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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1918-04-12 · 14 (12.4.1918) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
35 (1918)
Issue
14 (12.4.1918)
Date
1918-04-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Mette 220 , Dr. Vloch's Wochenschrift ' ^r. 14 die wahren Verhältnisse vor Augen Mt. Der AntisMi-. tismus ist vor zivmizig Jahren /in Karlsbad entstanden nnd ist deswegen zur Entwicklung gelangt, weil keine Gegenwehr angew endet wurde. Von der StadLgemeinde Karlsbad wurde damals die Parole ausgegebcn, „man dürfe die Gegner nicht reizen", die deutsche Fortschrittspartei wollte und will bis zum heutigen Tage nichtsdavon wissen, daß sie sich für - die angegriffene Judenschaft einsetzt: eine Presse, die offen zugunsten der Juden emtritt, stand und steht der uordwestbohmischen Iudenschaft nicht zu Gebote, und so ist sie genötigt, fortwährend auf' sich, einhauen zu lassen, ohne sich wehren-zu können. D ie Karlsbader Bevölkermrg kann man nicht als antisemitisch betrachten; einzelne und sogar recht wenige sind es ja, aber die Gesamtbevölkerung ist cs nur so weniger im jetzigere Zeitpunkte, als sie ganz andere Sorgen hat. Die Häuser sind mit gestundeten Forderungen überlastet, das Steueramt verbüchert mit großer Strenge seine rückständigen Forderungen, und die Halste der Hausbesitzer weiß nichr, woher sie das bare Geld nehmen Zoll, um Lei den horrend -teuren Lebensmittelpreiscn das nötige Essen ftir die nächsten Tage aufzutreiben. Im Gegenteil, es macht sich eine gereizte Stimmung gegen das deutsch radikale Stadtverordnetenkollegium geltend, was sich wegen der nnge- > nüg enden LebenÄnittelversorgung in überaus scharfer Weise durch Kritik kundgibt: denn wenn das arische Kollegium "sich seiner Bürger und der Bevölkerung besser bisher angenommen hätte, würde der Notstand nicht in Karlsbahchestehen, wie er tatsächlich besteht. „Meine Mnnen, warten Sie nicht langer, daß die versprochenen Lebensmittel znm Verkaufe gelangen," rief eine bessere Frau vor 'einigen Taaen etwa hundert - anderen am Markte zu, die infolge eines Inserates der Stadtgemeinde gekommen waren, um. Lebensmittel einzu^ Kufen, ohne dieseBen vorznsin-den, „die Herren Stadtliic sind noch nicht 'ingenügender Menge versorgt: kommen Sie gefälligst morgen wieder; vielleicht ist noch etwas für Sie da." Diese int sarkastischen Tone gerufenen Worte lösten ein allgemeines Gelächter aus: allein dies ist die wahre Stimmung der Karlsbader Bevölkerung, und deswegen finden es die Herren Bürgernreisterstelloerireter Hermann J a kob„ Schriftleiter Alfred D o r o s ch k i n und Konsorten an der Zeit, wieder einmal die verblassende arische Strmmung aufzuf r is ch e n: der Jude soll herhalten, um den Herren ihre Mandate zu sichern, ge h echt. s o l l w erd eu, denn wenn jetzt Gemeindervahlen wären, - würde nicht einer von-den Herren Ariern, die während des ganzen Krieges die Bevölkerung im Stiche gelassest haben, wiedergewählt werden. Allein danrit, daß man sich über das Vorgehen ärgert und ausruft: „Auf beit Straßen Karlsbads laufen wenigstens zweihundert zerschossene und verwundete Juden herumdie im Kriege Krüppel ge- / worden sftrd, wenigstens' fünfzig jüdische Familien be- - klagen in Karlsbad den Tod ihrer Kinder, Ehemänner, Väter und Geschwffter" — das allein hilft ilicht, und mit diesen Mitteln wird man diesen edlen Herren nicht beikommen, denn solange sich di: Juden Karlsbads ustd Nordwestböhmens nicht zusammentun und das nötige Kapital auftreiben, um eine selbständige Tageszeitung . zu gründen, die sich nicht schämt,. offen, den.. Azitisemitisums zu bekämpfen, solange werden diese Hetzereien nicht aushören. Eine gutösterreichische Zeitung, mit. offenem Visier — säe'braucht keine religiöse Zeitung zu sein -- hätte im Egerlande eine glänzende Zukunft und würde sich auch chekuniar rentieren; irgendeine jüngere Kraft Müßte an der Spitze stehen und dieselbe redigieren, pnd sie würde sich pöm ersten Tage an behaupten. Mit - dem bloßen Zuschauen und sich angreisen lassen kann aber den Inden des Merlandes nicht geholfen werden.. Hermann Cahen. Geh. RegierungÄat ProfessorDr.HeMannCohen, der berühmte Kanfforscher und idealistische Philosoph, ist am 3. Llprit in Berlin gestorben. Der Sohn eines jüdischen Gemeindelehrers in Coswig« an der Elbe, wurde C o h e ii von seinem Vater.