Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 22 (7.6.1918)
- Date
- 1918-06-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 356 Dr. jktoH's offene Hand. Wo es galt, .Not vnd Elend zu lindern.' Hermann Munk chinteüietz eine edle Gattin, .dir ihn-durch 37 Jahre betreut . chatte, und, .acht brave und wohlgeratene Kinder, sowie zwei Schwiegersöhne. Bei Äüsbruch des Weltkrieges entsendete Hermann Munk alle seine vier Söhne zum Kampfe für Kaiser und Vaterland, von denen zwei in russische Gefangenschaft geraten , sind, der dritte ist seit drei jFcchren vermißt^ der vierte leistet gegenwärtig seinen Kriegsdienst in Wien. Das Leichenbegängnis fand Montag den 20. v. M. vom Trauerhause aus statt.' Ts waren erschienen:-der Gesamtvvrstand der israelitischen Kultusgemeinde., der Chewra-Kadjscha. eine Deputation des israelitischen Frauenwohltätigkeitsvereines. das Gremium der hiesigen Kaufmannschaft, eine große Menge -Äiener Kmlfleute und Bekannte. . Die Trauerfeier eröffnete Herr- Kantor und Neligionslehrer Hermann Gelb mit dem Trauerpsalm 91. begleitet von dem Tempelchore des Kaiser Franz Josef-Zubiläumstempels. Wien 5. Bezirk. Sodann bewegte sich der imposante Trauerzug. der Tausend: vonTrauergasten zählte, zum israelitischen -Friedhofe. Hier brachte neuerdings Herr Kantor Hermann Gelb mit dem Tempelchore die .üblichen Trajuergesänge sehr ergreifend zum Dorttage. Nachher hielt Se. Ghrwürden. Gemeinderäbbiner Professor Dr. Reich dem ,Verblichenen einen. tiesempsundenen Nachruf. ' ' ' . . M«e Esche» Chajil. Das Lebensbild einer edlen Frau. Von Dr. Adolf Heinrich Landau, Wiener-Neustadt. , (Schluß.) Jnr Hause Salmenlebs blieben also niit der Zeit uur die weiblichen Mitgli<ä>er und der ganz; junge Sohn zurück, der irn Geschäfte tätig war, aber bereits darnach. strebte, seinem Bruder über den Ozean zu folgen. Zu diesen seelischen Schwerzen der alten Frau kam noch die Arbeit in der Wirtschaft, die für sie ziemlich anstrengend war, und die Aufregung Wer die Abwesenheit ihres geliebten Sohnes, dessen führende Hand dem Hause fehlte, weiters das gespannte Verhältnis zwischen chr und . der Schwiegertochter, die sich in Geschäftsangelegenheiten nichts? dreinreden ließ- und auch noch ihre alte Mutter ins! Haus genommen hatte — all dies war für die Zeitlebens rastlose Frau eine zu harte Prüfung und Nerven und Organismus gerieten eines Tages urplötzlich' ins Stocken. Jütte Benies verließen nach> jahrelanger unermüdlicher Arbeit auf einmal die Kräfte. An einem kälten Märztage konnte sie, die in ihrem ganzen Leben nicht ernstlich krank gewesen war, infolge von Schwäche das 3^tt nicht mehr verlassen, und der alte, tüchtige'Doktor Schornstein, der vor Jahren SakMenlebsdas Leben gerettet hatte, wurde herbeigeholt. Er Untersuchte länge die alte Frau, dann ging er mit der Schwiegertochter, ins Nebenzimmer und sagte ihr, daß die Krankheit absolut tödlich: sei. „Eine Maschine Muß auch einmal rasten,"^ meinte er, „wenn sie aber immer und immer tätig ist, dann braucht sie sich auf und bleibt schließlich für ewig stehen." Der ausfallende Verfall der Kräfte ließ ein baldiges Ende vermuten, und der erfahrene Arzterklärte, .wenn Man das einzige Kind an das ToteNbe.Lt, berufen wolle, so müßte es s o f o r t geschehen, denn es bestehe die Gefahr, daß der Sohn seine Mutter nicht mehr lebend antresfen werde. Die Schwiegertochter wußte, daß eine Reise von Wien nach Brody an den damals! Herrschenden kalten Schneetagen sehr beschwerlich sei, auch stand der große Frühjahrsmärkt vor der Tür und« ein Fernbleiben von Wien wäre Zu dieser Zeit von unwiederbringlichem Nachteil gÄvdsen, so Zog, sie es' vor, den einzigen. Sohn von der plötzlichen