Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 24 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Seile 389 «r. 24 , Lik. Wqchfs WoKeuGrtst der DnrchschnitWghaphölogen hinaM. Er gibt mit seinen Deutungen einer Handschrift nicht bloß eine oberstücyliche Charakteristik der vetrefselrden Person, sonoern in einer säst hellseherischen Weise psychologische Beschreibungen, M er ist .imstande, nach, der Handschrift Las .äußere Aussehen, die Gesten und Bewegungen einer Persönlichkeit «zu schildern, ohne sie je geseyen zu. haben. Er errät auch die Stimmungin' welcher die Zeilen niedergeschrieben wurden- Noch ruerkwüroiger ist, daß er seine Deutungen nach einer Schrift vornehmen /kann, die in einem Kuvert verschlossen ist, ja auch schon nach einigen Zeichen ooer Linien oder nach einer Schrift mir dem farbiojen Crayon. Damit aber .sind seine Fähigkeiten nicht, erschöpft. Er ist imstande, eine im Kuvert verschlossene Schri,t genau zu imitieren, aus einer Reihe von Niederschrfften o.e psychischen Wandlungen einer PerKnlichteit %u schildern. Ein ganz merkwürdiger Fall ist sorgender: Eine Person,, die ihm Vorgefährt .wird,- denrt intensiv un.eine abwesende Persönlichkeit. Schermann beschreibt sie, ja ahmt ihre Handschrift nach- Diuge der Seele wie rein, äußerliche. der Kleidung und dergleichen'- offenbaren, sich ihm auf eine rätselhafte Weise. Er schloß nach einer von Professor Fischer ihm vorgezeigten Handschrift auf die homosexuelle Veranlagung des' Schreibers, ja er ahmte auf Grund einer Handschrift Resten eures! Menschen nach, die Professor F if .ch e r nicht mehr vor Augen hatte, erriet Krankheiten, Schmerzen und deren -Sitz am betreffenden Körper. Professor Fischer machte Auszeichnungen an verschiedenen Tagen,. in verschiedenen Seelen- und . Nervenzuständen. Sch er m ann erriet diese Zustände und Stimmungen, sägte einrnal, das fei von einem Menschen geschrieben, der ausruhen wollte, es aber nicht.hinreichend tat, erriet: ein anderes Mal aus. einem hingezeichneten Kreuz in Verschlossenem Kuvert . die symbolische Bedeutung der Zeichnung, die er nicht sah, vermutete daun in überraschend zutreffender Weise 'in einem verschlossenen Kuvert ein Testament.. Er nahm Experimente mit verbundenen Augen vor und imitierte dann die nicht gesehene Handschrift. Die Aehnlichkeit '.erstreckte sich, auch" aufdie Größe der Schrift.. Einmal wurde seine eigene Handschrift fixiert, die Schermann bhne zu wissen nachahmte. Professor Fisch er. hat '.mit Schermann 208. Experimente unternommen, von denen 71 Prozent sich als vollständige' Treffer erwiesen. Der Portragende hat bis jetzt keine Erklärung dieser phänomenalen Fähigkeiten'gefunden. Er konnte noch nicht feststellen, ob diese auf bekannten physiologischen und. psychologischen -Voraussetzungen beruhen oder nicht. Er hofft eine Erklärung dieser rätselhaften Fähigkeiten durch weitere,, genauere Experimente mit .S ch e rm a n n jedoch nöch zu finden. ' Das Publikum folgte den interessanten Ausführungen.-mit gespanntester 'Aufmerksamkeit. Kogumit fmvtfott. Der Ernst der Zeit hat eine Jahrhundertfeier verschlungen, an der das jüdische Wien rricht hätte Vorbeigehen sollen. Vor hundert Jahren würde in Warschau der erste Ostjude geboren,' dem es gelang, -die Bretter dös! Hofburgtheaters zu erobern, wenn er sich auch nur vier Jahre dort behaupten konnte. .Trotzdem chn Publikum und Kritik als den größten Künstler vexehrten, den das Burgtheater damals (1849—53) in feiner Laubeglanzzeit besaßt wurde er mit Schimpf und'Schande davongejagt, auch Gaube ich nicht zu irren, daß er in der - BurgtheatergenMdeMerie..Mt, wohin er als Hamlet, Antonius oder Richard III. sicher .hineingehören würde. Dawison konnte Laube .eben, nie '..etwas recht machen, und dieser