-früh in das- Studium des Talmud und der jüdischen IieligstonspWosophen'' /des Mittelalters eingeführt, während, er zugleich die Sradtschule seiner Vaterstadt und später das! Dessauer Gymnasium besuchte. Mit 1.5 Jahren wukde er Zögling des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau,, wo. ihm Männer wie Graetz, Joel.und Bernnys nachhaltige Anregungen boten. Bon 1.864 ab setzte er seine Studien in Berlin sorr, wo er sich besonders an den ausgezeichneten .Sprachforscher und 'Psychologen H. Stei nthal an schloß. Seine Studien galten damals besonders der griechischen Philosophie. Nachdem er 1865 in Halle mir einer lateinischen Abhandlung über Aristoteles' Lehre Vom Zufall promoviert hatte, privatisierte er einige Jahre hindurch in Halle, rind Berlin und vertiefte sein Wissen namentlich auf den. Gebieten' der Natnrwissenschaftcn und der höheren Mathematik, deren Grundbegriffe für die weitere Entivicklung seines Geistes und die Ausbildung seines. philosoph> sch nt Gedankenbaues von einschneitrnder Bedeutung wurden. Im Jahre 1671 veröffentlichte er sein erstes größeres Werk „Kants Theorie der Erfahrung", das von größter Wichtigkeit wurde für das -Wiedererwachen der kritischen Philosophie. Es erregte die Ausmerksainkeir Friedrich Albert Lange s, der seitdem den Arbeiten des jüngeren Fachgenossen die lebhafteste Teilnahme entgegenbrachte , und' ihn zur Habilitation in Marburg anregte, wo er selbst damals als Ordinarius wirkte. Nach Langes frühem Tode (1875) wurde er aus einmütigen Vorschlag per' Fakultät vom Münster Dr. - F a l k zu ' deffen Nachfolgerv berufen. Der schönen hessischen Üniversitätsstadt ist Co h an von da ab dauernd treu geblieben und hat sie unter Mitwirkung seines jüngeren Freundes und Fachgenossen Paul 9k a - t o r p viele Jahre hindurch zu z einem einflußreichen Mittelpunkt der philosophischen Studien in Deutschland. zu machen gewußt. Eine Reihe tüchtiger Denker, wie Rudolf Stammler, Karl Vorländ er, W. Kink e l, Ernst.C a s s i re r u. a:, bekennen sich mit Stolz als seine Schüler. . Nicht leicht mag das Psalmistenwort von dem Leben, das köstlich War, well es.Mühe und. Arbeit war, in vollkommenerer Weise ersüllt worden sein, als in dem inhallreichen, den höchsten -Ausgaben der Forschung geweihten Gelehrienleben, das durch das Hinscheiden Hermann Co h e ns seinen Abfchlußs gefunden hat. Mit C ohe n ist ein durchdringender Geist und ein wissenschaftlicher Charakter von schärfster Prägung dahingegangen. Unter den deutschen Philosophen der Gegenwart stand er als Erneuerer nnd ForiLildner des "Kantschen Idealismus . in Vorderster Reihe, und sein tiefdurchdachtes, festgesügres Gedankensystem) das er in drei großen, die Summe seiner Lebensarbeit ziehenden Werken niedergelegt hat, zählt — das «müssen auch die Gegner einräumen - zu den achinnggebietendsten Geistesschöpsimgen unserer Tage. h-, " - -' / '• v' Im Herbst 1912, nach Erreichung des biblischen - Alters, zog sich Coh eit vonfeinem Lehramt zurück nnd siedelte nach Berlin über, wo er an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Vorlesungen über jüdische Religivnsphilosophie und Ethik, daneben auch über Platon und Kant hielt. Ein.Freund und Verehrer des ‘ PHllosophen, der vor einigen Jahren verstorbene Fabrikant Siegftied Brünn, hat, wie bekannt, ein Kapital von 100.000 Mark gestiftet, aus. dessen Zinsen ein „Hermann Ephen-Lährftuhl für Religionsphilosophie"

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