Erkrankung seiner Mutter' vorläufig gar nicht zu verständigen. Die alte Frau beruhigte sie über ihren Zustand und ließ sie" in ihr -eigenes Bett ins SchlaMmmer legen. . - - Wochenschrift «r. 22 Jütte Benies nahm alles apathisch hin und. sprach ürit niemandes: ein Wort.' - Eine ZeiÜäng lag. sie/ruhig . in dem Bette der Schwiegertochter, . dann aber stand sie plötzlich Mit dem Aufgebot aller Kräfte vom>-ungewohnten weichen Bette auf, schlich in ihr Zimmer und ließ sichvom. Dienstmädchen auf dem breiten Lederdiwan, auf dem sie stets geschlafen hatte, das Bett machen. „Ich wlll in Einem Bette sterben," sagte sie/kurz. .;Es war ein grauses Bild, wie die alte Frau Mit halb aufgehängtem Rock in die Stube gekrochen kam. und den Ruf ausstieß: „Ich will in mreinenv Bette säerben!" Ein Schändern erfaßte alle wird niemand wagte etwas zu erwidern.. - - / Bon da ab trat hohes' Fieber ein und Jütte Benies nahm nur ab und. zu einen -Trunk. Wasser, zu.sich-; wie . sie merkte, daß alle Erleichterungen der eingetretenen Verstopfung fehlschlugen, bat sie, uw eine alte Frau, eine Vorsagerin, zu schicken, damit sie mit-ihr die Widde, das. Sündenbekenntnis, sprechen könne, dann lag sie mit offenen Angen sinnend da und gab keine Aeußjerung Mehr von sich. Daß uM ihren einzigen Sohn nach.Wien telegraphiert wurde, war bei ihr selbstverständlich. Aber wer hätte es tun sollen, da. es die Schwiegertochter nicht tun wollte? Ihr einziger .Schwiegerenkel Mottunju. -war ja in Krakau, der Äteste Enkel Jossali saß in der Jeschuba beim Wunderrabbi in BeH, der zweite Enkel weilte in Amerika, der dritte studierte in Breslau und hie Enkelinnen hätten es nicht gewagt, ihrer Mutter zu widersprechen. Es wollte aber, auch niemand glauben, daß die Krankheit so gefährlich feidenn die. eiserne Natur der Großmutter war ja sprichwörtlich. Um dritten Tage der Erkrankung, an einem Donnerstag, am -Tage - /des-. Esther-Fastens, - sah schon deutlich das Schwinden der Lebenskraft, und in alley Synagogen der Stadt wurden Psalmen für die Genesung /d er alten Frau gebetet. . ' Freitag sah man es! der Schwe'rkranken an, daß sie sich nur mit -äußerster übermenschlicher-Anstrengung bei Bewußtsein erhielt, well sie zuversichtlich hoffte, ihr geliebtes Kind noch; vor dem Tode sehen zu können. Bei jedem Oeffnen der Tür blickte sie mit den" fast abgestorbenen Augen, die in ihrer matten Bläue noch immer einen Mutigen Eindruck Äbten,'x.Mi.si.'än d'tt sicheren Erwartung, haß ihr SalMenlebder ja .schon lange auf deM Wege nach? Brody sein mußte, hereinkommen werde, um ihr das Sterben zu erleichtern. Wie sich die Märzensonne bereits? zum Mtergänge neigte und der Silchbaterngang heranrückte, füllte' sich das Zimmer immer mehr mit Leuten, die in die nähen Synagogen zum Abendgebete gingen,, aber früher noch einen Blick der allbeliebten Sterbenden widmen wollten. Sie aber lag ganz. still da, die erblaßten Augen gegesn die Zimmerdeck gerichtet. . . - Was die' arMe Frau in diesem letztem Augenblick ihres schicksalsreichen Lebens gelitten, woran sie in ihrer Sterbestunde gedacht haben. Mag, das' weiß nur Gott allein.' Aber das eine ist sichjer, dlaßl. in diesem ■ ernsten Momente der ganze Schmerz undder - ganze. -Jammer einer liebenden Mutter ihr bitter^ /Herz zermürbte, weil ihr einziges' Kind, dem allein sie ihre Jugend und ihre Liebe geopfert hatdaß ihr gelWter Salmmleb, für .den sie alles durch Jahre still geduldet und ertragen hat,- nicht an ihrem Sterbebette stand, um von ihr Abschied zu nehmen und ihr die Augen zuzudrücken. Ms schön der letzte Wenddammerschein durchs Fenster - fiel und die -Stube sich! ganz mit- Leuten - füllte, dis beim Sterben dieser großen Wohltäterin zugegen.'sein