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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-05-17 · 19 (17.5.1918) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
19 (17.5.1918)
Date
1918-05-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 294 >'.7 Dir. Bloch's Wochenschrift Gehermrat Hermann Cohen s. A. - Persönliche Erlebnissemitgereilt von Heinxich Vork Steiner. Hup- Kurpark vom Bad. Reicheichall traf ich? im SoiMner Es zweiten KmegsWcps Haß', Ehepaar C o h e n, ' dessen äußere Erscheinung mir mehrfach ausgefallen war. DieHrchr,7eine lebensvolle: Erscheinung, deren geistvolle Zuge im rührigen Gesichte die grauen Haare Lügen straften,. führte stets sorgsam den an Gestalt kleineren Gatten. Es war, als quittiere sie mit einem stetigen Lächeln die Aufgabe, den Lebensgefährten äußerlich - zu' leiten, von dessen 'innerstem Wesen in seiner alles überragenden Bedeutung sie.mehr wußte, als die anderen alle. Der rundliche Gatte, trotz seiner trüb gewordenen Augen und der großen Brillengläser voll Frische und Beweglichkeit, schüttelte' während der ni§ erlöschenden Gespräche-seine weißen Locken wie ein junger Student. Die kluge, sauste, energische/Frau wehrte .ab, so oft Ton unck Gebärde des jugendlichen Greises dgs geheimräiliche Maß zu überschreiten drohten, und diese Drohung lag dauernd' über unseren' Gesprächen, besonders wenn sie vom Zionismus Handellen. Mitten in. unserer ersten regen Debatte geschah etwaswas wie eine theatra-. lischr Verblüfsung anmulete. Uns entgegen kam ein zweites Ehepaar, die Frau stattlich, etwas kkeiner ols. Frau Cohen, das Haar einige Grade weißer, der Mann-wund und" beweglich, mit weißen Locken ums lebhafte Greisengesicht, die merkbar erloschenen Augen hinter großen Brillengläsern, die ganze Figur in Einem mit der Frau, die-ihr Mann leitete. So kamen die Paare einander näher bis auf Vorstellungsweite. „Herr und Frau Geheimer Legationsrat Cahn" — „Herr und Frau Geheimer Regierungsrat Cohen." Viel mehr jüdische. Ge- Heini rare -mag es damals iit Deutschland nicht gegeben haben-: und-.gerade-die ältesten-'trafen - hier zusammen--- Gcheimrat Cahn hatte als königlich bayerischer Legationsrat im Jahre 1870 die deutschen Archive int -belagerten Paris bewacht. Welch seltsames Erlebnis er in/einem interessanten Buche geschildert hat. Später ßvurde - Cahn Dom Reiche MeruomMeu, in dessen Dienste er es zum. Gcheimrat brachte. Mit Geheimrat Cahn gab es manch interessante Plauderstunde, aber, meine rasch errvachsene Liebe gehörte dem alten Geheimrat Cohen urrdseiner Frau, die als Tochter L e w a n d o w s k y s — des ,großen Sängers. und 'Komponisten der modernen- Synagoge — viel von Musik im allgemeinem und von der Musik ihres Vaters im besonderen viel zu sagen wußte. Auch ihr Mann lieble/die'. .Musik mit' ' großem Verständnis, er hatte sogar über die Mozartsche Musik eingehend geschrieben. Cohen schloß, ich in mein Herz, trotzdem oder vielleicht well er uns Zionisten so eifrig anging. Denn, ich merkte .bald. genug. hinter-. Einen.In?- griffen eine so tiesgewurzelte Liebe zunr Judentum, wie ui au sie sonst nur bei Fanatikern - mit-engbegrenztem köufessionelleu Gesichtskreis finden mag. Bei ihm war alles, was; er dachte,; hesprach,, kritisierte/ oder belobte, eng mit dem Judentum verknüpft, dessen gesamte Literatur or kannte, wie nur -erstrangige Hebräisten vom Fach. Wir mochten.von Nationalökonomie oder /Künstänschauüngen Drechen, von /Literatur irgendeines Volkes' oder von Politik, von - Poesie oder Volkskunde, die Diskussion eures jeden Gebietes illustrierte er mit zahlkreichen hÄrAischen Belegen, hie und'da mit griechischen Zst tzmen, aber - Abgeschlossen wurde die.