diese Entjudung des Judentums - kämvfte einen siegreichen Kampf der verblichene Oberrabbiner. - Ihm ist es zu danken, daß unserer Gemeinde die «Schande erspart geblieben ist aus der Mehrtausendjährigen geistigen Gemeinschaft Israels «aus- Mscheiden, ein totes Organ zu werben «in dem lebendigen Körper «unseres Volkes. Mit tiefer Genugtuung sagte «mir Güdemann kurz «vor. seinem Tode: ,jfia!tge bevor es.«einen Zionismus gegeben, war« ich ein Streiter für Zion." In «den unvergeßlichen Gesprächen, die * ich in den letzten Wochen seines ^Lebens mit ihm zu führen Gelegenheit hatte, bin ich zur Ueberzeugung «gelangt,, daß die schmerzlich^ Entstemdung, die vor 20 Jahren Kölschen «Güdemann und der jüdischen Jugend entstand, welche in der ^Wiedergeburt unseres Volkes im Lande der -Juden ihr Ideal «erblickt, auf einem tragischen Mißverständnisse beruhte. Gewisse äußere Begleiterscheinungen unserer neuzeitlichen Renaissancebewegung ließen Güdemann besilrchten, es könnte sich daraus ein Nationalismus entwickeln, wie er das Leben der anderen Völler vergiftet, - die böseste «Form der Assimilation. Und so sprach er denn aus dieser Besorgnis heraus manch bitteres leidenschaftliches Wort. Häste er aus der «Nähe die .spätere Entwicklung, Vertiefung/und Verankerung des Zionismus «verfolgen, können, hätten die jungen und die «wieder junggewordenen Juden . ihm ihr Herz geöffnet> 'hätte er in innigem Zusammenleben mit .ihnen erkannt, daß sie nicht ein «Voll wie jedes andere aus uns M machen suchen, nicht etwa ein neues «Serbien in Palästina erstehen^ lassen wollen, sondern fühlen und erkennen,udaß wir nur dann wredev das auserwählte Voll zu werden vermögen, «wenn der Mittelpunkt Unseres Geistes und unserer Seele wieder >iM Stammlande delrl Bibel liegen wird, so hätten siG,«wir sind dessen sichseD, mit der; - Weltanschauung Güdemänns weit innigere Berührungen ergeben, als beide Teile M vermuten wagten, -r Nun ist er uns entrissen worden «in der entscheidenden Stunde des jüdischen Volles, von der wir hoffen^ ,dqß sie uns die GifAlung unserer stlvalten TräüMe bringen wird/ Wie unser Lehrer «Moses, so durste «auch Moses GüdeMann däs «gelobte Land nicht betreten. Doch wzmn Israel wieder in der «Heimat der Väter ein neues, .ruhmreiches Leben beginnen wird^ so wM ps den Mann nicht vergessen dürfen, der ein treuer HMer. unserer «Tradition wcvr, ein starkes