Mann, den ich ausschließlich in jüdischen Salons traf, scheute sich nicht, auch dem Toten nocy, wie übrigens der Rächet und Sjegwart Friedmann, sein Judentum zum Vorwurf zu machen, wobei er sich aber gegen jeoen Ancisemffismns selbst. verwahrt, denn er habe jüdische Künstler, welche die Eigenart ihrer Nation nicht zur Schau trugen, wie Sonnenthal, Robert und die Franc, auf das höchste gechrdert. .Vieles, was Laube an Dawison geißelt, ist übrigens mehr lauf bas Konto des Slawen und des Mannes zu setzen, der sich mit allerdings echt Mischer Zähigkeit vom kleinen polniich-jüoischeu Handwerker zum größten und denkendsten deutschen Syakespea cedarsce.ler emporgeschwungen hatte, was. ihm setost Laube zugesteht. Erstaunlich jüdisch' findet Laube oen Fleiß Dawisons, der unzählige Rollen in den vier Jahren spietre: und schuf, den unruhigen Triebauszujälle.i, das erfinderische Geschick, jeder Wolle ganz neue, unerwartete Seiten avzugewinnen, die zähe Ausdauer, das wütende Bedürfnis, um jeden Preis.ausgezeichnet zu werden, wozu er sich nach Laube der Claque bedienc haben soll, worin dieser irrt, denn die ganze Gymnasialjugend und Scudentenschast des damaligen Wien war in ihrer Tawisonbegeisterung eine wütende, freiwillige Ciäque. Er habe mir „Beinen und Händen" gemauschelt, ivenn auch nicht mit dem herrlichen Organ, in dem immer erstickte- Tränen glänzten, mit dem er in tragischen. Momenten das Herz des Zuhörers zerschnitt wie eine Sjäge. Laube erschrickt schließlich selbst vor so viel Tadel,- erff sagt, trotz-seiner Fehler mußte Dawison ein großes und starkes Talent sein, um so Außerordentlich^ zu leisten, wenn er dies Talent auch, stets dem Verstände untergeordnet habe; dieinnere organische Entwicklung habe dem EmporiÄmmling gefehlt, so daß ihm Geschmack abging, seine Charaktere zu schroff und nüchtern gerieten,' was gerade für^ Lessing- und Shäkespearerollen von Vorteil war. Der Dichter Laube hat dem Direktor Laube einen Streich gespielt. Bei der Anziehungskraft, die alles Große und Ganze für Dawison als einen Großen und .Ganzen hatte, für ihn, der dem Naturalismus in der Kunst wieder zu Ehren verhals, ließ er gerne Rollen mit hohlem Theaierpathos falten, also sämtliche von ihm gespielten Lauberollen mir ihrer heute kaum mehr erträglichen Theatermache, übrigens auch einen hohlredenden jüdischen Landsmann, den Eleazar in Ludwigs „Makkabäer". Dagegen hat er einen ihm von Halm auf den Leib geschriebenen jüdisch-fpanifchen Arzt Jbn Esra in „Maria de Molina" mit so feinem Sarkasmus und solcher Beschönigung der Wirtlichkeit den Kranken gegenüber so fein gegeben, daß das allgemeine Urteil lautete, jetzt wisse man, warum im Mittelalter der spanischjüdische Arzt den Weltmarkt erobert habe. Lapbe hätte die Grausamkeit, Dawison die zwei Judenrollen des Shylock und Nathan zu verweigern; wie groß wußte . dieser aber -in ganz entgegengesetzten schlichten Rollen zu wirken, wobei ich Mer feine Glanzleistungen als Narziß, Moor, Mephisto, Hamlet schweige. Wie wirkte er als Regisseur Michonnet in „Adrienne Lecouvreur", der, gls er die GeliMe nicht selbst erringen kann, alles opfert, um sie dem geliebten Prinzen zu vereinigen, wie .als. Spielwarenhandler, der die blinde Tochter betreut, wie als Riceault und-Lord Harrington durch seine französisch-englischen Sprachkenntnisse, oder als verkommener genialer deutscher Dichter August Bürger in Mofenthals „Dichterleven", wie wußte er die eigene plebejische Verbissenheit und Verbitterung gegen, die Oberschichte und das feige Verkriechen in die Rolle des VolMribunen im Korivlan hineinzutragen! Neben den Lichtseiten seiner Begabung wytlm wir gerne Schattenseiten des Menschen, die ans den Künstler rückwirkten, zugeben. Seine. Hysterie führte ihn wiederholt zu Ohn-