Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 27 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums Sä$i$0*g XXXV Or. Bloch s Wien, 12. Juü-1918 •:* Erscheint jeden Freitag •:* Brivf-Sdreff«: Wie», II/,. Praterstraße 9 rele-ea«»-Ab«ffe: Bloch'» Wochenschrift. Wie» 0(r 9 ». t, Postsparkassrnamt Llearing-Berkehr: 810.976 oo JUb«fthm und »brntniftrattan: Wie« Uh, Praterstraße 9 Xelepltox&t 45*359 =ÖO Q OG= ■DO OCF r? Ott Bezugspreis: . Halbjährig 10 Krone» Banzjährig 30 Krone» Einzelexemplare bO Heller U»,«r,„: »ie tml|ehi«ltni Ü «a (litt =öo Q * Do Inhalt: Leitartikel: Der Antisemitismus in Ungarn, die „Galizianer" und die „Moral". — Kriegsdekorationen jüdischer-Offiziere und Soldaten. — Weitere Auszeichnungen. — Höhe Auszeichnung nach dem Tode. — Der deutsche Reichskanzler soll in Polen Ordnung - machen. — Die Pogrome in Galizien. — Der Kriegsdienst der Pazifisten. — Balsour über die Lösung der Judenfrage im Osten und Südosten.— Ein verurteilter französi ch-jüdischer Friedensfreund. — Der Begründer der türkischen Stenographie. — Der Brand von Stambul. — Ein jüdisches Gymnasium in Italien. — Korrespondenzen: Aktionskomitee für jüdisches Kultus-und Erziehungswesen. — Gründung des Verbandes der Angestellten der Wiener israel. Kultusgemeinde. — Generalversammlung der : ' „Adas Jisroel" (Schiffschul). — An alle, die es angeht! — Vermischtes. — Feuilleton: Woher stammt der Glaube an Ritualmorde? — Literatnr. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Zer Antifemitism«» i« Ungar«, dir „Galifianrr" ««d die „Morap'. Von Dr. Josef Patai (Budapest). ' Mdlich-ermrülk Mbe es von. ungarisch-jüdischer Seite nrit Entschiedenheit und! Nachdruck betont werden, daß der Antisemitismus in Ungarn mit der Zuflucht der sogenannten „Galizianer" überhaupt nichts! zu tun hat. Die schlichte Wahrheit ' -ist die, daß ein Teil der ungarischen Juden es' einfach; übersieht oder es mit zngemachten Augen übersehen wlll, daßj, wenn im Parlament oder in der'judenfeindlichen Presse über „Galitzianer" gesprochen oder geschrieben wird, gar nicht die paar hundert Potnischen Flüchtlinge verstunden werden, sondern eigentlich die Söhne und Enkel der „Galizianer" von gestern, also das ganze ungarische Judentum, wie es geht und steht, wie es leibt und lebt. Diejenigen aber, die es nicht merken-wollen, daß Man „von der Mutter spricht und die Tochter meint", halten es für ratsam, mit den Wölfen zu heulen: „Ja, die Galizianer! Auch wir wollen sie ausrotten, die sind nicht unserer Rasse, die haben eine ganz andere Moral!" Als hätten Juden, die ihre eigenen 'Brüder - in schimpflichster Weise verraten und verleumden, überhaupt noch das Recht) von Moral zu sprechen. . Woher denn wäre diese „Verschiedenheit der Moral"? Eine Moral kann nicht 'von heute auf morgen entstehen, sondern wurzelt tief in der Tradition. Und ist es' nicht der Schulchau-Aruch-Ersatz, eines „Galizianer" Rabbiners' (Jsserles)/ um dessen privilegierte Besitznahme die. sogenannten „Orthodoxen" und „Neologen" in Ungarn seit den Tagen der Trennung:miteinander wetteifern? Oder sind ' die religiösen Responsen des "Preßburger Charham Szofers nicht auch in Lemberg, und Krakau gültig? Wird nicht aus denselben Gebetbüchern um Zion und um Frieden gebetet in Budapest, wie in Tarnopol? Ist es nicht dieselbe Bibel, derselbe. Talmud, sind es nicht dieselben Propheten, dieselben Dichter der heiligen Sprache, die in den Schulen von Galizien und von Ungarn den Kindern Israels gelehrt wird? Ist es nicht dieselbe Vergangenheit, dieselbe Zukunfts- Hoffnung und, leider, auch schon dieselbe Gegenwart im Banne des Antisemitismus? Oder haben uns ungarische Juden vielleicht die letzten fünfzig Jahre seit der Emanzipation mehr geadelt als die fünftausend Jahre der Geschichte unseres Volkes? Wer kann es wagen, von einer spezifisch „ungarisch-jüdischen Moral" .zu sprechen, wenn er es uns nur nicht als Schandfleck aussetzen will, daß wir uns von der jüdischen Gemeinschaft ganz losgelöst haben?! Aber auch dies ist nicht der Fall. Es ist so manches übertrieben worden, wenn man im Auslande über ^Ungarn berichtet hat. Das „ungarische Judentum" kann ebensowenig im ganzen unter einen Hut gefaßt werden, wie das heterogene Judentum eines anderen Landes. Das ungarische Judentum ist nicht leer von jüdischer Kultur, wie manche behaupten wollen, .und wir wissen, daß auch in Oesterreich und' Deutschland die Zustände nicht allzu rosig sind'. Auch in Ungarn gibt es Juden von verschiedener'Art. Solche, die ganz aufgehen wollen und den Kampf gegen den „Galizianismus", eigentlich aber gegen die jüdische Tradition (denn auch hier ist. Galizien nur ein Symbol) für ihre „moderne Pflicht" .halten; es! gibt aber auch solche, die es für ihre heiligste Pflicht betrachten, eben gegen die 'Selbstverleugnung und Auflösung des Judentums ,zu Wmpsen.. Leider sind auch die nicht -organisiert und viele von ihnen arbeiten aus' Eifersucht und Eitelkeit mehr gegeneinander als zusammen, während das Leben mit seinen Materiellen Bedingungen seine zersetzende Arbeit fortsetzt. Es gibt aber noch in Ungarn eine große Masse, vielleicht die 'Halste des über eine Million zählenden hiesigen Judentums, die mit Leib und Leete an der jüdischen Tradition hängt, da finden wir jüdisches Wissen, jüdische Lebensweise, Jeschiwahs, Thora und Vor treu zu Kaiser und Reich steht, zeichnet die 8. Kriegsanleihe.