- Debatte tuit einem hMpäischen Text, und dieser gewaltige Hebräer, der mir .als/.Miitelpunkt seiner. Studierstube, in Berlin einen schlichien -Fichtenschrank zeigte, mit dem „Schas", den 18 Talmudbänden, die er von seinem. Väter geerbt hatte,' ap/war zugleich/einer der größten deutschen Denker, der' bedeutendste Jdeatphilosoph der deutschen Kulturwelt, der Gründer einer neuen Phllosöphenschute.an der Universität Marburg, der Neuschöpfer/ der Kautsch ew Philosophie^ und eineg der geistvollsten, Interpreten Plätos und her Neuplatoniker. Mch' sagte ufft Kyrhehacht/ .Eo He u sei einer der^bMuteMsten /dsüffchest Dchker .gewesen, nicht DesttAlänE Er. letzte/imd7hachtE-sticht zufällig im Deutschest Reiche--. Win,'-sein WcünWEsen' war ein Geflecht -ödst HebraisMus' ustd'Germanismus, eist Gewebe von orientalischen und westlich-deutschen Fäden, das inseister/Bizzapität diestärkstenHeizst/aus!-. löste, selbst wenn man das BiMare stärkerstchlte als die' logische Ornamentik. 7 - 7,- - .7 Daß Kant in der Bibel wurzelte,-' oder besser, daß diese den 'kategorischen Imperativ vorweggenomweu lMte>- das war für-ihn ein Dogma, das er. mit wuchtigen BE legen in die widerspenstigsten Köpfe hämmerre. Ebeirsst feststehend war es» für ihn, daß Mß-.EHik,,'aus'.cherisich/- die Moral der modernen Welr/qntwickelte,.- deni Wellen-: leben der alten Hebräer entstammt und in ihren heilagen Schriften 'beschlossen sei.; Aus ' dieser / Erfahrt!ng entwickelt e s ich! ihm" naturgemäß di e Ueberzengung e in er ' tiefgründigen ursprünglichen Verwandtschaft von Deutschtum und Judentumdie er in. einer. Schrift mit diesem Titel niederlegte. Erfahren hatte ich, von Hieser /Arbeit in einer .Debatte über , den Wntisemitisnms, Es ist'nämlich merkwürdig,. daß/wir? Inden aH/chem verschiedensten Ländern für die: heimatlich e. antijridische Strörnnng, vielleicht weil /wir ans siegewöhnt.sind, Erklärungen und Entschuld igun gen such en) jene d er, freinbcit L ände r jedochvon den eit. uns die Zeitungen berichten,: als nnerrräglich^ betrachten. Miristes oft..stenug geschehen„ dnß Russen in der - schwersten Zeit der Bedrückung meinten, .der Antisemitisinüs ist Westeuropa sei tiefer in .der Bolksüberzeugung verwurzelt, als z M. der russische,^. der mehr - - als eines- Bewegung rder>* Regierung und -der /Me-' - amtenschast dar gestellt wurde. Auch ich hatte versucht, einem Gespräche mit Coh e u äußerliche Verwandtschaf- Len zwischen Juden und Deutschen als-Ursache der Gegen-, s.ätze darzustellen. Da aber kam 'Cohen Mit,, seinem schweren Material, daß man sich fastschämte, ip einer Frage mitzuspwchen, die Man nur sst gänz 'äußerlich erfaßt zu haben schien. „Deutschtum und -Judentum" tnag etwa 80 Seiten enthalten, abersie-'sind von einer stofflichen Fülle durchtrÄnktdie' für einen Lexikonband ausreichen würde. Cohen prüft die' seelischen 'Quellen des / Judentums.in'feiner'- Urzeit. Er belegt jeden seiner Lehrsätze mit einer Fülle von Material nnd er will Nachweisen, daß in vielem Grundlegenden, wie'Weltanschauung, seelische Empfindung, Poesie usw/, eine tiefe Verwandtschaft mit dem Deutschtum' vorliegt/ allerdings mit dem Deutschtum der Gelehrten, der' Dichter -und Denke r> wie er es kannte und . liebte. -Dep:Erscheinüng Luthers, dessen Bibelübersetzung er Wer alles hoch einschätzte, - wurde er mit dem' vollen. Einsatz ' seiner Persönlichkeit gerecht. Ja,- es ist geradezu Merkwürdig, daß ein Jude von dem Gepräge Cohens'- sich so in das Wesen des großen Reformators - einfüg en ko nnte. " Die / Schrift/ fand eine große Verbreitung, Manche Zustimmung und viel Widerspruch. Selbst jenedie seine - Beweisführung güthießen, meinten, es sei. . vom jüdischen /Standpunkte üstvolitisch und zeuge von zu wenig Selbstdewußtsein^ sich den Deutschen so sehr anbiedern.-.zu wollen:- Davonkonnte/jedstch' bei Co Heu keine Rede sein.-~Er'hatte in seinem '73. Lebenswahre von niemand in Deütschländ -' in ehr - etwas . zu erwarten,-:und an Selbstbewüßtsein fehlte- 'es dem kleinen Gcheimrat nicht. - Er stand fest undstolz .-stuf jüdischeyr Boden, den er umkem'em PLM'MEvEsfeir-''köü)ren,.' ohne Kraft^und Holt Msoerlierm. Er hätte'mit Weh-- mütigenr Lächeln sene - Zeit/-überdauertz -dä" H -als -Jude nur -in wenigen Hochsch^llen'- Deutschlands eine Professur

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